Skala auf einem Transistorradio

Radio lebt

Deutschlands Radiomacher denken positiv


25.10.2010
Die Tutzinger Radiotage fanden 2010 bereits zum siebten Mal statt. Im Mittelpunkt: das Internet als einnehmende Plattform, alternative Verbreitungswege, neue und interaktive Formate, die Radioforschung, Radiopersönlichkeiten, Best-Practice-Beispiele und die Königsdisziplin Recherche.

Über 60 Hörfunkjournalisten aus ganz Deutschland entwickelten Ende Oktober auf den siebten Tutzinger Radiotagen Zukunftsperspektiven für das Radio in der digitalen Welt. Der allgemeine Tenor: Die Stimmung ist positiv!

Unterwegs auf allen Kanälen



Den Referentenreigen der diesjährigen Tutzinger Radiotage eröffnete »Richard Gutjahr«, Journalist aus Leidenschaft und im Netz zu Hause. "Räumt auf mit der Trennung zwischen "alten" und "neuen" Medien und seht, wer Eure wahren Konkurrenten in Zukunft im Netz sind", lautete sein Rat an die Tagungsteilnehmer. Die großen Player wie Facebook, Microsoft, Apple und Google erfänden sich neu - immer wieder. Für Radio heiße das, folge ihnen: Go mobile - go Video - bilde neue Allianzen und organisiere eine Community.

Richard Gutjahr: Journalist, Fernsehmoderator und BloggerRichard Gutjahr: Journalist, Fernsehmoderator und Blogger
Gutjahr selbst ist multimedial auf vielen Kanälen und Verbreitungswegen unterwegs: als Nachrichtenmoderator im Bayerischen Fernsehen, als Kolumnist in Tageszeitungen und online im Internet als Blogger. Twitter und Facebook sind für ihn keine Fremdwörter, sondern Herausforderungen für den klassischen Journalismus. Das Radio von heute ist für ihn ein Auslaufmodell: "Löst Euch von den bekannten Plattformen", ist sein Ratschlag. So wie der Herausgeber der New York Times, Arthur Sulzberger Jr., es erkannt habe: "We're not a newspaper company - we are a news company." Oder wie Peter Horrocks, Nachrichtenchef der BBC, seine Mitarbeiter anweist: "Macht mit bei neuen Medien und Plattformen - aufhalten könnt Ihr die Bewegung nicht." Mobile Mediennutzung an jedem Ort und zu jeder Zeit hält Gutjahr für den Trend der nächsten zehn Jahre - Video eingeschlossen. Die Programmmacher müssten neue Allianzen mit dem Publikum bilden und Gemeinschaften organisieren, um ihr Medium Radio in die Zukunft zu retten. Er hält das 100 Jahre alte Riepl'sche Gesetz, wonach neue Medien die alten nicht verdrängen, für falsch und überholt. Gutjahr warnte die Radio-Journalisten: "Es gibt keine Refugien mehr!"

Besinnung auf die Kernkompetenzen



Dass Auftritte im Netz die Kernkompetenzen des Radios stärken können, davon ist »Dr.Walter Klingler«, Medienforscher beim Südwestrundfunk (SWR) überzeugt.

Dr. Walter Klingler erforscht für den SWR die Zukunft des Radios.Dr. Walter Klingler erforscht für den SWR die Zukunft des Radios.
Dabei sei die Online-Zukunft des Radios längst gegenwärtig, meint Klingler: "Die Programme sind auf dem Verbreitungsweg Internet verfügbar. Das Internet ermöglicht personalisierte und zeitversetzte Nutzung. Der Kern, all dies erfolgreich zu tun und zu nutzen, liegt allerdings in den Qualitäten des klassischen Mediums Radio - schnell, live, nebenbei." Das Internet sei eine sehr wichtige Option zur Stärkung von Radiomarken. Wenn allerdings die Bindung an das Original-Programm nicht trägt, sei der Aufwand vergebens, warnte Klingler.

Radio mit Eventcharakter



Junges Radio, so »Aneta Adamek«, stellvertretende Programmchefin bei Radio Fritz, dem Jugendprogramm vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), definiere sich bereits als ein multimediales und interaktives Medium mit Eventcharakter und als der Freund, mit dem man Erlebnisse teilt.


Aneta Adamek ist stellvertretende Programmchefin von Radio Fritz (rbb) in Berlin.Aneta Adamek ist stellvertretende Programmchefin von Radio Fritz (rbb) in Berlin.
Viele schöne Hörbeispiele - u.a. von Radio Fritz, MDR-Sputnik, You-FM aus Hessen und 1Live vom WDR - hatte die stellvertretende Radio Fritz Programm- und Wortchefin mit nach Tutzing gebracht. "Das Wort hat sehr wohl ein Potential, Unterscheidungs-
merkmal zu sein", sagte Adamek, "wenn das junge Radio den richtigen Ton trifft, es schafft zu überraschen, Orientierung und Impulse liefert und relevante Themen erkennt! Musik bleibt natürlich im Programm, aber das Wort erfährt eine Aufwertung: Es unterhält, informiert, gibt Orientierung. Radio muss wie ein Freund sein, mit dem man was erleben will", so Aneta Adamek. Die Berichte müssten auf Augenhöhe stattfinden - nicht über die Hörer, sondern mit ihnen solle das Programm gestaltet werden. Das Radio müsse besondere und exklusive Hörerlebnisse verschaffen. Das gelänge mit Hilfe von aufwendigen und professionellen Produktionen. Zudem fördere ihre Redaktion das Hörspiel und traue sich auch wieder, fünf bis sechs Minuten lange Features zu senden.


Verbreitungstechnisch ein Analog-Dinosaurier?



Helwin Lesch, Bayerischer Rundfunk, hält DAB für unverzichtbar.Helwin Lesch, Bayerischer Rundfunk, hält DAB für unverzichtbar.
"Das Internet allein mit seinen Kapazitätsgrenzen kann nicht die Technik der Zukunft für das Radio sein - Radio braucht zwingend einen eigenen Verbreitungsweg", davon ist »Helwin Lesch« überzeugt. Als Hauptabteilungsleiter Programmdistribution beim Bayerischen Rundfunk (BR) kämpft Lesch seit nahezu Jahrzehnten für den digitalen Verbreitungsweg. Dabei setzt der BR auf DABplus, den Ausbau eines digitalen Hörfunknetzes, das in den nächsten Jahren den traditionellen Empfang über die UKW-Antenne ablösen soll. "Das Radio kann und darf nicht der letzte Analog-Dinosaurier in einer digitalen Welt sein", mahnte Lesch die Radioexperten in Tutzing.



Der beschwerliche Weg zum Mitmach-Radio



Dietmar Timm leitet DRadio Wissen, das dritte Vollprogramm des Deutschlandradios.Dietmar Timm leitet DRadio Wissen, das dritte Vollprogramm des Deutschlandradios.
Für »Dietmar Timm«, Programmchef von DRadio Wissen, ist das Internet derzeit der wichtigste Verbreitungsweg für sein Programm, DABplus sein Wunschkanal, denn DRadio Wissen verfügt über keinerlei UKW-Frequenzen. Podcasts, Communitys, Hörermitsprache - für Timm schon fast ein alter Hut. "Machen wir alles, beim Deutschlandradio schon seit Jahren und bei DRadio Wissen, unserem dritten Programm, von Anfang an. Hier haben wir seit dem Sendestart im Januar 2010 viel gelernt und unser neues Programm schon manches Mal den Hörerwünschen angepasst, die vor allem längere Wortbeiträge fordern. Die große Mehrheit macht jedoch nur relativ bescheiden von den vielen Mitmach-Möglichkeiten bei unserem Sender Gebrauch." Davon will Timm sich nicht beirren lassen und weiterhin die Option des Rückkanals offen lassen. "One to many" war gestern, meint Timm.






Qualitätsfaktoren im Radio



Zu den Kernkompetenzen des Journalismus gehören Information und Recherche. Recherche heißt Zeit und Geld, das fehlt überall immer stärker. Aber es gibt Oasen, etwa Rechercheteams oder so genannte Reporterpools in einzelnen Redaktionen. Wie sich Recherche fördern, pflegen und - trotz aller Widrigkeiten - praktizieren lässt, darüber berichteten Dirk Emig und Oliver Günther von »HR Info«und Ilka Steinhausen vom »Reporterpool bei der Infowelle« des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Dem NDR-Inforadio gelingt es immer wieder, selbst aufgedeckte Themen wie jüngst den Datenschutzskandal bei der Firma easycash auch in überregionalen Medien unterzubringen: "Wenn wir mit unseren Themen in die Tagesschau kommen, ist das das Größte", sagt Ilka Steinhausen, die für den Reporterpool arbeitet.

Ilka Steinhausen, Oliver Günther, Dirk Emig: Zeit für Recherche.Ilka Steinhausen, Oliver Günther, Dirk Emig: Zeit für Recherche.
Oliver Günther ist beim Hessischen Rundfunk (HR) dagegen ein Ein-Mann-Betrieb, der sich um Recherche kümmert. Er baute innerhalb der Welle HR Info ein Netzwerk von Reportern auf und stellt sich je nach Thema Expertenteams für aufwändige Projekte zusammen.






Mehr Freiheit für die Radiomoderatoren



Sabine Schneider, Hitradio FFHSabine Schneider, Hitradio FFH
Doch was wäre das Radio ohne seine Moderatoren: lediglich ein Abspielkanal von Musik. Radio ist mehr. Persönlichkeiten im Radio gewinnen wieder an Bedeutung. Zum Erfahrungsaustausch mit Radiopersönlichkeiten aus drei ganz unterschiedlichen Programmformaten, aber einem konkurrierenden Radiomarkt, kamen aus Hessen »Patrick Lynen« von HR 1, »Sabine Schneider« von Hit Radio FFH und »Daniel Ebert« von Radio Bob.





Daniel Ebert, Radio BOBDaniel Ebert, Radio BOB
"Die Persönlichkeit bindet - auch wenn sie nervt", meinte Sabine Schneider und beklagte gleichzeitig den zu hohen Musikanteil in den Sendungen: "Vier Hits am Stück sind für meinen Geschmack zu viel." Patrick Lynen sagte: "Nicht alle Themen gehen in einer Minute und dreißig Sekunden. Manchmal braucht man eben fünf und die nehme ich mir dann auch." Er forderte mehr Freiheit für die Moderatoren: "Mit zusammengebundenen Beinen kann man kein Tor schießen. Lasst uns mehr Raum für Spontaneität." Dagegen freute sich Daniel Ebert vom Privatsender Radio BOB: "Bei uns gibt es keinen, der aufpasst. Die Stelle ist gerade nicht besetzt - Vorteil eines kleinen Ladens."

Patrick Lynen, HR 1Patrick Lynen, HR 1
Allgemein wurde das Durchstrukturieren und Verplanen der Sendung kritisiert: "Sogar die Pausen fürs Atmen sind vorgesehen." Überhaupt sei die Macht der externen Berater zu groß: "Die Zahlen der Media-Analyse sind die Bibel und die Leute lesen nur noch Zahlen." So vernichte sich das Radio am Ende selbst, oder wie es Sabine Schneider ausdrückte: "Das Radio stirbt, wenn es keine Visionen mehr gibt."





Radio in Zeiten des Internets



Daniel Fiene, Antenne DüsseldorfDaniel Fiene, Antenne Düsseldorf
Ein praktisches Beispiel für die Möglichkeiten des Radios im Internetzeitalter demonstrierte während der Tagung »Daniel Fiene«von Antenne Düsseldorf. Er sendete mit einfachen Mitteln und ohne Übertragungswagen live aus der Akademie über die UKW-Frequenzen von Antenne Düsseldorf. Die "Sendung mit dem Internet", die seit über einem Jahr jeden Montag zwischen 18 und 20 Uhr in Kooperation von rp-online und Antenne Düsseldorf auch live ins Netz gestreamt wird, macht die Welt des Internets zum Protagonisten und nutzt alle möglichen Verbreitungswege wie UKW-Frequenzen, Twitter, Facebook, Live-Chat, Webcam, Internetstream und Nachbereitung in Web-Blog und Online-Zeitung. Im Oktober wurde die "Sendung mit dem Internet" von der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Medien (LfM) mit dem Sonderpreis ausgezeichnet.


 

Radio-Workshop

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