Dossierbild Migration

27.11.2007 | Von:

Asyl- und Flüchtlingspolitik der EU

Vergemeinschaftung der Asyl- und Migrationspolitik im neuen Jahrtausend

Tampere-Programm für eine gemeinsame Migrations- und Asylpolitik 1999

Aufenthaltsraum im Übergangswohnheim für Flüchtlinge in Berlin-MarienfeldeAufenthaltsraum im Übergangswohnheim für Flüchtlinge in Berlin-Marienfelde (© Susanne Tessa Müller)
Der Vertrag von Amsterdam schuf bereits die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Gestaltung einer gemeinsamen Asyl- und Migrationspolitik der EU. Um diesen Rahmen mit Inhalt zu füllen, entwarfen die europäischen Staats- und Regierungschefs auf ihrem Gipfeltreffen im finnischen Tampere 1999 ein ambitioniertes Programm. Es sollte ein gemeinsames Asylsystem schaffen und die Migrationspolitik vergemeinschaften, um den "Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts" in der EU zu verwirklichen. Die finnische Präsidentschaft bekannte sich dabei zur Genfer Flüchtlingskonvention und anderen Menschenrechtserklärungen und erklärte, dass alle zu beschließenden Maßnahmen an diesen zu messen seien.


Das Tampere-Programm enthielt asylpolitische Regelungen für drei Bereiche:
  1. Partnerschaft mit Herkunftsländern:
    Um die Ursachen für Flucht und Auswanderung zu bekämpfen und damit auf mittel- und langfristige Sicht die Zuwanderung in die EU zu verringern, setzte der Europäische Rat auf die Zusammenarbeit mit Herkunftsländern. Dort sollte vor allem die Armut bekämpft, Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen und die Lebensbedingungen verbessert werden. Man wollte damit Konflikte verhüten, demokratische Strukturen unterstützen und die Achtung der Menschenrechte sicherstellen.

  2. Das gemeinsames europäische Asylsystem:
    Der Europäische Rat von Tampere bekräftigte das Grundrecht auf Asyl und initiierte einen Prozess zur Schaffung eines gemeinsamen Asylsystems auf Basis der Genfer Flüchtlingskonvention. Zunächst sollten umfassende Maßnahmen zu Zuständigkeitsfragen, zu Asylverfahrensstandards sowie zu Mindestnormen für die Aufnahme sowie die Zu- und Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft für Asylsuchende ergriffen werden. Unter Konsultation von internationalen Organisationen wie dem UNHCR sollten außerdem Bedingungen für die Gewährung vorübergehenden (subsidiären) Schutzes festgelegt werden, den man z.B. Bürgerkriegsflüchtlingen gewährt. Auf lange Sicht forderte der Europäische Rat ferner Regeln für ein gemeinsames Asylverfahren, um Asylberechtigten einen EU-weiten Schutzstatus zu gewähren. Um den Missbrauch des Asylrechts zu verhindern, fordert der Rat zudem eine schnelle Fertigstellung des Eurodac-Systems. Als Fingerabdrucksystem dient es der Identifizierung von Asylsuchenden und soll verhindern, dass Personen Mehrfachanträge stellen.

  3. Steuerung von Migrations- und Fluchtbewegungen:
    Der Europäische Rat schlug zahlreiche Maßnahmen vor, um die Fluchtmigration in die Mitgliedstaaten der Union zu verringern. Dazu gehörten zum einen Informationskampagnen in den Herkunfts- und Transitländern über legale Einreisemöglichkeiten und über die Zusammenarbeit mit diesen Ländern, auch beim Ausbau von Rückführungsprogrammen. Zum anderen zählten Maßnahmen zur Bekämpfung des "Schlepperunwesens" und der irregulären Einwanderung dazu sowie, die Weiterentwicklung der Visapolitik und eine Intensivierung der Zusammenarbeit der Grenzkontrollbehörden von EU-Staaten und Grenzländern.
Die Umsetzung der Tampere-Beschlüsse und der 11. September 2001

Asyl in der EU, Hauptherkunftsstaaten in Prozent, Januar bis Mai 2003Asyl in der EU, Hauptherkunftsstaaten in Prozent, Januar bis Mai 2003 (© bpb)
Zur Umsetzung des Tampere-Programms vereinbarten die Staats- und Regierungschefs eine Frist von fünf Jahren. In allen Punkten konnte eine Einigung erzielt werden. Die Verabschiedung der Asylverfahrensrichtlinie verzögerte sich zwar um mehr als fünf Jahre, trat schließlich aber zum Januar 2006 in Kraft. Das Bekenntnis zu einer gemeinsamen Asyl- und Einwanderungspolitik lässt sich zudem den Schlussfolgerungen des Europäischen Rats von Brüssel vom November 2004 entnehmen: "Das Fundament einer gemeinsamen Asyl- und Einwanderungspolitik wurde gelegt, die Harmonisierung der Grenzkontrollen vorbereitet, die polizeiliche Zusammenarbeit verbessert und das Terrain für eine auf dem Prinzip der gegenseitigen Anerkennung gerichtlicher Entscheidungen beruhende justizielle Zusammenarbeit weitgehend vorbereitet."

Die Terroranschläge von New York am 11. September 2001 und von Madrid am 11. März 2004 beeinflussten den Umsetzungsprozess der Beschlüsse von Tampere. Die zuvor schon feststellbare Tendenz, die Asyl- und Migrationspolitik vor allem in ihren sicherheitspolitischen Belangen voranzutreiben, verstärkte sich noch. Die eher restriktive Prägung europäischer Migrations- und Asylpolitik drückt sich etwa im Begriff der "Festung Europa" aus. Deutlich wird sie unter anderem auch in den Verhandlungen und den Beschlüssen um elektronische Datenbanken wie das Schengener Informationssystem I und II (SIS I, SIS II bzw. SIS one 4 all), das Visainformationssystem (VIS), das Bildspeicherungssystem FADO oder das EURODAC-System.

Die "Dublin II"-Verordnung: Harmonisierung und Abschottung

Im Jahr 2003 wurde die sog. Dublin-II-Verordnung verabschiedet, welche das Dubliner Übereinkommen von 1997 ablöste. Sie weist kaum veränderte Regelungen zum Dubliner Übereinkommen auf: Derjenige Mitgliedstaat ist zuständig für das Asylverfahren, der die Einreise des Asylsuchenden zugelassen oder zumindest nicht verhindert hat. Asylgesuche sollen damit möglichst schnell bearbeitet werden. Asylbewerberinnen und -bewerber sollen einen effektiven Zugang zu den Verfahren zur Feststellung der Flüchtlingseigenschaft bekommen. Aus Sicht der Mitgliedstaaten zielt die Verordnung vor allen Dingen darauf, Asylmissbrauch zu verhindern, indem Mehrfachanträge verhindert werden. Technisch wird mit Hilfe elektronischer Identifizierungssysteme wie EURODAC oder dem Bildspeicherungssystem FADO überprüft, ob Asylsuchende schon einmal in einem anderen Mitgliedstaat Asyl beantragt haben oder ihre Identitätsdokumente gefälscht sind.

Ergebnis der "Dublin II"-Verordnung ist indes eine rigidere Abschottungspraxis der EU gegenüber Flüchtlingen: Da ein Großteil von ihnen über den Seeweg bzw. über die "grüne Grenze" den Zugang zum Territorium der Mitgliedstaaten sucht, wurden die Grenzkontrollen signifikant erhöht. Die Grenzstaaten versuchen so, sich vor den durch die Asylverfahren entstehenden Kosten und der Asylzuwanderung zu schützen. Zugleich schwinden die Möglichkeiten, Asyl in der EU zu beantragen. Angesichts der Schwierigkeiten, überhaupt ein Asylgesuch zu stellen, ist es deshalb nicht verwunderlich, dass die Zahl an Asylbewerber europaweit stetig abnimmt, obwohl dies für die Zahl schutzbedürftiger Menschen kaum zutreffen dürfte.

Das zweistufige Haager Programm 2004

Der Sicherheitsaspekt und vor allem die Terrorismusbekämpfung als zentrales Ziel nahmen bei der Vorstellung des Fünfjahresprogramms namens "Haager Programm" auf dem EU-Gipfel in Brüssel im November 2004 eine prominente Stellung ein. In dem Programm dominieren im Bereich Asyl- und Einwanderungspolitik nach wie vor sicherheitsrelevante Maßnahmen wie die Bekämpfung der irregulären Einwanderung und des "Schlepperunwesens". Die Mitgliedstaaten werden zudem zu einer Intensivierung ihrer Bemühungen aufgefordert, biometrische Daten in Ausweisdokumenten zu speichern. Der in der Kompetenz einzelner Mitgliedstaaten liegende Schutz der Außengrenzen wird auf EU-Ebene durch die Bildung einer "Europäischen Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen" (FRONTEX) koordiniert. Im Mai 2005 nahm diese Grenzschutz-Agentur mit Sitz in Warschau ihre Arbeit auf, um den Grenzschutzbehörden der Mitgliedstaaten sowohl beratend als auch operativ zur Seite zu stehen. Seit ihrer Einrichtung wurde das Aufgabenspektrum und die personelle Ausstattung der Agentur erweitert (vgl. hierzu den Beitrag zu FRONTEX im Dossierteil "Irreguläre Zuwanderung"). Das oberste asylrelevante Ziel des Haager Programms war der Aufbau eines gemeinsamen Asylverfahren sowie eines EU-weit gültigen und einheitlichen Rechtstatus für Personen, die des internationalen Schutzes bedürfen.

1. Phase: Richtlinien der Asylpolitik

Dafür sah man eine zweistufige Vorgehensweise vor: Die erste, seit 2006 abgeschlossene Phase bestand darin, vier zentrale Rechtsinstrumente innerhalb der Asylpolitik zu schaffen. Hierzu zählen die so genannte Dublin-Verordnung (Verordnung (EG) Nr. 343/2003), die "Aufnahmebedingungen-Richtlinie" (RL 2003/9/EG), die "Anerkennungsrichtlinie" (RL 2004/83/EG) sowie die 2006 in Kraft getretene "Asylverfahrensrichtlinie" (RL 2005/85/EG). Diese Phase zielte darauf, die rechtlichen Rahmenbedingungen der Mitgliedstaaten anhand gemeinsamer Mindeststandards zu harmonisieren. Die zweite, bis Ende 2010 zu etablierende Phase soll das im Tampere-Programm und im Haager Programm beschriebene europäische Asylsystem vervollständigen. Dafür sollen EU-weit einheitliche Standards und ein höheres Niveau des Flüchtlingsschutzes erzielt werden. Zudem will man den solidarischen "Lastenausgleich" unter den Mitgliedstaaten gerechter und ausgewogener gestalten.

Im Gegensatz zu den großen Fortschritten im Bereich der Harmonisierung sicherheitsrelevanter Politikfelder blieben die Regelungen zu humanitären Aspekten oftmals hinter den Erwartungen vieler Nichtregierungsorganisationen zurück. Dazu trugen maßgeblich die lange Zeit vergeblichen Verhandlungen um eine Asylverfahrensrichtlinie bei. Allerdings verabschiedete der Rat 2001 einen Kompromiss zum vorübergehenden Schutz von Vertriebenen (RL 2001/55/EG); entsprechende Maßnahmen werden seit dem Jahr 2000 von einem Flüchtlingsfonds finanziert. Hinzu kam 2003 eine Richtlinie, die Mindestnormen für die Aufnahme von Asylbewerbern in den Mitgliedstaaten regelt (RL 2003/9/EG). Seit 2001 wurde zudem um eine gemeinsame Flüchtlingsdefinition gerungen, die aber wegen großer Vorbehalte vor allem aus Deutschland, ausgelöst durch die damaligen Auseinandersetzungen um ein Zuwanderungsgesetz, erst 2004 verabschiedet werden konnte (Näheres zu dieser RL 2004/83/EG in den Texten zu vorübergehendem und subsidiärem Schutz). Mit dem Inkrafttreten der Asylverfahrensrichtlinie im Jahr 2006 kam man dem anvisierten gemeinsamen Asylsystem einen großen Schritt näher. Aus Sicht der Nichtregierungsorganisationen genügt sie allerdings nicht dem Anspruch einer europäischen Asylpolitik mit entsprechend hohen Schutzstandards und einem fairen Asylverfahren, sondern schreibt die Tendenz der Abschottung gegenüber Flüchtlingen fort.

Die im Januar 2006 in Kraft getretene Asylverfahrensrichtlinie (RL 2005/85/EG) regelt allgemeine Grundsätze und Mindeststandards von Asylverfahren. Es geht also darum, wie Entscheidungen über Asylanträge in EU-Staaten getroffen werden. Die Grundsätze, die dem Schutz von Asylsuchenden zugute kommen sollen, können als Verfahrensgarantien umschrieben werden: Asylbewerberinnen und -bewerber erhalten ein Recht auf persönliche Anhörung, Rechtsberatung, effektiven Rechtsbehelf vor Gericht und Dolmetscher. Des Weiteren stellt die Richtlinie Mindestanforderungen auf, die in einem Asylverfahren erfüllt werden müssen. Dazu zählt, dass die Entscheidung unparteiisch, individuell und objektiv zu treffen ist. Zugleich muss ein ausreichend qualifiziertes Personal bereit stehen, das über Asylanträge befindet und über Kenntnisse der Herkunftsstaaten verfügt. Da es sich um Mindestanforderungen handelt, können die Mitgliedstaaten Verfahren wählen, die darüber hinausgehen und den Schutz der Asylsuchenden noch verbessern. Die Richtlinie stellt damit (wie viele andere in diesem Politikfeld) eine Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner dar.

Ein weiterer Harmonisierungsschritt besteht in der Einführung gemeinsamer Normen und Konzepte bei der Erteilung bzw. Ablehnung von Asylanträgen. Die Konzepte umfassen dabei als Entscheidungskriterien für die Mitgliedstaaten EU-weit gültige Listen von sicheren Dritt- und Herkunftsstaaten. Dabei stehen so genannte beschleunigte Verfahren im Fokus der Asylverfahrensrichtlinie. Sie können angewendet werden, sofern ein Drittstaatsangehöriger über "sichere" Drittstaaten eingereist ist oder aus einem "sicheren" Herkunftsland stammt.

Die Richtlinie verpflichtet die Mitgliedstaaten dazu, Asylanträge von Staatsangehörigen aus "sicheren" Herkunftsstaaten außerhalb der EU als unbegründet abzulehnen. Gleiches gilt für Asylsuchende, die falsche Angaben über ihre Herkunft gemacht haben oder deren Identität nicht eindeutig festzustellen ist. Asylbewerbern kann zudem die Einreise in einen Mitgliedstaat verweigert werden, wenn diese einen Verstoß gegen etwaige Sicherheitsinteressen auf der Basis von nationalem Recht bedeutet. Weiterhin können spezifische "Grenz"-Verfahren beibehalten werden, wie beispielsweise die deutsche Praxis des Flughafenverfahrens. Laut der Richtlinie werden ferner Asylsuchende ab 16 Jahren als verfahrensfähig angesehen, womit sie als Minderjährige keinen besonderen Schutz mehr genießen.

Für die "sicheren" Dritt- und Herkunftsstaaten soll eine Liste als Entscheidungsgrundlage dienen, die von der EU-Kommission erstellt und bei politischem Konsens vom Europäischen Rat mit qualifizierter Mehrheit angenommen wird. Als "sicher" wird ein Drittstaat dann klassifiziert, wenn er die Genfer Flüchtlingskonvention ratifiziert hat sowie die Grundsätze der Europäischen Menschenrechtskonvention einhält. Wenn die zuständige Behörde eines Mitgliedstaates feststellt, dass ein Antragsteller aus einem "sicheren Drittstaat" unrechtmäßig eingereist ist, muss keine umfassende Prüfung des Asylantrags mehr erfolgen. Bisher konnte jedoch politisch keine Einigung über diese Liste erzielt werden. Strittig ist beispielsweise, inwieweit Staaten, in denen die Verstümmelung der weiblichen Genitalien praktiziert wird, als "sichere" Staaten zu klassifizieren sind. Betroffen davon wären etwa Benin, Mali oder Ghana.

Das Konzept der sicheren Drittstaaten ähnelt somit stark der deutschen Praxis, die im "Asylkompromiss" 1993 beschlossen wurde. Seitdem alle Nachbarstaaten als sichere Drittstaaten eingestuft wurden, ist es für auf dem Landweg einreisende Asylsuchende fast unmöglich, in Deutschland Asyl zu erhalten. Der europäische Ansatz, dieses Drittstaatenprinzip zu übernehmen, zielt in die gleiche Richtung - eine Reduktion der Asylzuwanderung, während internationale Verpflichtungen zum Schutz von Asylsuchenden formal aufrechterhalten und Asylsuchende in so genannte "sichere" Staaten geschickt werden.

Kritik an der Asylverfahrensrichtlinie

Die Richtlinie wurde Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen, die sowohl auf Ebene der Mitgliedstaaten im Europäischen Rat als auch im Zusammenspiel mit anderen EU-Institutionen ausgetragen wurden. Vor allem das Europäische Parlament fühlte sich nicht ausreichend an der Richtlinie und ihrem Zustandekommen beteiligt. Es hatte eine Reihe von Änderungsvorschlägen eingebracht, die tendenziell darauf zielten, die Rechte der Asylsuchenden besser zu schützen. So sollten beispielsweise Asylanträge, die von Staatsangehörigen "sicherer Drittstaaten" stammen, nicht von vornherein ablehnt werden. Der Europäische Rat nahm jedoch keinen der 174 Änderungsanträge des Parlaments auf, wozu er allerdings auch nicht verpflichtet war. Aus Sicht des Europäischen Rates fiel die Richtlinie unter das Anhörungs- bzw. Konsultationsverfahren, bei dem Änderungsvorschläge des Parlaments zwar zu hören, nicht aber zu übernehmen sind. Das Parlament reichte beim Europäischen Gerichtshof deshalb eine Nichtigkeitsklage ein. Es forderte darin, jene Bereiche der Richtlinie zu annullieren, in denen die Erstellung der Minimallisten sowie die Annahme einer gemeinsamen Liste sicherer Drittstaaten festgeschrieben werden. Die Klagegründe betreffen die Verletzung des EG-Vertrags, nach dessen Art. 67, Absatz 5 das Parlament ab dem Jahr 2004 durch das Kodezisionsverfahren an der Erstellung und dem Beschluss von Listen sicherer Herkunftsstaaten zu beteiligen ist und das Konsultationsverfahren keine Anwendung finden darf. Der Schlussantrag des Generalanwalts beim EuGH stützte die Klage insofern, als er empfahl, entsprechende Passagen der Asylverfahrensrichtlinie für nichtig zu erklären. Das Verfahren ist immer noch anhängig, womit ein abschließendes Urteil noch aussteht.

Auch zahlreiche Nichtregierungsorganisationen äußerten Kritik an der Asylverfahrensrichtlinie. Sie sahen in dem Konzept sicherer Drittstaaten einen Versuch, das internationale Flüchtlingsrecht auszuhöhlen. Die durch die GFK fixierte Verpflichtung zur Gewährung von Asyl werde demnach durch die Möglichkeit der schnellen Ablehnung - in einigen Fällen sogar ohne Anhörung - konterkariert. Der UNHCR als der wohl wichtigste Vertreter der Rechte von Asylsuchenden äußerte große Bedenken gegenüber der Drittstaatsregelung. Schutzsuchende würden ihrer Rechte beraubt, indem von vornherein negativ beschiedene Asylanträge nicht mehr überprüft werden müssten. Darüber hinaus entfiele bei Anwendung der Herkunftsstaats-Listen das Recht auf eine Einzelfallprüfung. Zudem impliziere das Drittstaatenkonzept die Gefahr von Kettenabschiebungen. Diese seien mit internationalem Recht unvereinbar, weil an ihrem Ende oftmals eine erzwungene Rückkehr in das Herkunftsland stehe. Das stehe im Widerspruch zu dem Recht auf Asyl, das u.a. in der GFK und der EMRK verbrieft ist, und käme einem "refoulement" (also einer Zurückweisung) gleich. Schließlich verberge sich dahinter der Versuch einer Abschottung gegenüber asylsuchenden Drittstaatsangehörigen.

Trotz des Abschlusses dieser 1. Phase des Haager Programms besteht weiterhin ein Harmonisierungsbedarf in der Asylpolitik. Die Kommission läutete im Juni 2007 mit der Vorlage eines Grünbuchs und einem sich anschließenden Konsultationsprozess der Zivilgesellschaft über das künftige gemeinsame europäische Asylsystem die 2. Phase des Programms ein. An ihrem Ende soll im ersten Quartal des Jahres 2008 die Veröffentlichung eines Strategieplanes bzw. eines Arbeitsprogramms durch die Kommission stehen.

2. Phase: Grünbuch für ein gemeinsames europäisches Asylsystem

Das Grünbuch nennt vier Handlungsfelder, mit denen die Kommission die nationalen Asylverfahren angleichen möchte, um ein gemeinsames Asylregime der EU zu vollenden: 1. Rechtsinstrumente, 2. Durchführung und Begleitmaßnahmen, 3. Solidarität und Lastenteilung sowie 4. die externe Dimension mit der Entschärfung von Push-Faktoren, welche wie z.B. Umweltkatastrophen Auswanderungsprozesse begünstigen.

Das Grünbuch beschreibt außerdem Modelle, welche für eine EU-weit harmonisierte Bearbeitung von Asylanträgen in Frage kommen. Außerdem schlägt die Europäische Kommission darin den Aufbau einer europäischen Unterstützungsagentur vor. Deren Aufgabe wäre es, Teams für die operative Unterstützung bei einem etwaigen Massenzustrom von Asylsuchenden bereitzustellen. Zudem sollen Vorschläge für eine EU-weite Datenbank für Informationen zu den Herkunftsstaaten, das so genannte COI-Portal (Country of Origin Information), gemacht werden. Das Portal ist notwendig, weil gemäß der Verfahrens- sowie der Qualifikationsrichtlinie sicherzustellen ist, dass der für einen Asylantrag zuständige Mitgliedstaat über Informationen über das Herkunftsland des Antragstellers verfügen muss. Neben diesen Ansätzen zur besseren Organisation der Asylzuwanderung bleibt die Kommission ihrem Anspruch treu, auch die Rechte von Schutzbedürftigen zu stärken. Sie legt das Augenmerk auf besonders schutzbedürftige und tendenziell schwächere Personengruppen wie Frauen, Kinder und Folteropfer.

Regionale Schutzprogramme - Exterritorialisierung des Asylverfahrens

Im Rahmen des "Haager Programms" wurde die EU-Kommission vom Europäischen Rat damit beauftragt, die Zweckmäßigkeit und Durchführbarkeit einer Behandlung von Asylanträgen außerhalb des EU-Territoriums zu prüfen. Die Kommission legte dazu Anfang September 2005 ihre Mitteilung (2005(388) endgültig) zu so genannten "Regionalen Schutzprogrammen" vor. Diese sollen die Schutzkapazitäten betroffener Regionen stärken und dauerhafte Lösungen eröffnen. Dazu zählen die Rückkehr in die Herkunftsstaaten, die örtliche Eingliederung in den Erstasylstaat oder die Neuansiedlung (resettlement-Programm) in einem Drittland. Die Schutzprogramme sollen insbesondere in Transitländern wie Moldawien, Weißrussland oder der Ukraine und in Herkunftsregionen wie dem Gebiet der Großen Seen in Ostafrika Anwendung finden. 2007 startete das erste Pilotprojekt in Tansania.

Es besteht seitens von NGOs wie Human Rights Watch oder dem UNHCR die Befürchtung, "dass die regionalen Schutzprogramme das Recht, in der EU Asyl zu beantragen, untergraben könnten, indem die Zielländer vorzeitig als 'sichere Drittländer' eingestuft werden und diese dann die Rückführung der durchreisenden Asylbewerber beschleunigen, ohne deren Schutzbedürfnisse zu berücksichtigen." Andere NGOs betonen den positiven Nutzen möglicher Schutzprogramme. Da ein Großteil von Flüchtlingen in - oftmals überforderte - Nachbarstaaten flieht, könne eine EU-Hilfe mittels der Schutzprogramme helfen, die Situation der Flüchtlinge vor Ort zu verbessern, so der European Council on refugees and exiles (ECRE).


Der Film "Die Piroge" erzählt die Geschichte afrikanischer Flüchtlinge auf ihrer gefährlichen Reise nach Europa. 30 Menschen wagen die Flucht von Dakar zu den Kanarischen Inseln in einem einfachen offenen Fischerboot, einer Piroge. Als unterwegs immer mehr Probleme auftauchen und der Motor ausfällt, wird die Reise zu einem Albtraum.

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