Dossierbild Migration

16.5.2007 | Von:
Lisa Britz

Bildungsungleichheit und Ansätze interkultureller Pädagogik

Die Ursachen der Benachteiligung von Migrantenkindern im Schulwesen sind vielschichtig und nicht unumstritten, ebenso wie die "richtigen" Sprachförderangebote. Verändert und erweitert haben sich auch Ansätze interkultureller Pädagogik und Bildungspolitik.

Ursachen der Benachteiligung von Migranten im deutschen Schulsystem

Pause in der Reinhardswald-Grundschule in Berlin-KreuzbergPause in der Reinhardswald-Grundschule in Berlin-Kreuzberg (© Susanne Tessa Müller)
Die Ursachen für die Differenz der Bildungsverläufe zwischen Schülerinnen und Schülern mit und ohne Migrationshintergrund sind vielschichtig und stehen in einem komplexen Zusammenhang. Paul Mecheril unterscheidet beispielsweise zwischen inner- und außerschulischen Gesichtspunkten: Aspekten, die im weitesten Sinne mit der Funktionsweise des Schulsystems verbunden sind (u.a. Organisation und Ausstattung der Schule, Methodik und Didaktik des Unterrichts und seiner Inhalte, Qualifikation und Kompetenz des Schulpersonals) und den Bildungsvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund einschließlich den Unterstützungsmöglichkeiten ihrer Familien. Forschungsarbeiten wie etwa das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt "Bildungsentscheidungen in Migrantenfamilien" betonen die Bedeutung individueller und familiärer Ressourcen für den Schulerfolg und heben Aspekte wie die Migrationsbiografie (Einreisealter, Immigrationsbiografie der Eltern) oder die Möglichkeiten der Familie zur schulischen Unterstützung hervor.

Außerschulische Aspekte

Die gesellschaftliche Organisation von schulischer Bildung setzt - im deutschen Bildungssystem mehr noch als in anderen Ländern - familiäre Ressourcen voraus. Dazu zählen Kenntnisse über die Bildungsinstitutionen, ihre Arbeits- und Funktionsweise und die Rolle der Lehrenden. Solche Einblicke in Bildungseinrichtungen entstehen vor allem durch die Teilhabe an kommunikativen Netzwerken, die das schulische Geschehen umgeben: Elternabende, Elternsprechstunden und informelle Kontakte zwischen Eltern. Die Beteiligung an diesen Netzwerken ist häufig nur Migranteneltern möglich, die über entsprechende Bildungserfahrungen, Sprachkenntnisse und kulturelles Kapital verfügen. Eine Vielzahl von öffentlich geförderten Projekten und Migrantenorganisationen versuchen daher seit einigen Jahren, eine stärkere Elternbeteiligung im schulischen Alltag zu erreichen. Der Integration und Förderung von Migrationskindern sind seit einigen Jahren Stipendienprogramme gewidmet, an denen sich eine Reihe von privaten Stiftungen und Kommunen beteiligen.

Neben die Bildungsferne tritt die sozial-ökonomische Schlechterstellung der Migrantenfamilien, denn die Chancen auf einen hohen Bildungserfolg verringern sich durch ein niedriges Einkommen der Familie deutlich. Deshalb ist weniger ein "Mangel an familiären Ressourcen" problematisch als vielmehr die Tatsache, dass Migrantenfamilien wesentlich häufiger zur einkommensarmen Bevölkerung zählen, was sich negativ in den Bildungschancen ihrer Kinder niederschlägt. Die Mehrheit der Migrationsjugendlichen und ihrer Eltern streben nach Bildung. Vielmehr liegt das Problem in der mangelnden "Passung" zwischen familiären Ressourcen und schulischen Anforderungen an die Familie.

Innerschulische Aspekte: Strukturdefizite des deutschen Schulsystems

Bei innerschulischen Gesichtspunkten kann zwischen zwei Aspekten unterschieden werden: der kulturell und lingual einseitigen Praxis deutscher Schulen sowie der Ungleichbehandlung durch institutionelle Diskriminierung. Beide können anhand der Strukturmängel des deutschen, gegliederten Sekundarschulsystems aufgezeigt werden - wie die folgende Aufzählung verdeutlicht, die sich an den Argumenten von Georg Auernheimer orientiert:

1. Frühe Schullaufbahnentscheidungen

Die frühe Trennung der Bildungswege im deutschen Schulsystem ist ein Problem: Schülerinnen und Schüler mit ungünstigen Eingangsvoraussetzungen können ihren Rückstand bei schulischen Anforderungen gegenüber Gleichaltrigen kaum aufholen. Insgesamt dürften eine spätere Schullaufbahnentscheidung und ein Ganztagsschulsystem von großem Vorteil sein - speziell für Kinder mit einer anderen Erstsprache und aus schulfremdem Milieu. Dadurch vergrößert sich der Zeitraum für Förderungsmöglichkeiten. Im Halbtagsschulsystem ist der zeitliche Rahmen, der für Interventionen zur Verfügung steht und Leistungsdefizite ausgleichen kann, vergleichsweise schmal. Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Milieus bleiben am Nachmittag häufiger sich selbst überlassen, während Jugendliche aus den oberen sozialen Schichten durch oft kostenträchtige Kultur- und Förderangebote auf eine erfolgreiche Laufbahn vorbereitet werden.

2. Differenzierung der Bildungswege

Die starke äußere Differenzierung im deutschen Bildungssystem weckt die Illusion der Leistungshomogenität. Lehrerinnen und Lehrer werden für den Umgang mit Heterogenität nicht qualifiziert. Die Orientierung an leistungshomogenen Lerngruppen beeinflusst den Unterrichtsstil und schafft keinen Anlass zur Verbesserung diagnostischer Kompetenzen. Die schwächeren oder schwächer erscheinenden Schülerinnen und Schüler können immer "nach unten" abgegeben werden. Die Konzentration leistungsschwacher Schülerinnen und Schüler wirkt sich dabei leistungsmindernd aus, weil sie sich nur schwer gegenseitig anregen können. Empirische Untersuchungen zeigen, dass leistungsheterogene Gruppen den Schwächeren zugute kommen, ohne dass die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden. Die internationalen Schulleistungsvergleiche zeigen, dass integrative Schulsysteme mit heterogenen Lerngruppen klar überlegen sind.

3. Hauptschulen als "Ausländerschulen"

Negative Effekte auf das Lernverhalten kommen auch durch den sog. Pygmalion-Effekt zustande. Danach wirken sich die Erwartungen der Lehrer auf die Schülerleistungen aus. Auch gesellschaftliche Vorstellungen können dazu beitragen, dass die Zuweisung zur Hauptschule als Stigmatisierung und als "Bildungssackgasse" empfunden werden. Der damit verbundene Mangel an Perspektiven begünstigt Resignation und beeinträchtigt die Lernmotivation. Zu bedenken ist auch, dass zumindest in städtischen Ballungsgebieten Hauptschulen fast nur noch von Schülerinnen und Schüler mit Sprachdefiziten im Schuldeutsch besucht werden. Die damit eingeschränkte Möglichkeit zum Erwerb bildungssprachlicher Elemente auf hohem Niveau muss bei aller Würdigung der lebensweltlichen Mehrsprachigkeit Anlass zur Sorge geben.

Darüber hinaus werden Hauptschulen, die zum Teil nur noch Migrationsjugendlichen und anderen sozial marginalisierten Gruppen vorbehalten sind, zu "quasi exterritorialen, gesellschaftlich vernachlässigten Räumen, weil die Eltern in der Regel nicht in der Lage sind, die Qualität der schulischen Arbeit zu kontrollieren und gegebenenfalls zu intervenieren" (Auern-heimer).

4. Institutionelle Diskriminierung

Die Selektionslogik des mehrgliedrigen deutschen Schulsystems begünstigt die institutionelle Diskriminierung von Migrationskindern. Das konnte speziell an den Übergangsschwellen in der Bildungslaufbahn (Einschulung, Übergang in die Sekundarstufe, Aufnahme eines Sonderschulverfahrens) von Gomolla und Radtke nachgewiesen werden. Der Begriff "institutionelle Diskriminierung" erklärt das schlechtere Abschneiden von Schülerinnen und Schülern aus Migrationsfamilien nicht als absichtliche Benachteiligung durch das Lehrpersonal. Vielmehr wird damit umschrieben, dass die Schule als Organisation die Möglichkeit hat, ihre Schülerinnen und Schüler entlang des Kriteriums "ethnische Zugehörigkeit" zu unterscheiden. Aufgrund der mehrgliedrigen Struktur des Bildungssystems werden Lehrpersonen Entscheidungen nahe gelegt, die objektiv diskriminierend wirken, obwohl sie von guten Absichten getragen werden. So zum Beispiel, wenn als leistungsstark eingeschätzte Grundschülerinnen und -schüler mit Blick auf mangelnde Sprachförderangebote des lokalen Gymnasiums für die Real- oder gar die Hauptschule empfohlen werden. Offenbar fallen die familiäre Sozialisation und das familiäre Unterstützungspotential bei den Übergangsempfehlungen von Grundschullehrern ins Gewicht.


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