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Im Spannungsfeld von Offenheit und Qualität

Konflikte um technische und soziale Offenheit


10.10.2012
Die Wiki-Technologie ist der Ausgangspunkt dafür, dass jeder Inhalte einfach erstellen und bearbeiten kann. Mit der technischen Offenheit ergibt sich jedoch das Dilemma, dass diese Strukturbildungen hervorruft – und so selbst zum Problem für den Anspruch an Offenheit wird.

Screenshot des Bearbeitungsmodus des Wikipedia Artikels "Friedrichstraße"Wikipedia Artikel werden mit Hilfe der Mediawiki Software erstellt und bearbeitet. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (wikipedia)

Mit den neuen Kommunikations- und Informationstechnologien sind neue Formen der Wissensproduktion entstanden, die als Indikatoren für einen sich abzeichnenden Wandel unserer Wissensordnung begriffen werden. Bislang galt die Annahme, Innovation könne in marktbasierten Zusammenhängen nur funktionieren, wenn das Gut Information als Ware behandelt und somit künstlich verknappt wird.[1] Nun jedoch wird das kostbare Gut auch von einer Schar freiwillig, unentgeltlich arbeitender Produzenten erstellt und allgemein zugänglich gemacht. Yochai Benkler fasst diese Phänomene unter dem Begriff der "commons-based peer production“ zusammen, die sich durch neue soziale Praktiken, rechtliche Strukturen und Produkte auszeichnen und auf diesen Ebenen von marktlichen Modi unterscheiden.[2]

Was im Kontext der Softwareprogrammierung seinen Anfang nahm, hat sich derweil auf die Produktion von Inhalten ausgeweitet. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist dabei das populärste Beispiel für eine offensichtlich erfolgreiche Umsetzung dieses Modells. Die Erklärung ihres Erfolgs setzt an einer Eigenschaft an, die ich hier mit dem Begriff der Offenheit umschreiben möchte. Demnach ist die Offenheit des technischen Systems und der Gemeinschaft ausschlaggebend für die hohe Beteiligung der Nutzer und dem daraus resultierenden enormen Output an Artikeln. Sie besteht in geringen Zugangshürden, die sowohl technisch als auch sozial hergestellt werden und die Kosten der Beiträge zur Produktion der Artikel senken.

Die Wiki-Technologie bildet die technische Basis der "intrinsischen Offenheit“ der Wikipedia.[3] Über diese Anwendung können Webseiten direkt im Browser bearbeitet werden. Die Syntax mit der die Seiten ausgezeichnet werden, ist einfach gehalten und relativ leicht zu erlernen. So kann jeder Besucher der Wikipedia ihre Inhalte nicht nur lesen, sondern auch sofort mitgestalten. Der Edit-Button symbolisiert diesen Anspruch am deutlichsten: er rahmt jede Seite und fordert zu ihrer Bearbeitung auf. Dazu ist keine Registrierung erforderlich, auch anonyme Beiträge sind möglich. Die Software macht darüber hinaus keine Vorgaben über die Art des Beitrags. Jede Benutzerin, die dem Edit-Button folgt, kann frei wählen, ob sie eine kleine Rechtschreibkorrektur vornimmt oder gleich einen neuen Artikel verfassen möchte.

Screenshot des Wikipedia-Vorgängers Nupedia.Screenshot des Wikipedia-Vorgängers Nupedia. Lizenz: cc by/3.0/de (Wikimedia)
Die technische Grundstruktur des Wiki-Systems, die ich soeben skizziert habe, bestimmt zu einem Teil den Typ und die Organisation der Wissensproduktion: Das Interface ermöglicht die dezentrale Zusammenarbeit Mehrerer und die Modularisierung der Arbeitsaufgaben, es legt den Grundstein für einen Arbeitsprozess, der auf die Beteiligung Vieler ausgerichtet ist. Die Vorteile eines offenen Systems für das Projekt einer freien Online-Enzyklopädie erahnten auch die beiden Gründer der Wikipedia, Larry Sanger und Jimmy Wales. Ihr ursprüngliches Vorhaben, eine von Experten verfasste freie Internet-Enzyklopädie namens Nupedia, kam aufgrund eines zähen Peer-Review-Verfahrens nur langsam voran. So warb Sanger er am 10. Januar 2001 auf der Nupedia-Mailingliste dafür, das Wiki-Prinzip auf die Produktion enzyklopädischer Inhalte anzuwenden und darüber die Artikelproduktion der Nupedia zu unterstützen :

"'Wiki,' pronounced \wee'-kee\, derives from a Polynesian word, 'wikiwiki,' but what it means is a VERY open, VERY publicly-editable series of web pages. (…) As to Nupedia's use of a wiki, this is the ULTIMATE 'open' and simple format for developing content. (Quelle: web.archive.org


Die Wikipedia galt als ein Experiment, ein "fun project" ihre rasante Entwicklung verblüffte ihre "Gründerväter“ eher.[4] Der konventionell hierarchisch organisierte Typ der Wissensproduktion, den die Nupedia repräsentierte, unterlag dem offenen, dezentralen System der Wikipedia. Die Offenheit des Systems schien somit ausschlaggebend für den Erfolg, der sich in einem stetig wachsenden Zuspruch freiwilliger Mitarbeiter und erstaunlich guter Artikel zeigte.

Die technische Offenheit findet ihre Entsprechung im Selbstverständnis der Wikipedia, in der Selbstbeschreibung ihrer Ziele, Werte und Normen. So ist ein erklärtes Ziel das der Partizipation. Dies wird auf der Startseite der englischsprachigen WP überaus deutlich, wo Besucher mit folgendem Satz begrüßt werden: "Welcome to Wikipedia. The free encyclopedia that anyone can edit.“ http://en.wikipedia.org/wiki/Main_Page Auch in der Prinzipienerklärung von Jimmy Wales, die die Grundwerte der Wikipedia repräsentieren soll, wird an vielen Stellen die Zugangsoffenheit der Gemeinschaft betont:

"Neue Benutzer sollen immer willkommen geheißen werden. Es darf keine Geheimbünde geben, es darf keine Eliten geben, es darf keine Hierarchie oder Struktur geben, die dieser Offenheit gegenüber neuen Benutzern im Wege steht.“ (Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Jimbo_Wales




Fußnoten

1.
Eine ausführlichere Erörterung bei Klaus Goldhammer (2006): Wissensgesellschaft und Informationsgüter aus ökonomischer Sicht, in: Hofmann, Jeanette (Hg.): Wissen und Eigentum, Bonn : bpb, S. 81-106.
2.
Benkler, Yochai (2006): The wealth of networks. How social production transforms markets and freedom. New Haven, Conn.: Yale University Press. Online-Version: benkler.org/Benkler_Wealth_Of_Networks.pdf.
3.
Goldspink, Christopher (2010): Normative Behaviour in Wikipedia. In: Information, Communication & Society 13 (5), S. 652–673.
4.
Kohlenberg, Kerstin (2006): Die anarchische Wiki-Welt. In: Die Zeit, 2006 (37). Online-Version: zeit.de/2006/37/wikipedia
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Linda Groß für bpb.de
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