Skala auf einem Transistorradio

Qualitätsdebatte mit einem angehenden Hochschulprofessor

Volker Lilienthal nimmt das Radio unter die Lupe


9.7.2009
In der Medienwelt kennt sich Volker Lilienthal aus. Zweimal wöchentlich berichtete er bisher beim Fachinformationsdienst "epd medien" über das Neueste aus Radio und Fernsehen, aus der Presse- und Internet-Branche. Zum 1. Juli übernahm der Diplomjournalist die Professur für "Praxis des Qualitätsjournalismus" an der Universität Hamburg. Bei den Tutzinger Radiotagen beklagte der Fachjournalist für Medien den Verlust journalistischer Ambitionen im Radio.

Für seine aufwendigen und fast schon abenteuerlichen Recherchen zur verdeckten »Schleichwerbung in der ARD-Serie "Marienhof"« wurde Volker Lilienthal mit zahlreichen Medienpreisen ausgezeichnet. Seine ehemaligen Mitarbeiter von »"epd medien"« halten den promovierten Germanisten für seine neue Aufgabe geradezu "prädestiniert". Genau 20 Jahre lang schrieb Lilienthal - zuletzt als verantwortlicher Redakteur - für den Evangelischen Pressedienst. Am 1. Juli übernahm der Diplomjournalist die Professur für "Praxis des Qualitätsjournalismus" an der Universität Hamburg. Drei Tage vor diesem Ereignis, bei den Tutzinger Radiotagen der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und der Akademie für Politische Bildung Ende Juni am Starnberger See, verfolgten die anwesenden Radioredakteure mit Spannung die Anmerkungen des Medienkritikers zur Qualität im Radio.
Tapfer verteidigte Konrad Kuhnt, Programmchef von radioBerlin 88,8 sein Programm gegen Radio-Schelte von Medienprofessor Volker Lilienthal.Tapfer verteidigte Konrad Kuhnt, Programmchef von radioBerlin 88,8 sein Programm gegen Radio-Schelte von Medienprofessor Volker Lilienthal. (© is/bpb )
Lilienthal war bestens vorbereitet, hatte das Programm von Konrad Kuhnt, Programmchef von radio Berlin 88,8 und Mitdiskutant auf dem Podium, zu dessen Leidwesen fleißig "abgehört" und so einige Mängel im Radio allgemein aufzuzählen. Mit einer Einschränkung vorweg: Ambitionierte Wortprogramme wie die des Deutschlandradios oder der Informationswellen der ARD-Anstalten sieht Lilienthal von der Kritik ausgenommen. Er beklagt den Verlust journalistischer Ambitionen bei den vielen Tagesbegleitprogrammen, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat organisiert. Beschreibungskompetenz, Relevanz und Wort, das ihm überraschend im Radio entgegen kommt - diese Qualitätskriterien vermisst Lilienthal schmerzlich beim Radio. Hoerfunker.de dokumentiert Lilienthals Anmerkungen zur Qualität im Radio in Stichworten:

Stichwort: Vorgetäuschte Authentizität durch ferne Korrespondenten



Lilienthal: "Örtlich-geographische Nähe zum Ereignisort ist allein kein Qualitätsmerkmal, da der Korrespondent oft weniger weiß als über örtliche Agenturen in Erfahrung zu bringen ist. Man sollte hier wieder umdenken, gleichwohl es in den formatierten Mainstream-Wellen keine Plätze mehr dafür gibt."

Stichwort: Qualitätsdiskurs



Lilienthal: "Stellen Sie sich darauf ein, dass die Politik irgendwann auf die Idee kommt, den Test (Anmerkung der Redaktion: gemeint ist der »Dreistufentest für Onlineangebote der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter«) auch auf die herkömmlichen linearen Programme im Radio und Fernsehen anzuwenden. Wo Relevanzbeiträge über Politik und Gesellschaft, zu Kultur und Wirtschaft nur noch als Spurenelemente vorhanden sind, lässt sich eine Gebührenfinanzierung schwer rechtfertigen. Da wird sich in den Redaktionen einiges ändern müssen und nicht nur in den Redaktionen - da ist noch viel Talent, Kraft und Programm, das gar nicht mehr gesendet wird. Umdenken wird nötig sein in den Chefredaktionen und Programmdirektionen. Spätestens dann werden jene Qualität von ihren Mitarbeitern wieder einfordern. Ich behaupte, dass von allen Medien, die die Leute so nutzen, Radio dasjenige ist, das nicht einmal mehr Stehsatz hat. Da wird nichts produziert, da es nicht mehr abgerufen wird."

Stichwort: Recherche



Lilienthal: "Tiefenrecherche bedeutet ein Thema zu verorten, das wirklich relevant ist. Der Relevanzbegriff wird zu gering geschätzt. Sie sollten ausgehen von den Kraftfeldern der Wirklichkeit und nicht nur von der Frage, was will der Hörer hören? In den Hörfunkprogrammen wird scheinbar ein Zuviel an Publikumsforschung betrieben."
Nicht nur in Tutzing: Auf vielen Medienkongressen und Fachtagungen ist Volker Lilienthal (hier mit Hans-Dieter Hillmoth von HITRADIO FFH) ein gefragter Moderator von Podiumsgesprächen.Nicht nur in Tutzing: Auf vielen Medienkongressen und Fachtagungen ist Volker Lilienthal (hier mit Hans-Dieter Hillmoth von HITRADIO FFH) ein gefragter Moderator von Podiumsgesprächen. (© is/bpb )


Stichwort: Vermittlungsaufgabe



Lilienthal: "Wir müssen zurückkommen zu einem Journalismus, der Welt wieder stärker interpretiert und damit den Hörern beim Verstehen von Welt hilft. Ich nenne Ihnen als Beispiel ein 30minütiges Magazin bei der BBC, »"From our own correspondent"«. Hier berichten vier bis fünf Korrespondenten pro Sendung, ohne O-Ton und Interview. Sie beschreiben die Szenerie, ihre zwischenmenschlichen Begegnungen. Der Hörer erfährt hautnah, was den Reportern widerfahren ist. Das wirkt authentisch."

Stichwort: Themenvielfalt



Lilienthal: "Qualität leidet darunter, dass alle die gleichen Themen bearbeiten. Das führt zu einer Verarmung der öffentlichen Diskussion, was beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht zu verantworten ist. Denken Sie an die Gebühren. Qualitativer Radiojournalismus taucht nicht mehr auf, weil Radiomacher sich - gegängelt durch die Vormacht der Quote in den letzten 20 Jahren - an gehaltvollen Journalismus nicht mehr herantrauen."

Stichwort: Radiokrise



Lilienthal: "Wir stecken schon in einer Krise. Dem niveauvollen öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen droht ein Generationenabriss. Die einzige Lösung: Sie müssen sich von bestimmten Themen und Mischungen trennen. Lassen Sie es mich mit Horkheimer und Adorno sagen, mit dem Zirkel zwischen Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis: Wenn ich ein Publikum manipuliere, hat es plötzlich auch ein Bedürfnis nach Manipulation. Für das Radio bedeutet das: Es steht in der großen Gefahr, dass das, was man allgemein Journalismus nennt, von dem Medium gar nicht mehr erwartet wird. So gibt es auch keinen Protest gegen die Ausdünnung der Programme."

Anmerkung: Im September 2007 hat Professor Dr. Volker Lilienthal im Rahmen der DJV Fachtagung "Zukunft des Rundfunks: Qualität" in Berlin ein beachtenswertes Eingangsstatement zur Qualität und den Arbeitsbedingungen im Hörfunk gehalten. Interessant wird das Dokument vor allem durch die vielen Original-Zitate aus den öffentlich-rechtlichen und privaten Funkhäusern. Auf den Seiten des DJV steht die Abschrift weiterhin zum »Download« bereit.


 

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