>>> Alles zur Bundestagswahl 2017 <<<
Dossierbild Migration
1 | 2 Pfeil rechts

Militär, Mobilität und Migration


7.11.2012
Das Thema der Osnabrücker Jahrestagung 2012 des Arbeitskreises Militärgeschichte e.V. in Zusammenarbeit mit dem Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück, einem wichtigen Partner der BpB, vom 20. bis 22 September dieses Jahres lautete: Krieg, Militär und Mobilität. In Diskussionen mit 23 Referenten/innen vertieften rund 150 Teilnehmende das Thema von der Antike bis in die Gegenwart in der Aula des Barockschlosses, das als Hauptgebäude der 1974 gegründeten Universität eine repräsentative Nutzung gefunden hat. Lesen Sie hier den Tagungsbericht von Clemens Vosseberg über ein Themenfeld, das bisher wenig Beachtung fand:



Krieg, Militär und Mobilität



Eine außerordentliche Mobilität wird von Soldaten verlangt. Für viele Rekruten war und ist die Einziehung zum Militär oft die erste Möglichkeit ihres Lebens, die heimatliche Region hinter sich zu lassen. Der Dienst im Frieden bietet eine Chance, das eigene Land und auch seine abgelegenen Provinzen und Winkel kennen zu lernen und Identität in der Fläche der Nation zu bilden. Der Dienst im Krieg bringt viele Soldaten nicht nur in eine feindselige Konfrontation mit fremden Ländern und Kulturen. Deutsche Soldaten sind seit den 1960er Jahren außerdem unterwegs in friedlicher Auslandsmission auf verschiedenen Wegen und Ebenen einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Zu internationalen Beobachtermissionen traten im letzten Jahrzehnt auch Kampfeinsätze mit ihren unvermeidlichen Verlusten und Traumata. Im weiteren Sinne zählen zu den militärischen Mobilisten nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern auch die Angehörigen des zivilen Gefolges und, in begrenztem Umfang, Ehefrauen und Kinder. Leid und Sorgen aus Tod und Verletzungen teilen sich darüber hinaus ganze Familienverbände und nicht zuletzt auch die Gesellschaft im großen Rahmen.

Begegnung mit Anderen



Die unausweichliche Begegnung mit einem Anderen ist eine der ältesten Herausforderungen der Menschheit im Frieden wie im Krieg, sowohl individuell als auch generell, im militärischen wie im zivilen Bereich, im intimen Verkehr der Familie wie im staatstragenden Anspruch einer Nation im Verbund mit anderen, im Umgang eines Besatzers wie in der Bewältigung des Alltags durch die Bevölkerung eines besetzten Landes. Für den Kämpfer selber bringt der Krieg eine existentielle Herausforderung in drei Stufen. Zunächst lernt er, sich von manch selbstverständlicher Bindung seines früheren Zivillebens zu lösen, um seinen Auftrag erfüllen zu können. Seine Demobilisierung wiederum muss auch psychisch und moralisch vollzogen werden und erneut zivilen Ansprüchen Genüge tun, die sich unter Umständen verändert haben. Nachhaltige Folgen aus seelischen, körperlichen und wirtschaftlichen Verlusten sind zu verarbeiten und erträglich, wo nicht versöhnlich zu gestalten. Aber auch das Kollektiv, dem er entstammt, hat seine Mühen und diese gelten nicht nur der Bewältigung allgemeiner Folgen des Krieges, sondern auch dem soldatischen Individuum, das aus seinem Einsatz zurückkehrt und viel mehr als nur eine finanzielle Entschädigung erwartet, nämlich Passionen, die ihn auf seinem durchaus nicht leichten Rückweg in die zivile Gesellschaft begleiten. Das erwarten die Überlebenden nicht nur für sich, sondern insbesondere auch für ihre Familien und die der Toten.

Die Referate spiegeln das Themenfeld in Vergangenheit und Gegenwart



In dieser Perspektive referierte Carola Vogel einleitend über die Rückführung gefallener Soldaten im Alten Ägypten. Am Ende stand eine Auswertung von Internet-Blogs amerikanischer Soldaten durch Frank Usbeck. Während die Bundeswehr kaum über einen einzigen Feldversuch hinaus gekommen ist, lassen die amerikanischen Streitkräfte seit 2008 nicht nur zu, sondern unterstützen sogar ihre Soldaten beim Gang in die Öffentlichkeit im sog. Mil-Blog. Dort berichten Soldaten naturgemäß nicht von technischen Ärgernissen und taktischen oder strategischen Herausforderungen, sondern sie teilen persönliche Betroffenheit mit, geben Einblicke in ihre emotionalen Verletzungen und schreien förmlich ihren Schmerz über erlittene Verluste heraus. In einer Art Dialog bekunden Kommentare aus der Heimat Verständnis, Mitgefühl und Anteilnahme. Kommentare ihrerseits sind Anlass für weitere Kommentare und fügen sich ritualisiert in passionierte Beziehungen ein, die eine gewisse und offensichtlich auch ermutigende Beständigkeit erreichen könnten. Von der Sehnsucht des Soldaten nach seiner Heimat berichtete Gunnar Dumke am Beispiel der demilitarisierten Kolonisten aus dem Heer Alexanders des Grossen, die dieser im afghanischen Baktrien zurück gelassen hatte – nicht nur als fremder Besatzer, sondern auch als Multiplikator kultivierter Lebensweise. Patrick Reinard berichtete über die Emotionen in römischen Diensten, die Soldaten verschiedener Herkunft während ihrer Stationierung in Ägypten auf Papyros zu Protokoll gegeben haben. Laury Sarti untersuchte die spätantike Militärpräsenz in den Grenzgesellschaften im Nordwesten Europas. Stefan K. Sander betrachtete das frühneuzeitliche Militär und seine Mobilität im venezianischen Stato di Mar. Ioan Sibiu referierte die Einbindung rumänischer Fürstentümer und verschiedener Völkerschaften in das Verteidigungssystem der Ungarn im Abwehrkampf gegen die osmanische Expansion. Stephan Theilig widmete seine Aufmerksamkeit den muslimischen Soldaten in der preußischen Kavallerie zwischen 1795 und 1800 und fragte nach deren Transformation und Integration. Von einer nomadischen Kriegsführung im Ritt und islamischen Ritual berichtete Stephanie Zehnle aus dem Norden Nigerias, dem Dschihad von Sokoto, der nicht zuletzt auch den Frauen eine Chance zur Alphabetisierung brachte.

Die Bewältigung von militärischen Einquartierungen im 18. Jahrhundert sondierte Benjamin van der Linde im Falle des in Emden stationierten Regiments Oranje-Friesland der Generalstaaten. Der Mobilität und Rekrutierung für die Hohe Karlsschule in Stuttgart im 18. Jahrhundert widmete sich Federic Gross. Brummer, Gringos und Filibuster aus den USA interssierten Jan Schlürmann, der ihrem Schicksal in Mittelamerika zur Mitte des 19. Jahrhunderts nachging. Alexander Brink fragte sich, was deutsche Flüchtlinge und Auswanderer bewogen haben mag, sich freiwillig zum Dienst als Soldat im amerikanischen Bürgerkrieg zu melden.



Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Clemens Vosseberg für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 
Film: Die Piroge

Die Piroge

Der Film "Die Piroge" erzählt die Geschichte afrikanischer Flüchtlinge auf ihrer gefährlichen Reise nach Europa. 30 Menschen wagen die Flucht von Dakar zu den Kanarischen Inseln in einem einfachen offenen Fischerboot, einer Piroge. Als unterwegs immer mehr Probleme auftauchen und der Motor ausfällt, wird die Reise zu einem Albtraum. Weiter... 

Zahlen und Fakten 3D

Migration

Weltweit waren im Jahr 2010 mehr als 210 Millionen Menschen Migranten – sie lebten also in einem anderen Land als sie geboren wurden. Jeweils fast ein Viertel aller Migranten weltweit lebte in Nordamerika und Europa. Mit dem interaktiven Angebot "Zahlen und Fakten 3D" können Sie Regionen und Staaten der Welt miteinander vergleichen, Entwicklungen über mehrere Jahre oder Jahrzehnte hinweg verfolgen und so Infografiken nach Ihren eigenen Vorgaben erstellen. Weiter... 

Lebenswelt "With Wings and Roots”

Lebenswelt "With Wings and Roots”

Berlin und New York - Städte der Einwanderung. Der Film "With Wings and Roots" berichtet von sechs jungen Menschen und ihrem Identitätsbewußtsein. Welche Rolle spielen für sie Kultur, Staatsangehörigkeit, Herkunft und Zugehörigkeit? werkstatt.bpb.de hat die Regisseurin des Films interviewt. Weiter...