Islamische Bademode

"Mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen"

Interview mit den Projektleitern

21.12.2010
Ein niedrigschwelliges Angebot, bei dem die Schüler als gleichberechtigte Partner ernst genommen werden: Christoph Müller-Hofstede und Tatiana Lima Curvello berichten, wie Dialoggruppen zur politischen Bildung ihrer Teilnehmer beitragen.

Thilo Sarrazin im Gespräch mit den Teilnehmern der Dialoggruppe der Otto-Hahn-Schule in Neukölln.Thilo Sarrazin im Gespräch mit den Teilnehmern der Dialoggruppe der Otto-Hahn-Schule in Neukölln. (© privat)

Herr Müller-Hofstede, Frau Lima Curvello: mit dem Modellprojekt "Jugendkultur, Religion und Demokratie", das die bpb seit September 2009 gemeinsam mit der Robert-Bosch-Stiftung an derzeit sechs Schulen in Stuttgart und Berlin durchführt, sollen neue Formate für politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft erarbeitet werden, insbesondere sollen auch bildungsbenachteiligte Schüler angesprochen werden. Wäre das nicht eigentlich Aufgabe des regulären Politikunterrichts?

Müller-Hofstede: Ja, doch hat sich in den vergangenen Jahren mehr als deutlich gezeigt, dass diese Gruppe mit klassischen Bildungsangeboten nicht zu erreichen ist. Auch in der bpb selbst gab es bis vor kurzem kaum Wissen darüber, wie man an diese Jugendlichen herankommt, deren Potentiale und Fähigkeiten oft erst durch intensivere Ansprache und Begleitung zur Geltung kommen. Deswegen haben wir dieses Modell, das sich ausdrücklich als ein "lernendes Modell" versteht, entwickelt. Ziel ist es, durch niedrigschwellige Angebote Zugang zu den Lebenswelten der Jugendlichen zu finden, sie ernst zu nehmen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und ihnen dabei auch grundlegende Sozial- und Kommunikationskompetenzen zu vermitteln.

Lässt sich das denn bereits als politische Bildung bezeichnen?

Müller-Hofstede: Auf jeden Fall. Zuhören können, den anderen ausreden lassen: Das sind ja alles demokratische Urtugenden, die gesetzt werden müssen, bevor ein Diskurs überhaupt stattfinden kann. Dieser dialogische Ansatz ist der Kern des ganzen Projekts: Die Schüler werden als gleichberechtigte Gesprächspartner ernst genommen und sollen gleichzeitig lernen, sich an Dialogregeln zu halten, und sie bestenfalls verinnerlichen. Hinzu kommen Übungen, die es ermöglichen, Sachverhalte aus anderen Perspektiven zu betrachten. Auf dieser Grundlage können dann politische Themen im weitesten Sinne diskutiert werden. Allerdings haben wir inzwischen festgestellt, dass Dialog alleine nicht ausreicht.

Sondern?

Lima Curvello: Ganz wichtig ist, dass die Schüler auch ein Stück weit Selbstwirksamkeit erleben, also erfahren, dass sie durch eigenes Tun etwas erreichen können. Eine Dialoggruppe von Siebtklässlern an einer Stuttgarter Hauptschule hat sich zum Beispiel den Film "Drachenläufer", der von einer Kindheit in Afghanistan handelt, angeschaut und dann selbst Drachen gebastelt. Das hat zwei Schüler so motiviert, dass sie den gleichnamigen Roman, der die Vorlage für den Film ist, im Deutschunterricht vorgestellt haben. Und dafür haben die beiden, die sonst in Deutsch immer die Note Fünf bekommen haben, eine Zwei erhalten. Solche Erlebnisse sind auch für uns echte Highlights und zeigen uns, dass sich der Aufwand lohnt.

Müller-Hofstede: Ein weiteres Beispiel ist die Initiative der Schüler aus der Otto-Hahn-Gesamtschule in Berlin-Neukölln, Thilo Sarrazin zu einem Gespräch einzuladen.

Mit der Resonanz bei den Schülerinnen und Schülern sind Sie insgesamt also zufrieden?

Müller-Hofstede: Ja, sehr. Wir bieten diese Dialoggruppen ja sowohl als Wahlpflichtfach im regulären Unterricht als auch als AGs auf freiwilliger Basis, die nachmittags nach dem Unterricht stattfinden, an. Und selbst bei Letzteren sind die Teilnehmerzahlen durchweg konstant. Die Dialoggruppe, die wir in der gymnasialen Oberstufe an der Otto-Hahn-Schule in Berlin-Neukölln als freiwillige AG anbieten, wollte sich sogar in den Ferien treffen.

Gibt es denn bestimmte Themen, die bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund besonders hoch im Kurs stehen?

Lima Curvello: Das ist ganz unterschiedlich. Die Teilnehmer der Neuköllner Dialoggruppe, von der ich gerade erzählt habe, wollten anfangs nur über Religion und persönliche Themen reden. Politik interessiert uns nicht, haben sie gesagt. Es ging dann auch um Themen, die einen ganz starken Bezug zu ihrer Lebensrealität haben. So haben sie zum Beispiel über die Frage diskutiert, ob die Eltern bestimmen sollten, wen ihr Kind heiratet. Eine Frage, die natürlich auch eine eminent politische Dimension hat, an die sich anknüpfen lässt.

Sicherlich keine leichte Aufgabe, solche Diskussionen in die richtige Richtung zu lenken, oder?

Lima Curvello: Stimmt. Der Erfolg dieser Dialoggruppen steht und fällt mit ihren Leitern, den so genannten Dialogmoderatoren.

Was sind das für Leute?

Müller-Hofstede:Das sind alles Akademiker mit pädagogischen Erfahrungen. Und sie sind vergleichsweise jung, so zwischen Mitte 20 und Mitte 30. Außerdem haben fast alle selbst einen Migrationshintergrund. In Berlin-Neukölln, wo die Schülerschaft der beteiligten Schulen größtenteils eine muslimische Sozialisation hat, haben wir zudem darauf geachtet, dass unter den Dialogmoderatoren auch Muslime sind.

Warum?

Müller-Hofstede: Weil uns wichtig war, dass sich die Schüler mit ihrem Dialogmoderator identifizieren können und er ihnen im besten Fall auch Vorbild sein kann. Und das gelingt besser, wenn der Altersunterschied nicht allzu groß ist und der Dialogmoderator die Situation migrantischer Jugendlicher aus eigenem Erleben kennt.

Und wie werden diese Dialogmoderatoren auf ihre Aufgabe vorbereitet?

Lima Curvello: Gleich zu Beginn des Projekts haben wir sie intensiv durch ein auf Dialogprozessbegleitung spezialisiertes Institut schulen lassen. Ferner haben wir intensiv mit Experten über Grundprinzipien, Geschichte und Ziele politischer Bildung diskutiert. Hinzu kommen regelmäßige Auswertungssitzungen und überregionale Treffen, in denen sich die Dialogmoderatoren untereinander und mit uns austauschen können. Denn aus ihren Erfahrungen wollen natürlich auch wir lernen, um die nächste Generation von Dialogmoderatoren noch besser auf ihre Aufgabe vorbereiten zu können.

Sie planen also fest eine Fortsetzung des Projekts?

Müller-Hofstede: Ja, da die erste Zwischenevaluation vom März 2010 zu einer durchweg positiven Bilanz kam, soll das Modellprojekt zunächst ausgeweitet und in einem weiteren Schritt in den nächsten Jahren dann in die schulischen Regelstrukturen überführt werden. Geplant ist, Dialoggruppen an Schulen in ganz Deutschland anzubieten, und zwar überall da, wo ein großer Teil der Schülerschaft einen Migrationshintergrund hat. 2011 beginnt also die nächste Phase des Projekts: Dann wollen wir es sehr viel stärker an die Öffentlichkeit bringen und Schulen in weiteren Städten vorstellen.

Christoph Müller-Hofstede ist wissenschaftlicher Referent bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und für das Modellprojekt "Jugendkultur, Religion und Demokratie. Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft" verantwortlich. Tatiana Lima Curvello, Geschäftsführerin des Verbands binationaler Partnerschaften und Familien, ist im Auftrag der bpb für die wissenschaftliche Begleitung des Projekts zuständig.

Das Interview führt Nicole Alexander



 

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