Dossierbild Migration

15.3.2005 | Von:

Migration, Ausländerbeschäftigung und Asylpolitik in der DDR

1949–1989/90

Ausländerbeschäftigung

Ausländische Vertragsarbeitnehmer in der DDR 1966-1989. Aus: Normalfall Migration, bpb 2004.Ausländische Vertragsarbeitnehmer in der DDR 1966-1989. Aus: Normalfall Migration, bpb 2004. (© bpb)
Auch in der DDR gab es Ausländerbeschäftigung, anfangs mit Ausbildungswanderung verbunden, später zunehmend davon abgelöst. Die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte in der DDR wurde durch akuten Arbeitskräftemangel erzwungen. Er hatte seinen Grund vor allem in der Abwanderung von Arbeitskräften in den Westen bis zum Mauerbau 1961 und in verringertem Umfang auch noch danach. Die Ausländerbeschäftigung in der DDR lag zwar im Vergleich zur Bundesrepublik deutlich niedriger. Mit einem Ausländeranteil von ca. einem Prozent an der erwerbstätigen Bevölkerung aber stand die DDR unter den Staaten des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) dennoch an führender Stelle.

Arbeit unter harten Bedingungen

Von den 1989 noch ca. 190.000 Ausländern in der DDR stellten die in DDR-Betrieben Beschäftigten die bei weitem stärkste Gruppe (93.000), unter ihnen am Vorabend der deutschen Einigung 1989 noch ca. 59.000 Arbeitskräfte aus Vietnam und ca. 15.000 aus Mosambik. Die ausländischen Arbeitskräfte arbeiteten in der DDR – vergleichbar den "Gastarbeitern" in der Bundesrepublik – zumeist in Beschäftigungsfeldern, die von deutschen Arbeitskräften am wenigsten geschätzt wurden: im unmittelbaren Produktionsbereich, unter härtesten Arbeitsbedingungen, z.B. zu drei Vierteln im Schichtdienst.

Ausländer in der DDR 1989 nach Nationalitäten. Aus: Normalfall Migration, bpb 2004.Ausländer in der DDR 1989 nach Nationalitäten. Aus: Normalfall Migration, bpb 2004. (© bpb)
Einwanderungsprobleme stellten sich im Zusammenhang der Ausländerbeschäftigung nur im Falle der – seltenen – Eheschließungen zwischen "ausländischen Werktätigen" und Bürgerinnen bzw. Bürgern der DDR, denn die auf der Grundlage zwischenstaatlicher Vereinbarungen befristet zuwandernden Ausländer hatten nach Vertragsende in ihre Heimat zurückzukehren. Familienzuwanderung gab es in diesem strengen Rotationssystem nicht. Die ausländischen Arbeitskräfte in der DDR kamen als einzelne Arbeitswanderer, wobei in den zwischenstaatlichen Vereinbarungen vor allem von jungen, ledigen Arbeitskräften die Rede war.

Es gab auch direkte familienfeindliche Regelungen. Im Falle von Schwangerschaft z.B. galt die Alternative von Abtreibung oder Abschiebung, die stark an ähnliche Bestimmungen in Arbeitsverträgen für ausländische Arbeiterinnen auf ostelbischen Gütern vor dem Ersten Weltkrieg erinnert. Erst kurz vor der Wende wurde diese Vereinbarung modifiziert. Seitdem wurde es z.B. vietnamesischen Frauen in Ausnahmefällen gestattet, ihre Kinder in der DDR auszutragen – sofern der Betrieb zustimmte. Sechs Wochen nach der Geburt hatten sie ihre Arbeit wieder aufzunehmen – das Kind hatte Anspruch auf einen Krippenplatz – oder auszureisen.

Regelungen der Arbeitsmigration durch Regierungsvereinbarungen

Vietnamesin auf dem Markt in Berlin, Marzahn-HellersdorfVietnamesin auf dem Markt in Berlin, Marzahn-Hellersdorf (© Susanne Tessa Müller)
Die Arbeits- und Lebensbedingungen der ausländischen Arbeitskräfte und Auszubildenden waren für die Dauer ihres Aufenthaltes in den meisten Bereichen durch bilaterale Regierungsvereinbarungen und besondere "Rahmenrichtlinien" geregelt. Es gab praktisch keinen Lebensbereich, in dem sie nicht in irgendeiner Form reguliert bzw. kontrolliert worden wären. Das Ausländergesetz der DDR vom 28. Juni 1979 und die dazugehörige Ausländerverordnung regelten die grundsätzlichen Fragen des Aufenthaltes und des Rechtsstatus der ausländischen Bevölkerung während ihres Aufenthaltes in der DDR.

Die dort formulierten rechtlichen Rahmenbedingungen blieben aber sehr grob: Einerseits wurden den in der DDR lebenden ausländischen Arbeitskräften die gleichen Rechte wie DDR-Bürgern eingeräumt – ausgenommen die an die Staatsbürgerschaft gebundenen –, sofern keine gesonderten Abkommen zu ausländerrechtlichen Fragen mit dem Herkunftsland bestanden. Andererseits wurde festgelegt, dass die Genehmigung zum Aufenthalt in der DDR jederzeit ohne Begründung zeitlich und örtlich beschränkt, versagt, entzogen oder für ungültig erklärt werden konnte.

Darüber hinaus gab es Maßnahmen zur Immobilisierung und Disziplinierung der ausländischen Arbeitskräfte: Sie blieben z.B. in der Regel für die Dauer ihres Aufenthalts in der DDR an einen Betrieb gebunden und ihr Kündigungsrecht war stark eingeschränkt. Der "Stärkung der Arbeitsdisziplin" diente die Drohung mit der Reduktion bzw. Einstellung der Zahlung einer Entschädigung für die Trennung von der Familie. Für polnische Arbeitskräfte z.B. wurde dieses "Trennungsgeld" seit 1973 gezahlt und für jeden Aufenthaltstag berechnet.

Bei einmaligem unentschuldigten Fehlen am Arbeitsplatz wurde diese Zulage um 50 Prozent gekürzt, bei zweimaligem unentschuldigten Fernbleiben ganz gestrichen. In den bilateralen Verträgen gab es ferner gruppenspezifische Vereinbarungen darüber, ob und wie viel Geld anteilig vom Bruttoverdienst direkt an die Regierungen der Herkunftsländer zu überweisen war, welcher Anteil des Verdienstes den Beschäftigten sofort und welcher ihnen erst nach ihrer Rückkehr ausgezahlt werden sollte.

Mehr staatlich verordnete Segregation, weniger soziale Integration

Öffentliche Diskussionen über in der DDR lebende und arbeitende Ausländer und deren Probleme wurden von staatlicher Seite konsequent unterdrückt, alle offiziellen Dokumente, Verträge etc. bis zur Wende im Herbst 1989 unter Verschluss gehalten. Aus diesen Gründen gab es bis dahin, von Ausnahmen (z.B. den Kirchen) abgesehen, keine Lobby für die in der DDR lebenden Ausländer. Die ausländischen Beschäftigten und Ausbildungswanderer hatten, außer über Gewerkschaftsaktivitäten im betrieblichen Rahmen, weder ein Mitspracherecht noch Mitentscheidungsmöglichkeiten in ausländerpolitischen Fragen. Eigene Interessenvertretungen für ausländische Arbeitskräfte existierten nicht.

Insgesamt gab es in der DDR den "ausländischen Werktätigen" gegenüber zwar administrativ geleitete, autoritäre "Betreuung", aber weniger soziale Integration und mehr staatlich verordnete soziale Segregation. Sie wurden vielfach in separaten Gemeinschaftsunterkünften einquartiert und damit auch sozial auf Distanz gehalten. Nähere Kontakte waren genehmigungs- und berichtspflichtig.

Quelle: Bade, Klaus J./Jochen Oltmer: Normalfall Migration (ZeitBilder, Bd. 15). Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2004, S. 90-96.


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