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15.3.2005 | Von:
Dr. Joachim Rogall

Die Deutschen in Polen

Polen war in den 1980er und frühen 1990er Jahren das bedeutenste Herkunftsland von Aussiedlern aus Osteuropa. Die Geschichte der Deutschstämmigen in Polen ist eng mit den Folgen der beiden Weltkriege verknüpft. Ein Abriss vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Einleitung

Unter den Aussiedlern standen bis 1989 diejenigen aus Polen zahlenmäßig an erster Stelle. Nach der politischen Wende in Polen nahm die Zahl der Aussiedler aus Polen jedoch rasch und drastisch ab. Zum Verständnis für diese Entwicklung ist zunächst ein kurzer Rückblick auf die Bevölkerungsentwicklung und die jüngere Geschichte dieser Region Mitteleuropas notwendig.

Das heutige polnische Staatsgebiet ist das Ergebnis einer Westverschiebung Polens als Folge des Zweiten Weltkrieges. Die Sowjetunion hatte 1945 die Ostgebiete des polnischen Staates der Vorkriegszeit annektiert und dafür die Ostgebiete des Deutschen Reiches nach dem Gebietsstand von 1937, Südostpreußen, Danzig, Pommern, Ostbrandenburg und Schlesien, polnischer Verwaltung unterstellt. Dieser auf der Potsdamer Konferenz auch von den Westalliierten anerkannte neue polnische Staatsbereich umfasst damit Gebiete, die seit Jahrhunderten zum deutschen Staats- und Kulturgebiet gehört hatten und bis 1945 fast ausschließlich von Deutschen bewohnt gewesen waren.

Im Verlauf der deutschen Ostbewegung wurden seit dem 12. Jahrhundert diese Landschaften durch Deutsche besiedelt. Die deutschen Einwanderer bildeten allmählich die Bevölkerungsmehrheit und die geringe slawische (in Ostpreußen: baltische) Vorbevölkerung wurde assimiliert. So entstanden aus deutschen und slawischen Wurzeln die Neustämme der Schlesier, Pommern und Ostpreußen.

Unsichere Identität

Dieser Assimilierungsprozess war in einigen Grenzgebieten zu Polen wie Oberschlesien, Ostpommern und Südostpreußen (Ermland und Masuren) bis zum Ende des Ersten Weltkrieges noch nicht völlig abgeschlossen. Hier gab es Bevölkerungsteile, die sich nach dem Erwachen des Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert zu Polen bekannten, vor allem bei den katholischen Oberschlesiern auf dem Lande. Die Mehrheit der Menschen in diesen Gebieten fühlte sich aufgrund der jahrhundertelangen Zugehörigkeit zum preußischen Staatsverband und dem deutschen Kulturbereich als Deutsche. Teilweise benutzten sie aber noch eine eigene regionale Gruppensprache, ein altertümliches Polnisch mit zahlreichen Germanismen.

Man spricht bei diesen zweisprachigen Gruppen von "schwebendem Volkstum", um die Identitätsunsicherheit dieser Menschen, die aus dem Gegensatz zwischen deutschem Selbstverständnis und polnischen kulturellen und sprachlichen Traditionen herrührt, zu kennzeichnen. Die Angehörigen des "schwebenden Volkstums" bildeten innerhalb der Bevölkerung Masurens und Oberschlesiens nur eine Minderheit, die vor allem auf dem Land lebte. Ihre Zahl nahm in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen rasch ab. Da seit dem 19. Jahrhundert die Sprache als wesentliches Merkmal der nationalen Zugehörigkeit galt, brachte man diesen zweisprachigen Gruppen von deutscher Seite oftmals Unverständnis und Misstrauen entgegen. Die Polen sahen diese Gruppen dagegen unter Hinweis auf ihre slawische Herkunft und ihre nichtdeutsche Muttersprache als Teile der polnischen Nation an, denen eine jahrhundertelange Germanisierung ihr polnisches Bewusstsein geraubt habe.

Nach dem Ersten Weltkrieg verlangte der wieder entstandene polnische Staat deshalb die Angliederung dieser Gebiete. Die unter alliierter Aufsicht durchgeführten Volksabstimmungen brachten allerdings eine eindeutige Entscheidung zugunsten Deutschlands. Im südlichen Ostpreußen (Ermland und Masuren) stimmten 1920 97,9 % für Deutschland und nur 2,1 % für Polen, in Oberschlesien 1921 59,6 % für Deutschland und 40,3 % für Polen. Die Ergebnisse der Abstimmung machten deutlich, dass in diesen Grenzgebieten die Volkszugehörigkeit keine Frage objektiver Kriterien wie beispielsweise Kultur oder Muttersprache, sondern eine Frage des Bewusstseins und des freien Willens jedes Einzelnen war. Dabei konnte die Trennung mitten durch Familien gehen. Aufgrund der Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg lebten sowohl im Deutschen Reich wie in Polen nationale Minderheiten.

Kriegsfolgen und nationalsozialistische Bevölkerungspolitik

Die Zahl der Deutschen in Polen sank in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg durch teilweise erzwungene Abwanderung auf etwas über eine Million. Die rund 340.000 Deutschen in Posen und Pommerellen und 370.000 Deutschen in der polnischen Wojewodschaft Schlesien behielten zum Teil bis 1939 ihre deutsche Staatsangehörigkeit; die übrigen Deutschen in Mittel-, Süd- und Ostpolen konnten nach der Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg die deutsche Staatsangehörigkeit über die so genannte "Deutsche Volksliste" erwerben. Die Nationalsozialisten hatten diese nach ihren Kriterien in vier Gruppen eingeteilt.

Gruppe eins umfasste die vor 1939 in der deutschen Minderheit in Polen aktiven Personen. Zur Gruppe zwei gehörten diejenigen, die zwar nicht in der Minderheit aktiv gewesen, aber nach ihrem Selbstverständnis und der Wahrnehmung durch andere Deutsche waren. Gruppe drei umfasste nach Ansicht der Nationalsozialisten teilweise polonisierte Deutsche und Gruppe vier schließlich Personen, die zwar deutscher Herkunft, aber vollständig polonisiert waren. Die Angehörigen der Gruppen eins und zwei erhielten die deutsche Staatsangehörigkeit zuerkannt, die Gruppe drei nur auf Widerruf und die Gruppe vier erhielt lediglich eine Anwartschaft.

Schicksal nach 1945

Bereits während des Krieges wurde deutlich, dass die Alliierten nach dem Sieg das Problem der deutschen Minderheit in Polen durch deren Aussiedlung lösen wollten. Über die zukünftigen Grenzen des polnischen Staates und die Gebiete, die Deutschland an Polen abtreten sollte, bestanden unter den Alliierten aber unterschiedliche Vorstellungen. Insbesondere ging den Westmächten die sowjetische Forderung zu weit, die eine Westverschiebung Polens an Oder und Lausitzer Neiße als Kompensation für die sowjetische Annektion Ostpolens vorsah. Die Sowjetunion betrieb aber eine Politik der vollendeten Tatsachen, indem sie die Verwaltungshoheit der von ihr eroberten deutschen Gebiete östlich von Oder und Lausitzer Neiße mit Ausnahme Nordostpreußens an Polen übergab. Damit hatte Polen Gebiete übernommen, die bis zu diesem Zeitpunkt von fast neun Millionen Deutschen bewohnt waren:
  • Ostpreußen (südlicher Teil): 1,3 Millionen
  • Pommern: 1,8 Millionen
  • Ostbrandenburg: 0,6 Millionen
  • Niederschlesien: 3,0 Millionen
  • Oberschlesien: 1,7 Millionen
  • Freie Stadt Danzig: 0,4 Millionen
Flucht und Vertreibung

Vor der Roten Armee waren Anfang 1945 rund 3,6 Millionen Deutsche aus ihrer Heimat geflohen oder wurden das Opfer so genannter "wilder" Vertreibungen. Auf der Potsdamer Konferenz behauptete Stalin, fast alle Deutschen seien aus Polen und den Gebieten östlich von Oder und Neiße geflohen. Tatsächlich befanden sich zu diesem Zeitpunkt aber etwa 4,4 Millionen Deutsche östlich von Oder und Lausitzer Neiße. Denn neben den dort in ihrer Heimat verbliebenen Deutschen waren auch von den Geflohenen mehr als eine Million nach Ende der Kampfhandlungen bis zum Sommer 1945 zurückgekehrt.

Artikel XIII der Potsdamer Beschlüsse bestimmte, dass die Überführung der deutschen Bevölkerung aus Polen "in ordnungsgemäßer und humaner Weise" erfolgen solle. Die tatsächliche Praxis der Vertreibungen war jedoch eine völlig andere. [...] Der in den Jahren der deutschen Besatzung aufgestaute Hass der polnischen Bevölkerung richtete sich gegen alle im neuen polnischen Staatsgebiet zurückgebliebenen Deutschen, die Ziel von Ausschreitungen und Diskriminierungen wurden. Manche wurden noch von der Roten Armee als Zwangsarbeiter in die Sowjetunion verschleppt, andere in den Jahren 1945/46 in polnische Arbeitslager verbracht, die bis 1949/50 bestanden. Die Sterberate in diesen Lagern war, besonders unter Alten, Kranken und Kindern, sehr hoch. Die genaue Zahl der Todesopfer ist nicht zu ermitteln, da die polnischen Behörden keine entsprechenden Unterlagen führten.

Ausweisungen 1945–1950

In diesen Jahren der Rechtlosigkeit zogen viele Deutsche die Flucht einem Leben als Fremde in der Heimat vor. Selbst die Ausweisung erschien manchen als das kleinere Übel. Aufgrund der in Potsdam gefassten Beschlüsse wurden zwischen 1945 und Ende 1950 rund 3,5 Millionen Deutsche aus den neuen polnischen Grenzen ausgewiesen, teils in organisierten Sammeltransporten, teils als Einzelausreisende. Etwa 1,7 Millionen Deutsche befanden sich 1950 noch in der Volksrepublik Polen, davon der größte Teil in Oberschlesien.

Durch Flucht und Vertreibung der Deutschen und Zuwanderung von Polen aus Zentral- und dem nunmehr sowjetischen Ostpolen änderten sich die Bevölkerungsverhältnisse. Die polnischen Zuwanderer übernahmen nicht nur verlassene Häuser, sondern vertrieben auch verbliebene Deutsche von Haus und Hof. Die polnischen Behörden stützten sich bei ihren Maßnahmen zur Diskriminierung und Entrechtung der Deutschen auf bereits während des Krieges erlassene Sondergesetze, die durch ihre Dehnbarkeit Willkür und Kollektivbestrafung begünstigten. Sie bedeuteten für die betroffenen Deutschen Enteignung und Ausweisung aus dem polnischen Staatsgebiet. Ursprünglich nur für das Gebiet Vorkriegspolens bestimmt, wurden sie auch in den Oder-Neiße-Gebieten angewendet.

"Rehabilitierung" von "Volksdeutschen"

Allerdings unterschied man zwischen Volksdeutschen, also ehemaligen polnischen Staatsangehörigen deutscher Nationalität, und Reichsdeutschen deutscher oder polnischer Nationalität. Die während des Krieges in die Deutsche Volksliste Aufgenommenen sowie die Angehörigen des Schwebenden Volkstums hatten die Möglichkeit einer "Rehabilitierung". Wer keine Rehabilitierung beantragte oder abgelehnt wurde, wurde wie die Reichsdeutschen interniert und enteignet.

Um eine Entvölkerung insbesondere des oberschlesischen Industriegebiets zu vermeiden, aber auch um vermeintliches polnisches Volkstum wieder erwecken zu können, wurde die Volkszugehörigkeit der als "Autochthone" (= Alteingesessene) bezeichneten einheimischen Bevölkerung in den Oder-Neiße-Gebieten überprüft. Regionale Verifizierungskommissionen prüften eine mögliche polnische Abstammung der Betreffenden, wobei oft schon ein polnisch klingender Familienname und eine Treueerklärung für Polen ausreichten. Die so "Verifizierten" erhielten die polnische Staatsangehörigkeit.

Angesichts der Diskriminierung der Deutschen und der wirtschaftlichen Not wählten viele Oberschlesier und Masuren den Weg der Verifizierung, um unter erträglichen Bedingungen in der Heimat bleiben zu können. Wer die Verifizierung verweigerte, teilte das Schicksal der übrigen Deutschen: Lagerhaft, Zwangsarbeit oder Ausweisung. Bis zum 1. April 1948 waren nach polnischen Angaben rund 1 Million Menschen verifiziert worden. Den circa 170.000 Personen, die bis 1951 trotz allen Drucks die Verifizierung und Annahme der polnischen Staatsangehörigkeit verweigert hatten, wurde in diesem Jahr von Amts wegen die polnische Staatsangehörigkeit verliehen.

Zugeständnisse 1950–1960

Im Jahre 1949 wurden die Ausweisungen eingestellt. Die noch im Lande befindlichen Deutschen wurden nun in erster Linie als wichtige Arbeitskräfte betrachtet, die man nach Möglichkeit halten wollte. Die gesetzliche Diskriminierung wurde beendet und in den Oder-Neiße-Gebieten etwa 250.000 Deutsche als Minderheit anerkannt. Ab 1955 wurde durch Vermittlung des Roten Kreuzes eine Familienzusammenführung ermöglicht, die durch die immer stärkere Abwanderung dem Kulturleben der deutschen Minderheit den Boden entzog.

Von 1955 bis 1959 wurden im Rahmen der Familienzusammenführung rund 250.000 Deutsche in die Bundesrepublik und West-Berlin sowie weitere 40.000 in die DDR umgesiedelt. Es handelte sich in erster Linie um die Angehörigen der deutschen Minderheit, obgleich auch viele "Autochthone" in Masuren und Oberschlesien die Ausreise beantragt hatten. Angesichts der geringen Zahl der verbliebenen anerkannten Deutschen stellte Polen 1960 seine Förderung der deutschen Kulturpolitik ein und bestritt bis 1989 als einziges Land im sowjetischen Herrschaftsbereich die Existenz einer deutschen Minderheit.

Lage der zweisprachigen Deutschen

Der größte Teil der Deutschen in der Volksrepublik Polen, nämlich rund 1,4 Millionen, davon die meisten im oberschlesischen Industriegebiet, war als "Autochthone" von der Förderung der deutschen Minderheit ausgeschlossen gewesen. Trotz entsprechender Anträge wurden weder in Oberschlesien noch in Masuren deutsche Schulen eingerichtet. Hier wollten die polnischen Behörden ihre Polonisierungspolitik, die durch Kindergarten, Schule und Militär gefördert wurde, nicht gefährden. Die polnischen Hoffnungen auf eine rasche Eingliederung der "Autochthonen" in das polnische Volk erfüllten sich jedoch nicht. [...] Das erzwungene Bekenntnis zum polnischen Staat hatte bei der Mehrheit der einheimischen Bevölkerung gerade eine innere Distanzierung von der polnischen Kultur zur Folge.

Die kulturellen Unterschiede zwischen Einheimischen und polnischen Zuwanderern waren groß und verhinderten die rasche Assimilierung. Das schon früher stark ausgeprägte Regionalbewusstsein hat sich nach dem Kriege eher noch verstärkt. In erster Linie war man Oberschlesier, womit man sich von "den" Polen, manchmal aber auch von "den" Deutschen abgrenzte, wobei die gefühlsmäßige Bindung an Deutschland aber überwog.

Entwicklung bis 1989

Als Folge des Warschauer Vertrags von 1970 über die Grundlagen der Normalisierung der Beziehungen zwischen Polen und der Bundesrepublik Deutschland wurde erneut eine Vereinbarung über die Möglichkeit der Familienzusammenführung von Deutschen aus Polen getroffen. Die Volksrepublik Polen erkannte damit indirekt die Existenz von Deutschen im Lande an. Während Polen von einigen Zehntausend Ausreisewilligen ausging, lagen dem Deutschen Roten Kreuz 1970 etwa 250.000 Anträge vor. Die ausgesprochen zurückhaltende Genehmigungspraxis der polnischen Behörden veranlasste Bundeskanzler Helmut Schmidt bei Gesprächen mit Polens Staatschef Edward Gierek am Rande der KSZE-Konferenz in Helsinki 1975, erneut die Frage der Familienzusammenführung aufzugreifen. Es kam zur Unterzeichnung eines Ausreiseprotokolls von 1975, wonach innerhalb von vier Jahren bis zu 125.000 Personen die Ausreisegenehmigung erhalten sollten. Eine Offenhalteklausel besagte, dass auch später noch Anträge auf Aussiedlung gestellt werden durften.

Gründe für die Aussiedlung

Sucht man nach Gründen für diese Aussiedlungsbereitschaft, so spielt das bereits geschilderte Schicksal der Deutschen nach 1945 im polnischen Machtbereich sicherlich eine große Rolle. Zunächst stellt sich die Frage, warum die Betreffenden nicht bereits bei Kriegsende ihre Heimat verlassen oder zumindest schon früher eine Aussiedlung angestrebt hatten. Ein Grund dafür war die nach 1945 bei den Deutschen in den Gebieten östlich von Oder und Neiße noch lange verbreitete Hoffnung auf eine Wiedervereinigung ihrer Heimat mit dem übrigen Deutschland, die mit entsprechenden Befürchtungen der polnischen Zuwanderer einherging. Bei den Oberschlesiern kam der Rückhalt durch ein relativ geschlossenes Gebiet mit altansässiger Bevölkerung hinzu, in anderen Gebieten wie Masuren der zumindest teilweise Erhalt der alten Dorfgemeinschaft, was den Entschluss zu bleiben erleichterte.

Die Aussiedlungen der fünfziger und sechziger Jahre betrafen noch weitgehend die Deutschen außerhalb Masurens und Oberschlesiens und vorwiegend Angehörige der Mittel- und Oberschicht. Bei der verbleibenden Landbevölkerung überwog zunächst die Neigung, in der engeren Heimat zu bleiben. Je mehr mit den Jahren die Hoffnungen auf eine gewisse kulturelle Eigenständigkeit innerhalb des polnischen Staates schwanden, desto größer wurde der Wunsch zur Aussiedlung auch bei den bisher noch Unentschlossenen.

Der staatliche Polonisierungsdruck, der mit einer im Laufe der Zeit voranschreitenden sprachlichen und bewusstseinsmäßigen Assimilierung der Kinder einherging, verstärkte bei der älteren Generation die Neigung zur Aussiedlung, um die nationale Identität zu bewahren. Die jüngere Generation, vor allem die nach 1945 Geborenen, hatte dagegen kaum Probleme wegen ihrer Abstammung. Sie sprach in der Regel fließend polnisch und solidarisierte sich in der gemeinsamen Ablehnung des kommunistischen Systems mit ihren polnischen Altersgenossen. Hier war es nicht zuletzt die Erwartung beruflicher und wirtschaftlicher Vorteile, welche die Aussiedlungsbereitschaft verstärkte. Zumeist kamen aber beim Wunsch der Ausreise nach Deutschland mehrere Faktoren zusammen, wobei die Verweigerung von Minderheitenrechten vor allem im kulturellen Bereich wohl bei den meisten eine wichtige Rolle spielte.

Gegenwart

Seit Mitte der achtziger Jahre verstärkten sich bei den Deutschen in Oberschlesien die Bemühungen um Anerkennung, die in der zunächst illegalen Gründung von "Deutschen Freundschaftskreisen" zur Wahrung ihrer Interessen und Rechte gipfelte. Die polnischen Behörden verweigerten bis zum Ende des kommunistischen Systems jede offizielle Anerkennung.

Im Jahre 1991 wurde der deutsch-polnische "Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit" abgeschlossen, der auch die Rechte der Deutschen in Polen festlegte. Zuvor hatte das wieder vereinigte Deutschland in einem Grenzvertrag mit Polen am 14. November 1990 die polnische Westgrenze an Oder und Lausitzer Neiße bestätigt und damit die deutsch-polnischen Beziehungen auf eine neue Grundlage gestellt. Der Nachbarschaftsvertrag garantierte das Recht auf freien Gebrauch der Muttersprache, auf Gründung deutscher Bildungs-, Kultur- und Religionseinrichtungen und den ungehinderten Kontakt über die Grenzen. Die zwangsweise Polonisierung der Vor- und Familiennamen konnte von den Betroffenen rückgängig gemacht werden.

Rolle der Minderheit

Die Gesamtzahl der Deutschen in Polen kann auch nach der Entstehung deutscher Organisationen nicht genau angegeben werden. Anders als in Rumänien, Ungarn oder den Staaten der GUS waren und sind im deutsch-polnischen Grenzbereich die nationalen Übergänge fließend. Polnischen Schätzungen zufolge leben in Polen derzeit etwa 300.000 bis 400.000 Personen, welche sich als Deutsche bezeichnen. Deutsche Schätzungen gehen von mindestens 600.000 Deutschen in Polen aus. Die deutsche Minderheit in Polen hat auch nach der politischen Wende mit organisatorischen, politischen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, insbesondere dort, wo die Deutschen in großer Zerstreuung leben. So sind die Deutschen außerhalb Oberschlesiens kaum in der Lage, ein deutsches Schulwesen aufzubauen. Ihre Akzeptanz in der polnischen Bevölkerung ist teilweise noch gering.

Kluft zwischen Alt und Jung

Bei den Mitgliedern deutscher Minderheitenorganisationen ist eine starke Überalterung festzustellen. Aktiv sind derzeit vor allem diejenigen, welche zumindest als Jugendliche noch die deutsche Zeit vor 1945 bewusst erlebt haben. Naturgemäß sind deshalb die Vorstellungen und Ziele der Mitglieder häufig noch an den Verhältnissen von vor 1945 orientiert. Jugendliche sind in den Gruppen nur schwach vertreten. Wo eigene Jugendgruppen existieren, zeigen sich Generationskonflikte. Die Vorstellungen und Aktivitäten der älteren Generation finden bei den Jugendlichen kaum Widerhall. Dabei spielen nicht nur sprachliche Probleme eine Rolle, sondern vor allem unterschiedliche Interessen. Während die mittlere und ältere Generation der Minderheitenangehörigen ähnlich wie landsmannschaftliche Gruppierungen in Deutschland den Schwerpunkt auf die Pflege heimatlichen Brauchtums und geselliges Beisammensein legt, wird die junge Generation dadurch nicht angesprochen. Sie wollen vor allem im beruflichen Bereich eine Perspektive haben. Dass in dieser Lage in der ersten Zeit nach der Wende die Aussiedlung nach Deutschland, wo die meisten Verwandte besaßen, als attraktive Möglichkeit erschien, ist verständlich.

Die meisten Deutschen haben sich jedoch unter den neuen demokratischen Bedingungen und ihrer Anerkennung als nationale Minderheit in Polen zum Bleiben entschieden. Sie können ihre kulturellen Traditionen und die Verbindungen nach Deutschland pflegen und werden aus Deutschland unterstützt. Sie tragen heute ihren Teil zum Auf- und Umbau Polens und seiner Gesellschaft bei. Von Deutschland wie von Polen wird dabei stillschweigend geduldet, dass viele Deutsche in Polen faktisch eine Doppelstaatsbürgerschaft und neben ihrem polnischen Pass auch einen deutschen Pass besitzen. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 200.000 Personen eine doppelte Staatsbürgerschaft haben.

Politische Vertretung

Mit ihrer Legalisierung wurde die deutsche Minderheit in ihrem geschlossenen Siedlungsgebiet Oberschlesien auch zu einer politischen Kraft. Dies zeigte sich bei den Wahlen, die seit 1990 in Polen stattgefunden haben. 25 Gemeinden im Oppelner Schlesien haben derzeit einen deutschen Bürgermeister, 304 deutsche Vertreter sitzen in Gemeinde- oder Stadträten (in 34 von 71 Gemeinderäten stellen sie die Mehrheit) und im Oppelner Landtag hat die deutsche Minderheit 7 Abgeordnete. In der Woiwodschaft Oppeln stellt die deutsche Minderheit in 3 von 12 Kreisen (einschließlich der kreisfreien Stadt Oppeln) die Mehrheit im Kreistag, in weiteren vier Kreisen stellt sie die stärkste Fraktion. Die Landräte der Kreise Kandrzin-Cosel, Krappitz, Oppeln, Rosenberg und Groß Strehlitz sind Angehörige der deutschen Minderheit.

Bei den Parlamentswahlen im Jahre 1991 konnte die deutsche Minderheit sieben Abgeordnetenmandate und einen Senatssitz erringen, bei den Wahlen im September 1993 dagegen bei geringerer Wahlbeteiligung nur vier Abgeordnetenmandate und einen Sitz im Senat. Nach der Wahl 1997 hat die Minderheit ihren Senatssitz verloren, obgleich die Zahl der Stimmen für den deutschen Kandidaten gleich blieb. Sie wird im Parlament noch durch zwei Abgeordnete vertreten. Eine Erklärung für die schwindende Zahl der deutschen Vertreter wird in einem generellen Desinteresse der Minderheit an polnischer Politik gesehen. Ein weiterer Grund ist die zunehmende Integration der jüngeren Angehörigen der Minderheit in Polen, die ihre wichtigsten kulturellen Belange gesichert sehen und keine spezielle deutsche Lobby im Parlament mehr für notwendig halten. Die sachliche, um Verständigung bemühte und von Loyalität zum polnischen Staat geprägte Tätigkeit der Minderheitspolitiker wird in Polen wie in Deutschland anerkannt. Für die Deutschen in Polen bedeutet ihre Parlamentsvertretung neben der politischen Aufwertung auch die Gewissheit, dass ihre Probleme auf höchster politischer Ebene zur Sprache gebracht werden können.

Förderung aus Deutschland

Aus der Bundesrepublik Deutschland wurde die deutsche Minderheit in Polen in den vergangenen Jahren nachhaltig, vor allem auch finanziell, unterstützt. Die Bundesregierung stellte für die Kulturarbeit der deutschen Minderheitenorganisationen in den 1990er Jahren jährlich rund 25 Millionen Mark zur Verfügung. Dabei achtete man darauf, durch die Zuwendungen aus Deutschland die Trennung zwischen den Deutschen und ihren polnischen Nachbarn nicht unnötig zu vertiefen. Der größte Teil der Hilfsmaßnahmen kommt allen Bewohnern der jeweiligen Orte oder Regionen zugute.

So wurden beispielsweise Krankenhäuser mit Geräten und Medikamenten ausgestattet oder die Wasserversorgung bestimmter Gebiete durch entsprechende Baumaßnahmen verbessert. Die Minderheitenorganisationen wurden durch Auf- und Ausbau von Begegnungszentren, Büchereien, Kultur- und Sprachlehrinstitutionen unterstützt. Neben staatlichen Stellen erfährt die deutsche Minderheit durch zahlreiche Wohlfahrtsverbände, Organisationen und Privatpersonen weitere Unterstützung für ihre Arbeit. Hierbei ist in Deutschland wie in Polen die Tätigkeit deutscher landsmannschaftlicher Organisationen wie des Bundes der Vertriebenen, die auch politische Forderungen artikulieren, nicht unumstritten. [...]

Deutsche Minderheiten in Polen – ein heterogenes Bild

Ein Vergleich der Aussiedlerzahlen der letzten Jahre zeigt deutlich, wie sehr aufgrund der offiziellen Anerkennung und der Entwicklung der deutschen Minderheitenorganisationen der Aussiedlungsdruck in Polen abgenommen hat. Die deutsche Minderheit in Polen bietet heute ein heterogenes Bild. Die ältere Generation hat sich wohl oder übel mit ihrer Existenz in Polen abgefunden, ist aber nicht wirklich in die polnische Gesellschaft integriert. Sie pflegt ein Heimat- und Kulturbewusstsein, das sich an der deutschen Vorkriegszeit orientiert. Für sie ist Deutsch noch die Muttersprache, auch wenn sie es teilweise nur in oberschlesischer oder masurischer Färbung spricht, und Deutschland der kulturelle Bezugspunkt. Die jüngere Generation dagegen ist ein integrierter Teil der polnischen Gesellschaft, sprachlich und kulturell ganz überwiegend polnisch geprägt, für die der Bezug zu Deutschland allenfalls noch eine mehr oder weniger ausgeprägte Familientradition darstellt.

*Dieser Text ist eine überarbeitete, aktualisierte und in Teilen gekürzte Version des Artikels "Deutsche in Polen" von Dr. Joachim Rogall in den Informationen zur politischen Bildung "Aussiedler" (Nr. 267).
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