Dossierbild Afrikanische Diaspora

30.7.2004 | Von:
Dr. Susan Arndt

Kolonialismus, Rassismus und Sprache

Kritische Betrachtungen der deutschen Afrikaterminologie

Konzeptuelle Grundlagen der deutschen Afrikaterminologie

Ein zentraler Baustein der Konstruktion von Afrika als unterlegener Gegenpol zu Europa durch Neologismen sowie Bedeutungserweiterungen und -übertragungen ist die begriffliche Herstellung eines hierarchischen Gegensatzes zwischen "Natur" und "Kultur". So wurde Afrika über Begriffe wie "Buschmänner" und "Naturvölker" als "Natur" konstruiert. Dabei wird häufig in einem rassistischen Verfahren, auf das bereits Frantz Fanon [1] hingewiesen hat, über eine ausgeprägte Tiermetaphorik eine Nähe zwischen Schwarzen und Tieren unterstellt. "Mulatte" etwa geht auf Portugiesisch "mulo" (= "Maulesel, Maultier") zurück. Dieses Tier wird zu den "Bastarden" gezählt. In der Tier- und Pflanzenwelt gelten diese als nicht fortpflanzungsfähig. Eben dies wurde auch Kindern aus Beziehungen von Schwarzen und Weißen unterstellt.

Im Kontrast zu dieser Konstruktion von Afrika als "Natur" und Schwarzen als "Bindeglied zwischen Mensch und Tier" wird Europa als "Kultur" konstruiert. Dabei wird Europa nicht nur als überlegener Gegenpol dargestellt, sondern als "Norm" gesetzt. Das vollzieht sich in einem eher impliziten Verfahren. Wenn zum Beispiel "Naturvölker" im Gegensatz zu "Völkern", "Naturreligionen" zu Religionen und "Buschmänner" zu Männern bzw. Menschen stehen, wird ein spezifizierender Unterbegriff einem generischen Oberbegriff gegenübergestellt. Dieses Prinzip, das sich beispielsweise auch im aktuellen Begriff "Bananenrepublik" findet, weist darauf hin, dass sich koloniale Benennungen auch über eine Strategie der Asymmetrie vollziehen; d.h. in der Regel wird das, was aus Weißer westlicher Sicht als abweichend und "anders" konstruiert wurde, benannt, während die vermeintliche Normalität Weißer Kulturen nicht weiter spezifiziert, sondern durch den Oberbegriff bezeichnet wird. Dadurch vollzieht sich die Normsetzung unsichtbar und ist somit schwieriger zu hinterfragen, als wenn sie explizit gemacht werden würde.

Zudem basieren viele der Afrika betreffenden Neologismen und Bedeutungsübertragungen auf Konzepten von Chaos, Unordnung und Regellosigkeit. Diese Konnotationen zeigen sich etwa in Begriffen wie "Busch" und "Dschungel". Beide Begriffe bezeichnen nicht nur Vegetationszonen, sondern werden auch auf Kulturen und Menschen übertragen. In der deutschen Wahrnehmung kommen Afrikanerinnen und Afrikaner aus dem "Busch". Dabei wird ignoriert, dass Dörfer und Städte immer in Naturräume hineingebaut werden und dennoch weder die Bewohner einer nigerianischen oder einer deutschen Metropole, noch eines deutschen oder eines nigerianischen Dorfes "im Busch" leben. Zudem ist problematisch, dass in der Übertragung von "Busch" auf Kulturen und Menschen auch die abwertenden Konnotationen wie etwa "angsteinflößend" und "ungeordnet" mit transferiert werden.

Kolonialdeutsch und aktuelle Wörterbücher

Die deutsche Afrikaterminologie zeigt exemplarisch, dass sich der koloniale Afrikadiskurs nachhaltig in die deutsche Gesellschaft eingeschrieben hat. Viele der im Kontext der europäischen Expansionsbewegungen nach Afrika geprägten Begriffe sind bis heute gebräuchlich. Oft werden sie sogar mit dem Habitus gebraucht, es sei legitim (weil historisch gewachsen) oder "nicht so schlimm", diese Wörter zu verwenden. Selbst für die wenigen Wörter, wie etwa "Neger", für die sich zunehmend das Wissen durchsetzt, dass sie rassistisch konnotiert sind, lässt sich beobachten, dass sie in Komposita (wie etwa "Negerkuss") hartnäckig weiterleben und auch in Wörterbüchern nur verhalten kommentiert werden. In der Regel heißt es heute unter dem Eintrag "Neger", wie etwa in der jüngsten Ausgabe des Duden: Deutsche Rechtschreibung: "wird häufig als abwertend empfunden" [2]. Durch diese Formulierung wird suggeriert, dass das Wort nicht per se, sondern nur in der Empfindung einiger weniger diskriminierend sei. Bei anderen Begriffen wird vermerkt, dass der Begriff "veraltet" sei. Das ist etwa bei "Mohr" der Fall – obgleich er zumindest in der Lebensmittel- und Apothekenbranche allgegenwärtig ist. Die meisten Begriffe werden aber erst gar nicht als "abwertend" oder "veraltet" markiert. So heißt es im aktuellen Duden: Die deutsche Rechtschreibung etwa unter Häuptling "Stammesführer, Vorsteher eines Dorfes bei Naturvölkern" [3] und im Duden wie auch im Deutschen Wörterbuch der aktuellen Brockhaus-Ausgabe unter "Hottentotten": "Angehöriger eines Mischvolkes in Südwestafrika" [4]

Gesellschaftliche Aufarbeitung von Kolonialismus und Sprachgebrauch

Im Sprachgebrauch schlagen sich nicht nur Werte und Hierarchien einer Gesellschaft nieder; zugleich werden diese auch durch Sprache verfestigt und getragen. Deswegen ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass mit dem Gebrauch von Sprache immer auch gehandelt wird und Konzeptualisierungen, die durch den Gebrauch bestimmter Begriffe hervorgerufen werden, zu reflektieren. Auf dieser Grundlage kann dann auf diese Begriffe verzichtet und auf alternative Termini zurückgegriffen werden. Eine geeignete Strategie ist das Verwenden von Wörtern, die auch für den Weißen westlichen Kontext gegenwärtig gebräuchlich sind. Ist dies nicht möglich oder sinnvoll, kann auf Selbstbenennungen zurückgegriffen werden. Das kann sich zum einen über bereits existierende Begriffe, etwa Bezeichnungen für die politischen Machthaberinnen und Machthaber einzelner afrikanischer Gesellschaften (z.b.: Igbo: eze) als Ersatz für "Häuptling" realisieren. Zum anderen gibt es aber auch Benennungspraktiken, die im Kontext politischer Emanzipationsbewegungen und Diskussionen konzipiert werden – auch um auf Rassismus aufmerksam zu machen und sich als gesellschaftliche Gruppe zu konstituieren und zu markieren. Um sprachlich darauf zu reagieren, dass Schwarze im Sinne von Simone de Beauvoir erst durch rassistische Sozialisationsmuster zu Schwarzen gemacht werden, hat sich etwa – in Anlehnung an Debatten in Nordamerika, Frankreich und Großbritannien – in der Bundesrepublik Deutschland zunächst "Afro-Deutsche und später dann "Schwarze Deutsche" sowie auch "Schwarze" und "People of Color" als Selbstbezeichnungen etabliert.

Das Ersetzen rassistischer Begriffe resultiert keineswegs automatisch aus dem Verschwinden der Auffassungen, die diese Begriffe produziert haben bzw. produzieren. Wichtig ist daher, dass sich das Vermeiden und Ersetzen von Begrifflichkeiten im Kontext einer intensiven Auseinandersetzung mit den durch diesen ausgedrückten Verhältnissen, Diskriminierungen und Ideologien vollzieht. Folgerichtig erscheint es sinnvoll, die Diskussion der deutschen Afrikaterminologie in eine allgemeine öffentliche Aufarbeitungsdebatte über den Kolonialismus einzubetten.

Fußnoten

1.
Vgl.: Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt/M. 1981, S. 35 (Erstveröffentlichung auf Französisch 1961).
2.
Duden: Die deutsche Rechtschreibung, Mannheim 2001, S. 685.
3.
Brockhaus: Die Enzyklopädie: Deutsches Wörterbuch I-III (Bd. 28-30) 1999, Bd. 29, S. 1692.
4.
Duden: Die deutsche Rechtschreibung, Mannheim 2001, S. 481; Brockhaus: Die Enzyklopädie: Deutsches Wörterbuch I-III (Bd. 28-30) 1999, Bd. 29, S. 1874.

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