Dossierbild Migration

15.3.2005 | Von:

Die Deutschen in Polen

Schicksal nach 1945

Bereits während des Krieges wurde deutlich, dass die Alliierten nach dem Sieg das Problem der deutschen Minderheit in Polen durch deren Aussiedlung lösen wollten. Über die zukünftigen Grenzen des polnischen Staates und die Gebiete, die Deutschland an Polen abtreten sollte, bestanden unter den Alliierten aber unterschiedliche Vorstellungen. Insbesondere ging den Westmächten die sowjetische Forderung zu weit, die eine Westverschiebung Polens an Oder und Lausitzer Neiße als Kompensation für die sowjetische Annektion Ostpolens vorsah. Die Sowjetunion betrieb aber eine Politik der vollendeten Tatsachen, indem sie die Verwaltungshoheit der von ihr eroberten deutschen Gebiete östlich von Oder und Lausitzer Neiße mit Ausnahme Nordostpreußens an Polen übergab. Damit hatte Polen Gebiete übernommen, die bis zu diesem Zeitpunkt von fast neun Millionen Deutschen bewohnt waren:
  • Ostpreußen (südlicher Teil): 1,3 Millionen
  • Pommern: 1,8 Millionen
  • Ostbrandenburg: 0,6 Millionen
  • Niederschlesien: 3,0 Millionen
  • Oberschlesien: 1,7 Millionen
  • Freie Stadt Danzig: 0,4 Millionen
Flucht und Vertreibung

Vor der Roten Armee waren Anfang 1945 rund 3,6 Millionen Deutsche aus ihrer Heimat geflohen oder wurden das Opfer so genannter "wilder" Vertreibungen. Auf der Potsdamer Konferenz behauptete Stalin, fast alle Deutschen seien aus Polen und den Gebieten östlich von Oder und Neiße geflohen. Tatsächlich befanden sich zu diesem Zeitpunkt aber etwa 4,4 Millionen Deutsche östlich von Oder und Lausitzer Neiße. Denn neben den dort in ihrer Heimat verbliebenen Deutschen waren auch von den Geflohenen mehr als eine Million nach Ende der Kampfhandlungen bis zum Sommer 1945 zurückgekehrt.

Artikel XIII der Potsdamer Beschlüsse bestimmte, dass die Überführung der deutschen Bevölkerung aus Polen "in ordnungsgemäßer und humaner Weise" erfolgen solle. Die tatsächliche Praxis der Vertreibungen war jedoch eine völlig andere. [...] Der in den Jahren der deutschen Besatzung aufgestaute Hass der polnischen Bevölkerung richtete sich gegen alle im neuen polnischen Staatsgebiet zurückgebliebenen Deutschen, die Ziel von Ausschreitungen und Diskriminierungen wurden. Manche wurden noch von der Roten Armee als Zwangsarbeiter in die Sowjetunion verschleppt, andere in den Jahren 1945/46 in polnische Arbeitslager verbracht, die bis 1949/50 bestanden. Die Sterberate in diesen Lagern war, besonders unter Alten, Kranken und Kindern, sehr hoch. Die genaue Zahl der Todesopfer ist nicht zu ermitteln, da die polnischen Behörden keine entsprechenden Unterlagen führten.

Ausweisungen 1945–1950

In diesen Jahren der Rechtlosigkeit zogen viele Deutsche die Flucht einem Leben als Fremde in der Heimat vor. Selbst die Ausweisung erschien manchen als das kleinere Übel. Aufgrund der in Potsdam gefassten Beschlüsse wurden zwischen 1945 und Ende 1950 rund 3,5 Millionen Deutsche aus den neuen polnischen Grenzen ausgewiesen, teils in organisierten Sammeltransporten, teils als Einzelausreisende. Etwa 1,7 Millionen Deutsche befanden sich 1950 noch in der Volksrepublik Polen, davon der größte Teil in Oberschlesien.

Durch Flucht und Vertreibung der Deutschen und Zuwanderung von Polen aus Zentral- und dem nunmehr sowjetischen Ostpolen änderten sich die Bevölkerungsverhältnisse. Die polnischen Zuwanderer übernahmen nicht nur verlassene Häuser, sondern vertrieben auch verbliebene Deutsche von Haus und Hof. Die polnischen Behörden stützten sich bei ihren Maßnahmen zur Diskriminierung und Entrechtung der Deutschen auf bereits während des Krieges erlassene Sondergesetze, die durch ihre Dehnbarkeit Willkür und Kollektivbestrafung begünstigten. Sie bedeuteten für die betroffenen Deutschen Enteignung und Ausweisung aus dem polnischen Staatsgebiet. Ursprünglich nur für das Gebiet Vorkriegspolens bestimmt, wurden sie auch in den Oder-Neiße-Gebieten angewendet.

"Rehabilitierung" von "Volksdeutschen"

Allerdings unterschied man zwischen Volksdeutschen, also ehemaligen polnischen Staatsangehörigen deutscher Nationalität, und Reichsdeutschen deutscher oder polnischer Nationalität. Die während des Krieges in die Deutsche Volksliste Aufgenommenen sowie die Angehörigen des Schwebenden Volkstums hatten die Möglichkeit einer "Rehabilitierung". Wer keine Rehabilitierung beantragte oder abgelehnt wurde, wurde wie die Reichsdeutschen interniert und enteignet.

Um eine Entvölkerung insbesondere des oberschlesischen Industriegebiets zu vermeiden, aber auch um vermeintliches polnisches Volkstum wieder erwecken zu können, wurde die Volkszugehörigkeit der als "Autochthone" (= Alteingesessene) bezeichneten einheimischen Bevölkerung in den Oder-Neiße-Gebieten überprüft. Regionale Verifizierungskommissionen prüften eine mögliche polnische Abstammung der Betreffenden, wobei oft schon ein polnisch klingender Familienname und eine Treueerklärung für Polen ausreichten. Die so "Verifizierten" erhielten die polnische Staatsangehörigkeit.

Angesichts der Diskriminierung der Deutschen und der wirtschaftlichen Not wählten viele Oberschlesier und Masuren den Weg der Verifizierung, um unter erträglichen Bedingungen in der Heimat bleiben zu können. Wer die Verifizierung verweigerte, teilte das Schicksal der übrigen Deutschen: Lagerhaft, Zwangsarbeit oder Ausweisung. Bis zum 1. April 1948 waren nach polnischen Angaben rund 1 Million Menschen verifiziert worden. Den circa 170.000 Personen, die bis 1951 trotz allen Drucks die Verifizierung und Annahme der polnischen Staatsangehörigkeit verweigert hatten, wurde in diesem Jahr von Amts wegen die polnische Staatsangehörigkeit verliehen.

Zugeständnisse 1950–1960

Im Jahre 1949 wurden die Ausweisungen eingestellt. Die noch im Lande befindlichen Deutschen wurden nun in erster Linie als wichtige Arbeitskräfte betrachtet, die man nach Möglichkeit halten wollte. Die gesetzliche Diskriminierung wurde beendet und in den Oder-Neiße-Gebieten etwa 250.000 Deutsche als Minderheit anerkannt. Ab 1955 wurde durch Vermittlung des Roten Kreuzes eine Familienzusammenführung ermöglicht, die durch die immer stärkere Abwanderung dem Kulturleben der deutschen Minderheit den Boden entzog.

Von 1955 bis 1959 wurden im Rahmen der Familienzusammenführung rund 250.000 Deutsche in die Bundesrepublik und West-Berlin sowie weitere 40.000 in die DDR umgesiedelt. Es handelte sich in erster Linie um die Angehörigen der deutschen Minderheit, obgleich auch viele "Autochthone" in Masuren und Oberschlesien die Ausreise beantragt hatten. Angesichts der geringen Zahl der verbliebenen anerkannten Deutschen stellte Polen 1960 seine Förderung der deutschen Kulturpolitik ein und bestritt bis 1989 als einziges Land im sowjetischen Herrschaftsbereich die Existenz einer deutschen Minderheit.

Lage der zweisprachigen Deutschen

Der größte Teil der Deutschen in der Volksrepublik Polen, nämlich rund 1,4 Millionen, davon die meisten im oberschlesischen Industriegebiet, war als "Autochthone" von der Förderung der deutschen Minderheit ausgeschlossen gewesen. Trotz entsprechender Anträge wurden weder in Oberschlesien noch in Masuren deutsche Schulen eingerichtet. Hier wollten die polnischen Behörden ihre Polonisierungspolitik, die durch Kindergarten, Schule und Militär gefördert wurde, nicht gefährden. Die polnischen Hoffnungen auf eine rasche Eingliederung der "Autochthonen" in das polnische Volk erfüllten sich jedoch nicht. [...] Das erzwungene Bekenntnis zum polnischen Staat hatte bei der Mehrheit der einheimischen Bevölkerung gerade eine innere Distanzierung von der polnischen Kultur zur Folge.

Die kulturellen Unterschiede zwischen Einheimischen und polnischen Zuwanderern waren groß und verhinderten die rasche Assimilierung. Das schon früher stark ausgeprägte Regionalbewusstsein hat sich nach dem Kriege eher noch verstärkt. In erster Linie war man Oberschlesier, womit man sich von "den" Polen, manchmal aber auch von "den" Deutschen abgrenzte, wobei die gefühlsmäßige Bindung an Deutschland aber überwog.


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