Skala auf einem Transistorradio

"Radio ist besser als jede App"


22.7.2014
Immer mehr Apps auf dem Smartphone übernehmen die Nachrichten- und Servicefunktion des Radios. Wie reagieren Lokalradios auf diese Entwicklung? Wie können sie den Hörern Nachrichten und Servicemeldungen mit mehr Relevanz bieten? Bei den Lokalrundfunktagen in Nürnberg präsentierten vier Referenten, wie sie Apps mit Radiowaffen schlagen wollen.

Ein Netzwerk aus „Insider-Hörern“



„Wir können eigentlich alles besser machen als Apps“, meinte selbstbewusst Bernd Rasser, Programmleiter und Musikchef der Mainwelle aus Bayreuth. Der 29-Jährige, der direkt nach dem Abitur bei der Mainwelle die fast schon klassische Lokalradiokarriereleiter vom Praktikanten über ein Volontariat und die Morningshowpräsentation bis zum Programmleiter beschritten hat, ruderte aber auch gleich wieder einen Schritt zurück: „Können heißt leider noch lange nicht, dass wir es auch konsequent tun.“ Sein Einwand: „Die meisten Radiosender nehmen zu wenig Hörer ‚on air‘. Viele machen das beim Service gerade einmal im halben Jahr.“
Radio Mainwelle, das Lokalradio aus Bayreuth, erreicht laut Funkanalyse 2014 fast 100.000 Hörer und damit mehr als je zuvor.Radio Mainwelle, das Lokalradio aus Bayreuth, erreicht laut Funkanalyse 2014 fast 100.000 Hörer und damit mehr als je zuvor. (© Radio Mainwelle)

Bei der Mainwelle gehört Interaktion zum Erfolgsrezept. Der Sender, der in der aktuellen Funkanalyse Bayern beste Hörerwerte einsammelte, hat sich ein Netzwerk aus „Insider-Hörern“ für aktuelle Wettermeldungen, Blitzer und mehr aufgebaut. Da sei zum Beispiel „Dünni“, der LKW-Fahrer. „Der Dünni fährt mit seinem LKW jeden Tag durch die Gegend und hört für uns – wir dürfen es ja nicht – den Polizeifunk ab.“

Was das Publikum in Nürnberg mit großem Gelächter quittierte, umreißt anschaulich die wahre Stärke des Lokalradios: Hörerbindung. Mindestens zwei- bis dreimal pro Woche meldet sich der treue Hörer und versorgt den Sender mit aktuellen Informationen, die die Redaktion sonst vielleicht erst Stunden später via Pressemitteilung erfahren hätte. Ein Freundschaftsdienst, der auf Gegenseitigkeit beruht. Auch die Moderatoren der Mainwelle verstehen sich als Freunde der Hörer. Manche sind schon 20 Jahre und länger dabei. „Wir setzen auf Personality – Personality ist der Killer jeder App“, ist sich der Programmchef sicher. Ansonsten hat die Mainwelle natürlich eine eigene App, mit der sie Konkurrenten auf dem Smartphone aus dem Feld schlagen will. Dabei hat der Hörer nur dann einen Mehrwert, wenn die Sender-App immer auf dem aktuellsten Stand ist. Staus, Blitzer, Wetterkabriolen in der Region – via Pushmeldung und möglichst ohne Verzögerung gehen die Infos an die rund 1000 Nutzer dieses Services, der regelmäßig im Programm der Mainwelle beworben wird.

Ideen für die App 2015? Eine hatte sich Bernd Rasser am Vortag schon im Workshop „Die besten Radio-Apps der Welt“ von James Cridland, dem Radio-Futurologen aus UK, geholt: eine Wecker-Funktion. Ansonsten sollen Videos und Podcasts besser eingebunden, die Pushfunktion ausgebaut werden. Blitzermeldungen der Hörer kommen in der nächsten App per Voicemail ins Studio und in Zukunft gibt es einen Direktlink zu Facebook.

Radionews reloaded



Schon ein halbes Berufsleben lang beschäftigt sich Norbert Linke mit Nachrichten im Radio. Von 1991 bis 2009 leitete er die Nachrichtenredaktion von HIT RADIO FFH. Heute ist er Direktor der FFH-Academy. Seinen „Radionews reloaded“ stellte er erst einmal eine Bestandsaufnahme der heutigen Radionachrichten voran. „Radio ist nicht mehr das schnellste Medium und wir selbst tragen dazu bei“, beklagte Linke. Aktuelle Infos müssten sich dem Sendeplan unterordnen, bevor sie an der Reihe seien. Das dauere bisweilen so lange, dass ihn die „News“ längst über die sozialen Netzwerke erreicht haben. Linke verwies auf aktuelle Studien, die besagten, dass Menschen bei der Suche nach aktuellen Informationen heute nicht mehr das Radio wählen, sondern erst einmal Online gehen. Dennoch sei Hören noch immer eine Option. Zumindest immer dann, wenn man keine Hände frei habe wie beim Autofahren, im Sportstudio oder beim Zwiebelschneiden – mit anderen Worten: Wenn man keine Alternative hat. Allerdings meldete Linke Zweifel an, ob Radionachrichten, so wie sie heute klingen, im aktuellen Wettbewerb bestehen können. Was er im Markt höre, sei vielfach dramatisch. Sätze beispielsweise wie: „Am anderen Ende der Nachrichten geht’s weiter mit dem Programm.“ So könne das nicht funktionieren, Nachrichten seien eben keine Auszeit vom Programm. Auch was sonst, laut Linke, in den Nachrichten und deren Präsentation so hakt, wird seit geraumer Zeit von namhaften Vertretern der Radionachrichtenbranche beklagt (siehe dazu: Nachrichtenzukunft.de – Nachrichten im digitalen Zeitalter). Zu viele Verlautbarungen; die Texte bleiern, die Pressemeldung nur schnell umredigiert. „Das ist nicht Radio, das ist vorgelesenes Papier“, so Linke, „da müssen wir ran.“

Seine Tipps für funktionierende Radio-News:
  • Wir treten ohne „Hut“ vor den Hörer, sprechen zu ihm eins zu eins.
  • Erkläre mir die Welt, setze nichts voraus, damit jeder dich versteht.
  • Schreib barrierefrei: „Erzähl es mir, als sei ich vier“
  • Sorge für Gesprächswert und warte nicht auf Themen
  • Futter für die Ohren: Mit Radiomitteln arbeiten, nach draußen schalten
  • Negativismus vermeiden
  • Hollywood im Radio: Immer am „Helden“ (am Hörer) entlang.
Radionews reloaded - Um die Nachrichten im Radio wieder attraktiv zu machen, gibt es viel zu tun, meint Norbert Linke.Um die Nachrichten im Radio wieder attraktiv zu machen, gibt es viel zu tun, meint Norbert Linke. (© Inge Seibel)

Was hat das nun alles mit Apps zu tun? Norbert Linke: „Apps bringen nur die blanken Infos. Im Radio drehen wir die Perspektive und packen den Hörer in den Lead. Das kann keine App, weil sie diese Umformung nicht leisten kann.“


Wie könnten die Radionachrichten der Zukunft aussehen? Darüber diskutierten Nachrichtenredakteure aus ganz Deutschland auch bei einer Zukunftswerkstatt Nachrichten, die im Mai 2014 im MDR-Landesfunkhaus in Magdeburg stattfand. Weitere Informationen dazu bei radio-machen.de sowie bei Twitter unter dem Hashtag #newsneu.

Radio kämpft um die Poolposition



Ein Plädoyer fürs Radio hielt auch Harry Landauer. Der Programmleiter aus dem Funkhaus Regensburg, verantwortlich für die Programme Radio Galaxy, Radio Charivari und Gong FM, sieht sogar die Chance, dass Lokalradios bei Wetter- und Verkehrsservice die Nummer Eins in den Köpfen der Hörer werden. „Hier die wahre Kompetenz zu erwerben, das muss unser Ziel sein“, meinte Landauer. Im Funkhaus Regensburg wurde dafür eigens eine neue Serviceeinheit geschaffen. Zehn übers Sendegebiet verteilte Wettermelder wurden mit vom Sender gekauften Wetterstationen versorgt. Jeder Moderator im Funkhaus wird angehalten, hin- und wieder ein Wetterlexikon zu wälzen, damit er besser weiß, wovon er spricht. Bei Wetter und Verkehr gehe es zudem um viel mehr als die reine Information: „Wir vermitteln dem Hörer: Du bist nicht allein, wenn du nachts auf der Autobahn fährst: Radio ist dein Begleiter.“

Das überzeugendste Beispiel aber, warum Radio besser ist als jede App, hatte Landauer als O-Ton-Collage mitgebracht. Die Redaktion von Gong fm hatte aufgrund eines schweren Unfalls, der den Feierabendverkehr auf der A93 stark behinderte, kurzerhand das Programm geändert und aus der Nachmittagssendung die „A93-Show“ gemacht. Dutzende von Hörern meldeten sich zu Wort. „Das ist Emotion. Wir hörten Geschichten, auf die kommt keine Redaktionskonferenz“, sagte Landauer. Die Bereitschaft der Hörer, sich zu melden, dahinter stecke ein starkes Mitteilungsbedürfnis. Das bediene keine App. Landauers Resümee: „Unser Medium ist so stark und unschlagbar, weil wir die Bedürfnisse unserer Hörer erfüllen.“

Die Lokalrundfunktage 2014 fanden im Juli in Nürnberg statt. Der Fachkongress für lokale Radio- und Fernsehstationen wird von der Bayerischen Medien-​Servicegesellschaft mit Unterstützung der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) veranstaltet.



 
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