Islamische Bademode

"Eine Art Hobby"

Interview mit Wala, Teilnehmerin der Dialoggruppe

21.12.2010
Am Anfang war es Neugier, weswegen Wala die Dialoggruppe an ihrer Schule besuchte. Nicht erst seit dem Gespräch mit Thilo Sarrazin ist die Gruppe dann zu ihrem Hobby geworden, mittlerweile kann sie sich sogar vorstellen, als Moderatorin selbst eine Gruppe zu leiten.

Thilo Sarrazin im Gespräch mit Teilnehmerinnen der Dialoggruppe der Otto-Hahn-Schule in Neukölln.Thilo Sarrazin im Gespräch mit Teilnehmerinnen der Dialoggruppe der Otto-Hahn-Schule in Neukölln. (© privat)

Wala, Sie sind eine von 16 Schülerinnen und Schülern, die an der Dialoggruppe teilnehmen, die die bpb seit September 2009 an der Oberstufe der Otto-Hahn-Schule anbietet. Was haben Sie sich anfangs davon erwartet?

Ach, ich bin einfach mal hingegangen, weil ich schauen wollte, was dort so gemacht wird. Ich fand es dann ziemlich interessant, weil wir in der AG nicht nur über politische, sondern auch über persönliche Themen sprechen. Und natürlich fand ich die Veranstaltung mit Sarrazin spannend, die Möglichkeit, mit jemandem zu reden, der die ganze Zeit über einen redet - über Migranten und Migrantenkinder und über uns "Kopftuchmädchen".

Hatten Sie denn schon vorher von Sarrazin und seinen Thesen zur Integration gehört?

Nein, bis dahin wusste ich gar nichts über ihn, da gab es ja auch diesen ganzen Medien-Hype um ihn noch nicht. Wir haben uns dann in der AG intensiv mit ihm beschäftigt, haben das Interview mit ihm in "Lettre International" gelesen und sein Buch "Deutschland schafft sich ab".

Und wie hat Ihnen die Veranstaltung mit ihm gefallen?

Ich fand es gut, dass er überhaupt gekommen ist. Ich hätte nicht gedacht, dass er kommen würde, wenn wir ihn einladen. Die Art aber, wie er mit uns geredet hat, fand ich ziemlich herabsetzend.

Warum?

Weil er uns das Gefühl vermittelt hat, dass aus uns muslimischen Jugendlichen sowieso nichts wird. Man merkt, dass er viel gelesen hat, dass er gebildet ist und gerne seine Gedanken präsentiert. Aber er redet viel, ohne mit sich reden zu lassen. Er hat auch nicht so richtig zugehört, was wir ihm zu sagen hatten. Das fand ich schade. Auf der anderen Seite war es natürlich interessant, ihn persönlich zu erleben. Denn ein Buch von jemandem zu lesen, ist ja was ganz Anderes, als wenn man ihn wirklich trifft.

Abgesehen von der Veranstaltung mit Sarrazin: Was hat Ihnen die Dialoggruppe bisher persönlich gebracht?

Ich würde sagen, sie ist so eine Art Hobby geworden. Es soll ja nicht bei dieser einen Dialoggruppe bleiben, sondern aus ihr sollen weitere Dialoggruppen entstehen. Wir, also die Schüler, wollen später gerne das weiterführen, was unsere Leiter, die Dialogmoderatoren, jetzt machen. Also selbst Dialoggruppen leiten und den Jugendlichen helfen, ihren Weg zu finden. Dass sie mit der Schule weitermachen, dass sie nicht aufgeben. Und ihnen zeigen, dass jemand da ist, der ihnen helfen kann, bei allen möglichen Problemen. So ein bisschen tun wir das ja jetzt schon.

Inwiefern?

Wir haben ja an unserer Schule das Problem, dass manche Lehrer vor allem in der Mittelstufe keinen Unterricht machen können, weil die Schüler überhaupt keine Disziplin haben und sich von den Lehrern nichts sagen lassen. Wir hatten dann in der Dialoggruppe die Idee, dass Gruppen von uns älteren Schülern mit in den Unterricht in der Mittelstufe gehen, als Nebenlehrer sozusagen, und dafür sorgen, dass die Schüler ruhig sind und die Lehrer unterrichten können.

Und das funktioniert?

Ja, und es macht auch richtig Spaß. Es heißt ja immer, dass muslimische Schüler einer Lehrerin nicht zuhören, weil sie eine Frau ist. Aber uns hören sie zu, und wir sind ja auch Frauen. Ich glaube, vielen Lehrern fehlt es einfach an Verständnis für diese Jugendlichen, die wissen nicht, wie sie mit ihnen umgehen sollen. Ich habe schon überlegt, ob ich später selbst Lehrerin werde. Das ist ja in Deutschland leider schwierig, wenn man Kopftuch trägt wie ich. Aber wer weiß, vielleicht versuche ich mal durchzusetzen, dass das geändert wird.

Wala ist 19 Jahre alt und besucht die 13. Klasse der Otto-Hahn-Schule. Ihre Eltern sind Palästinenser und über Jordanien nach Deutschland gekommen. Ihr Vater lebt inzwischen wieder in Jordanien, ihre Mutter und ihre fünf Geschwister in Berlin.

Das Interview führt Nicole Alexander



 

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