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Der Film: Good Copy Bad Copy

14.9.2008
Surfst Du gern im Internet? Schneidest Du Fernsehsendungen mit? Hast Du ein Blog oder eine MySpace-Seite? Schreibst Texte für eine Schülerzeitung? Tauschst Musik oder Computerspiele? Lädst Videos bei YouTube hoch oder kopierst Dir mal einen Aufsatz in der Bibliothek? Wer auch nur eine dieser Fragen mit ja beantwortet, sollte über das Urheberrecht Bescheid wissen. Denn das regelt, was man mit Filmen, Musik, Texten oder Software machen darf – und was nicht.

Im Moskauer Gorbuska Markt werden illegale Kopien von Musik-CDs und Filmen verkauft. (Bild: Auschnitt aus Good Copy Bad Copy)Im Moskauer Gorbuska Markt werden illegale Kopien von Musik-CDs und Filmen verkauft. (Bild: Auschnitt aus Good Copy Bad Copy)
Wie verändern das Internet und digitale Kopien unseren Umgang mit Kultur und dem Urheberrecht? Drei Ereignisse beschreiben diesen Wandel exemplarisch:
  • Am 16. Dezember 2002 stellt die gemeinnützige Organisation "Creative Commons" in San Francisco einen Baukasten für Urheberrechtslizenzen ins Netz. Damit können Künstler ihrem Publikum pauschal mehr Rechte an Texten, Filmen und Musikstücken einräumen, als das Urheberrecht von sich aus zulässt: so zum Beispiel das Recht, ungefragt Werke zu verändern oder zum Teil in einem eigenen Werk zu verwenden. Die Idee dahinter: Digitale Kopien und Softwareermöglichten eine ganz neue Form der "Remix"-Kultur, die auch eine neue Form des Urheberrechts benötige.
  • Im Jahr 2004 verbreitet der US-Musiker Danger Mouse unter Freunden "The Grey Album": Auf diesem hatte er Stimmen von "The Black Album" des Rappers Jay-Z mit den Instrumentalteilen des "White Album" der Beatles zusammengemischt. Die Musikfirma EMI, Inhaber der Nutzungsrechte der Beatles-Stücke, untersagt die Verbreitung, da Danger Mouse die Rechte nicht eingeholt hatte. Der Streit verschafft dem Album große Aufmerksamkeit und trägt zu seiner rasanten Verbreitung im Internet bei.
  • Am 31. Mai 2006 beschlagnahmt die schwedische Polizei in einer Bank mehrere Server und verhaftet drei Betreiber des BitTorrent-Verzeichnisses "The Pirate Bay", mit dessen Hilfe Millionen Menschen online Filme, Musik und Spielen tauschen. Drei Tage später läuft "The Pirate Bay" auf niederländischen Servern, kurz darauf wieder in Schweden. Im Januar 2008 erhebt die schwedische Staatsanwaltschaft offiziell Anklage gegen die schwedischen Betreiber – auf Druck der US-Unterhaltungsindustrie, wie die Beklagten meinen.
Internet und Digitalkopien stellen uns vor viele neue Fragen: Hindert uns das derzeitige Urheberrecht an einem kreativeren Umgang mit Ton-, Bild- und Filmcollagen, wie ihn die neuen Medien erst ermöglicht haben? Oder muss das Urheberecht in seiner jetzigen Form bestehen bleiben, weil die massenhafte Verbreitung illegaler Kopien im Internet die Existenzgrundlage von Künstlern bedroht? Wie können Künstler im Zeitalter digitaler Kopien noch ihren Lebensunterhalt verdienen? Oder leiden vielmehr die großen Institutionen des Urheberrechtszeitalters, die Verlage, Labels, Studios und Vertriebe? Sind digitale Kopien gut oder schlecht? Wozu dient das Urheberrecht? Und wer entscheidet darüber?

Gemeinsam mit Gnarls Barkleys Welthit "Crazy" aus dem Jahr 2006 und seinen zahllosen Remixen folgt der Dokumentarfilm "GOOD COPY BAD COPY" den Fronten dieses Widerstreits quer über den Globus. Dabei lässt er alle Seiten zu Wort kommen: vom Stanford-Professor zum Schwarzmarkthändler; vom weltgrößten Reggaevertrieb, der um seine Umsätze kämpft, zum brasilianischen Musiker, der seine Musik verschenkt und Geld mit Live-Konzerten verdient; von den schwedischen Betreibern von "The Pirate Bay" zu den Vertretern der Film- und Musikindustrie.

Kapitelübersicht


Kapitel 1: Musik sampeln


Die Reise beginnt beim Pittsburgher DJ Girl Talk, der seine Alben mit nichts als einem Laptop und hunderten Schnipseln von Musikstücken erstellt. Für Künstler wie ihn oder Danger Mouse ist dieses Samplen eine neue, spannende Form der Musik. Doch seit dem Urteil Bridgeport Music Inc. v. Dimension Films 2005 in den USA sei diese massiv behindert. Bridgeport Music Inc. ist eine "Katalogfirma", die ihr Geld mit dem Verwalten und Einholen von Lizenzgebühren für Musikstücke verdient. Sie hatte die Band N.W.A. auf Urheberrechtsverletzung verklagt, die ein verfremdetes Sample von zwei Sekunden eines anderen Musikstücks verwendet hatte. Nach dem Gerichtsurteil benötigt jedes Sample eine Lizenz.

Kapitel 2: Filme tauschen


Die zweite Station ist das Büro der "Motion Picture Association of America" (MPAA). Die Interessenvertretung der großen Hollywood-Studios vertritt die Meinung, Kreativität hänge davon ab, dass das Eigentum der Künstler an ihren Werken geschützt werde. Das illegale Kopieren und Verbreiten von Kopien schädige die Industrie um Milliarden, weshalb die MPAA versuche, Raubkopierern das Leben so schwer wie möglich zu machen.

Kapitel 3: The Pirate Bay


Eine Folge der Bestrebungen der MPAA war die Polizeirazzia gegen "The Pirate Bay" im Mai 2006. Dessen Betreiber und Unterstützer verstehen ihr Tun als "organisierten zivilen Ungehorsam". Damit wollen sie auf grundlegende Probleme und Missverständnisse in Bezug auf das Urheberrecht hinweisen. Beim digitalen Kopieren und Tauschen von Daten gehe es nicht darum, die Schöpfer zu berauben, sondern darum, das Potential der neuen Medien zu erschließen und allen Menschen weltweitden Schatz an Kultur und Wissen zugänglich zu machen.

Kapitel 4: Creative Commons


Eine ähnliche Meinung vertritt Lawrence Lessig, Mitgründer der Organisation "Creative Commons". Bei Texten begriffen wir alle, dass wir Texte anderer zitieren, parodieren und anderweitig weiterverwenden können, so Lessig. Digitale Medien erlaubten uns nun, das gleiche mit Bildern, Musik und Filmen zu tun. Dem müsse sich unser Rechtsverständnis anpassen.

Kapitel 5: Nollywood


Dass Künstler dabei nicht leer ausgehen müssen, zeigt das Beispiel Nigeria: Mit mehr als 1.200 neu veröffentlichten Filmen im Jahr ist das Land Weltmeister der Filmproduktion – und das ohne strenge Urheberrechtskontrolle. Nigeria war das erste Land, in dem Filme direkt auf DVD produziert und verkauft wurden. Da Originale hier praktisch genau so viel kosten wie Kopien nicht autorisierter Händlern, gibt es kaum einen Anreiz zum Kauf von Raubkopien. (mit 1.200 Filmen ist Nigeria Weltmeister? Kann mir das gar nicht vorstellen!)

Kapitel 6: Geschäftsmodelle


Aber ist das Modell Nigeria auch für die "erste Welt" geeignet? Die Musikindustrie hat durch digitale Downloads in den letzten Jahren am meisten gelitten. Sind harte Strafen zur Abschreckung die richtige Lösung? Das zumindest meint der Vorsitzende des Internationalen Verbandes der Musikindustrie (IFPI) im Interview? Peter Jenner, prominenter Kritiker der großen Plattenfirmen, hat andere Lösungenvorschläge: eine Flatrate im Monat, für die jeder beliebig viel Musik aus dem Netz laden kann. Olivier Chastan, Marketingchef des weltgrößten Reggae-Vertriebs V.P. Records, hält das für einen Irrtum. Das Internet leiste einen wesentlichen Teil der Arbeit von Plattenfirmen eben nicht: das Marketing, das Auswählen und Bekanntmachen neuer Musik.

Kapitel 7: Tecno Brega


Vielleicht liegt eine Lösung in Brasilien, der letzten Station der Reise. Dort blüht seit einigen Jahren Tecno Brega, ein musikalischer Mix aus Techno-Beats und "Kitsch", Popschnulzen. Tecno-Brega-Musiker verdienen an neuen Lieder erst einmal nichts, erklärt der Produzent Beto Metrahla, während er am Computer gerade einen Song abmischt. Es gehe darum, durch neue Titel bekannt zu werden. Straßenhändler brennen diese auf MP3-Sammel-CDs und verkaufen sie für ihren eigenen Gewinn. Die Musiker verdienen ihren Lebensunterhalt durch Livekonzerte mit riesigen Soundanlagen und mit Livemitschnitten der Konzerte, die sie frisch auf CD gebrannt am Ausgang verkaufen.

Kapitel 8: Ausgang


Während Girl Talk den brasilianischen Remix von Gnarls Barkley´s Crazy remixt, sammelt der Film noch einmal die Stimmen von allen Stationen seiner Reise ein. Welche neue Kultur des Remixens von Kulturgütern entsteht heute, und welche Art Urheberrecht braucht es dafür? "Es geht darum, eine Balance zu finden zwischen den Eigentumsrechten der Kreativen und den Rechten zukünftiger Generationen, selber kreativ zu werden", wie Lawrence Ferrara meint.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/2.0
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

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