Skala auf einem Transistorradio

Mein digitaler Alltag

Der multimediale Reporter


24.5.2007
Thomas Korte arbeitet seit 1990 als Regionalkorrespondent beim Hessischen Rundfunk. Seit fünf Jahren liefert er neben Hörfunkbeiträgen auch Bilder für das hr-Fernsehen. Bimediales Denken ist inzwischen in seinem journalistischen Alltag fest verankert.

Auszug aus einer Reportage aus CUT/Ausgabe 11/05

Ein Videoreporter berichtet von seinem bimedialen Alltag weitab vom Sender: für Radio und Fernsehen des Hessischen Rundfunks.

Der Auftrag kam recht plötzlich - wie so häufig: Ein Bericht über ein kleines Museum in der alten, ehemaligen Dorfschule von Benkhausen am Diemelsee. Nicht das ganz große Thema - zugegeben - keine Sensation mit großem Interesse bei allen Hörfunkwellen des hr. Eher eine kleine, nette, unterhaltsame Geschichte über einen besonderen Menschen und sein liebenswertes Hobby, Human touch, der auch auf den Hessen-Plätzen der Welle hr-info seine Berechtigung hat. Möglich sind auch noch ein paar Sekunden im Hessen-Tipp bei den Kollegen vom hr-Fernsehen.



Bimedial denken



Für beide Medien des Senders denken, das ist inzwischen in meinem journalistischen Alltag fest verankert, hat sich wie ein Standbild auf den Bildschirm eingebrannt: bei jedem
Radiomann Thomas Korte als Videoreporter unterwegs. Foto: CUT/Stephan MorgensternRadiomann Thomas Korte als Videoreporter unterwegs. Foto: CUT/Stephan Morgenstern (© CUT/STephan Morgenstern )
Hörfunkauftrag denke ich an Bilder, wenn das Fernsehen Schnittbilder für ein NiF (Nachricht im Film) will, überlege ich, wem ich den passenden Radiobeitrag dazu anbiete. Wir, die Videoreporter, sollen die Welt vielschichtiger beobachten, zweigleisig arbeiten und doch als eine Person handeln. Die Berufsbezeichnung "Videoreporter" hat der hr erfunden. Er unterscheidet zwischen Videojournalisten - das sind Kollegen des Fernsehens, die selbst drehen und schneiden -, und Videoreportern; das sind Radioleute, die - mit einer Kamera und einem Kurs ausgerüstet - Bilder fürs Fernsehen mitliefern.

Zeitnot



Der Einsatz im kleinen Ort Benkhausen, gut 20 Kilometer in Richtung Diemelsee von meiner Basis Korbach entfernt, ist in der gleichen Weise vorzubereiten wie der bei einem spektakulären Banküberfall, einem tragischen Verkehrsunfall oder bei der kommunalpolitischen Streiterei um die geplante Müllverbrennungsanlage. Wie immer sind die zeitlichen Vorgaben durch die gesetzten Termine knapp. Zum Glück ist mein Interviewpartner nicht nur grundsätzlich zum Gespräch und der Präsentation seines privaten Museums bereit, sondern kann sich kurzfristig auch noch Zeit dafür nehmen. Das hat nur ein kurzes Telefonat gebraucht. Ansonsten hätte ich versucht, die Redaktion zu bitten, den Sendetermin zu verschieben. Das Thema ist schließlich nicht tagesaktuell. Dabei kommt es häufig genug vor, dass der fertige, ganz schnell zu produzierende und unbedingt noch heute abzugebende Beitrag dann geschoben wird. Wichtigere Themen, redaktionelle Notwendigkeiten und plötzliche, aktuelle Ereignisse sind die Gründe dafür. In den meisten Redaktionen herrscht allerdings die Grundauffassung, es sei doch allemal besser, einen Beitrag zu haben und ihn notfalls zu schieben, als ein redaktionelles Versorgungsloch zu riskieren, nur weil man den Kollegen draußen große Zeitfenster gewährt. Also hetzt der Reporter zum Termin und hält den vereinbarten Abgabetermin möglichst peinlich genau ein.

Erst Check



In der To-do-Liste darf nichts vergessen werden: Der stets erste Blick gilt meiner Videokamera. Ist die Kassette schon im Gerät? Wie viel Aufnahmezeit hat sie noch? Dann die wichtige Kontrolle des Akkus. Die Kamera einschalten, in den Aufnahmemodus wechseln. Die Anzeige im Sucherbild sichert mir noch eine Betriebszeit von rund 400 Minuten zu. Gut so, das wird reichen.

Im Hinterkopf bleibt aber eine stets präsente Erinnerung: Es war im Sommer am Edersee. Auch so ein ganz schnell noch zu drehendes Ereignis war der Anlass. Raus aus dem Haus, rein ins Auto. Am Drehort war dann nach zwei Einstellungen Schluss mit Schuss. Der kleine Ersatzakku lag - wie sollte es auch sein - zu Hause auf dem Schreibtisch. Die Frage, ob der denn geladen war, habe ich mir damals nicht gestellt. Warum auch? Auch jetzt bin ich mir nie sicher, ob der Ersatz auch als Ersatz taugt.

Das Stativ gehört mit zur festen Ausrüstung. Aus der Hand lässt sich manche Einstellung mit der Kamera drehen, doch ohne Bewegung im Bild wäre ich selbst höchst persönlich die Bewegung. Die Kamera ist doch sehr klein und sehr leicht. Der Vorteil auf der einen ist der Nachteil auf der anderen Seite.

Kortes Arbeit am Einsatzort beginnt fast immer mit der Radioaufnahme. Foto: CUT/Stephan MorgensternKortes Arbeit am Einsatzort beginnt fast immer mit der Radioaufnahme. Foto: CUT/Stephan Morgenstern (© CUT/Stephan Morgenstern )
Der zweite Teil meiner Ausrüstung ist die Hörfunktechnik. Komisch! Ich erwische mich schon wieder dabei, dass ich oft zuerst an das Fernsehen denke und zunächst die Kamera überprüfe. Dann auch beim Minidisk-Aufnahmegerät der gleiche Check. Zuerst prüfe ich die eingelegte Disk und kontrolliere den Ladezustand des Akkus. Mikrofonstecker einstöpseln, Kopfhörer einpacken. Aber wo?

Auch das ist so ein spezielles Leiden bei der Bimedialität. Ein Reporter hat nur zwei Hände, aber die Technik für zwei Mitarbeiter. Die Kamera passt zwar in einen praktischen Alukoffer. Doch zusammen mit dem zusätzlichen Richtmikrofon, dem Ersatzakku, Batterien, diversen Kabeln, einer Reinigungskassette, dem Regenschutz und was ich damals bei der Übergabe der Ausrüstung noch alles erhalten habe, bliebe höchstens noch Platz für ein paar hr-Aufkleber, Kugelschreiber und manchmal noch einen Pausensnack. Kein Platz mehr für den Hörfunk. Der nimmt dann aber ganz bevorzugt im Auto Platz direkt neben mir auf dem Beifahrersitz. Den Kamerakoffer samt Stativ verstaue ich im Kofferraum.

Erst einmal das Interview für den Hörfunk: wie gehabt mit dem Sennheiser. Das Kameramikrofon der kleinen Sony liefert keine radiotauglichen O-Töne. Foto: Stephan Morgenstern

Der Anfang: Radio



Hörfunk und Fernsehen in einem - das ist ein Sparmodell; für mich persönlich ein sinnvolles, denn die Kombination von gesprochener Sprache und bewegten Bildern - in verschiedenen Beiträgen - ist einfach genial.

Das sehen allerdings nicht alle so. In den ersten Monaten meines neuen Daseins als Bimedialer erntete ich nicht nur erstaunte Blicke im Landkreis Waldeck-Frankenberg, wo ich seit 1990 als Regionalkorrespondent für den Hessischen Rundfunk arbeite. Ich spürte auch so etwas wie Unverständnis bei den freien sowie fest angestellten Kolleginnen und Kollegen - bei den Reportern wie den Kameraleuten. Wie kann ein Radiomann eigentlich gute und sendbare Bilder drehen? Selbst wenn sie in der Regel am Ende ja nur für 20 Sekunden lange Nachrichtenstories herhalten oder als nette Bebilderung der Wettervorhersage genutzt werden, Fernsehmacher müssen lange lernen und Kameramann und -frau ist schließlich ein Ausbildungsberuf! Anders herum war das allerdings noch nie ein Problem: Wer Fernsehen macht, kann wie angeboren auch Hörfunk.

Aber zurück nach Benkhausen: diesmal ist alles anders. Wir kennen uns - das Team von Berichtendem und Fragendem - von anderen Terminen. Es ist keine Hemmschwelle zu überschreiten. Das Vertrauensverhältnis als Grundlage für eine gute Zusammenarbeit ist bereits vorhanden.
Thomas Korte in seinem multifunktionalen Heimstudio. Foto:CUT/Stephan MorgensternThomas Korte in seinem multifunktionalen Heimstudio. Foto:CUT/Stephan Morgenstern (© CUT/Stephan Morgenstern )


Und jetzt wird mir plötzlich eines klar: ich beginne meine Arbeit am Einsatzort fast immer mit dem Hörfunkbeitrag. Das Mikrofon in der Hand, den Zeigefinger am Aufnahmeknopf und den Kopfhörer auf den Ohren - vielleicht ist das direkte "Auge in Auge", der Kontakt und das Fragen ohne die Linsen dazwischen, auch der persönlichste von allen Zugängen zu einem Thema. Der Mensch ist im Fokus meines journalistischen Interesses, er selbst und seine Art, sich zu präsentieren. Auf diese Art erfahre ich sicherlich auch mehr über die Beweggründe, über die Anfänge, über damalige und aktuelle Schwierigkeiten, über Vorlieben, über aktuelle Pläne und am Ende über Visionen. Mit diesen Informationen im Hinterkopf danke ich nach einer Viertelstunde für das nette Gespräch.


 

Radio-Workshop

Mikrofon

Tutzinger Radiotage 2012

Radio ist nicht von gestern. Welche neuen Wege Radiojournalisten in Zukunft beschreiten sollten, damit ihre Hörer auch weiterhin dranbleiben, ist Thema der Tutzinger Radiotage am Starnberger See. Weiter... 

Thomas KrügerRede von Thomas Krüger (06.01.2012)

50 Jahre Deutschlandfunk, 5 Fragen an das Radio im digitalen Zeitalter

Am 1. Januar 1962 um Punkt 16 Uhr nahm der Deutschlandfunk seinen Sendebetrieb in Köln auf, um – so wörtlich – "die entpolemisierte und entgiftete Wahrheit über Deutschland in den Osten" zu transportieren. Nun wird diese Instanz der deutschen Mediengeschichte 50 Jahre alt. Weiter...