Dossierbild Migration

1.6.2009 | Von:
Dr. Steffen Angenendt

Formen der Migration

Wer sind die weltweiten Migranten? Erstaunlicherweise machen nachziehende Familienangehörige von legal im Aufnahmeland lebenden Migranten den größten Teil der Zuwanderung aus. Im Bereich der Arbeits- und Fluchtmigration haben sich daneben neue Wanderungsmuster "zirkulärer" oder "pendelnder" Migration herausgebildet.

Zuzüge nach Australien, Kanada und in die USA in absoluten Zahlen, 2002Zuzüge nach Australien, Kanada und in die USA in absoluten Zahlen, 2002 (© bpb)
Wegen der schlechten Datenlage kann auch der Anteil der verschiedenen Wanderungsformen am weltweiten Wanderungsgeschehen nur geschätzt werden.
Gleichwohl ist offensichtlich, dass nachziehende Familienangehörige von legal im Aufnahmeland lebenden Migranten oder Flüchtlingen den größten Teil der Wanderungsbewegungen ausmachen. Selbst in den "klassischen" Einwanderungsländern Kanada und USA, die sich nachdrücklich um eine den wirtschaftliche Interessen des Landes dienende Migrationspolitik bemühen, machen sie den größten Teil der Neuzuwanderer aus.

Familiennachzug

In den meisten Ländern ist der Familiennachzug auf Ehegatten und Kinder beschränkt. Zu Ausländern, die nur über ein befristetes Aufenthaltsrecht verfügen, ist der Nachzug häufig gar nicht möglich. Einige Länder legen den Familienbegriff großzügig aus und erlauben auch den Zuzug von Verwandten, die nicht zur Kernfamilie gehören. Die Begründung hierfür ist, dass der Nachzug von Familienangehörigen die Integration im Aufnahmeland beträchtlich erleichtern kann. Andere Länder, vor allem in West-, Ost- und Südostasien, verweigern hingegen den Nachzug von Angehörigen grundsätzlich. Dies ist in humanitärer Hinsicht problematisch. Grundsätzlich gilt, dass Familiennachzug der wichtigste Baustein und Multiplikator internationaler Wanderungsbewegungen ist.

Arbeitsmigration

Jährliche Zuzüge von Saisonarbeitnehmern, ausgewählte OECD-Staaten in absoluten Zahlen, 1993-2002Jährliche Zuzüge von Saisonarbeitnehmern, ausgewählte OECD-Staaten in absoluten Zahlen, 1993-2002 (© bpb)
Die zweitwichtigste Wanderungsform ist die Arbeitsmigration, also die Einreise zum Zweck einer befristeten oder dauerhaften Ausübung einer Tätigkeit. Ihre Erscheinungsformen sind vielfältig. Dazu gehören zum Beispiel ungelernte saisonale Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, in der Produktion oder im Dienstleistungsgewerbe. Meist verrichten die Zuwanderer Tätigkeiten, die den Einheimischen zu schwer, zu schmutzig, zu gefährlich oder zu schlecht bezahlt sind. In vielen Ländern wären bestimmte Wirtschaftszweige ohne solche Arbeitsmigranten nicht mehr konkurrenzfähig. Andererseits kann es sich bei Arbeitsmigranten aber auch um ausgebildete Arbeitskräfte, hoch qualifizierte Techniker, Wissenschaftler oder Manager handeln. In den meisten Ländern erhalten Arbeitsmigranten lediglich eine befristete Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, die oft an ein bestimmtes Arbeitsverhältnis gebunden ist. Eine dauerhafte Einwanderung zu Arbeitszwecken sehen hingegen nur wenige Länder vor, beispielsweise die USA, Kanada und Australien. In den vergangenen Jahren haben auch einige europäische Staaten begonnen, über Möglichkeiten für eine dauerhafte arbeitsmarktbezogene Einwanderung nachzudenken, um strukturelle Lücken des Arbeitskräfteangebotes zu füllen.

Fluchtmigration

Flüchtlinge unter Zuständigkeit der UNHCRFlüchtlinge unter Zuständigkeit der UNHCR (© bpb)
Die dritte wichtige Gruppe von Zuwanderern sind Asylbewerber und Flüchtlinge. Sie machen derzeit nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) etwa 10 Prozent des weltweiten Wanderungsgeschehens aus. Die Zahl der Menschen, für die UNHCR zuständig war, sank von 1992 bis 2004 von 18 Millionen auf etwa 9 Millionen. Seit 2005 ist diese Zahl allerdings wieder gestiegen. Ende 2007 war UNHCR für 11,4 Millionen Flüchtlinge verantwortlich, also für Menschen, die auf der Flucht vor Verfolgung ihr Heimatland verlassen haben und die entweder einen Asylantrag nach der Genfer Flüchtlingskonvention gestellt haben, als Flüchtlinge anerkannt wurden oder ein Bleiberecht erhalten haben. Zudem ist für 4,6 Millionen palästinensische Flüchtlinge im Nahen Osten das UN-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge (UNWRA) zuständig.

Die Gesamtzahl der weltweiten Flüchtlinge ist aber noch erheblich größer. Zu den bereits genannten 16 Millionen Flüchtlingen unter dem Mandat von UNHCR und UNWRA müssen noch die Binnenflüchtlinge gerechnet werden, also Menschen, die ebenfalls aus Furcht vor Verfolgung, politischer Unterdrückung, kriegerischen Auseinandersetzungen oder Umweltzerstörungen fliehen mussten, aber in ihrem Heimatland geblieben sind. Ihre Zahl betrug nach Schätzungen von UNHCR Ende 2007 etwa 51 Millionen Menschen, von denen 26 Millionen vor gewalthaltigen Konflikten und 25 Millionen vor Naturkatastrophen geflohen waren.

Flüchtlingslager Iridime in TschadFlüchtlingslager Iridime in Tschad (© United States Holocaust Memorial Museum, Washington)
Während die Zahl der Flüchtlinge in den 1990er Jahren insgesamt abgenommen hat, ist die Zahl der Binnenflüchtlinge gestiegen (vgl. auch "Regionale Entwicklungen"). Die Gründe liegen in Veränderungen der Fluchtursachen und der Flüchtlingspolitik der Aufnahmeländer. So gab es in den 1990er Jahren mehr innerstaatliche Konflikte, in denen Vertreibungen, "ethnische Säuberungen" und Bevölkerungsumsiedlungen Teil der Kriegsführung waren. Auch ist die Zahl der "komplexen Katastrophen" gestiegen, also von Situationen, in denen menschlich verursachte Katastrophen mit Naturkatastrophen einhergehen. Dies ist meist mit besonders umfangreichen Binnenfluchtbewegungen verbunden. Schließlich ist es für Flüchtlinge seit Mitte der 1990er Jahre schwieriger geworden, in den Industriestaaten Schutz zu finden, weil viele Staaten die Einreisebestimmungen und das Asylrecht verschärft haben.

Irreguläre Migration

Die vierte große Gruppe der weltweiten Migranten sind irreguläre Zuwanderer. Ihre Zahl wird meist auf 10-15 Prozent der weltweiten Migranten geschätzt. Die Formen der Irregularität sind vielfältig. Es lassen sich mindestens sechs Formen unterscheiden, je nachdem ob die Einreise, der Aufenthalt oder die Arbeit irregulär sind. Irreguläre Migrantinnen und Migranten sind naturgemäß statistisch nicht erfasst, ihre Zahl kann lediglich geschätzt werden. Es ist aber zu vermuten, dass ihre Zahl im vergangenen Jahrzehnt im Vergleich zu den drei anderen genannten Wanderungsarten am stärksten gewachsen ist.

Es wird geschätzt, dass sich derzeit zwischen einem Achtel und einem Viertel der weltweiten Migranten und Flüchtlinge in irregulären Wanderungssituationen befinden. In den Vereinigten Staaten soll die irreguläre Einwanderung inzwischen rund ein Drittel der legalen Einwanderung ausmachen. Nicht nur die USA, sondern auch die Staaten der Europäischen Union investieren in den letzten Jahren verstärkt in die Sicherung ihrer Außengrenzen, um die Zahl illegaler Einreisen zu verringern. Doch nur ein Teil der irregulären Migration geht auf unerlaubte Grenzübertritte zurück. Viele irreguläre Zuwanderer reisen zunächst ganz legal ein, z.B. mit einem Touristenvisum, und bleiben dann ohne Erlaubnis länger.

Wandel der Migrationsformen

Mit der wirtschaftlichen Globalisierung hat sich auch das Wanderungsverhalten verändert. Die traditionellen Formen der definitiven Ein- und Auswanderung sind durch neue Wanderungsformen ergänzt worden, etwa durch Pendelwanderungen ode "zirkuläre" Migration. So pendeln zunehmend auch Arbeitsmigranten mit kurzfristigem Aufenthalt wiederholt oder regelmäßig zwischen ihrem Heimatland und einem (oder mehreren) Aufnahmeländern. Im Zuge dieser Entwicklung hat sich auch die entwicklungspolitische Bewertung von Migration verändert. Lange Zeit wurde die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte aus Entwicklungsländern ("Brain drain") als nachteilig angesehen. Da aber viele individuelle Wanderungsprojekte nicht mehr endgültig sind, wird die Migration von Fachkräften inzwischen unter bestimmten Bedingungen durchaus als Gewinn für die Entwicklungsländer betrachtet. Dazu hat auch beigetragen, dass die Rücküberweisungen von Arbeitsmigranten aus den Industriestaaten in die Heimatländer inzwischen erhebliche wirtschaftliche Bedeutung haben: Im Jahr 2007 betrug die Summe der offiziell erfassten weltweiten Rücküberweisungen in Entwicklungsländer nach Angaben der Weltbank etwa 240 Milliarden Dollar. Dieser Betrag lag schon deutlich über der öffentlichen Entwicklungshilfe. Hinzugerechnet werden müssen aber noch die Rücküberweisungen, die auf nicht-offiziellen wegen in die Empfängerländer gelangen, und die auf mindestens 30 Prozent der registrierten Rücküberweisungen geschätzt werden. In manchen Entwicklungsländern sind die Rücküberweisungen insgesamt umfangreicher als die Summe aus ausländischen Direktinvestitionen und öffentlicher Entwicklungshilfe.


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