Dossierbild Migration

1.6.2009 | Von:
Dr. Steffen Angenendt

Klimawandel und Migration

In den vergangenen Jahren wurden mehrere einflussreiche Studien veröffentlicht, die klimabedingte Massenwanderungen als ein künftiges nationales und internationales Sicherheitsrisiko bezeichnen. Hierzu zählen u.a. die Berichte des Weltklimarates (International Panel on Climate Change, IPCC), der Bericht des ehemaligen Chefökonomen der Weltbank, Nicholas Stern, über die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels, und die Berichte des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU).

Das Kabinett der Malediven übt für eine Unterwasser-Kabinettssitzung das Tauchen. Die Malediven liegen nur etwas über 2 Meter über dem Meeresspiegel und könnten langfristig im Meer versinken.Das Kabinett der Malediven übt für eine Unterwasser-Kabinettssitzung das Tauchen. Die Malediven liegen nur etwas über 2 Meter über dem Meeresspiegel und könnten langfristig im Meer versinken. (© AP)
Die meisten Prognosen sind dramatisch: Es wird erwartet, dass in den kommenden Jahrzehnten Hunderte Millionen Menschen ihre Heimatgebiete wegen des Klimawandels verlassen werden, und dass diese Wanderungsbewegungen neue inner- und zwischenstaatliche Konflikte auslösen. Diese Prognosen müssen mit größter Zurückhaltung betrachtet werden: Mit den vorhandenen Theorien, Methoden und Daten können keine Prognosen zur künftigen Zahl der Klimaflüchtlinge erstellt werden. Dies liegt insbesondere daran, dass im komplexen Geflecht der Ursachen, die Menschen zur Migration bewegen, die Wirkung einzelner Faktoren kaum zu identifizieren ist. Das gilt auch für den Klimawandel.

Gleichwohl gibt es Anzeichen, dass einige Weltregionen (Nordafrika, der Sahelregion, Karibik und Mittelamerika, Südasien, China) besonders stark von den negativen Auswirkungen des Klimawandels betroffen sein werden. Zu diesen Folgen gehören insbesondere die Abnahme der Süßwasserreserven, der Rückgang der Nahrungsmittelproduktion und die Zunahme von Sturm- und Flutkatastrophen. Ob diese Entwicklungen zu Wanderungen führen, hängt von vermittelnden Faktoren ab. Die wichtigsten Faktoren sind neben geographischen Aspekten die politische Handlung- und Regierungsfähigkeit der betroffenen Akteure, die wirtschaftlichen Bedingungen in dem Gebiet, dessen gesellschaftliche Stabilität sowie die Machtunterschiede und internationalen Abhängigkeiten der betroffenen Staaten.

Auch wenn sich hieraus noch keine quantitativen Prognosen zu Klimaflüchtlingen ableiten lassen, steht außer Frage, dass der Klimawandel künftig eine größere Rolle bei den globalen Wanderungsbewegungen spielen wird. Zweifellos wird ein größerer Anteil der weltweiten Migranten als bisher als Klimaflüchtlinge bezeichnet werden müssen. Dieser Begriff sollte aber – um die gegenwärtig bestehende Begriffsverwirrung zu beheben – eng gefasst werden und nur auf diejenigen angewendet werden, die ihr Lebensumfeld wegen eines Anstiegs des Meeresspiegels, extremer Wetterereignisse oder Dürren und Wasserknappheit verlassen mussten.

Offensichtlich ist, dass es derzeit keine hinreichenden internationalen Instrumente gibt, um mit Klimaflüchtlingen umzugehen. Es bestehen keine völkerrechtlich verankerten Schutzmechanismen und auch keine Vereinbarungen über die Zuständigkeit für diese Migranten. Vom Klimawandel werden insbesondere Staaten betroffen sein, die zu dessen Entstehen nicht oder nur in geringem Umfang beigetragen haben, und die nicht über die zur Bewältigung der Folgen notwendigen finanziellen, institutionellen und infrastrukturellen Mittel verfügen. Daher stellt sich – nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt der Vermeidung von zusätzlichen Destabilisierungen von ohnehin schwachen oder latent konflikthaltigen Staaten und Regionen – die Frage nach einer internationalen Lastenteilung zur Bewältigung der Folgen des Klimawandels.

Grundsätzlich sind dazu drei Handlungsoptionen vorstellbar:
  1. die Ausweitung des bestehenden völkerrechtlichen Flüchtlingsregimes auf Klimaflüchtlinge,
  2. die Erarbeitung einer neuen internationalen Vereinbarung zum Schutz von Klimaflüchtlingen einschließlich der zugehörigen institutionellen und finanziellen Infrastruktur, und
  3. eine Debatte über die vorhandenen völker- und menschenrechtlichen Schutzstandards und ihre Übertragung auf Klimaflüchtlinge.


Mediathek

Migration - die Gründe

2009 lebten etwa 3,5 Prozent der Weltbevölkerung (ca. 220 Millionen Menschen) - legal oder illegal – weit von ihrer Heimat entfernt. Aus welchen Gründen verlassen Menschen in der heutigen Zeit ihre Heimat?

Jetzt ansehen

Mediathek

Migration - die Wege

Diese Sendung veranschaulicht anhand von vier Beispielen, welche Auswirkungen sich aus der Migration für die Aufnahmeländer ergeben.

Jetzt ansehen

Mediathek

Migration - die Politik der EU

Europa ist noch nicht sehr lang eine Einwanderungsregion. Welche Migrationspolitik verfolgt die Europäische Union? Ein Rückblick in die Geschichte und eine Analyse der Kontrolleinrichtungen.

Jetzt ansehen

Der Film "Die Piroge" erzählt die Geschichte afrikanischer Flüchtlinge auf ihrer gefährlichen Reise nach Europa. 30 Menschen wagen die Flucht von Dakar zu den Kanarischen Inseln in einem einfachen offenen Fischerboot, einer Piroge. Als unterwegs immer mehr Probleme auftauchen und der Motor ausfällt, wird die Reise zu einem Albtraum.

Mehr lesen auf kinofenster.de

Was bedeutet es, alles hinter sich zu lassen und in einem fremden Land neu anzufangen? Das "Alphabet des Ankommens" kombiniert Journalismus mit Comics, um das Thema Aus- und Einwanderung einmal anders anzugehen. Journalisten und Zeichner aus zehn verschiedenen Ländern berichten, wie Migration heute Gesellschaft prägt.

Mehr lesen