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Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien


16.5.2007
Die Bildungssituation von Migrantenkindern hat sich zwar verbessert, z.B. weil ein wachsender Teil Gymnasien besucht. Ihre Benachteiligung zeigt sich aber in vielen Indikatoren für den Schulerfolg ebenso wie in den Schülerleistungsvergleichsstudien PISA und IGLU.

Die Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund



Lehrerin und Schüler der Reinhardswald-Grundschule in Berlin-KreuzbergLehrerin und Schüler der Reinhardswald-Grundschule in Berlin-Kreuzberg (© Susanne Tessa Müller)
Schon vor dem Erscheinen der PISA-Studien (Programme for International Student Assessment) hat die interkulturelle Bildungsforschung auf die mangelnde Integrationsfähigkeit des deutschen Bildungswesens hingewiesen. Hervorgehoben wurden die Schieflagen im Bildungssystem zuungunsten der Heranwachsenden mit Migrationshintergrund. Doch seit den PISA-Studien ist endlich auch im öffentlichen Bewusstsein angekommen, dass die Förderung und schulische Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu den wichtigsten bildungspolitischen Herausforderungen zählt. Denn selbst nach über 40 Jahren Zuwanderung ist das Bildungssystem durch die wachsende sprachliche und kulturelle Heterogenität in den Schulen offensichtlich überfordert. Nach wie vor besteht wie in kaum einem anderen Land der OECD ein so starker Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, Bildungsbeteiligung und Kompetenzerwerb wie in Deutschland.
Bei der Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund muss zwischen ihrer formalen Bildung und ihren Kompetenzdefiziten mangels ausreichender Förderung unterschieden werden. Während der erste Aspekt sich überwiegend auf die mangelnde Chancengleichheit bezieht, verweist der zweite auf die Chancengerechtigkeit. Letztere drückt sich in Fördermaßnahmen aus, die ungleiche Startbedingungen idealerweise vor dem Schuleintritt auffangen und schulbegleitend zum Abbau von Sprachdefiziten beitragen. Hierzu zählen beispielsweise systematische und gezielte Hilfestellungen beim Erlernen der Unterrichtssprache und bei der Alphabetisierung in der Familiensprache.

Ausländeranteile im Schuljahr 2002/2003 nach ausgewählten Schularten, Quelle: Datenreport 2004, S. 68.Ausländeranteile im Schuljahr 2002/2003 nach ausgewählten Schularten, Quelle: Datenreport 2004, S. 68. (© Statistisches Bundesamt )
Eine erste integrative Reformmaßnahme im deutschen Schulsystem war die Ausdehnung der allgemeinen Schulpflicht auf ausländische Kinder und Jugendliche Mitte der 1960er-Jahre. Allerdings war und ist damit die Gleichheit der Bildungschancen nicht hergestellt. Zwar zeichnete sich bis Mitte der 90er-Jahre eine allmähliche Verbesserung der Bildungssituation von Migrationskindern und -jugendlichen ab. Nach Angaben Rainer Geißlers, der sich auf Daten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung beruft, stieg beispielsweise die Zahl der ausländischen Jugendlichen, welche die Schule mit einem Realschulabschluss verließen, von 1983 bis 1999 von 20 auf 44 Prozent, jene mit Fachhochschulreife von 2 auf 8 und jene mit Abitur von 4 auf 10 Prozent. Zugleich nahm die Zahl der nichtdeutschen Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss von 30 auf 17 und jener mit Hauptschulabschluss von 45 auf 35 Prozent ab. Da sich die Vergleichsgruppe der deutschen Kinder und Jugendlichen in ähnlicher Weise entwickelte, ist eher von einem allgemeinen Trend auszugehen als von einer tatsächlichen und gezielten Verbesserung der Bildungschancen der Migrantinnen und Migranten.

Deutsche und Ausländische Absolventinnen und Absolventen nach Abschlussarten 2002, Quelle: Datenreport 2004, S. 68.Deutsche und Ausländische Absolventinnen und Absolventen nach Abschlussarten 2002, Quelle: Datenreport 2004, S. 68. (© Statistisches Bundesamt)
Die Schulbesuchsquoten weisen nach wie vor auf eine Ungleichverteilung in den Bildungsgängen der Sekundarstufe hin. Die Bildungsbenachteiligung von ausländischen Kindern und Jugendlichen zeigt sich daran, dass sie an deutschen Haupt- und Förderschulen überrepräsentiert und an Gymnasien unterrepräsentiert sind.
(vgl. Abb. 1)

Kinder und Jugendliche ohne deutschen Pass sind - bei einem Anteil von 9,5 Prozent an der gesamten Schülerpopulation, sofern die Staatsbürgerschaft als Unterscheidungsmerkmal zugrunde gelegt wird - an Gymnasien und Realschulen deutlich unterrepräsentiert: mit jeweils 3,9 bzw. 6,8 Prozent. An Haupt- und Sonderschulen hingegen sind sie mit jeweils 18,2 bzw. 15,8 Prozent überproportional vertreten. Diese Zahlen stagnieren seit Mitte der 90er-Jahre. Allerdings muss mit Blick auf den Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss eher von einem rückläufigen Trend gesprochen werden: Bundesweit verlassen ein Fünftel der Migrationsjugendlichen die Hauptschule ohne Abschluss. Im Gegensatz dazu sind es bei deutschen Jugendlichen nur 8 Prozent.

Länderdifferenzen in der Bildungsbeteiligung



Der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund unterscheidet sich nach Bundesland, Region, Nationalität bzw. Ethnie, Geschlecht und sozialer Herkunft. Beispielsweise besuchen in Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein etwa 60 Prozent aller Jugendlichen, deren beide Eltern zugewandert sind, Hauptschulen. Dagegen sinkt diese Quote in Ländern mit einer entwickelten Gesamtschulstruktur (wie NRW, Hessen, Saarland, Bremen) auf 30 bis 40 Prozent. Hinzu kommen deutliche Un-terschiede zwischen den Bundesländern hinsichtlich des Anteils ausländischer Schülerinnen und Schüler, der von 0,9 Prozent in Thüringen bis zu 19,8 Prozent in Hamburg variiert.

Bei einem Vergleich von Bundesländern und Nationalitäten der Migrationsjugendlichen auf der Basis von Daten des Statistischen Bundesamtes kommen Hunger und Thränhardt zu dem Schluss, dass die Chancen auf einen hohen Bildungserfolg für Jungen italienischer Herkunft im Bundesland Bayern am geringsten sind. Insgesamt erreichen die ausländischen Jugendlichen in Bayern - und dort insbesondere in ländlichen Gebieten - deutlich seltener höhere Bildungsabschlüsse als deutsche dort lebende Gleichaltrige, und dies auch deutlich seltener als nichtdeutsche Jugendliche in anderen Bundesländern. Die Autoren schlussfolgern aufgrund ihrer Datenanalyse, dass die unterschiedliche Bildungspolitik in den Bundesländern den Schulerfolg und damit auch den Integrationserfolg von Migrationsjugendlichen bestimmt.

Insgesamt sind die Bildungsabschlüsse der weiblichen Migrationsjugendlichen im Vergleich zu denen der Jungen deutlich qualifizierter - der geschlechtsspezifische Unterschied, der auch bei "deutschen" Jugendlichen aufzufinden ist, setzt sich hier fort: Sie besuchen häufiger Realschulen und Gymnasien.

Bildung und Integration der Gesellschaft



Das deutsche Bildungssystem wird also den Anforderungen einer Einwanderungsgesellschaft nur unzureichend gerecht. Auch mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Integration wirkt sich das Bildungswesen nachteilig aus: Die Trennung entlang ethnischer Grenzziehungen findet bereits in der Schule statt. Das Verfehlen der strukturellen Integration verschärft die soziale Segregation. Der Migrationsforscher Paul Mecheril weist darauf hin, dass Migrationskinder und -jugendliche durch das Schulsystem nicht nur schlechter gestellt werden. Sie fänden sich auch an untergeordneten Positionen und in marginalen Handlungsräumen einer gesellschaftlichen Ordnung wieder und entwickelten dort spezifische Selbstverständnisse, Identitäten und Habitusformen. In gleicher Weise gälte dies für die Positionierung deutscher Schüler und Schülerinnen - allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Das deutsche Schulsystem verfestige damit soziale Zuschreibungen entlang des binären Denkschemas "wir/andere", "eigen/fremd" bzw. "oben/unten" statt sie aufzubrechen. Zu einer ähnlichen Feststellung gelangt auch Georg Auernheimer - emeritierter Professor für Interkulturelle Pädagogik an der Universität zu Köln: Die Trennung der Schülerinnen und Schüler nach Schulformen mit der Konzentration von Migrantenjugendlichen an Haupt- oder Sonderschulen fördere die Vorstellung von einer natürlichen Ungleichheit nach Begabung und ethnischer Herkunft. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und schreibt, dass so ein "heimlicher Lehrplan" des Rassismus begünstigt werde.



 
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