Mehr Glaubwürdigkeit
Ethische und moralische Standards in der Hörfunkpraxis
Hochdotierte und penetrant beworbene Gewinnspiele sind manchmal kontraproduktiv. Dem Radio laufen die Hörer weg, wenn sich nicht bald etwas zum Besseren wendet, glaubt Horst Müller.Dirk Planert gehört einer vom Aussterben akut bedrohten Berufgruppe an - er ist Reporter beim Dortmunder Lokalsender Radio 91.2. Ende April dieses Jahres sorgte der ambitionierte Lokalredakteur mit seinen zu weiten Teilen selbst recherchierten Berichten über einen Betrugsskandal im Dortmunder Rathaus wieder einmal für Aufsehen - und erhielt dafür auch Anerkennung von den schreibenden Kollegen. "Es ist der vermutlich größte Scoop in der Geschichte des Dortmunder Lokalsenders Radio 91.2", war zum Beispiel in der Nordrhein-Westfalen-Ausgabe der "taz" zu lesen.
Wer nach weiteren bemerkenswerten journalistischen Leistungen deutscher Privatsender sucht, wird bald frustriert aufgeben, weil sie in den letzten Jahren immer dürftiger geworden sind. Als nach den Boomjahren um die Jahrtausendwende auch im Radio die Werbeumsätze zurückgingen, wurden bei vielen Sendern einerseits die Redaktionen abgespeckt, um andererseits Promotion-Aktionen aufstocken zu können. Große Sender wie Radio PSR in Sachsen oder Antenne Bayern erreichten mit hochdotierten penetrant beworbenen Gewinnspielen tatsächlich zunächst gewaltige Steigerungen bei den Hörerzahlen. Hinzu kam die Möglichkeit, über Anrufe auf kostenpflichtigen Hotlines zusätzliche Erträge zu erwirtschaften und damit Rückgänge bzw. ausbleibende Steigerungen bei den klassischen Funkspots zu kompensieren.
Gefahren für das Radio
Auf der Strecke blieb dabei allerdings die Glaubwürdigkeit einiger Programme. Die Programmleitung von Antenne Bayern musste beispielsweise kleinlaut zugeben, dass angebliche Live-Anrufe für die Aktion "Hallo Antenne Bayern" zum Teil über Tage hinweg zeitversetzt - oder gar nicht ausgestrahlt wurden. Bei PSR scheiterte der Versuch mehr Aufmerksamkeit für ein Gewinnspiel durch die angebliche Entlassung des beliebtesten Moderatoren zu erlangen. Die Posse ging schief, weil regional Zeitungskollegen nicht auf den Schwindel hereinfielen, sondern zum Schluss kamen "das Ganze riecht nach Inszenierung".
Wenn große landesweite Privatsender die in den Landesmediengesetzen festgeschriebene Wahrheitspflicht schon ignorieren, läuft einiges in die falsche Richtung. Dabei haften längst nicht nur Geschäftsführungen und Programmleitungen, wenn bewusst falsche Informationen vermittelt oder Zuhörer bei Gewinnspielen ausgetrickst werden. Auch der Moderator kann persönlich in Anspruch genommen werden, warnt der Münchner Medienanwalt Ulrich Grund aus der Kanzlei Romatka & Collegen: "Der kann zum Beispiel der Beihilfe zum Betrug beschuldigt werden, wenn er wissentlich an einer solchen Aktion teilnimmt, die nur dazu dient, den Hörern das Geld abzugraben oder den Sender besser dastehen zu lassen, ohne dass die tatsächlich versprochenen Gewinne auch fair ausgespielt werden."
Mitarbeiter von privaten Sendern berichten immer wieder hinter vorgehaltener Hand von Tricksereien bei Gewinnaktionen, insbesondere wenn über kostenpflichtige Anrufe auf Hotlines damit Geld zu verdienen ist. Besonders gut scheint das beim so genannten "Geräuscheraten" zu funktionieren. Für die winzigen Tonschnipsel werden zahlreiche Auflösungsmöglichkeiten vorbereitet. Die Hörer selbst haben praktisch keine Chance durch geschicktes Raten oder Kombinieren die richtige Lösung zu finden. Sie können ohnehin froh sein, wenn sie für 50 Cent überhaupt einen Tipp abgeben können. Zumeist landen sie bei einem Anrufbeantworter und erhalten bedauernde Antworten wie "diesmal hat's leider nicht geklappt" Das Geld wird dennoch abgebucht. Wer seine Kunden so schröpft, dem werden sie bald weglaufen, genau wie dem Radio die Hörer, wenn sich nicht bald etwas zum Besseren wendet.
Radio-Workshop
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