Islamische Bademode

"Den Kids ein Stück weit Vorbild sein"

Porträt von Chalid Durmosch, Dialogmoderator


21.12.2010
Als Jugendlicher wünschte sich Chalid Durmosch eine Person, die ihm Halt geben könne. Nun ist er selbst diese Person: Als Moderator einer Dialoggruppe gibt er Jugendlichen Orientierung und genießt deren Vertrauen.
Thilo Sarrazin und die Teilnehmer der Dialoggruppe der Otto-Hahn-Schule in Neukölln.Thilo Sarrazin und die Teilnehmer der Dialoggruppe der Otto-Hahn-Schule in Neukölln. (© privat)

Es hätte auch schief gehen können, sagt Chalid. Und meint damit sein eigenes Leben. Der Vater Syrer, die Mutter Deutsche, die beiden lernen sich in Berlin während des Studiums kennen. Und gehen später - Chalid ist da noch ganz klein - nach Syrien. Sechs Jahre später kehrt die Mutter mit vier Kindern, aber ohne Ehemann fluchtartig nach Berlin zurück. "Mein Vater hat in Syrien eine sehr patriarchalische Rolle innerhalb der Familie übernommen", erzählt Chalid. "Das hat meine Mutter irgendwann nicht mehr ausgehalten."

Die Zeit in Syrien hat den 34-Jährigen geprägt. Hat ihm geholfen, "ein Stück weit Empathie für beide Kulturen entwickeln zu können, die deutsche und die arabische". Andererseits, so erzählt der studierte Wirtschaftsingenieur, habe er als Jugendlicher oft nicht gewusst, wo es langgeht. "Damals habe ich mir oft jemanden gewünscht, der mir Orientierung hätte geben können", sagt er. Doch so jemand war nicht da und Chalid bald in Gefahr, auf die schiefe Bahn zu geraten.

Dass es dann doch nicht so weit gekommen ist, verdanke er der Religion, sagt Chalid, der sich als aufgeklärten Moslem bezeichnet. Sie habe ihm geholfen, "die Kurve zu kriegen". Seither engagiert er sich im islamischen Verein "Lichtjugend", der sich für interreligiöse Verständigung einsetzt und unter anderem in einem von der Berliner Polizei initiierten Netzwerk gegen Gewalt an Schulen mitarbeitet.

Über dieses Netzwerk kam dann 2008 auch der Kontakt mit der Bundeszentrale für politische Bildung zustande, die damals im Rahmen ihres Modellprojekts "Jugend, Religion, Demokratie. Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft" Dialogmoderaten für die Otto-Hahn-Schule im Berliner Problembezirk Neukölln suchte.

"Ein Job wie geschaffen für mich", findet Chalid. Denn nun könne er selbst das geben, was er als Jugendlicher vermisst habe - Orientierung. Ihn habe von Anfang an die Idee begeistert, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und mit ihnen eine dialogische Haltung zu entwickeln - und das an einer Schule, wo es viele Probleme gibt und die Lehrer oft nicht mehr weiterwissen.

Da die Jugendlichen in der AG selbst bestimmen dürfen, worüber sie reden wollen, stehen politische Themen hoch im Kurs. Oft gehe es darum, eine Orientierung zu finden zwischen dem modernen Großstadtleben und den traditionellen Wertevorstellungen der Eltern, erzählt Chalid. Ob sich die Eltern wirklich so stark in die Partnerwahl einmischen dürfen, wie sie es oft tun, ob man auch mit einem Christen zusammen sein darf und was der Islam dazu sagt. "Wir erklären ihnen dann, dass keiner das Recht hat, ihnen in Beziehungsfragen reinzureden, und dass es auch religiös keine Begründung dafür gibt, den Partner nur innerhalb der eigenen Kultur zu suchen, im Gegenteil."

Die Gefahr, dass das in manchen Fällen zu unlösbaren Konflikten im Elternhaus führt, sieht Chalid nicht. "Wir bemühen uns sehr, das Gespräch unter den Jugendlichen selbst ablaufen zu lassen und uns nicht zu sehr einzumischen. Aber natürlich bekommen sie mit, dass wir in manchen Dingen einen anderen Standpunkt haben. Das führt dann zu Irritationen dahingehend, dass sie ihre Meinung zu diesem Thema überdenken, reflektierter damit umgehen und erkennen, dass man das Ganze ja auch anders betrachten kann." Zugute kommt Chalid dabei der Vertrauensbonus, den er bei den Jugendlichen genießt: als Moslem mit Migrationshintergrund und als einer, der es in der deutschen Gesellschaft zu etwas gebracht hat.

Auch Fragen der eigenen Identität werden in der AG oft thematisiert. Bin ich deutsch oder nicht? Fühle ich mich von der deutschen Gesellschaft angenommen? Hier kam dann auch Thilo Sarrazin ins Spiel und die von ihm angestoßene Integrationsdebatte. Sichtlich stolz berichtet Chalid, wie sich "seine" Gruppe intensiv mit dem Interview auseinandergesetzt habe, dass Sarrazin im September 2009 der Zeitschrift "Lettre International" gegeben hat und in dem er große Teile der arabischen und türkischen Einwanderer in Berlin als weder integrationswillig noch integrationsfähig bezeichnete. Wie unter den Schülern die Idee aufgekommen sei, ihn einzuladen. Wie intensiv sie am Einladungstext gefeilt hätten. "Und als dann nahezu postwendend die Zusage Sarrazins kam, da waren alle Feuer und Flamme", erzählt er strahlend.

Dass der ehemalige Berliner Finanzsenator dann auch wirklich gekommen ist, rechnet Chalid ihm hoch an. Das sei wichtig und wertschätzend gewesen. Denn dadurch hätten die Jugendlichen ein großes Stück Selbstwirksamkeit erfahren: Dass sie viel erreichen können, wenn sie nur selbst aktiv werden, und dass sie ernst genommen werden, wenn sie sich ernsthaft verhalten.

"Es mag so einfach sein, wie es sich anhört, und dann doch so kompliziert: Den migrantischen Jugendlichen fehlt es an ihnen gegenüber bezeugter Wertschätzung", fasst Chalid seine Erfahrungen nach anderthalb Jahren als Dialogmoderator zusammen. "Wenn man über die Themen spricht, die sie wirklich interessieren, wenn sie merken, dass sie ernst genommen werden, wenn sie die Möglichkeit und das Forum haben, auch mal über sich zu reden - dann kann man ganz großartig mit ihnen arbeiten."

Chalid Durmosch ist einer von zwei Dialogmoderatoren der Dialoggruppe, die die bpb in der Oberstufe der Otto-Hahn-Schule in Berlin-Neukölln anbietet. Der studierte Wirtschaftsingenieur ist 34 Jahre alt und arbeitet hauptamtlich als Referent bei der Berliner Jerusalemkirche, einem Forum für interreligiöse Bildung.



 

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