Lokaljournalismus
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Crossmedial und lokal

Neue Herausforderungen durch multimediales Arbeiten


18.6.2012
Lokale Zeitungen teilen sich nicht mehr in Print und/oder Online. Die medienübergreifende Arbeit setzt sich durch. Was bedeutet dies für den Journalismus?

Content-Desk Content-Desk Die erste Konferenz am neuen Newsdesk. Die neue Mantelredaktion der WAZ-Mediengruppe hat am 10.Mai 2009 die Arbeit aufgenommen. Vorne Vorne Chefredakteur Ulrich Reitz (links) und Deskchef Lutz Heuken (rechts)Gemeinsames Arbeiten und Entscheiden für alle Kanäle: In Newsroom-Konzepten bestimmt das Thema den Weg. Eine konstante Entwicklung hin zu neuen Medien zeigt sich in den Veränderungen von Organisation und Struktur der Redaktion - hier etwa der Umzug der WAZ in einen überarbeiteten Newsroom 2009. (© WAZ Fotopool/ilja Höpping)

Das Schlüsselwort Crossmedia symbolisiert den rasanten Strukturwandel der Medien- und Journalismuswelt. Es dient als Gefäß, in dem Trends, Forderungen, Hoffnungen und Befürchtungen platziert werden. Und jeder meint im Detail etwas anderes, wenn er von "Crossmedia" spricht.

Nimmt man "Crossmedia" wörtlich, geht es um das "Kreuzen der Medien": in digitaler Technik und Geräten zur Produktion und Nutzung von Medien, in Konzernen und Märkten, in der journalistischen Arbeit, in den medialen Inhalten, deren Verbreitung und Nutzung. Im Hinblick auf die vernetzten digitalen Medien werden vermehrt aktive Nutzer, Nutzerbeteiligung und der Kontakt von Journalisten aller Medien mit Lesern im Social Web einbezogen, wenn von Crossmedia die Rede ist.

Wenn wir analysieren, was all dies für die Lokalredaktion der traditionellen Tageszeitung bedeutet, müssen wir uns drei Bereiche näher ansehen: (1) die Organisation der Redaktion, (2) die Medieninhalte, deren Darstellung und Verbreitung sowie (3) das Berufsbild der Journalisten. Schätzungen zufolge hatte schon Mitte der 2000er Jahre etwa die Hälfte der Zeitungsredaktionen in Deutschland auf die neuen redaktionellen Strukturen und Workflows umgestellt; heute dürften es weit mehr sein. Mit den neuen Darstellungsmöglichkeiten im Internet beschäftigen sich wohl alle lokalen Online-Redaktionen, wobei die Luft für Innovation und neues Denken und Arbeiten häufig recht dünn ist und von der Alltagsroutine verdrängt wird.

1. Crossmediale Redaktionen

Die mobile Reporterin der Rheinzeitung, Anna Lampert, produziert für alle Kanäle.Die mobile Reporterin produziert für alle Kanäle (© Rhein-Zeitung)

Schlagworte wie "Mehrkanalstrategie", "Multiplattform-Publishing", "Crossmediales Arbeiten", "integrierter Newsroom", "Bi-" oder "Trimedialität" beherrschen seit mehreren Jahren Tagungen und Strategiepapiere von Redaktionsmanagern und Verlegern. Die Idee, die das antreibt, ist schnell erzählt: Crossmediale Redaktionen nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung zur Reichweitenerhöhung auf dem hart umkämpften Publikumsmarkt. Man will die kontinuierlichen Verluste der gedruckten Tageszeitung ausgleichen und mit Website, Facebook oder Smartphone- und Tablet-Apps neue Zielgruppen erreichen und die Menschen an die Marke binden – so die Hoffnung innovativer Chefredakteure und Medienmanager.

Es gehört zum Grundprinzip crossmedialer Redaktionen, dass für neue Plattformen und Ausspielwege nicht zwingend neue Teams geschaffen und Personal eingestellt wird, sondern die bestehende Redaktion alles bedienen muss. Die digitalen Plattformen verändern sich dabei ständig: Zur eigenen Website sind neue Verbreitungs- und Diskussionskanäle wie Facebook oder Twitter dazu gekommen; aktueller Trend ist die "Appification", also die Verbreitung von Inhalten via Apps für Smartphone- und Tablets – oder künftig für den interaktiven TV-Bildschirm. Crossmediale Redaktionen und ihre Redaktionstechnik sind im Idealfall offen für neue Plattformen, die wir heute noch gar nicht kennen.

Diese Ansprüche an Redaktionen sind mit den traditionellen Strukturen nicht möglich: Jedes Ressort bearbeitete seine Seiten; zudem unterschieden sich die Redaktionen nach Ausspielkanälen: Print, TV, Hörfunk, Online. Neue Modelle der Redaktionsorganisation durchbrechen diese Autonomie: Ressort- und medienübergreifendes Arbeiten wird an einem Newsdesk oder in einem Newsroom zum Prinzip (vgl. "Was ist ein Newsdesk? Was ist ein Newsroom?").

Das A und O einer crossmedialen Redaktion ist ein strategisch-organisatorisches Konzept. Und das kann nicht von unten wachsen, sondern muss von der Redaktionsleitung vorgegeben und in einer Projektgruppe mit Mitarbeitern verschiedener Abteilungen im Detail erarbeitet werden: Welche Ziele haben wir? Wie müssen wir uns organisieren, um unsere Ziele zu erreichen? In einem Prozess des Change Managements müssen schließlich möglichst viele Journalisten mitgenommen werden. Im Idealfall werden flexible Strukturen geschaffen, die offen sind für weitere Veränderungen und den ständigen Innovationsdruck aushalten. Eine Arbeitsgruppe kann das konkrete Konzept zusammen mit der Redaktionsleitung erarbeiten; es sollte Sicherheit schaffen und Perspektiven für alle Mitarbeiter eröffnen. Weiterbildung kann unterschiedliche Methoden kombinieren: Workshops, aber auch Coaching am Arbeitsplatz oder zum Beispiel das sogenannte Job-Shadowing – Redakteure/Redaktionen besuchen und beobachten sich gegenseitig, um voneinander zu lernen. In einem Kreislauf des Qualitätsmanagements sollten die Ziele und ihre Umsetzung regelmäßig überprüft werden.

Es gibt nicht das eine Konzept einer crossmedialen Redaktion, sondern verschiedene Ideen und Modelle. Bei einer integrierten Redaktion sind jedes Ressort und jede Lokalredaktion für alle Plattformen zuständig. Jeder Journalist sollte zumindest für alle Kanäle mitdenken und immer mehr für alle Kanäle produzieren. Pflanzt man jedem Ressort und jeder Lokalredaktionen einen Onliner ein, so kann das den Nachteil haben, dass sich die anderen nicht für die digitalen Ausspielwege interessieren – denn es gibt dafür ja "den einen Zuständigen". Anderseits kann der Onliner Motor, Vorbild und Coach sein, wenn die Redaktionsleitung ihn dabei unterstützt. Und wenn er nicht nur die Zeitungswebsite im Auge hat, sondern alle digitalen Ausspielwege im Social Web.

Wie sollen die sozialen Netzwerke in der Redaktion verankert werden? – Vorbildlich in der Start- und Übergangsphase ist sicherlich der Social-Media-Redakteur, wie ihn die Rhein-Zeitung mit Lars Wienand im September 2009 positioniert hat. Aber selbst Wienand sagt, dass er sich im Idealfall mittelfristig überflüssig macht: Facebook und Twitter gehören zum normalen Arbeitsalltag aller Redakteure. Auch das muss organisiert und konzeptionell abgesichert sein. Ein modernes, aber radikales Konzept rückt die digitalen Plattformen in den Mittelpunkt – so wie zum Beispiel bei der Welt-Morgenpost-Gruppe im Axel Springer-Verlag in Berlin seit dem Frühjahr 2012 In der Konferenz wird erst einmal überlegt und entschieden, was auf der Website, auf Facebook und in den Apps passieren soll – erst dann wird aus dem Material und aus der Erfahrung der Online-Publikationen und der Publikumsresonanz des Tages heraus die Zeitung zusammengebaut. Die Editors ("Blattmacher") stehen im Kern des redaktionellen Prozesses, entscheiden, redigieren, titeln, vernetzen die Plattformen.

2. Crossmediale Inhalte, Darstellung und Verbreitung


Lars Wienand, Socialmedia-Redakteur der Rhein-ZeitungTweets und Facebook-Kommentare als Informationsquelle und Feedbackkanal: Lars Wienand, Socialmedia-Redakteur der Rhein-Zeitung (© Denise Hülpüsch/Rhein-Zeitung)

Zentral ist das Denken und Arbeiten in Themen – es geht nicht mehr primär darum, Seiten zu füllen. Dadurch kann sich auch die journalistische Qualität verbessern: Die Entscheidung, wie eine Geschichte ansprechend erzählt und aufbereitet wird, gewinnt an Bedeutung. Man spricht von einem Storytelling über Mediengrenzen hinweg ('across media' oder 'across platforms') oder von einem 'Newsflow' zwischen den Plattformen, die sich gegenseitig ergänzen, wenn nicht alle Plattformen gleichzeitig und gleichwertig zu bestücken, sondern gemäß den jeweiligen Nutzererwartungen. "Choose the best media to launch a story – and the best flow between media", sagt Lars Jespersen, Chefredakteur des integrierten Medienhauses Nordjyske Medier in Dänemark, das einen Newsroom für Zeitung, Fernsehen, Radio und Internet betreibt.


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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/ Autor: Klaus Meier für bpb.de
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