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Thilo Sarrazin im Dialog


21.12.2010
Wer hat Schuld an der "verschlafenen Integration"? Ist das Kopftuch Zeichen der Unterdrückung oder des Glaubens? Die Dialoggruppe der Neuköllner Otto-Hahn-Schule diskutiert mit dem ehemaligen Vorstandsmitglied der der Deutschen Bundesbank.
Thilo Sarrazin im Gespräch mit den Teilnehmern der Dialoggruppe der Otto-Hahn-Schule in Neukölln.Thilo Sarrazin im Gespräch mit den Teilnehmern der Dialoggruppe der Otto-Hahn-Schule in Neukölln. (© privat)

Mit seinen Thesen über die Integrationsunwilligkeit von Türken und Arabern hat Thilo Sarrazin eine breite öffentliche Debatte angestoßen. Auch eine Gruppe Berliner Oberstufenschüler mit Migrationshintergrund hat sich intensiv mit seinen Ansichten beschäftigt - und weil sie ihn persönlich kennen lernen wollte, kurzerhand zum Gespräch eingeladen. Die Zusage des ehemaligen Berliner Finanzsenators kam postwendend, Anfang Dezember traf er sich mit den Jugendlichen zu einer Diskussionsrunde in der Berliner Filiale der bpb.

Gespannte Erwartung herrscht im Konferenzraum der bpb in der Berliner Friedrichstraße, mehrere Schülerinnen im Alter von 18, 19 Jahren - modisch gekleidet, sorgfältig geschminkt und die Haare unter Kopftüchern verborgen - laufen aufgeregt hin und her, stecken kichernd die Köpfe zusammen. Die Jungs geben sich cooler, einer lehnt an einem Tisch in der Nähe der Tür, die er keinen Moment aus den Augen lässt. Eine junge Frau, ebenfalls mit Kopftuch, sitzt ein wenig abseits, blättert in Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab".

Gleich soll er eintreffen, der Autor des umstrittenen Bestsellers, der schon im Herbst 2009 durch seine provokanten Äußerungen über Zuwanderung und Integration in der Zeitschrift "Lettre International" für Aufsehen gesorgt hat. Auch in der Dialoggruppe, die die bpb in der Oberstufe der Otto-Hahn-Schule in Berlin-Neukölln anbietet, wird damals heftig über Sarrazins Thesen gestritten. Und auf einmal ist sie da, die Idee, ihn einzuladen, um mit ihm gemeinsam darüber zu diskutieren.

Dass er aber postwendend zusagen würde, damit hat wohl keiner der Schüler gerechnet. Umso größer ist die Begeisterung, mit Feuereifer machen sie sich an die Vorbereitungen. Dann, im August, erscheint "Deutschland schafft sich ab", quasi über Nacht wird sein Autor zum umstrittenen Medienstar, kaum eine Talkshow, in der nicht mit oder über Sarrazin und seine Thesen zur Integration geredet wird.

Klar, dass das geplante Gespräch mit ihm plötzlich eine ganz andere Dimension bekommt. Doch bange machen lassen sich die Jugendlichen nicht. Diskutieren, zuhören, mit Argumenten überzeugen - das haben sie gelernt in ihrer Dialoggruppe, die Teil eines von der bpb und der Robert-Bosch-Stiftung initiierten Modellprojekts ist.

Dabei wird an sechs Schulen in Berlin und Stuttgart in einwanderungsgeprägten Stadtteilen Jugendlichen mit ganz unterschiedlichen Einwanderungsbiografien und religiösen Orientierungen politische Bildung vermittelt - teils als Wahlpflichtfach im regulären Unterricht, teils als AG auf freiwilliger Basis am Nachmittag. Und anhand von Übungen zum Austausch von Argumenten und Perspektivenwechsel kommunikative und rhetorische Kompetenzen aufgebaut.

Der Clou dabei: Die Leiter der Dialoggruppen, die so genannten Dialogmoderatoren, haben zumeist selbst einen Migrationshintergrund. Sie kennen die Situation der Jugendlichen also aus eigener Erfahrung und genießen dadurch einen enormen Vertrauensbonus. Und noch etwas ist anders als im normalen Politikunterricht: Die Schülerinnen und Schüler dürfen selbst bestimmen, über welche Themen geredet wird. Klar vorgegeben sind nur die Regeln des Gesprächs selbst: Alle müssen einander ausreden lassen, auch wenn es noch so schwer fällt.

Ob das aber auch bei einem derart polarisierenden Gesprächspartner wie Sarrazin gelingt? Der ist nun endlich eingetroffen, im langen, dunklen Mantel, ein Exemplar von "Deutschland schafft sich ab" unterm Arm und mit drei Personenschützern im Schlepptau, betritt er den Konferenzraum. Neugierig umringen ihn die Schülerinnen und Schüler, etwas steif streckt er jedem einzelnen die Hand entgegen.

Als alle in einem Stuhlkreis Platz genommen und sich vorgestellt haben, geht es los. Ein Schüler will von Sarrazin wissen, warum er das Buch geschrieben habe und ob er mit dessen Wirkung zufrieden sei. Sarrazin holt weit aus, erzählt, dass er schon zu seiner Zeit als Berliner Finanzsenator vom Verlag gefragt worden sei, ob er ein Buch über den deutschen Sozialstaat schreiben wolle. Damals habe er das unter anderem aus Zeitgründen abgelehnt.



 

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