Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.
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Auf den Spuren der globalen digitalen Kulturen

Kulturanalytik für Anfänger


8.4.2011
Lev Manovich verabschiedet sich von der herrschenden Vorstellung, man solle das eine richtige Dokument finden. Nach Manovich müssen wir uns mit der Tatsache anfreunden, dass die kulturelle Entwicklung nicht mehr auf einige privilegierte Produzenten reduziert werden kann, sondern heute durch die Interaktion von Millionen von Produzierenden vorangetrieben wird.

Blick in das japanische online Virtual Reality-Spiel "meet-me".Blick in das japanische online Virtual Reality-Spiel "meet-me". (© AP)

Von den "neuen Medien" zu "mehr Medien"



Noch vor nur fünfzehn Jahren hatten Kulturwissenschaftler es meist mit relativ kleinen Informationsbeständen zu tun, die präzise in Verzeichnissen und Listen organisiert und von vornherein bestimmten Kategorien zugeordnet waren. Im Gegensatz dazu haben wir es heute mit einer riesigen, schlecht organisierten, ständig wachsenden und sich verändernden Informationswolke zu tun: wir "googeln".

Der Aufstieg der Suche als vorherrschende Form des Auffindens von Information ist Ausdruck eines fundamentalen Wandels in unserer informationellen Umwelt.(1) Wir sind Zeugen einer exponentiellen Explosion der Daten, die die Menschen generieren, erfassen, analysieren, visualisieren und speichern – einschließlich kultureller Inhalte. Am 25. August 2008 gaben die Softwaretechniker bei Google bekannt, dass der Index der Webseiten, den Google mehrmals täglich durchrechnet, eine Trillion URLs erreicht habe.(2) Im selben Monat berichtete YouTube, dass seine Nutzer jede Minute 13 Stunden neues Videomaterial auf die Seite hochladen.(3) Und im November 2008 erreichte die Zahl der Bilder auf Flickr drei Milliarden.(4)

Die Informationsbombe, die von Paul Virilio 1998 beschrieben wurde, ist nicht nur einmal explodiert.(5) Sie hat eine Kette weiterer Explosionen ausgelöst, deren Gesamtwirkung heftiger ist, als irgendjemand vorhersehen hätte können. 2008 schätzte die International Data Corporation (IDC), dass das digitale Universum bis zum Jahr 2011 auf das zehnfache seiner Größe von 2006 anwachsen würde. Dies entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von 60%.6 Natürlich ist es möglich, dass die globale Wirtschaftskrise, die 2008 einsetzte, dieses Wachstum verlangsamen wird, aber wahrscheinlich nicht um viel.

User Generated Content ist eines der am schnellsten wachsenden Segmente dieses sich ausdehnenden Informationsuniversums. Nach einer IDC-Studie von 2008 werden "ungefähr 70% des digitalen Universums von Menschen geschaffen."(7) In anderen Worten: der Umfang der von Nutzern erzeugten Medien liegt gegenüber den von Computersystemen gesammelten und generierten Daten (Überwachungssysteme, sensorische Systeme, Datenzentren für "Cloud Computing" usw.) gut im Rennen. Wenn Friedrich Kittler schon lange vor dem Phänomen der "sozialen Medien" bemerkte, dass "Literatur" (also Texte jeder Art) in einem Computer-Universum hauptsächlich aus Computer-generierten Dateien besteht, dann holen die Menschen inzwischen auf.

Das exponentielle Wachstum von nicht-professionellen Medienproduzenten seit 2000 hat eine grundlegend neue kulturelle Situation geschaffen und ist eine Herausforderung für unsere herkömmlichen Methoden, Kultur zu verfolgen und uns mit ihr auseinander zu setzen. Hunderte Millionen von Menschen schaffen und tauschen ständig kulturelle Inhalte – Blogs, Fotos, Videos, Landkartenschichten, Software, usw. Sie nehmen aber auch an Online-Diskussionen teil, hinterlassen Kommentare und beteiligen sich an anderen Formen der sozialen Kommunikation. Da Multimedia-Mobiltelefone immer breiter verfügbar werden, wird diese Zahl noch weiter zunehmen. Anfang 2008 gab es weltweit 2,2 Milliarden Mobiltelefone. Nach Schätzungen wird diese Zahl bis 2010 auf 4 Milliarden ansteigen, wobei sich das Wachstum auf China, Indien und Afrika konzentrieren wird.

Halten Sie sich dies vor Augen: Die Zahl der Bilder, die heute jede Woche auf Flickr hochgeladen wird, ist höher als die Zahl aller Objekte in allen Kunstmuseen der Welt.

Neben dem exponentiellen Wachstum der Zahl der nicht-professionellen Produzenten von kulturellen Inhalten auf der Welt gibt es eine andere Entwicklung, die nicht viel diskutiert wurde. Doch diese Entwicklung ist ebenso wichtig, um zu verstehen, was Kultur heute ist. Das schnelle Wachstum von professionellen Bildungs- und Kulturinstitutionen in den neu globalisierten Ländern seit Ende der 1990er-Jahre hat in Zusammenwirken mit der leichten Verfügbarkeit von kulturellen Nachrichten im Web und der Allgegenwart von Medien- und Designsoftware auch die Zahl der professionellen Kulturproduzenten dramatisch erhöht, die in der globalen Kulturproduktion und den entsprechenden Diskussionen teilnehmen. Hunderttausende Studenten, Künstler, Designer und Musiker haben nun Zugang zu den gleichen Ideen, Informationen und Tools. Es ist daher oft nicht mehr möglich, von Zentren und Provinzen zu sprechen. (Nach meiner eigenen Erfahrung sind Studenten, Kulturschaffende und Regierungen in den neu globalisierten Ländern oft eher bereit, die neuesten Ideen anzunehmen, als ihre Gegenüber in den "alten Zentren" der Weltkultur).

Wenn Sie die Auswirkungen dieser Dimensionen der kulturellen und digitalen Globalisierung direkt erleben möchten, dann besuchen Sie eine der populären Webseiten, wo professionelle Kulturschaffende und Studierende, die in den verschiedenen Bereichen des Mediendesigns arbeiten, ihre Portfolios und Beispiele ihrer Arbeit hochladen, und achten Sie dabei auf die Länder, aus denen die Autoren kommen. Beispiele für solche Seiten sind xplsv.tv (Motion Graphics, Animation), coroflot.com (Design-Portfolios aus der ganzen Welt – Anfang 2009 waren es mehr als 120.000), archinect.com (studentische Architekturprojekte), infosthetics.com (Informations-Visualisierungsprojekte). Bei meinem Besuch auf xplsv.tv am 24. Dezember 2008 kamen die ersten drei gelisteten Projekte aus Kuba, Ungarn und Norwegen.(8) Die erste Seite von coroflot.com wies eine ähnliche kulturelle Geografie auf. Neben den zu erwartenden westlichen Kulturzentren des 20. Jahrhunderts – New York und Mailand – fand ich auch Portfolios aus Shanghai, Waterloo (Belgien), Bratislava (Slowakei), und Seoul (Südkorea).(9)

Die Unternehmen, die diese Seiten betreiben, veröffentlichen normalerweise keine detaillierten Statistiken über ihre Besucher – aber hier ist ein weiteres Beispiel, das auf quantitativen Daten beruht, die mir vorliegen. Im Frühling 2008 haben meine Mitarbeiter eine Webseite für unser Forschungslabor an der University of California in San Diego eingerichtet: softwarestudies.com. Der Inhalt der Seite entspricht dem eines Forschungslabors, wir erwarteten also nicht viele Besucher, und wir hatten sie auch nicht per E-Mail angekündigt oder irgendwie vermarktet. Als ich mir die Google Analytics-Statistiken für die Seite am Ende des Jahres ansah, stellte ich fest, dass wir Besucher aus 100 Ländern gehabt hatten. Jeden Monat kommen Menschen von über 1000 Städten auf der ganzen Welt auf unsere Seite. Noch interessanter sind die Statistiken zu diesen Städten. In einem typischen Monat befanden sich keine amerikanischen Städte unter den "Top Ten" (wobei ich La Jolla, den UCSD-Standort, an dem sich unser Labor befindet, nicht mitrechne). Im November 2008 belegte New York zum Beispiel den 13. Platz, San Francisco den 27., Los Angeles den 42. Die "Top Ten" waren westeuropäische Städte (Amsterdam, Berlin, Porto), Osteuropa (Budapest) und Südamerika (Sao Paulo). Ebenso interessant ist, dass die Liste der Besucher pro Stadt eine klassische abgeflachte Kurve darstellte. Es gab keine scharfe Trennung mehr zwischen der "alten" und "neuen" Welt, zwischen "Zentren" und "Provinzen".(10)

All diese Explosionen, die seit den späten 1990er Jahren stattfanden – die Erzeugung und das Austauschen von kulturellen Inhalten durch Nicht-Profis, durch professionelle Kulturschaffende in den neu globalisierten Ländern, durch Studierende in Osteuropa, Asien und Südamerika, die über das Web und kostenlose Kommunikationstools globale kulturelle Prozesse verfolgen und daran teilnehmen können – haben die Kultur neu definiert.

Früher haben Kulturtheoretiker und Historiker ihre Theorien und Geschichten auf kleinen Datensätzen aufgebaut (z.B. klassisches Hollywood-Kino, italienische Renaissance, usw.) Aber wie können wir globale digitale Kulturen mit ihren Milliarden von Kulturobjekten und hunderttausenden Mitwirkenden verfolgen? Früher konnte man über Kultur schreiben, indem man beobachtete, was an einer kleinen Zahl von Hauptstädten und Universitäten ablief. Doch wie können wir die Entwicklungen in zehntausenden Städten und Bildungseinrichtungen verfolgen?



 

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