Dossierbild Migration

15.5.2007 | Von:
Christoph Müller-Hofstede

Migrantenorganisationen

In Deutschland hat sich eine Vielzahl von Migrantenorganisationen etabliert, deren Beitrag zur Integration nicht unumstritten ist. Sie vertreten die Interessen von Migranten etwa in religiösen, kulturellen oder rechtlichen Belangen.

Typen und Funktionen von Migrantenorganisationen

Wandbild des türkischen Kulturvereins der Aleviten in Berlin-KreuzbergWandbild des türkischen Kulturvereins der Aleviten in Berlin-Kreuzberg (© Susanne Tessa Müller)
In über 50 Jahren Einwanderungsgeschichte sind in Deutschland eine Vielzahl von sog. Migrantenselbstorganisationen (im Folgenden: Migrantenorganisationen) entstanden. Eine bundesweite Erhebung über Anzahl und Struktur aller Migrantenorganisationen existiert nicht. Die bisher einzige Vollerhebung von 1999 in Nordrhein-Westfalen konnte über 2.200 Organisationen ermitteln - über die Hälfte davon wurde erst zwischen 1989 und 1997 gegründet, obwohl sich der Anteil der ausländischen Bevölkerung nicht erhöht hatte.

Mit der Pluralisierung der Migrationsformen in den letzten Jahren ist auch das Netzwerk von Migrantenorganisationen dichter, vielfältiger und professioneller geworden. Doch wie unterscheiden sich die Migrantenorganisationen untereinander? Und welchen Beitrag leisten sie zur Interessenvertretung der Zuwanderer? Tragen sie zum Integrationsprozess oder eher zur Abschottung und Segregation von der Mehrheitsgesellschaft bei?

Die Funktion der Migrantenorganisationen in Deutschland ist eng mit der Geschichte der Zuwanderung verknüpft, die in den 1950er- und 60er-Jahren primär der Anwerbung von Arbeitskräften für die deutsche Wirtschaft diente. Neben den rein wirtschaftlichen Fragen warf der Arbeitskräfteimport auch neue soziale Probleme auf: Die eingewanderten Menschen beherrschten die deutsche Sprache nicht, lebten getrennt von ihren Familien und der Zeitpunkt ihrer Rückkehr war ungewiss. Zunächst wurde daher die soziale Versorgung der Zuwanderer zu einem neuen sozialpolitischen Thema.

Die deutschen Wohlfahrtsverbände übernahmen wichtige Betreuungs- und Fürsorgefunktionen für die zugewanderte Bevölkerung, die sie teilweise bis heute noch wahrnehmen. Seit den 1950er-Jahren waren unterschiedliche Verbände für bestimmte Nationalitäten und konfessionell gebundene Gruppen von Zuwanderern zuständig: so die Caritas für katholische Migranten, die Arbeiterwohlfahrt für Zuwanderer aus der Türkei und den anderen außereuropäischen (nichtchristlichen) Anwerbeländern und das Diakonische Werk für griechische Einwanderer. Die im Wesentlichen stärker auf Betreuung als auf Partizipation ausgerichteten Fürsorgefunktionen reichen teilweise bis ins 19. Jahrhundert zurück: So war die Caritas schon damals Beratung- und Fürsorgeeinrichtung für polnische und italienische Arbeitsmigranten im Ruhrgebiet. Aus diesen stark sozialstaatlich ausgerichteten Strukturen heraus entwickelten sich seit den 1970er-Jahren die ersten Selbstorganisationen von Migranten, die man grob nach religiös und weltlich ausgerichteten Organisationen unterscheiden kann.

Religiöse Vereine

In vielen Städten entstanden Moscheevereine, weil keine Angebote für die religiösen Bedürfnisse vieler zugewanderter Muslime vorhanden waren. Aus diesen oft mit bescheidenen Mitteln arbeitenden lokalen Vereinigungen entwickelte sich im Laufe der 1970er- und 80er-Jahre eine verfestigte Struktur von islamischen Dachverbänden. Diese allerdings vertreten unterschiedliche Positionen und traten lange Zeit ohne ein Koordinierungsgremium auf.

Im April 2007 nahm ein "Koordinierungsrat für Muslime" (KMR) seine Arbeit auf, der als ein Ansprechpartner für die Politik in Fragen des Islam fungieren möchte. Der KRM besteht aus vier großen muslimischen Organisationen in Deutschland: dem Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD), der Türkisch-Islamischen Union (DITIB), dem Islamrat und dem Verband der islamischen Kulturzentren (VIKZ). Nur indirekt beteiligt ist die islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), die den größten Mitgliedsverband des Islamrats stellt. Die islamischen Dachverbände repräsentieren allerdings nur einen kleinen Teil der in Deutschland lebenden ca. 3 Millionen Menschen muslimischen Glaubens (davon 2,4 Millionen Türkischstämmige), weil nur ein kleiner Teil der Muslime Mitglied in Moscheevereinen bzw. deren Dachverbänden ist. Bedenkt man, dass allein die (nicht in Moscheen betende und ohne Kopftuchvorschriften lebende) Religionsgruppe der türkischen Aleviten in Deutschland über 600.000 Menschen umfasst, so wird deutlich, dass das Bild des Islam in Deutschland vielfältiger ist als ein Blick allein auf die Dachverbände vermitteln kann. Deren Anspruch auf Repräsentation "der" Muslime in Deutschland wird vor allem von Vertretern säkularer und liberaler Positionen in der muslimischen Community in Frage gestellt.

Zu den wichtigsten und einflussreichsten islamischen Dachverbänden zählen:

Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB): Diese Organisation hat sich seit 1984 zum Dachverband zahlreicher Moscheevereine entwickelt, deren Mitglieder zugleich Mitglieder der DITIB sind. Die DITIB arbeitet unter Anleitung des türkischen Amtes für Religionsangelegenheiten (DIYANET), das direkt dem türkischen Ministerpräsidenten unterstellt ist. Sie ist dem spezifischen Verständnis des türkischen Laizismus verpflichtet.

Zentralrat der Muslime (ZMD): Er ist ein lockerer Zusammenschluss vieler Moscheevereine, die in der Regel wertkonservativ bis orthodox ausgerichtet sind.

Verband der Islamischen Kulturzentren(VIKZ): Dachverband der seit 1980 zusammengeschlossenen islamischen Kulturzentren, die der Schule des Süleyman Efendi, eines türkischen, eher dem mystischen Islam nahe stehenden Gelehrten, folgen.

Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland: Innerhalb des Islamrats stellt die Islamische Religionsgemeinschaft Milli Görüs (Nationale Sicht) die größte Gruppe dar. Seit Jahren wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet.

Die genannten Gruppen bekennen sich inzwischen zu einer stärkeren Integration der Muslime in die deutsche Gesellschaft; einige bemühen sich auf unterschiedliche Weise um eine staatliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft oder als Körperschaft öffentlichen Rechts. Das würde ihnen unter anderem das Recht geben, einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht gemäß dem Grundgesetzartikel 7 Absatz 3 in Schulen zu erteilen (analog zu den Rechten der christlichen Religionsgemeinschaften). Aufgrund der Zersplitterung der Verbände, der noch nicht abgeschlossenen Debatte über ihr Verhältnis zum Grundgesetz und der prinzipiell anderen organisatorischen Aufstellung islamischer Religionsgemeinschaften wird dieses Bemühen jedoch immer wieder kritisch kommentiert.

In der Deutschen Islamkonferenz (DIK), die im September 2006 auf Initiative von Bundesminister Schäuble zusammentrat, sind Vertreter der Verbände sowie eine Reihe von muslimischen nicht organisierten Einzelpersönlichkeiten vertreten (vgl. den Link zur DIK)


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