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Interkulturelle Öffnung


15.5.2007

Einleitung



Die Interkulturelle Öffnung der Verwaltung soll öffentliche Institutionen auf neue Aufgaben in einer Einwanderungsgesellschaft vorbereiten. Seit Beginn der 1990er-Jahre gibt es eine verstärkte Debatte über die Inhalte, die mit Begriffen wie "Interkulturelle Öffnung" oder "Interkulturelle Kompetenz" verknüpft werden. Gleichzeitig entwickelte sich ein umfangreicher "Trainingsmarkt" für Verwaltungsmitarbeiter und Unternehmen, auf dem Schulungen und Seminare zur "interkulturellen Kompetenz" angeboten werden.

Kritiker monieren inzwischen, dass die angebotenen Weiterbildungen oft schematisch und praxisfern gestaltet sind und weder das Arbeitsfeld noch die bisher gemachten konkreten Erfahrungen mit einbeziehen. Auch werde ein problematischer Kulturbegriff verwendet, der Menschen mit Migrationhintergrund generell als "Fremde" konstruiere, selbst wenn sie schon in der dritten Generation in Deutschland lebten. Oft könne eine falsch verstandene Weiterbildung in "interkultureller Kompetenz" also eher gegenteilige Effekte bewirken. Viele Fußangeln bei der Verwendung dieser Begriffe sind also zu beachten. Wie sehen diese aus? Welche Alternativen gibt es?

Konjunktur eines Begriffs

Die inzwischen weit verbreitete Rede von der Interkulturellen Öffnung der Verwaltung zeigt, wie sehr man sich inzwischen in Deutschland darum bemüht, auch die Integrationskompetenz von Verwaltungen so zu erhöhen, wie es eine Einwanderungsgesellschaft erfordert.

Die Interkulturelle Öffnung der Verwaltung wird von vielen Fachleuten, Praktikern der interkulturellen Arbeit und Politikern gefordert, ohne dass gesagt wird, was denn wie und in welchem Maße geöffnet werden soll. Der Begriff erscheint nur deshalb "konkurrenzlos akzeptabel, weil alle Beteiligten an der Diskussion die von ihnen präferierten Öffnungsvorstellungen auf ihn projizieren können. Es wird insbesondere kaum aufgedeckt, im Sinne welcher übergeordneten Ziele eine interkulturelle Öffnung angestrebt, auf welcher Ebene sie betrieben, und schließlich wie sie strukturell verankert werden soll", wie ein Experte (W. R. Leenen) feststellt.

Welche Möglichkeiten stecken in dem Ansatz der Interkulturellen Öffnung der Verwaltung? Was kann Verwaltung zur Integration beitragen? Was kann man aus der Praxis der letzten Jahre lernen? Wie können nötige Kompetenzen aufgebaut werden?

Verwaltung und Integration



Unzulänglichkeiten

Integrationspolitik kann nur günstige Rahmenbedingungen für ein Gelingen der Integration stellen. Integrieren müssen sich die Einwanderer selbst. Sie müssen daher Handelnde im Integrationsgeschehen sein, nicht nur passiv Beteiligte.

Zu den wesentlichen Rahmenbedingungen für einen Integrationsprozess gehören neben der Aufenthaltssicherheit vor allem die Strukturen auf dem Arbeitsmarkt sowie die Kompetenz öffentlicher Institutionen, Integrationsprozesse zu fördern und zu steuern. Diese beiden zuletzt genannten Strukturkomponenten haben in Deutschland derzeit noch negative Auswirkungen auf die Integrationschancen von Migranten und Migrantinnen. So ist besonders der Arbeitsmarkt für niedrig Qualifizierte, in dem Zugewanderte häufig beschäftigt sind, hart umkämpft und von Niedriglöhnen sowie prekären Beschäftigungsverhältnissen gekennzeichnet. Ebenfalls sind die Unzulänglichkeiten des Bildungssystems sind in den Mittelpunkt einer bundesweiten Debatte geraten.

Auch öffentliche Institutionen wie Soziale Dienste, Justiz, Arbeitsämter und Polizei haben es lange versäumt, ihr Aufgabenfeld auf die Anforderungen einer Einwanderungsgesellschaft auszurichten. So bestehen für Migrantinnen und Migranten Zugangsbarrieren beispielsweise bei Sozialen Diensten, sodass sie verschiedene Hilfen seltener in Anspruch nehmen. Ein Grund liegt darin, dass Mitarbeiter nicht über das nötige Wissen verfügen, um die Instrumente z.B. der Jugendarbeit an die besondere Situation von Migrantenfamilien anzupassen. Beim Jugendhilfeplanverfahren, das die Partizipation des Umfelds der Jugendlichen vorsieht, werden häufig die falschen Personen aus dem sozialen Umfeld eingebunden, weil Milieukenntnisse fehlen. Oder Verwaltungsgerichte entscheiden über die Befreiung von Mädchen vom Sport- oder Biologieunterricht, ohne dass sich die Richter über möglicherweise desintegrierende Folgen solcher Urteile bewusst sind. Den Arbeitsämtern fehlen die Kriterien, Berufsabschlüsse, die im Ausland gemacht wurden, richtig einzuschätzen. Auch die Arbeitsmärkte, die sich bereits innerhalb der ethnischen Communities in Deutschland entwickelt haben, sind hier weitgehend unbekannt.

Perspektiven

Die Planungsebene der Verwaltung mit unterschiedlichen Zuständigkeiten und Aufgaben in Bund, Ländern und Kommunen spielt bei der Herstellung von günstigen Rahmenbedingungen für die Integration ebenfalls eine entscheidende Rolle. Zur Planungsebene gehört als Erstes, dass relevante Daten beschafft werden als Basis für eine solide Fachpolitik, Fachplanung und Konzeptentwicklung. Die Verwaltung kann auch eine entscheidende Rolle bei der Einbindung von Migrantenorganisationen spielen. Durch eine intelligente Förderpolitik kann sie dazu beitragen, dass die Potenziale dieser Organisationen für den Integrationsprozess genutzt werden.

Die interkulturelle Öffnung der Verwaltung setzt genau an dieser Stelle an, weil sie ein Konzept ist, mit dem öffentliche Institutionen diesen Herausforderungen einer Einwanderungsgesellschaft begegnen können. Sie kann Strategien zur Verfügung stellen, mit denen die Verwaltung integrationsorientiert handeln kann. Es geht darum, dass Schule, Soziale Dienste oder Polizei ihre alten und bewährten Aufgaben unter neuen Bedingungen erfüllen.



 
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