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Wie deutsche Kinder den Irakkrieg sahen


14.7.2005
Deutsche Kinder nahmen während des Irakkriegs den Antiamerikanismus der Erwachsenen um sie sensibel auf. Ihre Vorstellungen vom Krieg waren dagegen oft eigenwillig: Sie vermischten die Ereignisse werden mit anderen Nachrichten, fiktionalen Bildern und dem eigenen Alltag.

Einleitung



Katrin hat Angst davor, in einer Krisensituation ihren Teddy zurücklassen zu müssen.Katrin hat Angst davor, in einer Krisensituation ihren Teddy zurücklassen zu müssen. (© IZI 2005)


Der Krieg im Irak 2003 war lange angekündigt und Teil der öffentlichen Diskussion. Die Stimmung in Deutschland war dabei eindeutig: Über 80% lehnten einen Militärschlag ab. Auch Kinder positionierten sich eindeutig gegen den Krieg.[1] Der Krieg war ein Thema in vielen Schulen und Familien und so, trotz lokaler Ferne, Teil der Lebenswelt von Kindern.[2]

Der Irak-Krieg war so Teil einer Entwicklung, die spätestens seit den Ereignissen um den 11. September deutlich wurde: Global relevante Ereignisse wie Krisen, Terroranschläge und Kriege sind in unserer mediendurchdrungenen Welt Teil des Alltags auch schon von Grundschulkindern. Sie sehen die Bilder, bekommen die Berichterstattung mit und haben Teil an den Ereignissen. Doch welche Vorstellungen und Deutungen entwickeln sie zum Beispiel vom Krieg im Irak? Gemeinsam mit internationalen Kolleginnen und Kollegen ging das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen dieser Frage nach. In der deutschen Teilstudie "Kinder erzählen und malen vom Krieg" befragten wir 87 Kinder in der ersten Woche nach Beginn des Krieges im Irak, vom 20. bis zum 27. März 2003.

In offenen, themenzentrierten Interviews erzählten die 6- bis 11-jährigen Kinder von ihrem Wissen um die Zusammenhänge, von ihren Emotionen und Fantasien zum Irak-Krieg, und wie sie die Berichterstattung wahrnahmen. In kreativen Anteilen malten die Kinder ihre Vorstellungen vom Krieg und was sie im Fernsehen darüber sehen möchten. Die Befragung wurde bundesweit durchgeführt und fand im häuslichen Umfeld statt, zumeist in den Kinderzimmern der 46 Mädchen und 41 Jungen.

Emotionen: Angst und Mitleid



Linda fürchtet, ihre Mutter im brennenden Haus zurücklassen zu müssen.Linda fürchtet, ihre Mutter im brennenden Haus zurücklassen zu müssen. (© IZI 2005)


Die Information, dass der Krieg ausgebrochen sei, war für deutsche Kinder mit Emotionen verbunden. Sie erzählten von Befürchtungen, vom Krieg selbst betroffen zu sein, und entwarfen Szenarien eines Dritten Weltkrieges. Erste Gedanken waren bei vielen auch grundsätzliches Unverständnis und eine ablehnende Haltung.

Die Kinder versetzten sich dabei in die Lage der Kinder im Irak und stellten sich das Leiden aus einer Kinderperspektive vor. Sie dachten über die eigene Positionierung nach und forderten für sich ein schnelles Kriegsende. Es gab aber auch Gedanken über die aktuellen Kampfhandlungen oder grundsätzliche Überlegungen, warum es eigentlich Krieg gibt. Etwa die Hälfte der Kinder stellten Veränderungen in ihrem Alltag fest. Einige Kinder nahmen sich als trauriger und ruhiger wahr. Einige Kinder berichteten auch von ihren Ängsten und dem Unwohlsein: "Ja, ich hab auch ein bisschen Angst, dass es dann einen Weltkrieg geben kann, weil die so doof sind. Und dass ich mit meinen Haustieren flüchte." (Monique, acht Jahre)

Wie Monique überlegen die Kinder, was ein Krieg für sie bedeuten würde. Dabei imaginieren sie aus ihrer jetzigen Lebenssituation heraus. Monique beispielsweise hat drei Mäuse und zwei Katzen, für die sie verantwortlich ist. Das Problem, das sich ergeben würde, ist gut nachvollziehbar. Mit der realen Lebenssituation als Flüchtling im Kriegsfall ist es jedoch nur bedingt zu vergleichen. Trotz der emotionalen Beunruhigung, die mit dem Thema einhergeht, sind sich die befragten Kinder weitestgehend darüber einig, dass das Thema Krieg für Kinder nicht ausgespart werden solle:

"Ja, eigentlich geht das die Kinder was an, (...) auch wenn es manchmal Angst macht (...) Ich finde es eigentlich sehr wichtig, dass man auch hier über den Krieg, der eigentlich ziemlich weit weg ist, Bescheid weiß." (Anastasia, neun Jahre)

Vorstellungen vom Krieg



Medien waren die Hauptinformationsquelle, allen voran das Fernsehen. Der Krieg war aber auch Thema in den Schulen. Gut die Hälfte der befragten Kinder hatten in der ersten Woche nach Kriegsbeginn bereits den Krieg als Thema im Unterricht, zum Teil als Klassengespräch, zum Teil in ganz gezielten Aktionen. Auch zu Hause war der Krieg ein Thema. Rund zwei Drittel der befragten Kinder berichteten von Gesprächen mit den Eltern.

Die am häufigsten genannte Informationsquelle war jedoch das Fernsehen – vor allem Nachrichten für Erwachsene. Die Mehrheit der befragten Kinder (70%) sahen sich im Fernsehen Sendungen zum Irak-Krieg. Die Kinder erinnern sich am häufigsten an das ZDF als Ort der Erstbegegnung mit dem Thema, gefolgt von ARD und RTL. Einige Kinder suchten ganz gezielt nach Informationen, andere sahen bei ihren Eltern mit. Leider sahen aus der Stichprobe nur wenige Kinder gezielt Informationssendungen für Kinder wie etwa "logo!". Diejenigen, die es sahen, gaben aber ausgesprochen positive Rückmeldungen:

"Und im KI.KA heißt es logo! und da erklären sie die Sachen auch immer ganz schön für Kinder und ohne dass Kinder große Angst bekommen brauchen. (...) Bei der Kindersendung hat mir gefallen, dass sie da mit den Kindern ganz offen darüber geredet haben und dass sie den Kindern mit Kinderwörtern versucht haben zu erklären, und da hab' ich's eigentlich auch besser verstanden, als wenn ich mit Mama und Papa unten die Erwachsenennachrichten geguckt habe." (Anastasia, neun Jahre)

Die befragten Kinder haben eine potentielle Vorstellung, wer den Krieg führt, wobei sich der Name Bush deutlich besser memoriert hat als der Name Hussein. Die Kinder können bestimmte Argumentationsstränge wiedergeben, zum Teil in einer Art, wie sie auch im Erwachsenendiskurs geführt werden. Der achtjährige Victor zum Beispiel erzählt detailliert die Entwicklung der Behauptung, der Irak habe verbotene Waffen, bis zum Ultimatum und Kriegsbeginn.

Öl nannten eine ganze Reihe von Kindern als einen entscheidenden Kriegsgrund – eine Argumentation, die im deutschen Diskurs präsent und für Kinder gut nachvollziehbar ist. Für Hintergrundinformationen und die vielen Fragen, die ungelöst bleiben, kontaktieren Kinder unter anderem ihre Eltern: "Ich habe mal gefragt, warum die überhaupt ans Öl wollen. Da hat meine Mama gesagt, wegen den Autos. Weil die haben ja so ganz große Autos in Amerika." (Julia, neun Jahre)

Unabhängig von der Frage, wie das Gespräch zwischen Mutter und Tochter real abgelaufen ist, nimmt Julia sich die für sie gut nachvollziehbaren Beweggründe heraus: Die Amerikaner haben große Autos und brauchen deshalb viel Öl. Eine Vorstellung, die auch von den entsprechenden amerikanischen Serien gestützt wird. Insofern sind es hier nie nur die Deutungsmuster eines Mediums oder aller Medien, sondern es ist ein Konglomerat von Informationen aus Gesprächen mit den Eltern und in der Familie, welche die Vorstellungen der Kinder vom Irak-Krieg mitbedingen.

Bilder vom Krieg: Kampf und Leid



Wolkenkratzer und Flugzeuge erinnern mehr an Bilder von New York als von Bagdad.Wolkenkratzer und Flugzeuge erinnern mehr an Bilder von New York als von Bagdad. (© IZI 2005)
In der Befragung baten wir die Kinder, auf einem Blatt Papier zu malen, was ihnen als Erstes zum Krieg einfällt. In diesen Zeichnungen und den Geschichten, welche die Kinder um sie herum erzählten, artikulierten sie ihre Konstruktion von den Geschehnissen.

In vielen Bildern der Kinder zum Krieg dominieren Kampfszenen, bei Jungen etwas häufiger als bei Mädchen. Bewegungslinien kennzeichnen die Aktionen von Abschießen, Sich-im-Flug-Befinden, Leiden und Verletztsein (dargestellt durch spritzendes Blut).

Stehen Kampfszenen im Mittelpunkt der Vorstellung, so stehen sich meist zwei Parteien gegenüber – häufig Mann gegen Mann oder auch Gruppe gegen Gruppe. Es sind Vorstellungen eines Nahkampfes, bei denen Menschen mit gezückter Pistole aufeinander schießen. Die Vorstellung des Krieges basiert hier vermutlich eher auf fiktionalen Fernsehstoffen, die an die aktuelle Situation angepasst werden, zum Beispiel durch grüne Tarnanzüge.


Sonja stellt sich einen verblutenden Menschen vor.Sonja stellt sich einen verblutenden Menschen vor. (© IZI 2005)
Kampfszenen wurden aber auch als menschenleere Szenarien dargestellt. Flugzeuge werfen Bomben auf Häuser ab oder fliegen in Hochhäuser hinein. Bilder aus den Nachtangriffen vermischen sich hier mit deutlichen Medienspuren der Ereignisse vom 11. September. Wolkenkratzer und Flugzeuge erinnern vom Erscheinungsbild und den Größenverhältnissen her mehr an die Bilder von New York als von Bagdad.

Während die einen Kinder Kampfhandlungen, Waffen und die Zerstörung von Häusern malten, stelltenandere das Leid der Menschen in den Mittelpunkt ihrer Vorstellung: Menschen, die sterben oder schon gestorben sind, trauernde Hinterbliebene und Menschen in Angst. Sie malten weinende Menschen und versuchten, das Leiden von Verletzten bildlich festzuhalten. In den Konstruktionen der Kinder mischten sich dabei verschiedenste aktuelle Quellen mit eigenen inneren Bildern, in die fiktionale Stoffe und andere Berichterstattung bereits eingewoben sind.

Nicht immer überblicken die Kinder die Dimensionen eines Krieges. Ein pädagogischer Ansatzpunkt wäre hier die Erweiterung des Wissens um Entstehung und Folgen eines militärischen Schlages.


Fußnoten

1.
Götz/Nikken 2003, S.50
2.
Feierabend/Klingler 2003, S.20

 

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