Tutzinger Radiotage 2011 - Überblick
Von Inge Seibel-Müller, Sebastian Haas, Monika Bormeth
13.10.2011
Wer schon mal an den Tutzinger Radiotagen teilgenommen hat, staunte dieses Mal zunächst über die neu gestalteten Räume in der Akademie. Man war sich einig: Eine gute Atmosphäre, um über die Gegenwart und vor allem die Zukunft des Radios zu sprechen. Bereits zum achten Mal fanden im September 2011 die Tutzinger Radiotage statt, veranstaltet von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und der Akademie für politische Bildung Tutzing.
Das Motto: "Informativ, unterhaltsam, unverzichtbar - für ein selbstbewusstes Radio."
Zum Auftakt gab es zunächst Humoristisches mit ernstem Unterton. Rainer Dachselt, Kabarettist und Moderator beim Hessischen Rundfunk hielt in seinem "Weckruf" den Radiokollegen einen Spiegel vor Augen, warum Radio im Laufe der Jahre immer mehr sein Image als Informationsmedium verloren habe.
Das Radio ist der Deutschen meist genutztes Medium, aber doch das Stiefkind der Medienlandschaft, machte auch der Berliner Journalist und Medienkritiker der "taz" Steffen Grimberg deutlich.
Bekannt als unbarmherziger, aber gerechter Kritiker, legte er den Finger gleich noch einmal tief in die Wunde: Mit Dudelfunk, Flitzer-Blitzer, Call-In-Shows und Frühstück bei Stefanie befinde sich der Großteil des Hörfunks auf dem Weg in die Nicht-Relevanz. "Zwar erfahren wir viele Neuigkeiten noch immer zuerst im Radio - doch vertieft, diskutiert und reflektiert wird dort meist nicht mehr", meint Grimberg. Um aus dieser vermeintlichen, selbst verschuldeten Bedeutungslosigkeit wieder heraus zu kommen, müsse gerade für kleine Stationen das Credo gelten: zurück zum Thema. Hin zu Inhalt und Einordnung, dem Vermitteln von Werten und regionaler Bindung. Und wieder hin zu den Nutzern. "Zeigt Euch. Begegnet Euren Hörern. Versteckt Euch nicht hinter Telefon, Homepage, Twitter und Facebook", so der Rat des Medienkritikers Grimberg.
Die Stärke des Lokalfunks
Damit war er auf einer Linie mit Berthold Flöper, Leiter des bpb-Lokaljournalistenprogramms, der in seiner Begrüßungsrede die Rückbesinnung auf das Lokale eingefordert hatte: "Das Lokale bietet Radio-Redaktionen die Chance, sich von ihrer Konkurrenz abzuheben", appellierte er an die Radiomacher, "gerade für kleinere Stationen, die sich keinen teuren Korrespondenten-Zirkel leisten können, wird das Lokale durch eigene Schwerpunkte und Nachrichten zum einmaligen Fingerabdruck." Die Sender täten gut daran, selbstbewusster aufzutren. "Ihre Arbeit kann viel mehr sein, als ein Produkt für Nebenbei", meinte Tagungsleiter Berthold Flöper. "Es fesselt auch heute noch die Menschen in ihrem Alltag mit relevanten Themen, gründlich recherchierten Informationen und interessanten Geschichten. Die große Stärke des Mediums ist es doch, Hintergründe für die wichtigsten Nachrichten des Tages anzubieten - ganz unmittelbar, ganz unaufgeregt. Gleichzeitig aber mit all den Stimmen und Perspektiven, die dem Hörer ermöglichen, sich eine Vorstellung von der Welt zu machen."
Sounddesign: Die Mischung macht's
Wie viel Verpackung darf's denn sein?, fragte Sascha Baron, seit 15 Jahren für private und öffentlich-rechtliche Radiosender unter anderem als Produzent von Frühsendungen und Projektleiter der OnAir-Promotion tätig. Sascha Baron hatte jede Menge Beispiele für Sounddesign im Radio mitgebracht: Da dröhnt und kracht, klingelt und bimmelt, hämmert und wummert es aus den Lautsprechern, die "Station Voice" schreit arrogant durch den Raum. Doch es geht auch anders: Gespräche und Eigenwerbung ganz ohne "Musikbetten", Kling und Bimm, und das selbst bei jungen Programmen. "Jeder Sender muss selbst seine Mischung finden", meinte Medienprofi Baron.
Social Media: Kommunikation auf neuen Wegen
Ob qualitativ hochwertiges Radio alleine ausreicht? Diese Frage stellte sich nach einem Vortrag von Christoph Körfer, bei ProSieben sehr erfolgreich für die Sozialen Medien verantwortlich. Insbesondere soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter - vor zwei Jahren noch belächelt - erfreuten sich momentan wachsender Beliebtheit. Christoph Körfer, stellvertretender Geschäftsführer von ProSieben, ist ein Experte im Twittern und Posten. "Leider ist bei vielen Unternehmen immer noch der Praktikant für Facebook zuständig", so Körfers Erfahrung.
Dabei könne man mit professioneller Handhabung einen großen Gewinn aus den sozialen Netzwerken ziehen, wie Körfer den Radiomachern darlegte. Mit über 50.000 virtuellen Anhängern, den so genannten Freunden, gehört die Facebook-Seite der Sendung Galileo zu den beliebtesten unter den ProSieben-Accounts. Auf Twitter zählt ProSieben 113.000 Follower. Schnelligkeit und Interaktivität sind wichtige Schlagworte: "Mittlerweile verschicken wir weniger Pressemitteilungen an Medienjournalisten. Die kriegen alle Infos per Twitter." Spaß macht Körfer an den sozialen Netzwerken, beim Posten auch mal ein wenig frech sein zu dürfen: "Weil's zu unserem Image passt." Der Experte riet den Radiomachern dazu, beim Gebrauch der sozialen Netzwerke ruhig einen lockeren Tonfall anzuschlagen - "aber nicht beleidigend werden". Auch gelte es, Kritik der Nutzer am Sender einstecken zu können. "Wenn man kritische Einträge tilgt, ist das Vertrauen der User weg."
Ein Anker für die Augen: "Slideshows"
Dann hieß es: In Workshops das Gehörte vertiefen und wenn's geht anwenden. Während im Auditorium angeregt mit Oliver Reuther vom Südwestrundfunk über das Radio der Zukunft und Twitter und Co. diskutiert wurde, waren die Teilnehmer des zweiten Workshops in der Akademie unterwegs.
Fotos und Interviews der Mitarbeiter des Hauses wurden gemacht und anschließend am Computer zu einer Audio-Slide-Show zusammen geschnitten. Durch das Aneinanderreihen von Bildern, die parallel zu einer Tonspur ablaufen, kann Radio im Internet auch für die Augen attraktiv gemacht werden. Sandra Müller, freie Hörfunkjournalistin, zeigte wie es funktioniert und erklärte, warum diese Form für Radiomacher interessant sein könnte.
Im Internet seien es häufig Bilder, die dem Nutzer ins Auge springen. Ein klassischer Radiobeitrag, nur bestehend aus Ton, habe es da schwer, so die Hörfunkjournalistin. Die Bilder der Audio-Slide-Show hingegen ziehen Aufmerksamkeit auf sich. "Der Nutzer hat einen Anker für die Augen, aber kann sich trotzdem vorrangig als Hörer dem Radiobeitrag widmen", meint Sandra Müller.
Im dritten Workshop zum Thema "Neue Formen fürs Radio - weiterdenken" diskutierte Florian Schwinn, freier Redakteur beim Hessischen Rundfunks, angeregt mit den Radiojournalisten. Dabei kam vor allem die Frage auf, wie lange ein Beitrag in der Praxis sein könne. Schwinn ermutigte die Teilnehmer, die Bandbreite der Darstellungsformen auszuschöpfen: "Wenn es qualitativ hochwertig ist, hören die Leute gerne länger hin."
Vernetzte Nachrichten
Wie man Nachrichten senderintern selbst setzt und vom Arbeiten im multimedialen Newsroom berichteten am dritten Tag der Tagung Armin Fritz, Landeskorrespondent beim Bayerischen Rundfunk und Christoph Ebner, der den multimedialen Newsroom des Südwestrundfunks in Baden-Baden leitet. Ebner hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark mit der medienübergreifenden Vernetzung von Nachrichtenredaktionen beschäftigt und eine "Interne Nachrichtenagentur" eingeführt. Die Idee von multimedial ausgespielten Nachrichten lässt sich sehr schön bei den von ihm mitinitiierten Kindernachrichten "Minitz" beobachten, die täglich fürs SWR-Fernsehen, den Hörfunk und interaktiv online produziert werden.
Wie machen's die Zeitungen?
Der abschließende Vortrag war ein Blick über den Zaun in die Lokalredaktionen der Zeitungen. Der Journalist, Publizist und Medienberater Harald Ritter sollte die Frage beantworten, an wen denn die "Lufthoheit" im Lokalen künftig gehen könnte. Noch genieße die Tageszeitung vielerorts den Ruf, das vertrauenswürdigste Medium zu sein. Doch die jungen Leser wenden sich zunehmend ab. Ritter beschwor die Crossmedialität: "Nur wer zeitnah in der Region durchgängig medienneutral arbeitet und medienspezifisch publiziert, erringt die Informations- und Werbeführerschaft", meint Ritter. Trotz Newsdesks könne er aber ein durchgängiges crossmediales Arbeiten bisher nur in Ansätzen feststellen.
Wunschliste für Tutzing 2012
Nach der Tagung ist vor der Tagung. Zum Schluss gab es Anregungen der Konferenzteilnehmer für die 9. Tutzinger Radiotage, die vom 17. bis 19. Juni 2012 stattfinden werden. Auf der Wunschliste u.a.:
- Vorstellung neuer Ausbildungswege - konkret: mit welchen "neuen" Absolventen muss sich der Personalverantwortliche im Sender künftig "herumschlagen";
- Radio - The Next Generation! Nachwuchsförderung und seine Tücken;
- Wie viel Nähe ist notwendig zwischen Medien und Politik;
- Trimediales Reporterdasein - Probleme und Lösungen;
- Blick über den Tellerrand: Welche Radioformen und Trends gibt es in anderen Ländern? Welchen Stellenwert, Workflow haben Kollegen dort;
- Der Moderator im medialen Kreuzfeuer aus Social Media und redaktionellen Inhalten. Welche Anforderungen muss ein Moderator heute erfüllen ("Durchhörbarkeit" versus "Persönlichkeit");
- Online - was will/braucht der Hörer?
Radio-Workshop
Tutzinger Radiotage 2012
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Am 1. Januar 1962 um Punkt 16 Uhr nahm der Deutschlandfunk seinen Sendebetrieb in Köln auf, um – so wörtlich – "die entpolemisierte und entgiftete Wahrheit über Deutschland in den Osten" zu transportieren. Nun wird diese Instanz der deutschen Mediengeschichte 50 Jahre alt. Weiter...



