Dossierbild Afrikanische Diaspora
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Die alltägliche Gegenwart der kolonialen Vergangenheit


30.7.2004
Nach Berlin kamen Güter, Kunstschätze und auch Menschen, meist aus Afrika, wo die deutschen "Besitzungen" am größten waren. Manche kamen freiwillig; die meisten wurden jedoch verschleppt. Die verdrängte deutsche Kolonialzeit hat Berlin mitgeprägt. Diese Vergangenheit und die daraus erwachsende Verantwortung sind allgegenwärtig.

Einleitung



Berlin war bis 1918 die Hauptstadt des deutschen Kolonialreiches – diese Vergangenheit ist heute an vielen Stellen der Stadt noch allzu gegenwärtig.
London und Paris – mit diesen europäischen Metropolen wird Berlin häufig verglichen. Die Bundeshauptstadt ist das internationale, multikulturelle Aushängeschild der Bundesrepublik. Eine der wichtigsten Gemeinsamkeiten der drei Millionenstädte wird in Deutschland gern unterschlagen, verschwiegen und am liebsten vergessen. Berlin ist wie London und Paris eine Kolonialmetropole; sie war von 1885 bis 1918 die Hauptstadt des deutschen Kolonialreiches.

Von dieser Stadt ging eine Aggression aus, die Menschen in West- und Südafrika, in Polynesien und in China ihres Landes, ihres Besitzes und allzu oft ihres Lebens beraubte. In diese Stadt kamen aus den Kolonien geraubte Güter, Kunstschätze und auch Menschen, meist aus Afrika, wo die deutschen "Besitzungen" am größten waren. Manche kamen freiwillig als Diplomaten oder Händler. Die meisten wurden jedoch als Zwangsarbeiter, "Zooattraktionen" und als "Kriegsbeute" verschleppt. Die verdrängte deutsche Kolonialzeit hat Berlin mitgeprägt. Diese Vergangenheit und die daraus erwachsende Verantwortung ist überall in Berlin gegenwärtig:

Das Afrikanische Viertel



Im Straßenbild des "Afrikanischen Viertels" in Berlin-Wedding zeigt sich die Gegenwart kolonialer Vergangenheit besonders deutlich: Straßennamen ehren "Entdecker", die im Auftrag des Deutschen Reiches gemordet und geplündert haben. So mündet beispielsweise die Lüderitzstraße in den Nachtigalplatz. Sowohl der Handelsreisende Lüderitz als auch der Afrikaforscher Nachtigal haben sich an der Sicherung kolonialer Besitzansprüche Deutschlands in Afrika beteiligt. Beide legten unter anderem "deutsche Grenzen" in Afrika fest – Verhandlungspartner waren dabei jedoch Engländer und Franzosen, nicht Afrikaner.

Die Swakopmunder Straße erinnert an die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia. Was (zu) wenig bekannt ist: Dort wurde 1907 auch eines der ersten offiziell so bezeichneten deutschen Konzentrationslager errichtet. Tausende Herero, die sich den deutschen Besatzern widersetzt hatten, fanden dort den Tod.

Die PetersalleeDie Petersallee
Die Petersallee ehrt einen der grausamsten deutschen Kolonisatoren: Carl Peters[1] wurde 1893 nach mehrmaligen Ermahnungen sogar von seinem Auftraggeber, dem Auswärtigen Amt, nach Deutschland zurückbeordert und entlassen. Peters hatte zuvor den Kilimandscharo mit Waffengewalt für Deutschland erschlossen und dem Auswärtigen Amt empfohlen, die dort ansässigen Warombo "auszurotten wie die Rothäute Amerikas, um ihr breites und fruchtbares Gebiet der deutschen Kultivation zu gewinnen". Dieser Vorschlag, den Peters in der Folge in die Tat umzusetzen begann, war jedoch nicht der Grund für seine Entlassung. Im Oktober 1891 hatte Peters seinen Diener Mabruk und kurz darauf seine Dienerin Jagodjo hängen lassen. Der vorgebliche Grund dafür war "ein grober Vertrauensbruch, dessen Wiederholung das Leben von Weißen bedroht hätte". Im Auswärtigen Amt war man empört, als afrikanische, britische und deutsche Zeugen übereinstimmend die wirkliche Motivation für die Morde zur Sprache brachten: Eifersucht. Peters konnte es nicht ertragen, dass seine Konkubine ein Verhältnis mit seinem persönlichen Diener hatte.

Peters Ehre wurde posthum wiederhergestellt: Im Dritten Reich galt er als einer der "Großen Deutschen", dessen Leben aufwändig verfilmt wurde. 1939 wurde ein Teil der Londoner Straße im Afrikanischen Viertel nach Carl Peters, dem "Gründer von Deutsch-Ostafrika" benannt. Die Petersallee ist bezeichnend für den Umgang mit diesen Straßennamen, die ein Ensemble des Gedenkens bilden: Als in den Achtzigerjahren Kritik an der Namensgebung laut wurde, handelte die zuständige Verwaltung: Die Straße wurde allerdings nicht umbenannt, sondern umgewidmet. Sie soll jetzt an den Stadtverordneten Prof. Dr. Hans Peters (Foto) erinnern. Das koloniale Straßengefüge blieb so erhalten.

Kleingärtnerverein "Dauerkolonie Togo"Kleingärtnerverein "Dauerkolonie Togo"
"Kolonie Togo" heißt passenderweise eine Kleingartensiedlung, die inmitten des Afrikanischen Viertels liegt: Sie wird vom Kleingärtnerverein "Dauerkolonie Togo" betreut, der 1939 gegründet wurde. So wirkt Propaganda des Dritten Reiches bis heute fort. Das Deutsche Reich wehrte sich so propagandistisch gegen englische und französische Behauptungen, Deutschland könne nicht kolonisieren. Nach der Niederlage im ersten Weltkrieg hatte Deutschland alle Kolonien an den Völkerbund verloren. Namensgebungen wie diese waren sowohl Ausdruck von Kolonialnostalgie als auch deutliche Willensbekundungen der Reichsregierung, Deutschland wieder einen "Platz an der Sonne" zu erobern. In der Gartenkolonie findet sich ein Schild: Togo 60 Jahre (Foto). Damit ist diese Gartenkolonie im Berliner Wedding älter als der gleichnamige souveräne Staat.

Mohrenstrasse und Reichskanzlerpalais



Im Reichskanzlerpalais fand 1884 die "Berliner Konferenz" statt. Auf Einladung des Reichskanzlers Bismarck [2] trafen sich die Diplomaten der europäischen Kolonialmächte, um den "scramble for Africa" zu beenden: Unter Verwendung einer meterhohen Afrikakarte wurde der Kontinent unter Europäern aufgeteilt. Zusammengehörige Völker wurden so willkürlich über verschiedene "Staaten" verteilt, verfeindete in einem "Staat" zusammengepfercht.

Lord Salisbury, der britische Delegationsleiter auf der Berliner Konferenz, gab später in einem Interview mit der London Times am 7. August 1890 zu: "[We] have been engaged in drawing lines upon maps where no white man's foot ever trod, we have been giving away mountains and rivers and lakes to each other, only hindered by the small impediment that we never knew exactly where the mountains and rivers and lakes were."

Die völlig willkürlichen Grenzen gelten größtenteils noch heute. So unterschiedliche Konflikte wie im Sudan und in Westsahara, aber auch der Schariah-Streit in Nigeria [3] sowie der Ressourcenkrieg in der DR Kongo lassen sich auch auf diese Grenzziehung zurückführen. Die europäische Grenzziehung in Afrika kann nicht als alleinige, muss aber als eine wesentliche Konfliktursache angesehen werden.

Die Tatsache, dass Marmor aus dem zerstörten Reichskanzlerpalais nach dem Zweiten Weltkrieg passenderweise im U-Bahnhof Mohrenstrasse verbaut wurde, symbolisiert einmal mehr die unbequemen Zusammenhänge und Kontinuitäten deutscher Geschichte.

Der "Hererostein"



"Herero-Stein" am Columbiadamm"Herero-Stein" am Columbiadamm
Die in den Kolonien getöteten deutschen Besatzer wurden mit Denkmälern für ihren "Heldentod" (Zitat vom "Herero-Stein" am Columbiadamm) geehrt. Die am Völkermord an den Herero Beteiligten "ehren" mit einem Denkmal auf dem Garnisonsfriedhof ihre "Kameraden". Wie lebendig dieses "Heldengedenken" bis heute ist, zeigt ein Gedenkkranz, der am Volkstrauertag 2002 am Hererostein niedergelegt wurde (Foto): Die Banderole zeigt die Flagge des deutschen Kolonialbundes. Während die Mörder geehrt werden, wird über die Ermordeten geschwiegen. In Berlin gibt es kein Denkmal, das an die mehr als 50.000 von Deutschen ermordeten Herero erinnert.

Das Ethnologische Museum und das Neue Palais



Sowohl im Ethnologischen Museum als auch im Neuen Palais zeigt sich die überhebliche Sammelwut der deutschen Kolonisatoren. Berlin macht sich seit längerem für die Rückgabe der von Alliierten entwendeten Kunstgegenstände stark. Allerdings findet sich im Berliner Ethnologischen Museum eine Sammlung von Beutekunst aus der ganzen Welt (Schwerpunkte deutscher "Entdeckerreisen": West- und Südafrika, der Amazonas und Südasien). Der 'Exotismus primitiver Völker' wird hier zur Schau gestellt. Unter dem Vorwand der Wissenschaftlichkeit werden heilige Gegenstände und Tote in unwürdiger Weise präsentiert. Die ausgestellte Beutekunst wird oft nicht als solche gekennzeichnet. So werden zwei Königsfiguren aus Kom im heutigen Kamerun auf Schautafeln als "Schenkungen" ausgewiesen. Tatsächlich hat das Museum die Figuren, die zu den wertvollsten der Sammlung zählen, als Geschenk erhalten – allerdings vom Leiter der deutschen "Schutztruppe", der sie bei einer "Strafexpedition" 1905 erbeutet hatte. Im Museum fehlt jeder Hinweis darauf, dass die Figuren mit Waffengewalt geraubt wurden und somit "Trophäen" des "Sieges" über ein Königreich darstellen, dass den deutschen Aggressoren erbitterten Widerstand geleistet hatte.

Dagegen wirkt das Beutestück im Neuen Palais eher lächerlich: In einer Gruft unter dem Schloss findet sich - der Öffentlichkeit nicht zugänglich – die Spitze des Kilimandscharo[4]. Da der Berg bis 1918 der "höchste Berg Deutschlands" war, brachte Hans Meyer, der ihn als erster Deutscher bestieg, seinem Kaiser einen Teil der nach ihm benannten Bergspitze mit. Sie liegt bis heute im Neuen Palais. Noch im Jahr der Unabhängigkeit benannte Tansania die "Kaiser-Wilhelm-Spitze" um. Der Gipfel des höchsten Berges in Afrika heißt jetzt "Uhuru" – zu deutsch: Freiheit.

Edeka



Jeder Einkauf führt vor Augen, dass Ungerechtigkeiten der Kolonialzeit bis heute fortwirken: Der Deutschen liebste Bohnen, die Kaffee- und die Kakaobohne werden nach wie vor unter ausbeuterischen Bedingungen in den einstigen europäischen Kolonien angebaut und dann zur Weiterverarbeitung nach Europa verschifft. Kaffeebohnen und Rohkakao sind billig, den Großteil des Gewinnes kassieren europäische Zwischenhändler sowie große Marken wie Jacobs und Tchibo, Milka und Sarotti. Doch die wenigsten Handelsketten nehmen ihre Verantwortung wahr, indem sie Produkte aus fairem Handel anbieten. Noch weniger Kunden nehmen diese Angebote an. Viele kaufen allerdings unwissentlich bei der "Einkaufsgenossenschaft deutscher Kolonialwarenhändler", der EDEKA. 1907 als E.d.K. gegründet, baute die Genossenschaft den um Vokale ergänzten Namen zu einer der größten Einzelhandelsmarken Deutschlands auf. Der bekannte Markenname schreibt somit deutsche Kolonialgeschichte bis in die heutige Zeit fort. Obwohl dieser Zusammenhang im Markennamen und im Angebot offensichtlich ist, wird er von der Supermarktkette ignoriert: Produkte aus fairem Handel sucht man in den EDEKA-Filialen vergeblich.

Deutsche Kolonialkultur heute



Stadtkarte BerlinStadtkarte Berlin
Kolonialismus ist das gewaltsame Eindringen in andere, "fremde" Lebenswelten. Doch die ausbeuterische Aggression der Kolonisatoren verändert nicht nur die Lebenswelt der Kolonisierten. Auch die Lebenswelt der Kolonisatoren wird durch die Mythen, Ideologien und Vorstellungen verändert, die zur Rechtfertigung der Aggression dienen. Diese Veränderungen reichen bis hin zum Stadtbild. Die beschriebenen Orte in Berlin illustrieren diesen Einfluss, eine kritische Betrachtung zeigt, dass sie wie vieles im deutschen Alltag voller Bezüge zur Kolonialzeit sind. Berlin war eine Kolonialmetropole. Dieser Teil der Stadtgeschichte ist an vielen Stellen der Stadt gegenwärtig.

Literatur



Hinz, Manfred: Weiss auf schwarz: 100 Jahre Einmischung in Afrika: Deutscher Kolonialismus und afrikanischer Widerstand, Berlin 1984.

Ivanov, Paola: "Aneignung – Der museale Blick als Spiegel der europäischen Begegnung mit Afrika", in: Susan Arndt (Hg.): AfrikaBilder: Studien zu Rassismus in Deutschland, Münster 2001.

Van der Heyden, Ulrich: "Das Afrikanische Viertel", in: ders./Joachim Zeller (Hg.): Kolonialmetropole Berlin – eine Spurensuche, Berlin 2002.

Weiss, Ruth/Mayer, Hans: Afrika den Europäern – von der Berliner Kongokonferenz 1884 ins Afrika der neuen Kolonisation, Wuppertal 1984.

Zeller, Joachim: "'Wie Vieh wurden hunderte zu Tode getrieben und wie Vieh begraben': Fotodokumente aus dem deutschen Konzentrationslager in Swakopmund, Namibia 1904-1908', in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Berlin 03/2001.

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Fußnoten

1.
»Der von Carl Peters verfassten Text zur Entwicklung der deutschen Kolonialpolitik (1885)« (Stiftung preußischer Kulturbesitz)
2.
Bismarck stand deutschen Kolonialbestrebungen zunächst skeptisch gegenüber, so zweifelte er 1868 in einem Brief an Kriegsminister Roon, dass das Deutsche Reich wirtschaftlichen Gewinn aus Kolonien ziehen könne (»Volltext des Briefes«). Durch kontinuierliche Lobbyarbeit umgestimmt (vgl. Link zu Carl Peters, Fußnote 1) forderte er schließlich am 13. März 1885 in einer Rede vor dem Reichstag die Bewilligung von Geldern für deutsche Schutztruppen: "Wir folgen unseren Kaufleuten mit unserem Schutze." (»Faksimile des Reichstagsprotokolls«; »Primärquellen zur deutschen Kolonialpolitik«).
3.
Schariah ist im Kontext der regionalen Machtkämpfe in Nigeria ein Mobilisierungsmittel, das im islamisch geprägten Norden zur Stärkung von Sezessionstendenzen gegenüber dem politisch dominierenden Süden des Landes eingesetzt wird.
4.
»Das Gemälde "Kilimandscharo (Deutsch-Afrika 1914)" des Kolonialmalers Walter von Ruckteschell zeigt den Berg im Morgennebel«. Es befindet sich im Deutschen Historischen Museum.

 

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