Krieg in den Medien

Experteninterview mit der Journalistin Bettina Gaus


1.10.2011
Journalistin Bettina Gaus beantwortet Fragen zum Thema Nachrichten.

In Ihrem Buch "Frontberichte" steht das Eingangszitat: "Krieg ist auch Abenteuer für das Auge. Es geht bei der Kriegsberichterstattung darum zu vermitteln, live dabei zu sein." Wie wird dieser Eindruck von den Medien erzeugt?

Was ist Krieg? Die Journalistin Bettina Gaus zum Kriegsbegriff und zur Frage: Was ist Krieg? (© 2006, Bundeszentrale für politische Bildung)
Bettina Gaus: Jede Form der Berichterstattung beinhaltet das Element "dabei zu sein". Das ist ein Anspruch an guten Journalismus. Dass man sich vor Ort informiert und die Informationen sammelt, die man bekommen kann. Darin unterscheidet sich die Arbeit einer Kriegsberichterstatterin nicht von der eines Parlamentskorrespondenten, der vor der Tür eines Ausschusses herumsteht und darauf hofft, dass irgendjemand rauskommt und ihm was erzählt. Das Problem, was ein besonderes ist im Zusammenhang mit Kriegsberichterstattung, ist, dass Krieg in jedem Fall immer etwas sehr Dramatisches hat. Das heißt, es gibt bestimmte, ganz furchtbare Konflikte, die sich, wenn wir speziell über die elektronischen Medien und da in Besonderheit über das Fernsehen reden, ganz schwer vermitteln lassen, weil die Bilder, die man bekommt, im Widerspruch stehen zu dem, was man sich eigentlich unter Krieg vorstellt. Da ist wirklich ein Unterschied zur Parlamentsberichterstattung. Niemand erwartet dramatische Bilder bei der Berichterstattung über eine Ausschusssitzung, allenfalls dramatische Inhalte.

Wenn ich, und das ist ein ganz konkretes Beispiel, in einem ganz kleinen Dorf im Süden des Sudan bin, an der Grenze zu Zaire, dann kann ich recherchieren, dass die Lage der Bevölkerung sehr ernst ist, wenn nicht sogar verzweifelt. Die Grenze zu Zaire ist dicht, d. h. die Handelswege sind unterbrochen, die Leute sind abgeschnitten selbst von absoluter Grundversorgung wie Streichhölzern und Waschpulver. Die Front ist nur noch 20 Kilometer weit weg, und die Offensiven haben gerade erst begonnen. Niemand weiß, ob die Front in diesem damals existierenden Krieg zwischen Nord- und Südsudan dieses Dorf jemals erreichen wird. Die Infrastruktur existiert praktisch nicht. Das nächste Krankenhaus ist über 250 Kilometer weit weg, d. h. wenn jemand krank ist und von selber nicht gesund wird, dann wird er sterben. Das sehe ich aber alles nicht. Was ich sehe, ist eine fruchtbare Landschaft, dunkelgrüne Mangobäume, ganz gut genährte Leute, weil Nahrungsmittel zu der Zeit in dieser Gegend nicht das Problem gewesen sind. Ich sehe nicht, dass die Kinder die Schule nicht besuchen können. Ich sehe keine Kampfhandlungen. Wenn der Krieg dieses Dorf erreicht hat, dann erreichen die Medien dieses Dorf auch nicht mehr. Es ist auch kein strategisch wichtiger Ort, kein Ort, wo dann die Weltpresse aufbricht, um zu gucken ... Es ist keine Hauptstadt. Das heißt: Die Diskrepanz zwischen dem, was sich real ereignet, und dem, was man zeigen kann, ist in diesem Teil des Journalismus besonders groß. Das ist ein besonderes Problem. Deswegen sehen wir immer nur diese Ausrufezeichen. Wir sehen, wenn ein Massaker stattgefunden hat. Ich finde auch, dass man über so etwas berichten muss. Die Opfer haben wenigstens ein Recht darauf, gehört zu werden, aber das Schleichende, die Angst, die sich anbahnenden Katastrophen, die sind ganz schwer darzustellen und in den elektronischen Medien noch viel schwerer als in der Zeitung.

Ein wesentlicher Vorwurf gegenüber der Kriegsberichterstattung ist, dass man es mit Propaganda zu tun hat. Wie sehen Sie das? Wird durch die heutige Kriegsberichterstattung durch die Massenmedien Propaganda betrieben?

Unterhaltungsfaktor Krieg Die Journalistin Bettina Gaus über den Unterhaltungsfaktor von Krieg und die Problematik der Darstellung des Krieges aus Sicht der Betroffenen. (© 2006, Bundeszentrale für politische Bildung)
Bettina Gaus: Selbstverständlich wird Propaganda betrieben. Auch im Bereich der Kriegsberichterstattung. Erstens hat es Propaganda im Krieg gegeben, bevor es Massenmedien gab, und es wäre erstaunlich, wenn jetzt, wo Massenmedien so eine Rolle spielen, Propaganda plötzlich aufhören würde. Natürlich versucht jede Seite, eigene Erfolge herauszustreichen, auch um die Moral der eigenen Leute zu stärken und um möglicherweise Unterstützung im Ausland zu bekommen. Es gibt ja vitale Interessen, warum man sich selber als erfolgreich und auch als die humane Seite hinstellen möchte, während die andere Seite immer die Bösen sind, die außerdem, Gott sei Dank, immer nur verlieren. Wir erinnern uns, wie der Sprecher des Regimes von Saddam Hussein erklärte, massenhaft würden die US-Soldaten an den Toren von Bagdad Selbstmord begehen, zu einem Zeitpunkt, wo diese die Stadt schon längst eingenommen hatten. Das ist ein besonders abstruses Beispiel, aber nur im Grad der Absurdität, nicht im Prinzip. Nun muss man außerdem noch hinzufügen, dass Propaganda ja nicht nur auf Kriege beschränkt ist. Natürlich versucht das jede Seite; jedes Großunternehmen, jede Regierung, jeder Filmverleih, der seine Filmstars vorführt, macht Propaganda, wirbt für die eigene Sache. Das ist zunächst mal auch nicht illegitim. Das Problem für einen seriösen Journalisten oder eine seriöse Journalistin besteht darin, zu erkennen, wo und mit welchen Mitteln, wann und warum Propaganda betrieben wird.

Einen Aspekt der Manipulation stellen die sogenannten "vergessenen" Kriege dar. Können Sie uns ein paar von diesen Kriegen nennen und sagen, warum wir darüber nichts erfahren?

Bettina Gaus: Es gibt eine Reihe von Kriegen, über die die Öffentlichkeit nichts weiß. Nicht immer ist es ein Ergebnis von Manipulation oder von gezielten Interessen, dass man darüber nichts erfahren soll. So einfach ist das gar nicht. Wenn das so wäre, dann würden wahrscheinlich Kohorten von neugierigen, hungrigen Reportern aufbrechen, um das zu erfahren, was sie nicht erfahren sollen. Ein gutes Beispiel für einen lange vergessenen Krieg war der Kongokrieg. Wo infolge des Krieges, infolge des Zusammenbruchs der Infrastruktur, medizinischer Versorgung usw. Millionen Menschen gestorben sind in den letzten Jahren. Wenn ich es recht im Kopf habe, der verlustreichste Krieg seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, möglicherweise sogar verlustreicher als Vietnam. Trotzdem hat sich die Öffentlichkeit kaum dafür interessiert. Die Gründe sind vielfältig. Angefangen hat das Interesse dann damit, dass die Bundeswehr die Wahlen dort überwachen soll. Aber das Interesse wird dann schnell wieder erlöschen, wenn es nicht eskaliert während des Einsatzes. Zum Teil ist es ein Problem, wenn es kein Zentrum gibt und kein Symbol. Ein Beispiel: der Krieg zwischen dem Nord- und Südsudan, der über Jahrzehnte nicht tobte, sondern schleichend mal hier und mal da den ganzen Süden des Sudan erschütterte. Da der Südsudan keine autonome Region mit einer eigenen Regierung war und dort Rebellengruppen gegen die Zentralregierung in Khartum kämpften, die Hauptstadt selbst aber völlig unberührt blieb, gab es immer nur die Möglichkeit, einzelne Reportagen über diese Kleinstadt, jenes Dorf, jene Straße zu machen. Damit sind aber keine zentralen, bedeutenden "Hauptnachrichten" zu vermelden. Die Stellungnahmen der Rebellen wurden in Nairobi, in Kenia abgegeben oder auch in Europa bei internationalen Konferenzen, d. h. der Fall einer Hauptstadt, wie die Eroberung von Bagdad, ist in jedem Fall eine Weltnachricht, selbst dann, wenn es in einem Land stattfindet, für das sich die Weltöffentlichkeit sich sonst nicht so interessiert.

Im Hinblick auf die "vergessenen" Kriege geht also nicht nur um diesen klassischen Vorwurf, dass strategische Interessen eine Rolle spielen müssen, damit man sich in der Öffentlichkeit dafür interessiert?

Bettina Gaus: Es ist auch nicht falsch, wenn man sagt, strategische Interessen oder eigene außenpolitische Interessen an einer Region vergrößern das Interesse der Öffentlichkeit. Das ist auch normal. Aber es lässt sich nicht nur darauf reduzieren, sondern schwere Zugänglichkeit, schwer durchschaubare Nachrichtenlage, die Tatsache, dass eine Entwicklung in einem Teil des Landes nicht zwangsläufig Auswirkungen hat auf die Entwicklung in einem anderen Teil des Landes oder gar in der Hauptstadt. All das spielt eine Rolle. Das mit den strategischen Interessen ist natürlich jetzt, gerade im Zeitalter der wachsenden Bedrohung durch Terrorismus und durch weniger klar definierte Kriege, auch nicht mehr so einfach. Es gibt fast keinen Ort der Welt mehr, wo es nicht durchaus ein strategisches Interesse der restlichen Welt gibt. Wie immer man dann "strategisch" definiert. Beispiel Somalia: Einerseits sind die strategischen Interessen der reichen Industrieländer an Somalia sowohl in ökonomischer als auch in militärischer Hinsicht gleich null. Andererseits hat die Tatsache, dass dieses Land seit 15 Jahren keine Regierung mehr hat, keine Adresse mehr hat, dass Somalia als Staat das Symbol für einen zerfallenen Staat geworden ist, dazu geführt, dass zumindest der Verdacht sehr groß ist, dass es als Geldwäscheort fungiert für terroristische Bewegungen, als Rückzugsgebiet, und dass Verbindungen zu terroristischen Netzwerken dort eng geknüpft sind. Ich sage, es ist ein Verdacht. Ganz sicher und unbestreitbar ist es so, dass in Somalia, welches auf eine lange Geschichte religiöser Toleranz zurückblickt, in den letzten 15 Jahren islamistische Bewegungen großen Zuspruch erhalten haben. Das heißt, es gibt ein vitales strategisches Interesse der restlichen Welt, die Entwicklung in Somalia zu verfolgen, obwohl man auf den ersten Blick sagen würde, Somalia ist für die Somalis interessant und für sonst niemanden auf der Welt. Aber das hat sich eben wirklich geändert mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und damit, dass sich jetzt nicht mehr zwei Supermächte in Schach halten und alle anderen Kriege Stellvertreterkriege sind. Das war so bis 1989, und seither ist es nicht mehr so. Es geht nicht mehr nur um Stellvertreterkriege, sondern es geht um Sicherheitsinteressen. Sicherheitsinteressen können selbst durch einen Zwergstaat bedroht werden, von dem wir kaum wissen, wie er sich schreibt.

Kommen wir noch mal zu den Arbeitsbedingungen eines Kriegsberichterstatters. Was sind Schwierigkeiten im Bemühen um eine objektive Berichterstattung?

Bettina Gaus: Objektivität ist eine Chimäre. Objektivität im klassischen Sinne gibt es nicht, und jede/r Journalist/in ist gut beraten, wenn er das weiß. Es kann nur eine Annäherung, ein Bemühen um Objektivität geben. Natürlich fließt die eigene Weltsicht in die Deutung von Ereignissen mit ein. Was normal ist in einem Gebiet, welches ich als Journalistin besuche, und was möglicherweise eine Kriegsfolge ist. – Da werde ich Dinge völlig falsch interpretieren. Das heißt: Hilfreich ist es, wenn man das Gebiet gut kennt, über das man berichtet. Das ist keinesfalls die Regel. Im Gegenteil, es ist oft die Ausnahme, denn die großen Medienkonzerne verkleinern ihre Korrespondentenbüros. Auslandsberichterstattung ist teuer. Man muss richtig Geld in die Hand nehmen, um das seriös zu machen, und gerade die Regionalkorrespondenten, die 30 bis 40 Länder in Afrika oder 15 Länder in Asien als Berichtsgebiet haben, können nicht jeden Ort so gut kennen wie ihr Heimatland. Also das heißt: Zum einen ist ein Problem, dass die eigene Weltsicht in die Deutung mit einfließt, und zum anderen ist natürlich die Recherche in einem Krisengebiet – noch stärker als in anderen Recherchebereichen – durch objektive Schwierigkeiten gekennzeichnet. Man möchte ja leben, und man ist ja seriös und verantwortungsbewusst, d. h. man begibt sich ja nicht in einen Krieg und sagt: "Wo bitte geht´s zur Front?" Sondern man muss eben sehen, welche die sicheren Bereiche sind. Wo kann man recherchieren? Was kann man recherchieren? Die Leute, die man erreicht, haben auch fast immer ein Interesse, einem bestimmte Dinge mitzuteilen. Das gilt übrigens nicht nur für Militärs. Da weiß man, dass sie einem nicht sagen werden: "Wir haben eine vernichtende Niederlage erlitten. Alle unsere Soldaten sind betrunken, auf der Flucht und haben ihre Waffen weggeworfen." Aber auch wenn ich in einem Flüchtlingslager Interviews mache ... Die Frage, von welchen Menschenrechtsverletzungen mir die Flüchtlinge berichten, wie sie die Zahl der Flüchtlinge deuten, was ja auch ein konkretes Ergebnis nach sich zieht. Sie bekommen mehr oder weniger Lebensmittel. Ob sie unterstützend wirken für Rebellen. Diese Rebellen sind ja nun oft die Väter, die Brüder und die Söhne von den Frauen, die in den Flüchtlingslagern sitzen. Im Einzelfall kann man als Berichterstatterin einen Verdacht haben, aber es lässt sich nicht belegen. Ich muss also davon ausgehen, dass ich in Krisengebieten noch viel öfter angelogen werde als woanders. Legitimerweise. Wenn Sie und ich Bevölkerung in einem Krisengebiet wären, würden wir auch lügen. Teilweise einfach aus Angst. Man hat Angst, Journalisten etwas zu erzählen, und hinterher muss man mit Vergeltungsmaßnahmen rechnen. Die Möglichkeit, Wahrheit herauszufinden, ist also besonders schwierig, und auch da muss man sagen: Erfahrung hilft. Ich habe ja aus Kriegs- und Krisengebieten in Afrika berichtet. Die Naivität, die ich am Anfang an den Tag gelegt habe und wovon ich einiges dann in Reportagen wiederfinde, ist mir heute sehr peinlich. Da bin ich schon ganz dankbar, dass in Tageszeitungen schnell Fisch eingewickelt wird und die Sachen nicht für die Ewigkeit erhalten bleiben. Nach einiger Zeit lernt man Dinge, und deshalb ist dieser "Fallschirm-Journalismus" ein Problem. Wo Leute, wenn ein bestimmtes Ereignis plötzlich eine Schlagzeile macht, ins Flugzeug steigen und in ein Land fliegen, wo sie vorher noch nie gewesen sind, und nach, wenn wir Glück haben, zwei Tagen, wenn wir Pech haben, zwei Stunden machen sie ihren Hintergrundbericht. Das ist wirklich in hohem Maße unseriös, und dabei kann nichts herauskommen, denn man muss schon ein wenig wissen, was gerade in dem Land stattfindet, bevor man darüber berichtet.

Welche Auflagen des Militärs oder der Regierung oder welche Auflagen durch den Verlag bzw. den Sender gibt es, und welche Schwierigkeiten kann es dadurch geben?

Bettina Gaus: Die Frage der Zensur und die Frage der Beschränkungen durch Regierungen oder Militärs oder überhaupt durch öffentliche Einrichtungen unterscheiden sich, glaube ich, sehr. Je nachdem, in welchem Teil der Welt es einen bewaffneten Konflikt gibt und wer daran beteiligt ist. Man weiß, wie beispielsweise die USA da operieren, wie sie versuchen, Informationspolitik zu gestalten. Die dabei auch hochprofessionell sind und die wirklich große eigene Abteilungen haben, in denen über den Umgang mit Medien und Medienpolitik wirklich nachgedacht wird. Es gibt andere Kriegs- und Krisengebiete, wo das letztlich keine erkennbare Rolle spielt. Wo auch die Möglichkeiten der jeweiligen Konfliktparteien, zu kontrollieren, was in Medien berichtet wird, einfach viel zu gering sind. Wie soll eine somalische Rebellengruppe überprüfen, was ein japanischer Korrespondent an irgendeine Wochenzeitung für einen Bericht schickt? Das ist unmöglich. Am ehesten lassen sich da noch Medien wie BBC oder CNN kontrollieren. Da kriegen die Kollegen unter Umständen dann auch Ärger. Die Frage nach Zensur und Auflagen ist ein Problem, vor allem in bestimmten Kriegsgebieten und gerade, wenn Weltmächte beteiligt sind. Andere Probleme sind logistische Schwierigkeiten. Wie komme ich von A nach B. Es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, und es gibt auch keine Flüge mehr. Wie kann ich die Geschichte überhaupt herausbringen? Was für Möglichkeiten gibt es überhaupt, mein Material zurückzubringen? Wer interessiert sich dafür?

Welche Gefahren gibt es für den Kriegsreporter, und wo ist für Sie die Grenze der Gefahren, welchen man sich nicht aussetzt?

Bettina Gaus: Dass Berichterstattung aus Kriegs- und Krisengebieten gefährlicher ist als eine Buchrezension, das, denke ich, erklärt sich von selbst, und es gibt auch sehr viel mehr Kriegsberichterstatter, die in Ausübung ihres Berufs sterben als Feuilletonredakteure. Anderseits soll man es auch nicht dramatisieren. Es gibt auch da professionelle Regeln, an die man sich hält. Man sollte möglichst wissen, wer ein Gebiet kontrolliert und ob es sinnvoll ist, sich von diesen Leuten schützen zu lassen, oder ob das im Gegenteil hochgefährlich ist ... Jede Redaktion sagt: "Keine Geschichte der Welt ist es wert, dass man dafür stirbt." Jeder Reporter dieser Welt würde dem auch zustimmen. Das Problem ist nur, dass man eben nicht immer weiß, wann man sterben kann. Einige Kollegen, darunter auch ein guter Freund, einige Kollegen, die ich gut kannte, sind getötet worden, in Ausübung ihres Berufs. Das war in keinem Fall, den ich kenne, so, dass sie leichtsinnig gewesen wären. Insofern kann man auch die Grenze nicht so leicht definieren, sondern sie haben sich entsprechend den professionellen Vorschriften verhalten, und es ist halt trotzdem schief gegangen. Das gibt es. Da muss man vom Nimbus des großen Abenteurers unbedingt weg, weil auch andere Berufe große Gefahren bergen. Wer zum Beispiel bei der Bergwacht arbeitet, hat auch das Risiko abzustürzen. Der Prozentsatz der Kriegsberichterstatter, die überleben, ist Gott sei Dank viel höher als der derer, die nicht überleben.

Gab es eine Situation, über die Sie berichten wollten und wo Sie dann gesagt haben: "Hey, das ist mir zu gefährlich!"?

Bettina Gaus: Ja, das gab es. Ich bin mehrfach in die Situation gekommen, wo ich mich an einen Ort begeben wollte oder eine Geschichte recherchieren wollte, und ich hab mich dann dagegen entschieden. Ich glaube, das gilt für alle Kollegen. Wenn man aus Krisengebieten berichtet, ist man sehr gut beraten, in noch stärkerem Maße als sonst seinem Gefühl zu folgen und für möglich zu halten, dass dieses Gefühl etwas signalisiert, was man in dem Augenblick gar nicht begründen kann. Ich erinnere mich, dass ich mit einer Kollegin im Südwesten Ruandas unterwegs war, als die französischen Truppen gerade gekommen waren, um dem Völkermord Einhalt zu gebieten. Wir fuhren durch ein ruhiges Gebiet und wollten in Kirchen und Missionsstationen recherchieren, wo sich besonders viele Menschen hingeflüchtet hatten, die dann fast alle umgebracht worden waren. Irgendwann fiel uns auf, dass auf unserer Seite der Straße schon lange niemand mehr gefahren war und dass uns nur Autos entgegenkamen. Eigentlich gab es überhaupt keine Veranlassung, anzunehmen, dass uns hier Gefahr drohte. Wir haben uns angeguckt und gesagt: "Lass uns mal umdrehen." Ich weiß bis heute nicht, ob uns da eine Gefahr gedroht hat oder nicht, aber es musste einen Grund geben, warum alle in die eine Richtung fuhren. Es hätte auch sein können, dass am nächsten Tag die Nachricht gewesen wäre: "Massenfluchtbewegung" und "Neues Entbrennen der Gewalt".

Welche Vorteile hat die Textberichterstattung, und welche Nachteile gibt es gegenüber der Kraft der Bilder des Fernsehens?

Bettina Gaus über Die Journalistin Bettina Gaus über die Notwendigkeit des „embedded journalism“ und die damit verbundenen Gefahren. (© 2006, Bundeszentrale für politische Bildung)
Bettina Gaus: So wie Medien heute organisiert sind, kann man davon ausgehen, dass ohne Berichterstattung im Fernsehen sich allenfalls ein ganz kleines Fachpublikum für Berichterstattung in einer Zeitung interessiert, die breite Öffentlichkeit wird man damit nicht gewinnen. Man braucht, ich sehe da schon eine Ergänzung, Fernsehen und auch Hörfunk, aber Fernsehen vor allen Dingen, um Interesse zu wecken für Berichterstattung in einer Zeitung. Ich bin ja Zeitungsjournalistin. Ich habe es immer als großes Privileg empfunden, dass ich mich nicht auf die Suche nach Bildern begeben muss. Erstens ist es sehr, sehr zeitaufwendig, wie ich bei Kollegen beobachten konnte, die eben Fernsehen gemacht haben. Das Risiko ist auch deutlich höher, weil man ja immer Aufsehen erregt. Eine Kamera lässt sich nur sehr schwer verstecken. Bestimmte Dinge lassen sich im Bild auch nicht wirklich schildern. Also, es ist schon immens schwierig, eine Bedrohung, von der man noch nicht wirklich weiß, ob sie Realität wird, oder Angst oder eine drohende Hungersnot, solange die Leute noch nicht abgemagert sind, im Text zu schildern, im Bild ist das fast unmöglich. Man hat da immer die berühmte Bild-Ton-Schere. Der Ton spricht immer von Dramatik, und das Bild ist völlig undramatisch, und diesen Widerspruch wieder aufzulösen in einem doch zwangsläufig sehr kurzen Beitrag, das, finde ich, ist eine sehr große Herausforderung, und ich bin froh, dass ich so etwas nicht machen muss. Die beiden Medien bedingen einander. Ein Problem ist allerdings, dass durch die Revolution in der Technik in den letzten 10 bis 20 Jahren die Übertragungsmöglichkeiten immer besser geworden sind. Das Tempo hat zugenommen. Während ich nichts dagegen habe, dass wir von den Zeitungen auf die Arbeit unserer Fernsehkollegen angewiesen sind, um Interesse für unsere Artikel zu wecken, habe ich sehr wohl was dagegen, dass das Tempo dazu führt, dass wir alle immer atemloser von einer Sensation zur nächsten hecheln, weil der Konkurrenzdruck wächst und weil, so sehr auch durchaus die Abonnenten und Abonnentinnen der Zeitungen natürlich sagen, sie möchten abseits der ausgetretenen Pfade Sonderreportagen lesen, gehen sie trotzdem alle davon aus, dass sie das, was sie am Abend vorher in der Tagesschau gesehen haben, dann am nächsten Tag auch in der Zeitung wiederfinden. Wir kommen in immer stärkerem Maße dahin, dass wir uns wirklich auch unsere Themen setzen lassen von einem so flüchtigen Medium wie dem Fernsehen. Wer es nicht tut, riskiert richtigen Ärger, nicht nur in der Redaktion, sondern auch seitens der Teilöffentlichkeit, die das eigene Medium liest. Ein gutes Beispiel dafür ist die Landung der US-Truppen am Strand von Mogadischu bei der Intervention in Somalia. Da wussten wir alle, dass die Nachricht null sein würde. Das war eine große Militärshow und sonst nichts. Wie es sich dann entwickeln würde, blieb abzuwarten, aber zunächst einmal hat das US-Militär seine Amphibienfahrzeuge vorgeführt. Das waren aber eindrucksvolle Fernsehbilder, und alle Zeitungsjournalisten, auch ich, pilgerten an den Strand und schrieben ihre Reportagen darüber. Einfach weil wir uns nicht dem Vorwurf aussetzen wollten, dass wir, was auf allen Fernsehsendern der Welt die wichtigste Hauptnachricht war, ignorierten. Es war aber natürlich eigentlich eine Vergeudung von Zeit, Geld, Kraft, Energie, denn die Substanz der Nachricht war, außer dem, was jeder wusste, nämlich die Amerikaner sind gelandet, gleich null.

Wie machen Sie das denn, wenn Sie sich als normaler Rezipient über ein Kriegsgebiet informieren wollen?

Bettina Gaus: Wenn ich mich über ein Gebiet, Krisenregion oder nicht Krisenregion, informieren möchte, das ich nicht aus eigener Anschauung kenne, wo ich nicht als Journalistin bin, sondern als ganz normale Zeitungsleserin oder Fernsehzuschauerin, dann mache ich natürlich im Grunde genommen auch nichts anderes als alle anderen Fernsehzuschauer und Zeitungsleser. Ich konsumiere Medien, nicht nur Zeitungen, denen ich weitgehend vertraue. Wenn man sich für eine bestimmte Gegend interessiert, kennt man ja auch häufig Namen von Korrespondenten, die da unterwegs sind. Ich lese Bücher dazu, auch von Autoren, denen ich zutraue, das seriös zu machen. Ich google im Internet. Man hat dann noch den kleinen Vorteil, wenn man selbst Journalistin ist, dass man ein paar Dinge besser einschätzen kann als die Mehrheit. Also man weiß wirklich, wie leicht Informationen ein wenig gefärbt sein können. Man weiß auch bestimmte Dinge ... Man weiß, welcher Prozentsatz von Mangelernährung bei Kindern unter fünf Jahren darauf hindeutet, dass es hier demnächst wirklich ein schlimmes Hungerproblem gibt, und wo man sagen kann, na ja, das ist so dramatisch auch wieder nicht. Das ist eine Erfahrungssache. Auch das könnte eigentlich jeder wissen, aber nicht jeder kann sich mit jedem Thema intensiv auseinandersetzen. Da gibt es ja Statistiken und Studien von den "Ärzten ohne Grenzen" und dem "Internationalen Roten Kreuz", was so kritische Zahlen sind, nur um ein Beispiel zu nennen. Wenn in einer Region schon lange Kämpfe toben und der Staatspräsident plötzlich kurzfristig eine Auslandsreise absagt, kann man die Nachricht vom Hintergrund einer jeweiligen Information wahrscheinlich ein bisschen besser einschätzen als Leute, die sich nicht so damit beschäftigen. Aber letztlich sind wir in Gebieten, wo wir uns nicht so gut auskennen, auf dieselben Koordinaten zurückgeworfen wie alle andern Leute auch.



 
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