>>> Alles zur Bundestagswahl 2017 <<<
Mikrofonpult
1 | 2 Pfeil rechts

Katastrophen und ihre Bilder


6.10.2014
Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen ist eine Herausforderung für Journalisten: Es gibt eine Informationspflicht, aber die Opfer müssen vor Voyeurismus geschützt werden. Wie kann die Frage nach der "richtigen" Bildberichterstattung beantwortet werden?

Nuklearkatastrophe in einem japanischen Kernkraftwerk: Explosion in Fukushima 2011.Nuklearkatastrophe in einem japanischen Kernkraftwerk: Explosion in Fukushima 2011. (© picture-alliance)


Einleitung



"Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden." (Pressekodex des Deutschen Presserats / Richtlinie 11.3 – Unglücksfälle und Katastrophen siehe auch Presserat rügt Veröffentlichungen von Fotos – Schwere Verstöße gegen Opferschutz[1])

Katastrophen gehören zum Alltag des Nachrichtengeschäfts: Der Tsunami in Südostasien im Dezember 2004, der Hurrikan Katrina in New Orleans im Sommer 2005, das Erdbeben in Haiti im Januar 2010 oder der Tsunami in Japan und die anschließende Havarie des Atomkraftwerks in Fukushima im März 2011 – sie alle haben die Welt in Atem gehalten und die Menschen bewegt, vor allem durch die Fotos und TV-Bilder, die Medien produzieren, wenn sie über Katastrophen (teilweise live) berichten. Aber welche Motive von Gewalt und Zerstörung wählen Zeitungen und Magazine für die Bebilderung aus? Welche Einstellungen von Leid und Elend lassen Fernsehredakteure über ihre Sender gehen? Und wie gehen seriöse Medien mit den Bildern einer Katastrophe um?

Bilder halten fest: Welchen Wert haben Bilder von Katastrophen?



Dr. Guido Zurstiege, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, sagt dazu:

Quellentext

Ein gutes Bild dokumentiert

Ein gutes Bild dokumentiert. Zugleich leugnet es nicht, dass es von einem bestimmten Standpunkt aus geschossen wurde. Ein gutes Bild bewegt seinen Betrachter, betreibt dabei aber keine Effekthascherei. Es respektiert die Rechte der abgebildeten Personen.

Quelle: Prof. Dr. Guido Zurstiege



Für Harald Menk, Bildredakteur für die Ressorts Ausland und Reportage beim Hamburger Nachrichtenmagazin Stern, müsse ein "gutes" Bild einer Katastrophe die Leserinnen und Leser bewegen. Dafür brauche es eine gewisse Dramatik sowie Nähe und Unmittelbarkeit, um Emotionen wecken zu können. "Auch nach vielen Jahren zucken wir in der Bildredaktion oft zusammen, wenn wir sagen: 'Das ist ein gutes Foto' und du siehst nur Tod und Verwüstung." Das passiere besonders nach Katastrophen und während Kriegen.

Steffen Haug, Chefredakteur von SPIEGEL TV und Leiter Bewegtbild bei SPIEGEL Online, findet, dass es bei Zerstörungen eigentlich nichts gibt, was lieber nicht gezeigt werden sollte. Anders sei das bei Toten:

Quellentext

Nicht einfach nur bebildern

Ich bin der Meinung, dass man immer auch zeigen muss, dass in Kriegen oder bei Katastrophen gestorben wird. Aber die Bilder dürfen nicht ästhetisierend sein, sie müssen eingebunden sein, nicht einfach nur bebildern, sondern etwas erklären.

Quelle: Steffen Haug



Dr. Liane Rothenberger, Kommunikationswissenschaftlerin und Mitglied in der internationalen Forschungsgruppe Krisenkommunikation an der TU Ilmenau, unterstreicht diese Forderung. Fotografen, Kameraleute und Redakteure sollten sich immer bewusst sein, dass das Visuelle bei den meisten Menschen als die Realität wahrgenommen wird:

Quellentext

Visuelles und Realität

Es gibt ein Urvertrauen in die Bilder. Seit in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Autorität des Reporters aufgesprengt wurde, seine Augenscheinberichte allein nicht mehr reichten und die Fotografie die Funktion des Beweises übernommen hat, ist für die meisten Leser und Zuschauer ein Bild die Wirklichkeit.

Quelle: Dr. Liane Rothenberger



Dass auch Bilder subjektive Ausschnitte der Realität sind, sei den meisten Menschen nicht bewusst. Je subjektiver Bilder seien, als desto authentischer würden sie gelten, sagt Rothenberger und bezieht sich dabei beispielsweise auf verwackelte Bilder, die über Helmkameras von Soldaten in Kriegen aufgenommen wurden. Es sei daher wichtig, dass Redakteure Bilder immer einordnen, durch Bildunterschriften oder durch Informationen im begleitenden Text: "Die Wolke über dem Atomkraftwerk in Fukushima mag ein starkes Bild sein, aber was bedeutet sie? Hat es eine Kernschmelze gegeben? Wie hoch ist die Radioaktivität? Wie groß die Gefahr?"

Bilder erzählen: Die Bedeutung der Live-Berichterstattung



Ein Fernsehteam dreht im überfluteten Uferbereich des Mains in Frankfurt/Main 2011.Ein Fernsehteam dreht im überfluteten Uferbereich in Frankfurt am Main 2011. (© picture-alliance/dpa)


Daneben fordert die Wissenschaftlerin mehr Bescheidenheit und Ehrlichkeit von den Medienleuten in ihrer alltäglichen Arbeit: "Eigentlich müssten Reporter und Redakteure viel öfter den Satz sagen: 'Ich stehe hier, sehe nur einen kleinen Ausschnitt und kann das Ereignis daher gar nicht genau einordnen.'" Das gelte vor allem für die Live-Berichterstattung des Fernsehens: "Live-Berichte holen Katastrophen direkt in das Wohnzimmer ohne zeitliche Distanz zum Geschehen und oft auch ohne genügend Zeit für Recherche."

Die Frage, vor der eine Redakteurin und ein Redakteur immer stehe, lautet: "Was muss ich senden? Was soll ich den Zuschauern besser nicht zumuten?", sagt Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-Aktuell und somit auch der "Tagesschau" und der "Tagesthemen". Das gelte in besonderem Maße für die Live-Berichterstattung, die man in besonderem Maße versuche, vorzuplanen: "Wir versuchen dabei sehr genau zu sein, trotz der Hektik und Unübersichtlichkeit, die zu der Arbeit in solchen Ausnahmesituationen gehört. Wir wollen keine Sensationsgier befriedigen und uns an dem orientieren, was wir wissen, und dazu gehört, dass wir auch auf spektakuläre und exklusive Bilder verzichten, wenn sie zu grausam oder zu monströs sind."

Für Steffen Haug (SPIEGEL TV / SPIEGEL Online) liegt die Stärke des Bewegtbildes in allererster Linie in seinem Live-Charakter. Gerade solche Bilder würden oft zu Bild-Ikonen, die immer wieder gezeigt werden und die fast jeder kennt: "2011 waren die Einstellungen des weggesprengten Daches im havarierten Atomkraftwerk in Fukushima die weltweit meist ausgestrahlten TV-Minuten und auch auf SPIEGEL Online wurde kein anderes Video so häufig angeklickt."

Unter dem Einfluss der digitalen Medien habe sich in den vergangenen Jahren die Reichweite des Aktualitätsbegriffs ganz klar ausgeweitet, erläutert Guido Zurstiege (Universität Tübingen): "Facebook, YouTube, Twitter – sie alle ermöglichen, dass wir bei immer mehr Ereignissen quasi live dabei sein können." Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung hätten die klassischen Massenmedien wie Fernsehen und Radio mit der Ausweitung ihrer Live-Berichterstattung reagiert, um konkurrenzfähig zu bleiben. Zugleich hätten sie aber auch eine ihrer großen Stärken weiter ausgebaut und konzentrierten sich auf die Kontextualisierung und Einordnung dessen, was wir live beobachten können. "Was sich hier andeutet, könnte sich zu einer medialen Aufgabenteilung entwickeln in digitale Aufmerksamkeit und analoge Vertiefung", glaubt Zurstiege.

Bilder schockieren: Was wir nicht sehen



Erdbeben Haiti: Mann mit Fernseher vor den Trümmern.Nach dem Erdbeben in Haiti 2010: Ein Mann mit Fernseher vor den Trümmern. (© picture-alliance)


Werden die Zuschauer durch die digitale Bilderflut immer abgebrühter? Müssen Medienmacher immer mehr zeigen, weil sich die Grenze des Zeigbaren durch das Internet ins Voyeuristische verschoben hat? So pauschal könne man das sicherlich nicht behaupten, findet Guido Zurstiege. Aber der Medienwissenschaftler sieht die Gefahr, dass Journalisten immer abgebrühter würden und stärker auf voyeuristische Elemente setzten, angesichts des gestiegenen Wettbewerbs auf den Medienmärkten. Das gelte nicht nur für die oft kritisierten Boulevardformate im Fernsehen oder Printgeschäft.

Er glaube dagegen nicht, dass durch das Internet bei klassischen Medien Schranken gefallen sind, sagt Steffen Haug. "Sie können im Netz zum Beispiel Handyfilme zur Love-Parade-Katastrophe in Duisburg finden, die ich nie zeigen würde, obwohl wir dazu viel gesendet haben. Wir haben damals über jede Einstellung lange debattiert und viel einfach weggelassen." Bei Kriegen und Katastrophen spiele zwar oft Bildmaterial aus den sozialen Medien und Videoportalen wie YouTube eine Rolle. Dieser Ursprung würde aber immer kenntlich gemacht, da man nicht wisse, wie vertraulich und verlässlich die Quellen seien. "Ich würde die Bilder eines Agenturkameramannes immer vorziehen", erklärt Haug, der trotz der vermeintlichen Konkurrenz aus dem Internet vielmehr eine gegensätzliche Entwicklung sieht: "Heute werden viele Dinge nicht mehr gezeigt, die früher über die Sender gegangen wären."

Auch Harald Menk (Stern) ist nicht der Meinung, dass durch das Internet mit seinem scheinbar unendlichen Reservoir an verstörenden Bildern die Printmedien skrupelloser und sensationsgieriger geworden sind: "Da ist wenig in die Zeitungen und Magazine geschwappt." Es sei vielmehr so, dass Printmedien in der Vergangenheit viel grausamere Bilder von Kriegen und Katastrophen gedruckt hätten. "Was es früher für Bilder aus dem Vietnamkrieg oder von Dürrekatastrophen in Afrika gegeben hat, wäre heute unvorstellbar." Der Bildredakteur vermutet, dass es im Umgang mit der Fotografie so etwas wie eine Lernkurve gegeben habe:

Quellentext

Lernkurve im Umgang mit der Fotografie

Gerade in den 60er und 70er Jahren haben Chefredakteure und Art-Direktoren, Fotografen und Bildredakteure viel ausprobiert. Heute ist es dagegen in der Gesellschaft Common Sense, dass man zum Beispiel Sterbende nicht zeigen muss und vielleicht auch nicht sehen will.

Quelle: Harald Menk



Tatsächlich zeigt eine aktuelle und viel beachtete empirische Studie des Wissenschaftlers Folker Hanusch von der University of the Sunshine Coast in Australien, dass Tote in Zeitungen nur selten abgebildet werden[2]. Hanusch untersuchte die Bildberichterstattung über das Erdbeben in Haiti 2010 in 30 Qualitätszeitungen in 15 Ländern. Nur auf 8,3 % der Bilder waren Tote zu sehen. In den europäischen und amerikanischen Zeitungen wurden auch kaum Blutende oder Schwerverletzte gezeigt, wohl in erster Linie, weil die Leserinnen und Leser nach Auskunft der Zeitungsmacher solche Bilder nicht sehen wollten, wie Hanusch schreibt. Dabei war in katholisch geprägten Ländern der Anteil Toter etwas höher als in evangelisch geprägten. Hanusch vermutet, dass die größere Bildernähe im Katholizismus hier eine Rolle spiele. In Ländern, in denen Gewalt und Tod eher zum Alltag gehören – wie in Mexiko oder Südafrika – waren die Redakteure außerdem eher bereit, die Toten aus Haiti auf die Seiten zu stellen. Irgendeinen Einfluss des Internets auf die Auswahl der Bilder in den Zeitungen konnte Hanusch nicht erkennen.



Fußnoten

1.
vgl. z. B. Presserat vom 16. September 2011, 16. März 2012, 09. September 2014, 03. Dezember 2015
2.
vgl. "The visibility of disaster deaths in news images: A comparison of newspapers from 15 countries", 2012
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Tobias Asmuth für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.