Dossierbild Afrikanische Diaspora

10.8.2004 | Von:
Eleonore Wiedenroth-Coulibaly

Schwarze Organisierung in Deutschland

Ein Abriss

Politische Felder der ISD

Schwarze Deutsche, die das nationalsozialistische Regime mit seinen Demütigungen, Entrechtungen und (illegalen) Sterilisierungen überlebt hatten, haben gelernt, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Trotz des Artikels 3 in der deutschen Verfassung (Grundgesetz) konnte auch nach dem Nationalsozialismus der seit kolonialen Ansprüchen etablierte Rassismus latent weiter blühen, ohne auf Grenzen zu stoßen. Mit Blick auf die USA (Rassentrennung bzw. Bürgerrechtsbewegung), auf den afrikanischen Kontinent (bis in die 1960er Jahre der Kolonialismus und bis 1989 das Apartheid-Regime Südafrikas) wurde die deutsche Ausprägung rassistischer Handlungsmuster heruntergespielt. Jedoch bedeutete der so genannte "latente" Rassismus nach 1945 für etwa zwei Generationen Schwarzer Deutscher noch immer, der eigenen Stimme, der eigenen Meinung und Empfindung, beruflicher und persönlicher Entwicklungsmöglichkeiten beraubt, kurz, an den Rand gedrückt zu sein.

Die rassenideologische Begründung, warum Schwarze keine Deutsche sein könnten, war inzwischen ersetzt worden durch ein Auslassen in der Geschichtsschreibung. Dieser Auslassung zufolge konnten Schwarze in Deutschland deshalb keine Deutschen sein, weil sie in der deutschen Geschichte angeblich nicht vorkamen. Die Aneignung Schwarzer Deutscher Geschichte wurde in der Folge zu einem wesentlichen Instrument von Emanzipation. Das anfängliche Desinteresse der Mehrheitsgesellschaft ermöglichte es den Schwarzen Deutschen, auf dem unbestellten Feld ihrer angeblichen Geschichtslosigkeit ein eigenes, selbstbestimmtes Bild Schwarzer Deutscher Geschichte zu entwickeln und der etablierten Geschichtsschreibung entgegenzusetzen. Geschichtsschreibung wurde dabei aus dem eigenen Erleben als Instrument von Herrschaft analysiert und als politisches Handlungsfeld entdeckt.

Begleitet wurde dieser Prozess von einer Auseinandersetzung um die Staatszugehörigkeit. Die Staatsangehörigkeit sollte in einem demokratisch orientierten Staat nicht nach "völkischen", sondern rein nach formalen Kriterien definiert werden. Eine solche breitenpolitische Grundhaltung würde die Debatten um die deutsche Staatsbürgerschaft, um Einbürgerung und Mehrfachnationalität, um Einwanderung und Einwanderungsgesellschaft entzerren und auf solidere Argumentationsgrundlagen stellen. Deutsche Identitäten würden nicht mehr, ausgehend von einem fragwürdigen Kanon, abgefragt, sondern würden als Spiegelbild "multi-ethnischer" ebenbürtiger Herkunft verstanden werden. Die ISD trägt mit ihrer Arbeit dazu bei, zwei Grundlügen der deutschen "Mehrheits-"Gesellschaft zu entlarven: "In Deutschland gibt es keinen Rassismus" und "Deutschland ist kein Einwanderungsland."

Teilnehmende des ISD-Bundestreffens 2004 bei BerlinTeilnehmende des ISD-Bundestreffens 2004 bei Berlin. (© ISD-Bund e.V.)

ISD vertritt die Interessen Schwarzer Menschen

Mit Bildern der Angst vor "Überfremdung" wird in der Migrations- und Asylpolitik eine modernisierte Form von Rassismus geschürt. Dass inzwischen gleichzeitig über Einwanderung als Faktum gesprochen wird, ist kein Paradox. Denn die Debatten werden von unterschiedlichen Protagonistinnen und Protagonisten geführt und progressive Ansätze verschwinden sehr schnell hinter restriktivem "sicherheitspolitischem" Kalkül. Im Alltag zeigt sich das Gesicht des "modernen" Rassismus, wenn z.B. BGS-Beamte am Kölner Hauptbahnhof Jagd auf unerwünschte Flüchtlinge machen. Das vermeintliche Erkennen nach undifferenzierten stigmatisierenden Bildern ist bekannt. In der Regel und an erster Stelle treffen solche Parameter Schwarze Menschen – unabhängig von ihrem aufenthaltsrechtlichen oder staatsbürgerlichen Status. Und dagegen müssen wir auch weiterhin gemeinsam kämpfen.

ISD vertritt die Interessen Schwarzer Menschen in Deutschland gegenüber der Öffentlichkeit und Entscheidungsträgern. So greift sie etwa durch Stellungnahmen in die Diskussion um ein Antidiskriminierungsgesetz ein. Sie interveniert bei Fällen von Diskriminierung, unterstützt die Opfer und bezieht Stellung gegenüber der Öffentlichkeit. Sie qualifiziert intern und extern neue anti-rassistische, bisweilen afro-zentrierte Multiplikatorinnen und Multiplikatoren im Bildungs- und Ausbildungsbereich sowie vermittelt Expertinnen- und Expertenwissen.

Wer neugierig geworden ist, findet ISD-Bund unter www.isdonline.de. Hier gibt es interessante Artikel aus der Schwarzen Bewegung national und international sowie Links zu regionalen Gruppen, zu Community-relevanten Organisationen und anderen Vereinen in der Anti-Rassismus-, Anti-Diskriminierungs-, Interkulturellen afrikanisch bestimmten Szene.


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