Kinder sehen Krieg - Dossierstartbild

Beschützendes Schweigen

Wie US-amerikanische Kinder den Irakkrieg sahen


14.7.2005
In den USA wurden Eltern und Erzieher angehalten, ihre Kinder vor Medienberichten über den Irakkrieg zu schützen - zum Unmut der Kinder, so die Autorinnen. Ihre Studie zeigt außerdem spannende Unterschiede in der Wahrnehmung zwischen Jungen und Mädchen.

Bild 1: In Jasons Bild erschießt und zermalmt ein amerikanischer Panzer Saddams Kämpfer.Bild 1: In Jasons Bild erschießt und zermalmt ein amerikanischer Panzer Saddams Kämpfer. (© Foto: IZI-Studie Children Watching War)


In den Vereinigten Staaten war die Medienberichterstattung zum Irak-Krieg, die sich speziell an Eltern richtete, gefüllt mit einer Vielzahl an Ratschlägen von Expertinnen und Experten. Haupttenor war dabei klar, die Jugend zu beschützen und sie vor den Schäden der globalen Ereignisse zu bewahren. Presse, Fernsehen und nationale Nachrichtendienste gaben Eltern Ratschläge, wie sie ihre Kinder vor dem Krieg abschirmen könnten. Der Krieg wurde als weit entferntes Ereignis charakterisiert, welches in den USA einzig wegen der Angst vor terroristischen Anschlägen relevant wurde. Erwachsene, so zeigt unsere empirische Studie, sprachen selten mit Kindern über den Krieg. Und wenn, dann nur um deren Ängste zu verringern und sie in ihrer Sicherheit zu bestätigen.

Anders als die Kinder in Israel und Deutschland, deren Ansichten durchdachter und informierter waren, waren amerikanische Kinder vom Mangel an Informationen und der Zurückhaltung der Erwachsenen frustriert. Hinzu kommt, dass im US-Fernsehen so gut wie keine Fernsehnachrichten für Kinder ausgestrahlt werden. In der Presse gab es dazu die einstimmige Übereinkunft, dass sich Erwachsene richtig verhalten, wenn sie ihre Kinder davon abhalten, über den Krieg nachzudenken, und wenn sie dafür sorgen, dass ihre Kinder möglichst keine Nachrichten (wie etwa die von CNN) sehen. Dennoch hatten amerikanischen Kinder natürlich Vorstellungen vom Krieg.

Methodisches Vorgehen



Bild 2: Rohwas Bild zeigt eine auf einem Stuhl sitzende Nachrichtensprecherin.Bild 2: Rohwas Bild zeigt eine auf einem Stuhl sitzende Nachrichtensprecherin. (© Foto: IZI-Studie Children Watching War)
Der US-Teil der Studie "Kinder sehen den Krieg" gehört zu einer größeren Querschnittsstudie über Medienvorlieben von Kindern und deren Internetnutzung. Die Ergebnisse stammen aus einer ethnografischen Erhebung in einer Klasse, die im freiwilligen Computerunterricht am Nachmittag einen vierteljährlich erscheinenden Newsletter erstellt. Die 21 Kinder zwischen acht und elf Jahren wurden von Ellen Seiter paarweise, jeweils mit dem besten Freund oder der besten Freundin interviewt. Die Erhebung fand in einer gewohnten Umgebung, außerhalb der normalen Schulroutine oder der elterlichen Aufsicht statt.

Kinder und die Interviewerin kennen sich bereits länger, in einigen Fällen bereits seit drei Jahren. Insofern standen mehr kontextuelle Information über die amerikanischen Kinder zur Verfügung als bei den deutschen und israelischen Schülerinnen und Schülern. Die Befragten kommen eher aus dem Arbeitermilieu und gehören unterschiedlichen ethnischen Gruppen und Rassen an. Der Einzugskreis der Schule wird im Schuldistrikt abwertend als "leistungsschwach" bezeichnet.

21 Kinder wurden für die US-Studie interviewt, 13 Jungen und neun Mädchen. Die Stichprobe ist sehr klein, die Erfahrung mit der Zurückhaltung der Erwachsenen in Bezug auf das Thema Krieg teilt diese Stichprobe jedoch auch mit anderen US-Kindern. Als Gründe, warum ihre Lehrerinnen und Lehrer das Thema ihrer Meinung nach vermieden, führten die Kinder an: weil sie viel in der Schule zu tun hatten, weil sich Kinder nicht darüber sorgen sollten, weil es zu schwierig zu erklären war.

Der Berichterstattung über den Krieg stehen die Kinder relativ gleichgültig gegenüber. Sobald ihr normales Programm unterbrochen wird, schalten sie einfach um. Viele Kinder berichten, dass sie einen Kabelkanal wie Nickelodeon wählen, um jegliche weitere Nachrichten vom Krieg zu vermeiden.

Die engagiertesten Teilnehmenden an der Befragung waren die anglo-amerikanischen (kaukasischen) Jungen, eine Minderheit unter der gesamten Schülerschaft, die hauptsächlich aus Amerikanern lateinamerikanischer Herkunft (40%) und Afroamerikanern (40%) besteht.

Alle Jungen äußerten direkt ihre Meinungen zum Krieg und freuten sich, für den Kampf zu sprechen. Die Jungen nahmen den Krieg in erster Linie als personalisierten Konflikt zwischen George Bush und Saddam Hussein wahr, der eine Reihe verbaler Drohungen und Warnungen von Seiten der Vereinigten Staaten beinhaltet hatte. Da Saddam Hussein diese ignorierte, verdiente er die Angriffe als Antwort. Irakische Zivilisten oder irakisches Militär werden in diesem Szenario nicht erwähnt, die US-Soldaten spielen die Hauptrolle. Krieg und Soldaten sind auf den Bildern zur Vorstellung und zur Medienberichterstattung zentral (siehe Bild 1).

Bild 3: Nicole wünscht sich, im Fernsehen Frieden anstelle von Gewalt zu sehen.Bild 3: Nicole wünscht sich, im Fernsehen Frieden anstelle von Gewalt zu sehen. (© Foto: IZI-Studie Children Watching War)


Die Mädchen waren in ihrer Haltung gegenüber dem Krieg geteilter Meinung. Die zivilen Opfer und die Leiden der Iraker waren ihnen durchaus bewusst. Entsprechend zeichneten sie – anderes als die Jungen – vor allem Bilder zum Thema "Was möchtest du gerne im Fernsehen sehen?". Jedes der Mädchen zeichnete mit Sorgfalt eine Szene, die den Fernsehbildern sehr ähnlich war. Meist zeigten die Bilder einen Nachrichtensprecher, der entweder das Ende des Krieges ankündigt oder die Entscheidung, den Krieg aus humanitären Gründen zu stoppen (Bilder 2 und 3). Die Bilder zeigen sehr viel Blutvergießen, Waffen und skatologische Anspielungen.

Sehr oft wird das Gefangennehmen porträtiert. In allen Zeichnungen der Jungen gibt es Mehrfach Szenen davon (einige in Sequenzen, andere simultan). Der Krieg wird zu einem Spielplatzstreit, mit Zurufen und dem Gelächter der Sieger. Dies unterscheidet sich auffällig von der High-Tech-Kriegsführung, wie sie im Fernsehen zu sehen war. Bei den Zeichnungen der Jungen waren Messer die bevorzugten Waffen. Beunruhigend häufig wurden Enthauptungen dargestellt, wobei das tropfende Blut mit viel Aufmerksamkeit bedacht wurde. Sie schienen ein Echo auf die Teppichmesser zu sein, mit denen einigen der Passagiere während der Angriffe vom 11. September die Kehlen durchgeschnitten wurden. Nur widerfuhr dies diesmal Saddam Hussein selbst. Allerdings erwähnte keines der Kinder den 11. September explizit. In den Vorstellungen der Jungen nimmt die Möglichkeit eines Versagens der USA zu diesem Zeitpunkt (April 2003) keinen Raum ein. Sie äußern auch viel weniger Angst in Bezug auf den Krieg als die Mädchen.

Bild 4: Sean zeigt in seinem Wunschbild die USA als Siegermacht.Bild 4: Sean zeigt in seinem Wunschbild die USA als Siegermacht. (© Foto: IZI-Studie Children Watching War)


Sean ist ein 11-jähriger, rothaariger Junge, dessen Mutter als Angestellte und dessen Vater als Bauarbeiter beschäftigt ist. In der Schule kann sich Sean gut ausdrücken und ist selbstbewusst. Auf Fragen meldet er sich immer als Erster in der Klasse. Gelegentlich kommt er wegen Raufereien oder Rempeleien mit anderen Schülerinnen und Schülern in Schwierigkeiten. Von den Afroamerikanern und den amerikanischen Schülerinnen und Schülern lateinamerikanischer Herkunft in seiner Klasse hält er sich fern. Sean beschreibt sein Bild (Bild 4) wie folgt:

"Das ist Saddam. Das hier sind Kugeln. Da ist ein Mann, der gerade pinkelt, und er wird erstochen und jemand schießt ihm seinen Kopf ab. So wie wir das machen, seine Kinder und seine Familie angreifen und ein anderes Kind und ihn, und Bush (kommt?) herein mit einem Maschinengewehr und da oben zerstören wir die Flugzeuge der Luftwaffe und genau da sind die US in einem Hubschrauber und zerstören ihn und es heißt: 'Die USA haben gewonnen!'. Das hätte ich gerne."
Ellen: "Das würdest du gerne sehen?"
Sean: "Ja. Und hier ist eine Beschreibung, wie Bush ihn umbringt. Also das ist wie Saddam und dann, um, uh, stirbt er, er ist tot, weil George W. Bush eine ehrenwerte Sache getan hat. Das ehrt ihn. Ein sehr wertvoller Moment in der Geschichte."

Wie alle Jungen in unserer Studie, leugnet Sean jegliche Angst um seine eigene Sicherheit. Wenn die Bedrohung durch einen Angriff auf die USA angesprochen wird, wechselt Sean in das fundamental-christliche Register, mit dem er von der Kirche her vertraut ist. Er sagt, dass er wisse, dass er in den Himmel zu Jesus kommen werde, dass er sich deshalb also keine Sorgen zu machen brauche.

Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es Interviews mit Mädchen, die eine einseitige Anti-Kriegs-Haltung annehmen. Mädchen neigen dazu, die schmerzhaften Auswirkungen des Krieges zu diskutieren und sich die leidenden Frauen und Mädchen im Irak vorzustellen. Dies war bei den meisten afroamerikanischen und amerikanischen Mädchen lateinamerikanischer Herkunft in der Klasse der Fall, die eher bereit schienen, auch eine Anti-Bush-Haltung anzunehmen. Friedenszeichen und Händeschütteln erscheinen in den Bildern.

So zum Beispiel Aurora. Sie nahm nur zögerlich am Interview teil; ich musste sie zu mir herüberrufen, als ihre Freunde den Tisch schon verlassen hatten. Vielleicht war das der Grund, warum sie als Einzige nicht wettbewerbsähnlich das eigene Wissen vom Krieg in den Vordergrund stellte, sondern etwas von ihrer Verwirrung enthüllte. Ihre Zurückhaltung war typisch für alle Immigranten-Kinder in der Klasse, die sehr vorsichtig waren, wenn andere ihnen zuhörten und möglicherweise mit ihrer Einstellung nicht einverstanden waren - ein Teil eines komplexen Verhaltensmusters, um in der Schule nicht aufzufallen. Aurora ist eine außergewöhnlich gute Schülerin, die oft für ihre Eltern und ihre vielen Geschwister vom Englischen ins Spanische übersetzt. Sie versucht ständig, die Zustimmung der Erwachsenen und die Aufmerksamkeit für sich allein zu bekommen. Sie hat ein extrem gutes Gedächtnis und arbeitet sehr hart.

Ellen: "O.K., erzähl mir etwas über dein Bild. Wer ist das?"
Aurora: "Ein Soldat."
Ellen: "Und was sagt er?"
Aurora: "Er sagt, kein Krieg mehr, weil viele Menschen getötet werden, unschuldige Menschen. Und da schießt ein Soldat und die Leute sagen, kein Krieg mehr, weil viele Menschen sterben. (...) Ich habe eine Frage, wenn Saddam die zwei ... zerstörte ..."
Ellen: "World Trade ... die zwei Türme?"
Aurora: "Ja."
Ellen: "Nein, das war Osama Bin Laden. (Pause) Also erzähl mir, was dieses Wort hier ist. Oh, das ist ein Gewehr, das schießt. Also, das willst du im Fernsehen sehen?"
Aurora: "Mmhm. Keinen Krieg mehr."

Bild 5: Sean wünscht sich Frieden und kann nicht verstehen, was daran so schwer sein soll.Bild 5: Sean wünscht sich Frieden und kann nicht verstehen, was daran so schwer sein soll. (© Foto: IZI-Studie Children Watching War)


Die Jungen und Mädchen schienen alle hinsichtlich der Fakten zum Krieg verunsichert zu sein. Häufig wurden Details der falschen Seite im Konflikt zugewiesen. Beinahe kein Kind erwähnte die nukleare Bedrohung als Anstoß für den Krieg. Rückblickend erscheint diese Auslassung heute als weniger große Uninformiertheit als im April 2003. Anstatt die Waffenvernichtung zu erwähnen, sahen sie den Krieg als Versuch, Saddam Hussein umzubringen, da dieser ein ungerechter Führer ist, der zu seinen eigenen Leuten grausam ist. Die Kinder sahen den Krieg vor allem als eine Rettungsaktion für die Bürger des Irak und als Bestrafung Saddams dafür, dass er so selbstsüchtig und gierig war. Diese Perspektive war Monate vor dem Krieg in Pflichttexten für die Schule verbreitet worden, den freien Veröffentlichungen von "Scholastic Jr." und "Time for Kids".

Möglicherweise war eine unbeabsichtigte Konsequenz für die Lehrer, dass diese Materialien, die die Haltung der Bush-Regierung gegenüber dem Irak sehr stark unterstützten, die einzigen Informationsquellen darstellten, die für Kinder erhältlich waren. Denn weder standen ihnen Kindernachrichten zur Verfügung, noch konnten sie politische Diskussionen mit Eltern oder Lehrern führen.

Schlussfolgerung



Im Vergleich zu den deutschen und israelischen Kindern, die kurz nach Kriegsbeginn interviewt wurden, hatten die US-Kinder eher ein cartoonhaftes Verständnis von Gewalt. Sie sahen den Krieg als einen persönlichen Konflikt zwischen Bush und Hussein. Dieser Mangel an ernsthafter Auseinandersetzung mit dem Krieg, den moralischen Dimensionen der Gewalt und ihrer Auswirkung steht im Zusammenhang mit der Presseberichterstattung. Der Schwerpunkt lag einseitig auf der Betonung der Gefahren der medialen Kriegsberichterstattung für die mentale Gesundheit von Kindern. Eltern, Lehrerinnen und Lehrer wurden von Experten und Expertinnen, von Kinderpsychologinnen und Kinderpsychologen dazu aufgefordert, die Routine der Kinder aufrechtzuerhalten und Hinweise auf den Krieg zu Hause und während des Schultags zu vermeiden.

Kinder werden hier nicht als Subjekte der politischen Sozialisation gesehen oder als Bürger und Bürgerinnen, die fähig sind, ihre Meinung zu artikulieren - ein Ansatz, der sehr viel stärker in einer Pro-Kriegs-Stimmung mündet, als man sie in Ländern mit einer im Verhältnis ausgeprägten Friedenserziehung und Protesttradition wie beispielsweise Deutschland findet.

Für amerikanische Kinder blieben viele Fragen unbeantwortet. Sean drückt seine Frustration über sein begrenztes Wissen vom Krieg aus, das er von seinen Eltern (die offensichtlich für den Krieg sind) erhält. Sogar nachdem er gewalttätige Bilder vom Tod Saddam Husseins und irakischer Soldaten gezeichnet hat, gibt er am Ende des Interviews zu, dass er nicht versteht, warum der Krieg notwendig ist:

"Wie wenn sie sich die Hände geben auf den Frieden und so. (Pause) Ich verstehe nicht, warum er das nicht einfach macht. Meine Mama sagt, (Pause) es ist nicht so einfach. Und ich sage, warum nicht? Und sie sagen (macht seine Eltern nach:) 'Es ist eben nicht so leicht.' Und ich sage: 'Nun, versuchen wir es.'"



 

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