Krieg in den Medien

Gemeinsamkeiten der Inszenierung des Krieges in den Bildschirmmedien

1.10.2011
Die Inszenierung des Krieges in den Nachrichten, im Computerspiel und im Film geschieht auf sehr unterschiedliche Weise mit verschiedenen Zielen. Es lassen sich aber auch gemeinsame Inszenierungsmerkmale bestimmen.

Rettung Jessica Lynchs im IrakkriegDie Erfolgsgeschichte von der angeblich dramatischen Rettung der jungen US-amerikanischen Soldatin Jessica Lynch im Irakkrieg 2003 wurde für die Medien ganz bewusst inszeniert – als Drama mit Happy End. (© AP, U.S. Central Command, HO)


Die Inszenierung des Krieges in den Nachrichten, im Computerspiel und im Film geschieht auf sehr unterschiedliche Weise mit verschiedenen Zielen. Es lassen sich aber auch gemeinsame Inszenierungsmerkmale bestimmen.

Audiovisuelle Medien, die für ihre Nutzung einen Bildschirm, eine Leinwand oder einen Monitor benötigen, werden auch als "Bildschirmmedien" bezeichnet. Bildschirmmedien zeichnen sich dadurch aus, dass sie dem Zuschauer das Gefühl geben können, etwas "unmittelbar" zu erleben, obwohl er nur die Mediendarstellung sieht. Dies wird etwa bei Fernsehübertragungen von Sportereignissen deutlich, bei Filmen, die den Betrachter für 90 Minuten in eine andere Wirklichkeit versetzen, oder bei Computerspielen, die es ermöglichen, sich in einer digitalen Welt wie in der Realität zu bewegen und dort zu handeln.

Die Inszenierung des Krieges in den Bildschirmmedien erfolgt mit unterschiedlicher Zielsetzung. Während Nachrichten informieren wollen, dienen Film und Computerspiel vor allem der Unterhaltung. Dabei kommt es aber auch zu Überschneidungen. Manche Nachrichtensendung bedient sich heute filmischer Gestaltungsmittel, um die Beiträge für den Zuschauer interessanter zu machen. Filme und Computerspiele versuchen, die Kriegsinszenierung im Hinblick auf historische Fakten und Darstellungen möglichst realistisch aussehen zu lassen. Diese Vermischung der Gestaltungselemente hat zur Folge, dass die Grenzen zwischen Information und Unterhaltung in den verschiedenen Bildschirmmedien heute fließend sind.

Der Grund für diese Vermischung ist die Orientierung am Publikumsgeschmack. Die Medien konkurrieren untereinander um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Dieser soll möglichst lange durch die Darstellung gefesselt werden. Alle Möglichkeiten werden eingesetzt, die das unterstützen. Bei medialen Kriegsdarstellungen, bei denen der Aspekt der Unterhaltung eine große Rolle spielt, lässt sich daher ein verstärkter Einsatz von Techniken der Inszenierung feststellen.

Beispiele für Inszenierungstechniken in audiovisuellen Kriegsdarstellungen



Unterhaltungsfaktor Krieg Die Journalistin Bettina Gaus über den Unterhaltungsfaktor von Krieg und die Problematik der Darstellung des Krieges aus Sicht der Betroffenen. (© 2006, Bundeszentrale für politische Bildung)
  • Vereinfachung statt Komplexität – Reduzierung der komplexen Kriegsrealität auf einige wenige konkrete Ereignisse:

    Die Realität des Krieges ist komplex und vielgestaltig. Jede mediale Kriegsdarstellung erfordert daher die Auswahl und vereinfachte Darstellung einzelner Sachverhalte. Unterscheiden kann man jedoch zwischen solchen Darstellungen, die der Realität möglichst nahezukommen versuchen – beispielsweise durch die Schilderung von Hintergründen – und solchen, die sich auf die Aspekte des Krieges beschränken, die sich publikumswirksam in Szene setzen lassen. Letztere sind beispielsweise gekennzeichnet durch vermeintliche Überschaubarkeit, das Auslassen von Widersprüchen und das Vorhandensein eindeutiger Wirkungsmechanismen: Bestimmte Handlungen haben vorhersehbare Wirkungen zur Folge. Beim Zuschauer kann hierdurch eine falsche Vorstellung von der Realität des Krieges entstehen.

  • Personalisierung statt Darstellung von Prozessen – Darstellung des Krieges als etwas Personenhaftes, beispielsweise als Heldengeschichte:

    Bei der Personalisierung wird etwas Nichtpersonenhaftes in etwas Personenhaftes verwandelt. Das Mittel der Personalisierung wird etwa eingesetzt, um dem Zuschauer die Folgen eines Krieges exemplarisch anhand des Schicksals einzelner Menschen deutlich zu machen. Es wird aber auch genutzt, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu steigern, da das Schicksal einer oder mehrerer Person spannender inszeniert werden kann als allgemeine Fakten und Sachzusammenhänge. Eine Person steht dann stellvertretend für einen Sachverhalt, ein politisches Lager für eine Bevölkerungsgruppe oder ein ganzes Land. Komplexe Konflikte werden auf die Auseinandersetzung zwischen zwei oder mehreren Personen reduziert. Was bei der Hervorhebung der Rolle eines Einzelnen aber fast zwangsläufig geschieht, ist eine holzschnittartige Zuschreibung von Eigenschaften: mutig, feige, gut, böse etc. Der Irakkrieg 2003 erschien zum Beispiel in der Berichterstattung häufig wie ein Duell zwischen George W. Bush und Saddam Hussein. Dass die Lage im Irak aber viel komplizierter war und sich dort zahlreiche verschiedene Gruppierungen gegenüberstehen, hat sich nach der Einnahme von Bagdad gezeigt.

    Bild: CNNDer Irakkrieg 2003 erschien in der Berichterstattung einiger Medien wie ein Kampf zwischen George W. Bush und Saddam Hussein. (© CNN)


  • Freund-Feind-Schema statt ausgewogener Darstellung – Eindeutige Unterscheidung zwischen guten Helden und bösen Feinden:

    Das Freund-Feind-Schema zeichnet sich durch eine eindeutige Rollenverteilung aus. Es gibt Akteure, die das Gute vertreten, beispielsweise die eigenen Soldaten, "unsere Jungs", und solche, die das Böse vertreten: "brutale Mörder". Diese Darstellungsweise dient in Kriegsfilmen, Computerkriegsspielen oder der Kriegsberichterstattung vor allem dazu, die Gewalt an Feinden als gerechtfertigt zu zeigen. Das Gegenteil davon wäre eine neutrale Darstellung, die sich um eine differenzierte Sichtweise auf beide Konfliktparteien bemüht.

  • Dramatisierung statt Alltagsroutine – Konzentration auf dramatische Ereignisse, die sich medial gut in Szene setzen lassen:

    Dramatisierung bezeichnet die Konzentration auf konflikthafte Situationen, auf Bedrohliches, Risikohaftes und Außergewöhnliches, das sich spannungsreich inszenieren lässt. Dies wird beispielsweise durch die Verwendung von gestalterischen Elementen erreicht wie einem dramaähnlichen Aufbau mit Haupt- und Nebenfiguren, Konflikten, Höhepunkt und Konfliktlösung, Musik, schnellen Schnitten oder einer abwechslungsreichen Kameraführung. Ziel der Dramatisierung ist es, den Zuschauer zu fesseln. Der "normale" Kriegsalltag, langfristige Entwicklungen und schwierige Zusammenhänge werden nicht dargestellt.

  • Ästhetisierung statt grausamer Kriegsrealität – Ansprechende bildliche und akustische Darstellung oder Ausblendung der grausamen, "hässlichen" Kriegsrealität:

    Ästhetisch bedeutet in der Alltagssprache "schön", "geschmackvoll" oder "ansprechend". In Kriegsdarstellungen erfolgt Ästhetisierung zum Beispiel durch attraktive Soldaten, Flugzeugträger im Sonnenuntergang oder Hubschraubereinsätze, die durch spektakuläre Kameraeinstellungen ins Bild gesetzt werden. Dem Krieg wird dadurch sein Schrecken genommen. Während die grausame Kriegsrealität den Zuschauer durch die Darstellung schwerwiegender Kriegsfolgen belasten würde, kann ein actionhaltiges Computerkriegsspiel – durch die Darstellung des Krieges als faszinierendes Hightech-Spektakel – sogar Begeisterung auslösen.

  • Emotionalisierung statt Reflexion – Gefühlsbetonte Darstellung, die dazu führt, dass der Betrachter mitfühlt und mitleidet:

    Emotionalisierung kann sowohl durch eine spannende Geschichte als auch durch akustische und optische Elemente erfolgen. Beispielsweise können Nahaufnahmen bestimmte Gefühle – wie Schmerz, Glück oder Trauer – einer dargestellten Person besser auf den Zuschauer übertragen. Ziel der Emotionalisierung ist es, den Zuschauer in das Geschehen mit einzubeziehen, seine Gefühle zu berühren. Dies geschieht jedoch auf Kosten der Reflexion und kritischen Auseinandersetzung mit dem Gesehenen.

    Bild: ABC photosBild: ABC photos


    Die 13-teilige Reality TV-Serie "Profiles from the Front Line" schildert den Einsatz der US-Soldaten im Afghanistankrieg – seriengerecht in Szene gesetzt. "Bei 'Profiles from the Front Line' wird der Krieg jugendfrei", kommentierte Heike Huppertz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung daher den Start der Serie. (© ABC photos)Da jedes Medienprodukt zwangsläufig in gewisser Weise inszeniert ist, finden sich einzelne oder mehrere dieser Techniken in vielen medialen Kriegsdarstellungen. Unterschiede bestehen jedoch im Grad der Inszenierung. Die Frage, die sich dem Betrachter daher stellt, lautet: Wird die Kriegsrealität hier in einem erforderlichen Maß "inszeniert", oder stimmt die Darstellung des Krieges durch den hohen Grad an Inszenierung nur noch wenig mit der realen Situation überein?

    Das Kriegsgeschehen dient etwa in vielen Filmen nur als Hintergrund, um eine dramatische Heldengeschichte zu erzählen. Vom realen Geschehen kommt nur das vor, was in das Inszenierungsschema passt. Dies ist auch bei Computerspielen der Fall. Hier geht es nicht mehr darum, den Krieg wirklich abzubilden. Der Bezug zu realen Kriegsereignissen dient allein der Steigerung des Unterhaltungswertes. Auch die Berichterstattung über den Krieg kann zur Unterhaltung werden. Wenn das verstärkte Medieninteresse der Zuschauer in Zeiten von Kriegen und Konflikten etwa genutzt wird, um durch Sondersendungen, Live-Berichte von der Front, Reality-TV-Serien etc. die eigenen Einschaltquoten zu steigern. Das Kriegsgeschehen verkümmert hier zur Kulisse für Pseudo-Ereignisse. Die Inszenierung wird zum Selbstzweck.



     
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