Dossierbild Afrikanische Diaspora

30.7.2004 | Von:
Dr. Monika Firla

Angelo Soliman und seine Freunde im Adel und in der geistigen Elite

Der Literaturwissenschaftler István Fried entdeckte 1994, dass auch der ungarische Nationaldichter Ferenc Kazinczy (1759-1831) seit 1786 zu Solimans Freunden zählte.[19] Kazinczy interessierte sich zwar zunächst sehr für Solimans Aussehen [20], entwickelte dann jedoch ein davon unabhängiges Verhältnis zu ihm. In seinem Nachlass befindet sich auch Solimans bisher einzig bekannter Brief. Er stammt aus dem Jahr 1792 und lautet:
    "Wien, den 16-ten 9bris 1792

    Hochverehrter Freund!

    Ich wage es, Ihnen deutsch zu schreiben, eine Sprache, in welcher ich weniger geübt bin, in der Zuversicht, dass Sie nachsichtig seyn werden. Ich hatte schon vergessen, dass ich Sie gebeten, mir eine kleine Bouteille Tokayer Essence zu verschaffen. Ich wurde sehr überrascht, da ich Ihr schreiben erhielt. Ich danke Ihnen vielmahl für die gütige Erinnerung, die mir mehr schmeichlet, als mir 10 Antheil Tokayer Freude verursacheten. Das, was ich Ihnen da gesagt habe, ist auf meiner Ehre wahr. Sie sind wohl glücklich, lieber Bruder Kazinczy, ein Eigenthum zu haben, so können Sie, gleich wie der Vatter der Wohlredenheit Roms, auf Ihrem Tusculanum sitzen, besuche Ihrer Freunde anzunehmen und vergeniegt die Täge erneuern zu sehen.
    Ich lebe ziemlich ruhig, entfernt von der grossen Welt, seh ich zuweilen die {!} Plötzliche Stats Veränderungen mit kaltem Blute zu.
    Leben Sie wohl, und recht wohl, und seyn Sie meiner Hochachtung und Freundschaft versichert.
    Angelo Soliman."[21]
Wir erfahren hier, dass Kazinczy seinem schwarzen Freund eine Flasche mit dem Extrakt des begehrten Tokajer-Weines geschickt hatte, dass Soliman natürlich auch Cicero kannte und ebenfalls gerne ein kleines Landgut – so wie Ciceros Tusculum – besessen hätte. Weiter lesen wir, dass der damals etwa 61-jährige Soliman zurückgezogen lebte und politische Ereignisse – wie z.B. die Französische Revolution von 1789 – mit stoischer Ruhe zur Kenntnis nahm, was aus der sicheren Ferne natürlich leichter war.

Möglicherweise gelang es Soliman sogar, durch seine guten Beziehungen zum Kaiserhof, Kazinczy nach dessen 1794 erfolgter Einkerkerung als vermeintlicher Staatsfeind Hafterleichterung zu verschaffen. Denn 1809 und wieder in Freiheit schreibt der Schriftsteller zu Beginn einer Textpassage über Soliman "Segen auf Deine Asche, verehrungswürdiger Mann! Und er endigt sie mit den Worten Segen, Segen, Segen auf Dich, guter Mann!"[22]

Schluss

Die Beschäftigung mit Solimans Freundeskreis kann uns Aufschlüsse darüber geben, wie Freundschaften zwischen schwarzen und weißen Menschen schon vor Jahrhunderten gelungen sind. Doch zu Solimans 'Freunden' scheinen außerdem einige gehört zu haben, welche ihn unter dem Einfluss rassistischer Theorien, die in jener Zeit 'modern' geworden waren, zur publikumswirksamen Überlassung seiner Haut veranlassten.[23] Diese Tatsache zeigt, wie beeinflussbar Menschen sind. Und sie sollte uns stets ein warnendes Beispiel sein, damit wir Freundschaften unabhängig von neu propagierten Feindbildern aufrechterhalten und nicht eines Tages in ihr Gegenteil verkehren.

Fußnoten

19.
Fried (1994: 29/30).
20.
M. Firla: Segen, S. 34.
21.
Zit. nach ebd., S. 40.
22.
Ebd., S. 42.
23.
Dies.: Verkörpert uns Soliman?; zur Entstehung des Rassismus´ gerade in der Aufklärung s. Karl-Heinz Kohl: Entzauberter Blick: Das Bild vom guten Wilden und die Erfahrung der Zivilisation, Frankfurt/M. 1986; M. Firla: "Kants Thesen vom 'Nationalcharakter' der Afrikaner, seine Quellen und der nicht vorhandene 'Zeitgeist'", in: "Mitteilungen des Instituts für Wissenschaft und Kunst", 52/1997, Nr. 3, S. 7-17.

Dossier - Afrika

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

Mehr lesen

Um das politische Konzept der Sklaverei und des Kolonialismus moralisch "zu legitimieren", erfand Europa sein eigenes Afrika. Der Kontinent sei das homogene und unterlegene "Andere" und bedürfe daher der "Zivilisierung". In diesem Prozess war Sprache ein wichtiges Kriterium.

Mehr lesen