Mikrofonpult
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Medien und Gesellschaft im Wandel


6.10.2014
Medienwandel und Medienkrise können zu Skandalisierung und Personalisierung in der Politikberichterstattung führen. Kann Mediennutzung, insbesondere die der neuen Medien, zur Informiertheit aller beitragen oder profitieren die besser Gebildeten stärker? Wie nutzen die Bürger die alten und neuen Medien?

Der Schatten eines Fernsehkameramanns.Der Schatten eines Fernsehkameramanns. (© picture-alliance)


Einleitung



Der Beitrag befasst sich mit den Leistungen der »Massenmedien« für Gesellschaft und »Demokratie«. Im Kontext von Medienwandel und Medienkrise werden Veränderungen im Journalismus wie Kommerzialisierung und Orientierung am Massenpublikum, aber auch die verstärkte Skandalisierung und Personalisierung in der Politikberichterstattung thematisiert. Vor diesem Hintergrund wird zum einen nach Möglichkeiten der Sicherstellung von Medienqualität und zum anderen nach dem Potential von Internet und »Social Media« gefragt.

Abschließend stehen die Bürger als Mediennutzer im Zentrum: Wie nutzen sie die alten und neuen Medien? Trägt Mediennutzung zur Informiertheit aller bei oder profitieren die besser Gebildeten stärker? Weitere Fragestellungen sind: Begünstigen die Medien Wandel oder Stabilität in der Gesellschaft? Hat die gestiegene Informationsflut tendenziell eine Fragmentierung und Polarisierung der Gesellschaft zur Folge?

Gesellschaftliche Erwartungen und mögliche Leistungen der Massenmedien



Massenmedien wie Presse, Radio und Fernsehen sowie das Internet und Social Web leisten einen unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren der Demokratie. Davon gehen Politiker im Allgemeinen und Medienschaffende im Speziellen, aber auch die Öffentlichkeit aus. Massenmedien sollen sowohl zur Stabilität wie auch zum Wandel der Gesellschaft beitragen.

Nach Meinung des Soziologen Niklas Luhmann[1] ermöglichen Medien die Selbstbeobachtung der Gesellschaft:
  • Medien als "Fenster zur Welt" wählen relevante Themen für die Öffentlichkeit aus und stellen sie bereit.
  • Medien liefern den Bürgern Argumente für und gegen umstrittene Themen.
  • Medien recherchieren das für die Entscheidungsbildung notwendige Hintergrundwissen, bereiten es verständlich auf und machen es breit verfügbar.
Als Folge dieser Medienleistung werden Argumente zu aktuellen Fragen in der Öffentlichkeit ausgetauscht, diskutiert und kritisch hinterfragt. Durch die Nutzung der Medien beteiligt sich die Bevölkerung an den gesellschaftlich aktuellen Themen und Problemen. Dadurch erhöht sich der Wissensstand aller. Darüber hinaus erhofft man sich, dass auch Minderheiten wie Migranten durch die Medien in die Gesellschaft integriert werden. Durch die Medienberichterstattung könnten sich soziale Vorurteile und vielleicht sogar Diskriminierungen gegenüber Minderheiten abschwächen.

Massenmedien leisten für die Gesellschaft unverzichtbare Funktionen:



Funktionen der Medien für die GesellschaftFunktionen der Medien für die Gesellschaft I. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Funktionen der Medien für die GesellschaftFunktionen der Medien für die Gesellschaft Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


PDF-Icon Hier finden Sie beide Grafiken zum Download
  1. Die Vermittlung von Information und Hintergrundwissen über aktuelle Ereignisse und relevante Themen, aber auch einen Beitrag zur Bildung und kulturellen Entfaltung.

  2. Bürger, aber auch Politiker der »Legislative« wie Mitglieder der Regierung sowie weitere politische Akteure (z. B. »Nichtregierungsorganisationen = NGOs«) und solche aus Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft äußern ihre Interessen, Meinungen und Argumente zu politischen und gesellschaftlichen Fragen via Medien. Die Medien selbst stellen für diese Akteure eine öffentliche Arena bzw. Plattform zur Verfügung. Sie ermöglichen so die Entstehung und Abstimmung von Meinungen durch eine sachgerechte Darstellung der bestehenden Meinungsvielfalt.

  3. Darüber hinaus kommt den Medien im Sinne einer sog. "Vierten Gewalt" aber auch eine unabhängige und im Idealfall verantwortungsbewusst wahrgenommene Kontroll- und Kritikfunktion zu: Über Recherchen sollen quasi stellvertretend für die Zivilgesellschaft die "Mächtigen" in der Gesellschaft kontrolliert und allfällige Missstände aufgedeckt werden.

  4. Schließlich wird den Medien zukunftsorientiert eine Frühwarnfunktion zugeschrieben: Sie sollten frühzeitig auf problematische Entwicklungen wie beispielsweise die Klimaerwärmung aufmerksam machen, sodass gesellschaftliche Lernprozesse stattfinden können[2] (vgl. Grafiken oben und nachfolgende Übersicht).

 
Funktionen der Medien für die Bereiche der Gesellschaft
 
Information als "Fenster zur Welt" → transparente öffentliche Arena
PolitikWirtschaftKultur - Soziales
Öffentlichkeit herstellenKonsuminformationOrientierung und Lebenshilfe
Artikulation von MeinungenWarenzirkulationSozialisation: Werte & Normen
Kontrolle und KritikBeschäftigung sichernIntegration in Gesellschaft
FrühwarnfunktionWertschöpfung z. B. in der MedienbrancheBildung und kulturelle Entfaltung
Partizipation & AktivierungUnterhaltung und Entspannung

Diese Erwartungen an die öffentlichen Massenmedien sind Idealvorstellungen, welche als wünschbare Leistungen gefordert werden. Sie sind in der Realität aber immer nur teilweise umgesetzt, was sich immer wieder in Medienkritik und Medienschelten äußert. Anstelle von transparenter Meinungsvielfalt kann speziell in autoritären Gesellschaften mit eingeschränkter Medienfreiheit die Meinung von Regierung oder mächtigen Gruppen als uniforme Mehrheitsmeinung unhinterfragt in den Medien dominieren (z. B. Russland oder China).

Aber auch für Medien in Demokratien stellt sich die Frage, ob und wie stark sich diese konkret für mehr oder weniger Gleichheit in der Gesellschaft einsetzen. Denn anstelle von Beiträgen zur Integration und Solidarität bezüglich Migranten oder anderen Minderheiten können Medien durch pauschalisierende Berichterstattung zur Stereotypisierung beitragen und Diskriminierung verstärken. Schließlich besteht immer auch die Gefahr, durch einseitige Darstellungen Einzelpersonen oder gesellschaftliche Gruppen ungerechtfertigt in Verruf zu bringen. Inhaltsanalysen der Medienberichterstattung zeigen, dass Migranten und speziell Muslime in den Medien tendenziell wenig vorkommen, und wenn, dann stereotyp und negativ dargestellt werden[3].

Medienwandel und Medienkrise



Jüngste Entwicklungen im Medienbereich geben Anlass zur Sorge, dass die Qualität der Medienberichterstattung in Gefahr ist. Warnende Stimmen sprechen sogar von einer Medienkrise[4]. Im Printbereich wie im Rundfunk ist bei den Medienkonzernen seit längerem eine wachsende Medienkonzentration im Gange: Große Medienkonzerne werden immer dominanter. Parallel dazu verschieben sich die Werbeausgaben von der Presse ins Internet und die Zeitungsnutzung ist rückläufig. Auf der Ebene der Medienorganisationen hat dies nicht zuletzt zur Entlassung von Medienschaffenden, zur Verkleinerung der Redaktionen und zur Schaffung von kostengünstigeren »Newsrooms« geführt. Im Nachrichtenraum erfolgt die gemeinsame Produktion der Inhalte für die Print-Ausgabe und das Online-Angebot. Die Journalisten schreiben somit einen Artikel nicht mehr nur für die Zeitung, sondern erstellen gleichzeitig auch Online-Versionen oder Radio- bzw. TV-Beiträge.

Aber die Medienkrise ist nicht nur eine Finanzierungskrise, auch der Journalismus ist inhaltlich betroffen. Die Kommerzialisierung hat nicht nur zu einer Abnahme der Medienvielfalt geführt, sondern der wirtschaftliche Druck äußert sich ebenso in einer verstärkten externen Einflussnahme von »Public Relations« (Öffentlichkeitsarbeit) auf die Berichterstattung etwa als Gefälligkeitsjournalismus. Hierdurch wird die journalistische Unabhängigkeit gefährdet.

Als Folge der Ökonomisierung sind zudem eine verstärkte Orientierung am Publikum und dessen Wünschen zu konstatieren. Information und Unterhaltung sowie Öffentliches und Privates etwa von Politikern werden in der Berichterstattung vermischt, um diese interessanter zu machen. Die Medienkritik fokussiert hier unter den Stichworten "Personalisierung"[5]und "Infotainment" zum[6] einen auf die Boulevardpresse und zum anderen auf den Privatrundfunk. Beiden wird Populismus und mangelnde Unabhängigkeit sowie ein generell tiefes Qualitätsniveau vorgeworfen.

Infokasten

Infotainment / Personalisierung

Die Vermischung von informierenden und unterhaltenden Formaten des Fernsehens wird als Infotainment bezeichnet. Der erste Teil des Wortes stammt von "Information", der zweite Teil leitet sich aus dem angloamerikanischen Begriff "Entertainment" (= Unterhaltung) ab. In der Regel wird damit die Tendenz beschrieben, z. B. in Nachrichtensendungen immer mehr "weiche" Themen wie Meldungen über Prominente aufzunehmen. Infotainment bezeichnet auch die zunehmende Emotionalisierung und Personalisierung von Nachrichten, wobei letzteres die Ausrichtung auf eine bestimmte Person (Moderator, "Anchorman") bedeutet.

Quelle: Tele-Visionen: Glossar medienwissenschaftlicher Fachbegriffe


Analysen der Medienberichterstattung erkennen und kritisieren insbesondere einen Wandel der sog. Medien-Logik, d. h. der Art und Weise, wie Medien Ereignisse und Themen selektiv auswählen und darüber berichten[7]: Der Journalismus, aber auch Public Relations, würden immer mehr Ereignisse als Media-Events selber inszenieren und fokussierten immer stärker auf Skandalisierung und Moralisierung einerseits sowie Personalisierung, Emotionalisierung und Intimisierung andererseits. Dabei würde bewusst das Bedürfnis des Medienpublikums nach Neugier und Voyeurismus bedient und bewirtschaftet im Sinne der Steigerung von Auflagen und Reichweiten.

Umgekehrt wird unter dem Stichwort »Medialisierung« diskutiert, dass nicht nur die Politik, sondern auch die übrigen Bereiche der Gesellschaft wie auch die Wissenschaft sich der Medien-Logik anpassen würden[8].

Medienqualität zwischen Anspruch und Realität



Die vielfach geäußerte Kritik an den oben genannten (Fehl-)Entwicklungen im Journalismus[9] hat Forderungen nach verstärkter Selbstregulierung und nach mehr medienpolitischer Fremdkontrolle zur Sicherstellung von Medienqualität Auftrieb gegeben. Dies hat in der Kommunikationswissenschaft zur Definition und Messung der Qualität von Medienangeboten als Forschungsthema geführt[10]. Auch die Landesmedienanstalten begannen Studien zur Qualität der privaten TV- und Radioprogramme in Auftrag zu geben[11].

Die Diskussion über Medienqualität ist aber nichts Neues. Immer wieder streiten Journalisten, Politiker und das Medienpublikum kontrovers über die Qualität:
  • von Mediengattungen wie Boulevardpresse oder Privatfernsehen,
  • einzelner Programme bzw. Formate wie Reality-TV oder
  • einzelner Sendungen wie etwa der neue Polit-Talk "Absolute Mehrheit" von Stefan Raab vom 11. November 2012.

Infokasten

"Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen"

Politische Talkshow mit Stefan Raab. "Fünf Gäste diskutieren über drei Themen und die Zuschauer entscheiden, wer die besten Argumente hat. Schafft es ein Talkgast die absolute Mehrheit hinter sich zu versammeln, gewinnt er 100.000 Euro!", so die ursprüngliche Eigenwerbung bei ProSieben Ende 2012. Nach sechs Folgen von November 2012 bis September 2013 wurde die Sendung wegen stark sinkender Quoten nicht mehr ausgestrahlt.


In solchen Debatten zur Medienqualität wird dabei auf positive Kriterien wie objektiv, sachgerecht, relevant, professionell, unabhängig, verständlich etc. verwiesen oder negativ mangelnde Professionalität, Subjektivität, Arroganz, Einseitigkeit, Realitätsverzerrung, Oberflächlichkeit u.a.m. kritisiert.

Bei der Ermittlung von Medienqualität werden einzelne Dimensionen etwa von TV-Nachrichten mittels Inhaltsanalyse gemessen und mit Qualitätsstandards verglichen. Was normativ unter Nachrichten- bzw. Medienqualität verstanden wird, kann aber unterschiedlich definiert und begründet werden. In der Regel werden solche Qualitätsdimensionen wie in Deutschland unter Rückgriff auf Art. 5 des Grundgesetzes und die entsprechenden Landespressegesetze abgeleitet.

Schatz/Schulz schlagen folgende 5 Qualitätsdimensionen für TV-Programme vor[12]:

  1. Vielfalt von Angeboten bezüglich Formaten, Themen Regionen, Gruppen, Interessen und Quellen
  2. Relevanz der Themen für Individuen, Gruppen und Gesellschaft
  3. Professionalität der Inhalte und Gestaltung etwa bezüglich Sachgerechtigkeit und Unparteilichkeit
  4. Akzeptanz durch die Zuschauer
  5. Rechtmäßigkeit als Einhalten der entsprechenden journalistischen Normen und Mediengesetze, wie z. B. Jugendschutz.
Das magische Vieleck der Medienqualität
Magisches Vieleck der MedienqualitätMagisches Vieleck der Medienqualität (PDF-Icon Grafik zum Download) Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Parallel dazu formulierte Russ-Mohl[13] sein Qualitätsmodell, nach dem sich qualitativer Journalismus zu orientieren habe an:
  1. Aktualität
  2. Komplexitätsreduktion
  3. Objektivität
  4. Transparenz und Reflexivität
  5. Originalität.
Der Vergleich der beiden Ansätze zeigt, dass Qualitätsmaßstäbe im Journalismus von verschiedenen Faktoren abhängig sind[14]:
  1. Medium (Rundfunk vs. Presse),
  2. Periodizität (tagesaktueller vs. wöchentlicher Journalismus),
  3. Genre (Nachricht, Bericht, Reportage, Kommentar),
  4. Funktion (Information vs. Unterhaltung) und
  5. Selbstverständnis der Journalisten (objektiver Vermittler, Anwalt, Erklärer), aber auch
  6. vom Publikum als Zielgruppe (z. B. Bildung).
Mittlerweile sind zur Medienqualität verschiedene empirische Studien durchgeführt worden[15]. Die Informationssendungen des öffentlichen Rundfunks schneiden dabei besser ab als jene des Privatrundfunks, insofern etwa ARD und ZDF u. a. mehr Nachrichten, einen höheren Politikanteil, eine breitere Themenvielfalt und mehr Themen mit gesellschaftlicher Relevanz aufweisen.

Internet und Web 2.0 als Alternativen



Statt Blockhaltung zwischen Zeitung und Leser zum Mitgestalten auffordern – dieses Ziel setzen einige Verlage bereits erfolgreich um.Statt Bevormundung des Publikums zum Mitgestalten auffordern – etablierte Medien haben begonnen, Möglichkeiten anzubieten. (© Photocase/chriskuddl | ZWEISAM)


Während die Bemühungen um Medienqualität auf bestehende Medienangebote von Presse und Rundfunk zielen, verstärkte sich in den letzten Jahren die grundsätzliche Kritik an den klassischen Massenmedien durch Anhänger und Vertreter der sog. Neuen Medien[16]. Für sie beschränkt der Journalismus der klassischen Medien die Meinungsfreiheit grundsätzlich und bevormundet das Publikum. Nach ihrer Meinung bietet sich das Internet wegen seiner Interaktivität an, wobei das »Social Web« mit seinen Diskussionsforen, Blogs und Twitter neue Möglichkeiten für alle Nutzer bereitstelle und so die Öffentlichkeit transparenter und egalitärer mache. Die "Konsumenten" der klassischen Medien werden dabei unter dem Stichwort "Produser" zu Produzenten in der Internetsphäre.

Allerdings werden diese Hoffnungen auf verstärkte Partizipation der Bürger durch das Internet kontrovers diskutiert[17]. Betont wird etwa, dass auch im Internet die etablierten politischen Akteure und die mächtigen Wirtschaftsorganisationen dominieren würden. Zudem zeichnet die bisherige empirische Forschung[18] ein eher ernüchterndes Bild, und zwar sowohl was die Qualität der Beiträge anbelangt als auch die politikorientierte interaktive Nutzung des Internets.

Vergleich zwischen klassischem und Internet-Journalismus

Zudem haben die klassischen Medien unter dem Stichwort »Bürgerjournalismus« begonnen, ihre Nutzer zu aktivieren und stärker zu beteiligen[19] (siehe nachfolgende Übersicht). Neue Partizipationsformen werden angeboten: Fotos, Filme und Textbeiträge können über Internet und Handy zugemailt und in den redaktionellen Teil integriert werden. Darüber hinaus recherchieren die professionellen Journalisten heute selber verstärkt im Internet und nutzen die laufenden Diskussionen in den Foren als Input für ihre eigene Arbeit. Im Folgenden wird der Journalismus in den klassischen Medien (Presse und Rundfunk) mit den neuen Möglichkeiten der Partizipation im Internet verglichen:

 
Vergleich zwischen klassischem und Internet-Journalismus
 
Klassische MedienInternet und Social Web
Tagesaktualitätkontinuierliches Updating möglich
explizite QualitätsstandardsInfo-Qualität unklar, nicht transparent
auf Dauer gestellte professionelle Leistungspontan von "unabhängigen Laien" erbracht
strukturiertes Angebotzugangsoffene egalitäre Vielfalt
Einseitigkeit der Massenkommunikationzweiseitiger interaktiver Austausch
Rollentrennung: Journalist – RezipientRollenwechsel: Produzent – User als Produser
Push-Situation: Medien bieten Infos anPull-Situation: Nutzer müssen aktiv Info suchen
Nutzung tendenziell passiv-rezipierendNutzung aktiv → interaktiv → partizipativ
kaum Zugangsbarrierendigitale Zugangsklüfte und Fragmentierung

Allerdings ist nicht immer klar, was genau unter Bürgerjournalismus zu verstehen ist:

Das Phänomen hat vielfältige Facetten und der Begriff wird dementsprechend uneinheitlich verwendet. Im Kern meint Bürgerjournalismus aber eine zugangsoffene, unabhängige und vielfältige Nachrichtenproduktion durch zivilgesellschaftlich engagierte Bürger in Form von selbstständig erbrachten Laienangeboten. Konkret werden darunter Formate wie Weblogs, Podcasts oder Wikis und Facebook, YouTube oder Twitter verstanden.

Positiv herausgehoben wird vor allem, dass so eine breite Partizipation der Bürger an öffentlicher Kommunikation möglich und die Entscheidungsfindung in der Politik durch Diskussionsbeteiligung der Betroffenen demokratischer würde. Als Beispiel kann auf die breite Diskussion um das Bahnprojekt "Stuttgart 21" verwiesen werden.

Aus der Perspektive der klassischen Medien werden Erwartungen an den Bürgerjournalismus im Internet abgeschwächt: Es wird betont, dass nur Bezahlmedien dauerhaft gesichert, aktuelle und professionelle redaktionelle Leistungen zu erbringen vermögen, welche auf klar definierten Qualitätsstandards beruhen. Die Leistungen des Bürgerjournalismus seien, was die Qualität anbelangt, oft nicht transparent und außerdem sehr heterogen. Zudem überwiege der Austausch von nicht-neutralen Meinungen, vertiefte unabhängige Recherchen seien die Ausnahme und der Anteil an Exklusivinformation gering.

Die vorliegenden Befunde sprechen somit eher gegen den Optimismus, dass der Bürgerjournalismus bezüglich Qualität mit dem professionellen Journalismus konkurrieren könne[20]. Relativierend ist allerdings festzuhalten, dass die Forschung im deutschen Sprachraum erst am Anfang steht und der Bürgerjournalismus im Internet ohne Zweifel neue Impulse auch für die etablierten Medien gebracht hat.

Eine kontrovers geführte Debatte innerhalb der Kommunikationswissenschaft befasst sich mit der Frage nach den Wirkungen des Medienwandels und des Internets für die Bürger als Mediennutzer:
  • Positive Utopien erwarten mehr Partizipation und mehr Demokratie als Mobilisierungsthese

  • Skeptiker befürchten, dass die Verbreitung des Internets mit seiner fast unbegrenzten und heterogenen Informationsfülle eine Aufsplitterung des Publikums aufgrund seiner spezifischen Interessen und Vorzüge zur Folge haben könnte.

  • Parallel dazu tendiert der gesellschaftlichen Wandel in Richtung verstärkter Individualisierung, was Politikabstinenz und Politikverdrossenheit verstärkt. Das könnte wiederum die Fragmentierung der Gesellschaft in mehr oder weniger abgeschottete und polarisierte Teilöffentlichkeiten verstärken[21]. Dies würde letztlich einen Verlust der Integrationsfunktionen der Medien bedeuten.

  • Allerdings gibt es auch hier Gegenargumente: Zum einen gibt es Hinweise, dass auch im Internet die organisierten, mächtigen und ressourcenstarken gesellschaftlichen Akteure wie Wirtschaftsverbände mit ihrer Präsenz weiterhin dominieren. Zum anderen haben sich die traditionellen Medien mit eigenen Online-Plattformen im Internet zu etablieren begonnen. Hinzu kommt, dass sich die Medien bei der Wahl ihrer Themen gegenseitig aneinander orientieren, aber auch die neuen politisch aktiven Gruppen des Internets sich wiederum auf die klassischen Medien mit ihren Themen beziehen.

  • Darum dürfte die Gefahr einer sich abschwächenden »Agenda-Setting«-Funktion der Medien eher unwahrscheinlich bleiben[22]. Darunter wird die Leistung der Medien verstanden, die knappe Aufmerksamkeit der Bürger auf eine begrenzte Anzahl politisch relevanter Themen zu fokussieren[23].

Mediennutzung im Wandel: zwischen Individualisierung und Fragmentierung



Während bis jetzt der Medienwandel vor allem aus der Perspektive der Medien und des Journalismus dargestellt worden ist, soll im letzten Teil des Beitrags auf die Bürger als Mediennutzer eingegangen werden, und zwar mit der Ausgangsfrage: Was hat sich im Umgang mit den Medien verändert?

Mediennutzung in Deutschland seit 1990
Bitte klicken Sie auf das Bild, um zur interaktiven Grafik zu kommen. Sowohl die einzelnen Medien als auch die Altersangaben sind anklickbar und führen zu einzelnen grafischen Darstellungen. (© bpb)


Der Medienwandel lässt sich für Deutschland sowohl im Medienvergleich mit der seit 1964 alle fünf Jahre durchgeführten ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation[24] (siehe Abb. oben) als auch im Trendverlauf mit den ARD/ZDF-Onlinestudien[25] gut dokumentieren und nachzeichnen.

Die nachfolgende Tabelle zeigt sowohl Stabilität als auch Wandel im Umgang mit den Medien. Einerseits werden die klassischen Medien Fernsehen und Radio stabil auf hohem Niveau genutzt, und zwar sowohl was die Reichweite als auch was die Nutzungsdauer anbelangt. Andererseits zeigen sich bei der Tageszeitung Verluste bezüglich Reichweite und Nutzungsdauer, allerdings wird dieser Rückgang weitgehend durch die Nutzung von Online-Zeitungsangeboten kompensiert. Schließlich dokumentiert die Forschung einen starken Anstieg der Internetnutzung. Wenn man der neuesten ARD/ZDF-Onlinestudie von 2014 glauben darf, dann sind bereits 79 % der Deutschen online[26].

 
Mediennutzung im Wandel
 
Reichweiten pro Tag in %Nutzung in Minuten pro Tag
20002005201020152000200520102015
Fernsehen85898680185220220208
Radio85847974206221187173
Tageszeitung5451443330282323
Bücher1823211818252219
Internet10284346134483107
Anmerkung: Personen ab 14 Jahren, Mo-So., 5.00-24.00 Uhr, Quelle: Reitze/Ridder 2011, S. 47 und 57. Aktuelle Daten: »Engel/Breunig (2015), ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation 2015: Mediennutzung im Intermediavergleich in: Mediaperspektiven 7-8/2015«.

Eine Folge dieser rasanten Verbreitung des Internets ist, dass sich die zu Beginn bestehenden Zugangsklüfte verringert haben (vgl. Nadia Kutscher: Teilhabe im Kontext des Internets: Zukunftsperspektiven und Herausforderungen). Aber auch heute noch haben jüngere, gebildete und einkommensstarke User signifikant mehr Zugang zum Internet und nutzen dieses auch häufiger und länger. Es bestehen aber nach wie vor ebenso soziale Disparitäten in der Nutzung der klassischen Medien[27].

Während weniger Gebildete und Mediennutzer aus sog. »Hedonistischen Milieus« politisch weniger interessiert sind und sich verstärkt über das Fernsehen informieren, ist das Interesse am politischen Geschehen bei den Gebildeteren und im sog. "Gesellschaftlichen Leitmilieu" deutlich stärker ausgeprägt, und die Tagespresse hat als Informationsquelle eine größere Relevanz.

Interessant ist, dass verschiedene Kommunikationswissenschaftler wie beispielsweise der Amerikaner John Zaller[28] in jüngster Zeit versuchen, das Negativ-Image des Fernsehens als sog. "Null-Medium"[29] abzubauen: Sie heben hervor, dass auch weniger Gebildete und politisch wenig Interessierte quasi durch zufällige oder versehentliche Nebenbei-Nutzung aktuelle Themen aufnehmen können, sofern über diese prominent in den Medien berichtet wird.

Quellentext

Hans-Magnus Enzensberger: "Null-Medium"

Das Fernsehen wird primär als eine wohldefinierte Methode zur genußreichen Gehirnwäsche eingesetzt; es dient der individuellen Hygiene, der Selbstmeditation. Das Nullmedium ist die einzige universelle und massenhaft verbreitete Form der Psychotherapie.…

Insofern kommt der Wattebausch vor den Augen der Transzendentalen Meditation recht nahe. So ließe sich auch die quasi-religiöse Verehrung, die das Nullmedium genießt, zwanglos erklären: Es stellt die technische Annäherung an das Nirwana dar. Der Fernseher ist die buddhistische Maschine.

Quelle: "Die vollkommene Leere. Das Nullmedium Oder Warum alle Klagen über das Fernsehen gegenstandslos sind." Hans-Magnus Enzensberger, in: »DER SPIEGEL 20/1988, S. 234–244«.



In Anlehnung an eine gängige Alarmanlage ist vom sog. "Burgler Alarm" die Rede: Man müsse die bestehenden demokratietheoretisch basierten Anforderungen an eine aktive und aufmerksame Mediennutzung durch die Bürger zurückschrauben. Nach Zaller genügt es schon, wenn Bürger die Medien nur oberflächlich und kaum informationsorientiert nutzen, weil die Medien in Krisensituationen zu intensiver Kommunikation greifen und so quasi einen "Alarm" auslösen würden, sodass auch politisch Uninteressierte durch die oben erwähnte zufällige Nutzung auf das jeweilige Thema aufmerksam würden. Allerdings sind seine Überlegungen nicht unwidersprochen geblieben.


Politisches Interesse und Aufmerksamkeit für Politik in den Medien

Funkantennen auf KachelhintergrundStimulieren die neuen interaktiven Möglichkeiten des Internets die politische Partizipation der Bürger? (CC, World Of Good) Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/


Resultate aus der Studie "Massenkommunikation“ (2011)[30] illustrieren, dass 36 % der Bevölkerung in Deutschland sehr an Politik interessiert sind. Das politische Interesse ist aber gesellschaftlich ungleich verteilt (vgl. Tabelle: Politisches Interesse und Aufmerksamkeit für Politik in den Medien): Männer, ältere und vor allem gebildetere Menschen interessieren sich deutlich stärker für Politik. Parallel dazu variiert die Motivation, sich über aktuelle politische Entwicklungen und Ereignisse auf dem Laufenden zu halten oder der Politik in den Medien nur Aufmerksamkeit zu schenken.

Auch hier sind Geschlecht, Alter und Bildung wichtige Faktoren von gesellschaftlich ungleich verteilter Medienaufmerksamkeit. Darüber hinaus geben 63 % der regelmäßigen Zuschauer der öffentlich-rechtlichen Programme im Unterschied zu nur 36 % derjenigen mit Vorliebe für die Privatsender an, sich über politische Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten.

 
Politisches Interesse und Aufmerksamkeit für Politik in den Medien
 
Anteile in Prozentinsg.GeschlechtAlterBildung
MF14-2930-4950+tiefmittelhoch
Politisches Interesse: "sehr"364330223246303451
Über politische Entwicklungen /
Ereignisse Bescheid wissen
485343304361444660
Interessiere mich vor allem,
wenn persönlich betroffen
484352655236515037
Medien helfen mir, Politik
besser zu verstehen: "sehr"
343930353337323343
Quelle: Reitze/Ridder (2011), S. 124 ff. (Anm.: Die ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation wird alle fünf Jahre durchgeführt). Weitere Daten finden sich in der Studie zur politischen Mediennutzung (Uli Bernhard/Marco Dohle/Gerhard Vowe, 2014). Download: Wie werden Medien zur politischen Information genutzt und wahrgenommen?.


Medienfunktionen im Vergleich

In der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation 2015[31] werden die Befragten neben Reichweite und Nutzungsdauer sowie Beachtung von Politik in den Medien ebenfalls gebeten, ihre Nutzungsgründe für die einzelnen Medien zu nennen (vgl. Tabelle: Medienfunktionen im Vergleich). Während in der Anfangsphase die Nutzung des Internets vor allem informations- (Suchmaschinen) und kommunikationsorientiert (E-Mails) war, sind heute unterhaltungsbezogene (Spaß), soziale (Mitreden können) und habituelle (Gewohnheiten) Motive klar wichtiger geworden.

 
Medienfunktionen im Vergleich
 
"trifft voll und ganz / weitgehend zu "in %Zeitung TVRadioWeb
kognitive FunktionenWeil ich mich informieren möchte95817790
Weil ich Denkanstöße bekomme60474560
Weil ich nützliche Dinge für Alltag erfahre76566382
affektive FunktionenWeil es mir Spaß macht64798575
Weil ich dabei entspannen kann40787536
EskapismusWeil ich mich ablenken möchte22585238
soziale FunktionenDamit ich mitreden kann73524947
Weil ich mich dann nicht allein fühle10253114
RitualWeil es aus Gewohnheit dazugehört57556845
Anmerkung: Pers. ab 14 Jahren; Nutzung mind. mehrmals/Monat, Quelle: »Engel/Breunig (2015), Massenkommunikation 2015: Funktionen und Images der Medien im Vergleich in: Media Perspektiven 7-8/2015«

Die bis jetzt präsentierten Befunde geben jedoch noch keine klare Antwort auf die oben gestellte Frage nach der aktiv-politikorientierten Nutzung des Internets. Die »ARD/ZDF-Onlinestudien« liefern dazu mit ihren Erhebungen[32] weiterführende Hinweise. Während private Netzwerke und Communities (z. B. Facebook) im Jahr 2013 immerhin von 46 % der Onliner zumindest gelegentlich genutzt wurden, lag der entsprechende Wert für berufliche Netzwerke (z. B. Xing, LinkedIn) mit 10 % im Jahr 2013 deutlich tiefer[33]. Die Nutzung von Webblogs (zumindest gelegentlich) stieg im Jahr 2014 auf 16 % (2012 waren es lediglich 7%, 2013 bereits 16%) und die Nutzung von Twitter (zumindest gelegentlich) lag im Jahr 2014 bei 9 %.

Insgesamt besaßen im Jahr 2013 46 % der Onliner, d. h. mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung (ab 14 Jahren), ein Profil in einer privaten Community (Internet-Gemeinschaft). Immerhin 76% schreiben im Jahr 2013 Beiträge auf Profilen, Verschicken persönliche Nachrichten, chatten mit anderen Mitgliedern der Community mindestens einmal pro Woche, aber nur 21 % geben an, wöchentlich nach tagesaktuellen Nachrichten zu suchen[34]. Die Communities werden somit von ihren dominanten jungen Nutzern vorwiegend für die private und nicht für die öffentlich-politische Kommunikation genutzt.

Geese/Zubayr/Gerhard (2009) und Gscheidle/Gerhard (2013) haben in weiteren Studien speziell die Medien- und Internetnutzung bei Wahlen in Deutschland untersucht:
  • 69 % (2009) bzw. 66 % (2013) der Wähler gaben an, das Fernsehen,
  • 44 % (2009) bzw. 38 % (2013) die Zeitung und
  • 23 % (2009) bzw. 16 % (2013) das Radio zur Information über den Wahlkampf genutzt zu haben.
  • Nur 18 % nannten 2009 das Internet als Informationsquelle für die Bundestagswahl, 2013 waren es schon 23 %.
An der Spitze der genutzten Internetquellen standen die Angebote der traditionellen Offline-Medien:
  • 46 % (2009) und 41 % (2013) Internetseiten von Zeitungen und Zeitschriften,
  • 35 % (2009) und 30 % (2013) Nachrichten von Internetanbietern und Suchmaschinen,
  • 32 % (2009) und 22 % (2013) Internetseiten von Parteien und Politikern sowie
  • 26 % (2009) und 23 % (2013) Internetseiten von TV-Sendern.
Soziale Netzwerke bzw. interaktive Web-Angebote wie Facebook (2009: 9 %, 2013 mit Twitter: 8 %), Foren und Blogs (2009: 6 %, 2013: 3 %) oder »Videoplattformen« wie YouTube (2009: 5 %, 2013: 2 %) wurden jedoch kaum genutzt.

Bildungs- und schichtspezifische Zugangsklüfte



U-Bahn-Station – Mind the gap Nicht jeder hat den gleichen Zugang zu Wissen und Bildung. (Archer2000) Lizenz: cc by-sa/3.0/


Schließlich ist im Bereich der Medienwirkungen über die nach wie vor bestehenden Zugangsklüfte hinaus nach deren Konsequenzen zu fragen. Die Wissenskluft-Perspektive, 1970 formuliert und seither mit vielfältigen empirischen Belegen unterfüttert[35], stellte erstmals den populären Glauben in Frage, wonach die Medien zur Informiertheit aller in der Gesellschaft beitragen. Sie besagt, dass die durch die Medien verbreitete politische Information tendenziell zu verstärkten Wissensklüften zwischen den verschiedenen sozialen Segmenten führt.

Dies nicht zuletzt, weil bildungs- und statushöhere Mediennutzer:
  • die informationsreichen Printmedien stärker als Informationsquellen nutzen,
  • über mehr thematisches Vorwissen und
  • bessere Medienkompetenzen verfügen,
  • stärker an politischer Information interessiert und auch
  • in umfassendere soziale Netzwerke eingebettet sind.
Bezüglich des Internets bedeutet dies folgendes:

Es bestehen nicht nur bildungs- und schichtspezifischen Zugangsklüfte. Auch auf den nachgelagerten Ebenen der Nutzung, Rezeption und Wissensaneignung wird das Internet von den weniger gebildeten und statustieferen Nutzern weniger informations- bzw. politikorientiert genutzt. Im Umgang mit dem Internet ergeben sich also ebenfalls die schon bei den klassischen Medien festgestellten Wissensdisparitäten.

Dies gilt ebenso für die politische Partizipation: Auch hier bewirken die neuen, medientechnologischen Möglichkeiten des interaktiven Internets nicht bei allen Nutzern verstärkte politische Partizipation. Sondern letztlich schöpfen nach den vorliegenden Studien (Marr/Zillien 2010) vor allem die bildungs- und statushöheren Nutzersegmente das Partizipationspotential des Internets besser aus.

Fazit



Auch wenn Internet und mit ihm das Social Web auf gesellschaftlicher Ebene mehr und neue Möglichkeiten nicht zuletzt der interaktiven Kommunikation in Foren und Blogs bereitstellen und ermöglichen: Hier dominieren nach wie vor die ressourcenstarken (politischen) Akteure der Offline-Welt. Neue Funktionen der Online-Kommunikation machten sich bislang vor allem durch Mobilisierung in Wahlkämpfen oder Bürgeraktionen bemerkbar, wie etwa der US-Wahlkampf von Barak Obama illustrierte.

Zwar sind empirische Studien auf Ebene der Nutzer im deutschen Sprachraum zum Umgang und zum Demokratiepotential des Internets noch spärlich: Die vorliegenden Befunde deuten doch übereinstimmend in die Richtung, dass das Ideal der aktiven politischen Teilnahme durch das Internet und die vorherrschende Realität der weiterhin dominierenden klassischen Massenmedien (Fernsehen und Zeitung als wichtigste Quellen politischer Information der Bevölkerung) nach wie vor auseinanderklaffen. Obwohl Emmer/Vowe 2004 in ihrer Studie herausgefunden haben, dass das Internet gewisse, z. B. interpersonale politische Kommunikationsaktivitäten wie E-Mails an Zeitungen oder an eine Partei, zu stimulieren vermag, weil sie leicht erlernt und unkompliziert eingesetzt werden können.

Die Beziehung zwischen dem Internet und den herkömmlichen Formen der politischen Partizipation scheint jedoch eine der Komplementarität (d. h. der Zusammengehörigkeit scheinbar widersprüchlicher, sich aber ergänzender Eigenschaften) und nicht eine der Verdrängung zu sein. Hinzu kommt, dass auch das Internet die bestehenden sozialen Ungleichheiten nicht einfach quasi medientechnologisch zu neutralisieren vermag. Letztlich fungieren Medien als Trendverstärker, indem bestehende Ungleichheiten bezüglich ökonomischer und sozialer Ressourcen, (Medien-) Kompetenzen und politikbezogener Motivation nicht eingeebnet, sondern tendenziell verstärkt werden.

Die Wissenskluft-Perspektive wird darum auch mit »Matthäus-Effekt« umschrieben, was bedeutet: Wer hat (Wissen), dem wird gegeben (Wissenszuwachs). Die neuen interaktiven Möglichkeiten des Internets sind zwar notwendig, aber nicht auch schon hinreichend zur Generierung von mehr politischer Partizipation. Zwar reduziert die Zugänglichkeit zu mehr Information und Kommunikation die Kosten, was Informationssuche und -nutzung anbelangt, und das Social Web erleichtert zweifelsohne die Mobilisierung von Bürgern, aber die neuen digitalen Möglichkeiten werden verstärkt von jenen genutzt, welche politisch sowieso partizipieren und handeln wollen.

Zum Weiterlesen auf bpb.de



Deutsche Fernsehgeschichte in Ost und West Jürgen Wilke: Vom Barden zum Blogger: die Entwicklung der Massenmedien, aus: "Massenmedien" (IzpB, Heft 309)

Zum Weiterlesen



Die Landesmedienanstalten »http://www.die-medienanstalten.de/ueber-uns.html«

Literatur



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Fußnoten

1.
vgl. Luhmann 1996
2.
Beck 2007, S. 87 ff
3.
z. B. Schiffer 2005
4.
vgl. Jarren et al. 2012
5.
Hoffmann/Raupp 2006)
6.
vgl. Bernhard/Scharf 2008
7.
vgl. Imhof et al. 2004
8.
vgl. Imhof 2006
9.
vgl. Jarren 2012
10.
vgl. Arnold 2008
11.
Maurer/Reinemann 2006, S. 28
12.
vgl. Patrick Donges: Bildung und Information als Auftrag – sind die Medien in der Pflicht?
13.
vgl. hierzu Russ-Mohl, 1992
14.
vgl. Russ-Mohl 1992
15.
vgl. Daschmann 2009
16.
vgl. Schrape 2011
17.
vgl. Scherer 1998, Winkel 2001
18.
Emmer/Bräuer 2010, Emmer/Vowe 2010
19.
vgl. Neuberger 2012
20.
vgl. Neuberger 2012, S. 60
21.
vgl. Holtz-Bacha 1998, Holtz-Bacha/Peiser 1999
22.
vgl. Schrape 2011
23.
vgl. Bonfadelli/Friemel 2011, S. 181 ff.
24.
vgl. Engel/Breunig 2015
25.
vgl. »http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=511«
26.
vgl. Eimeren, Frees: ARD/ZDF-Onlinestudie 2014: »http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=506«
27.
vgl. Blödom/Gerhards/Klingler 2006
28.
vgl. Marcinkowski 2010
29.
Hans-Magnus Enzensberger 1988
30.
vgl. Reitze&Ridder 2011
31.
»vgl. Engel&Breunig (2015) in Media Perspektiven 7-8/2015«
32.
»aktuelle Ausgabe der ARD/ZDF-Onlinestudie: Eimeeren/Frees 2014«
33.
Vgl. hierzu »ARD/ZDF-Onlinestudie 2014, Tabelle: "Nutzung von Web-2.0-Anwendungen 2007 bis 2014" S.388«, die differenzierte Erhebung der Nutzung privater bzw. beruflicher Communities wurde das letztmalig im Jahr 2013 durchgeführt
34.
Vgl. hierzu ARD/ZDF-Onlinestudie (Busemann, 2013): Bestandsaufnahme zur Frage »"Wer nutzt was im Social Web?"«
35.
vgl. Wirth 1997, Bonfadelli 2007

 

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