Skala auf einem Transistorradio

90 Jahre Radio - Audioschätze im Netz


6.11.2013
Zum hundertjährigen Jubiläum fehlen noch zehn Jahre. Dennoch wurde jetzt kräftig gefeiert und in zahlreichen Sonder- und Schwerpunktsendungen ausführlich an die Geburtsstunde des deutschen Radios am 29. Oktober 1923 aus dem legendären Vox-Haus in Berlin erinnert. Was vom Jubiläum bleibt sind viele neue und durchstöbernswerte Internetseiten mit historischen O-Tönen, längst vergessenen Fotos, neu aufbereiteten Hintergrundinformationen und lustigen Radiopannen der vergangenen Jahrzehnte.

Blick zurück



Das Vox-Haus wurde schnell zu klein. 1931 zog man um ins "Haus des Rundfunks".Das Vox-Haus wurde schnell zu klein. 1931 zog man um ins "Haus des Rundfunks". (© rbb)
Die offiziell erste deutsche Radiosendung dauerte genau eine Stunde, die Musik wurde live ins Mikrofon gespielt. Radiohören war von Anfang an gebührenpflichtig. Der erste bei der Post gemeldete Rundfunkteilnehmer war ein Zigarrenhändler aus Berlin namens Wilhelm Kollhoff. Für die Genehmigung zum Radiohören zahlte er 350 Milliarden Mark - Ende 1923 galoppierte die Inflation in schwindelerregende Höhen.

Mit der Geburt des Radios begann auch die Entwicklung der Radiotechnik und Empfangsgeräte. Ein Vierteljahrhundert hörte man Radio via Mittelwelle. Die verhältnismäßig schlechte Übertragungsqualität tat dem Siegeszug des aufregend neuen Mediums keinen Abbruch. Im Dezember 1924 eröffnete in Berlin zum ersten Mal die "Große Deutsche Funkausstellung", um das öffentliche Interesse für das neue Medium zu wecken. Nach einem Jahr waren bereits 500.000 Zuhörer angemeldet. Daraus wurden zwanzig Jahre später 16 Millionen. 1949, mit Einführung der Ultrakurzwelle (UKW), verbesserte sich die Klangqualität des Radiohörens enorm. UKW ist noch heute in Deutschland Standard. Eine gesetzlich geregelte Abschaltung im Jahr 2015 zugunsten der digitalen Übertragung via DAB wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Audioschätze im Netz



Wer die Geschichte des Radios noch mal nachlesen oder -hören möchte, kann anlässlich der Jubiläumsbeiträge auf wahre Erinnerungsschätze im Internet zugreifen. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben tief in den Archiven gekramt und neue Sonderseiten im Netz angelegt.

Der rbb beispielsweise erinnert in Wort und Bild an die Pionierzeiten des Radios, an den Missbrauch als Propagandainstrument im Nationalsozialismus, an die großen Unterhaltungsshows in den 50er Jahren und verlinkt zu Originaltönen aus der Gründerzeit des Hauses des Rundfunks in der Masurenallee in Berlin.

Der Deutschlandfunk lässt in einem rund 20-minütigen Feature, das auch als Audiofile bereit steht, neun Jahrzehnte Radiogeschichte Revue passieren. Das Archivradio des SWR2 hält viele historische Tondokumente zum Nachhören bereit. Deutschlandradio Kultur hat das erste Radio-Konzert rekonstruiert und historische Aufnahmen mit O-Tönen von Zeitzeugen und Pressemitteilungen ergänzt.

Die schönsten Radiopannen hat der WDR auf einer Sonderseite zum Jubiläum gesammelt. NDR1 Welle Nord lädt ein zum Moderatorenmemory und veröffentlicht Fotos aus den Privatarchiven des Nord-Teams.



Ein Klassiker unter den Radiopannen: Der Moderator, der das Wort Ölbohrinsel nicht aussprechen kann.


Blick nach vorn



Für einige Sender war das Jubiläum auch Anlass, einen Blick nach vorn zu wagen. Welche Zukunft hat das Radio fragte Moderator Gábor Paál im SWR2 Forum und diskutierte mit dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz aus Berlin, SWR-Hörfunkdirektor Gerold Hug und Robert Kindermann, Formatentwickler für Rundfunk und Digitale Medien aus Hamburg über die Umbrüche auf dem Medienmarkt und die Auswirkungen auf das Radio. Fazit der Expertenrunde: In 10 Jahren wird es eine flächendeckende Digitalisierung geben; zukünftig werden Radiostars vielleicht bei Youtube entdeckt und selbst wenn nun auch für das Radio ein radikaler Kampf um die Ressource Aufmerksamkeit entbrennt, die Experten glauben weiterhin an das Radio als ein Massenmedium - egal auf welcher Trägerplattform.

Liegt die Zukunft des Radios im Netz?, fragte Jörg Wagner im Radio Eins Medienmagazin die Radiojournalisten Daniel Fiene von Antenne Düsseldorf und Michael Reimann von Radio Bremen. Ganz klar, meinten die Diskutanten, der Radiostream kommt in Zukunft via Audiostream aus dem Internet. Am Feedback der Hörer werde sich wenig ändern, denn Rückkanäle habe das Radio schon immer geöffnet. Wie viele optische Reize oder so genannten "Second Screen" in Zukunft der Hörfunk braucht, darüber scheiden sich in der Branche noch die Geister.

90 Wünsche an das Radio



90 Jahre Radio - es gab auch Jubiläumsverweigerer. Daniel Fiene beispielsweise, Erfinder der Sendung mit dem Internet bei Antenne Düsseldorf und Moderator von Was mit Medien jeden Donnerstag bei DRadio Wissen. Er will erst richtig feiern, wenn das Radio Hundert wird. Bis dahin hat er 90 Wünsche an das Radio.

Unterteilt in Rubriken wie "Radio im Wandel", "Radio und Musik", "Radio und Hörer", "Radio und die Website" oder "Radio und Social Media" scheinen seine 90 Wünsche eine gute Ausgangsbasis für eine praxisnahe To-Do-Liste für das Radio der Gegenwart zu sein. Ein paar Auszüge:
  • Lass dich nicht auf den deutschen Branchen-Pessimismus ein.
  • Frage dich stets, mit welchen technischen Geräten die Hörer ihren Tag verbringen und wie du dort mit deinem Programm präsent sein kannst.
  • Sprich die Hörer so an, wie sie sich auch mit ihren Freunden unterhalten (Oder hast du schon mal am Ende eines Telefonats gesagt: "Ich bin Daniel Fiene, Guten Tag!")
  • Sei ein Leuchtturm zwischen den hohen Wellen der Infoflut.
  • .… bleib leidenschaftlich!
Die ganze Wunschliste zum Nachlesen hier.



 
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