"Bei uns ist Dialog alles"
Bericht von Cemal, Teilnehmer der Dialoggruppe
21.12.2010
Jeder Mensch kann seine eigene Meinung haben - auch Thilo Sarrazin. Man könne ihm aber eine andere Perspektive aufzeigen, meint Cemal, Schüler an der Otto-Hahn-Schule. Ob diese Perspektive bei Sarrazin auch angekommen ist, da ist sich Cemal aber unsicher.
Thilo Sarrazin beim gemeinsamen Essen mit Teilnehmern der Dialoggruppe der Otto-Hahn-Schule in Neukölln. (© privat)Am Anfang fand ich die AG ehrlich gesagt ein bisschen langweilig. Doch die Sache Sarrazin, das war der Gipfel. Dass wir ihn zu uns eingeladen haben und er die Einladung auch gleich angenommen hat. Wir hatten ja zunächst das Interview mit ihm in der Zeitschrift "Lettre International" gelesen, später auch sein Buch "Deutschland schafft sich ab".
Natürlich hat uns nicht gefallen, was er darin über muslimische Einwanderer schreibt. Aber als wir uns mit ihm richtig befasst und versucht hatten, die Dinge aus seiner Sicht zu sehen, haben wir ihn besser verstanden und auch erkannt, dass jeder Mensch seine eigene Meinung haben kann, egal ob sie uns gefällt oder nicht.
Das habe ich auch meinen Eltern erklärt. Als ich denen nämlich erzählt habe, dass wir Sarrazin eingeladen haben, haben sie gefragt: Was, der? Warum kommt der denn zu Euch? Sie haben ihn gleich so ein bisschen in die rechte Ecke gedrängt. Da habe ich ihnen gesagt, dass der Sarrazin in seiner eigenen Welt lebt, in seinen Statistiken und Zahlen, und dass er das soziale Umfeld von Muslimen gar nicht kennt. Das haben meine Eltern dann auch eingesehen und gemeint, mit ihm zu reden könne ja nicht schaden.
Von der Veranstaltung mit Sarrazin hatte ich mir erhofft, dass er so ein bisschen aus seiner Zahlenwelt herausspringt und die muslimischen Migranten, wie er uns nennt, aus einer anderen Perspektive kennen lernt. Ich finde, wir haben das auch gut gemacht. Die Fragen, die wir uns in den Wochen zuvor erarbeitet haben, die haben wir ihm gestellt, und er hat sie beantwortet.
Uns war es wichtig, ihm unsere Meinung, unsere Perspektive aufzuzeigen, damit er in Zukunft nicht nur auf Zahlen und Statistiken zurückgreift. Ich weiß allerdings nicht, ob das bei ihm wirklich angekommen ist. Er ist jetzt 65, 66 Jahre alt und wird sich im Kopf vermutlich nicht mehr groß ändern. Aber vielleicht haben wir ja einen Anreiz gesetzt, dass er ein klein bisschen umdenkt. Zum Beispiel was den Dialog betrifft. In seinem Buch schreibt er ja, dass Dialog nicht alles sei. Und ich habe ihm gesagt, dass es bei uns in der AG aber funktioniert, dass bei uns der Dialog sozusagen alles ist.
Klar, das hat in der AG auch nicht gleich funktioniert. Am Anfang haben immer alle durcheinander geredet, bis wir irgendwann gemerkt haben: Das geht so nicht, weil dann keiner keinen versteht. Wir müssen den Anderen erst mal ausreden lassen und dürfen auch nicht sofort ein Gegenargument bringen, sondern müssen erst mal versuchen, uns in seine Sichtweise hineinzuversetzen. Nach gut eineinhalb Jahren klappt das auch ganz gut.
Als nächstes haben wir daher vor, auch die anderen Schüler und die Lehrer miteinander ins Gespräch zu bringen. Leider gibt es an unserer Schule nämlich viele Probleme zwischen Lehrern und Schülern. Um das zu ändern, wollen wir, also die Teilnehmer der Dialoggruppe, Anfang Januar einen Projekttag gestalten, "Schüler machen Schule". Den Lehrern haben wir unser Projekt schon vorgestellt. Und ihnen auch erzählt, dass wir gerade eine Diskussionsveranstaltung mit Thilo Sarrazin hatten. Da haben die ganz schön große Augen gemacht, das zu sehen war schon schön.
Mit Sarrazin habe ich mich nach der Veranstaltung übrigens noch ein bisschen unterhalten. Ich habe ihm erzählt, dass ich überlege, Politikwissenschaften zu studieren. Doch davon hat er mir abgeraten. Politikwissenschaftler gibt es zu viele in Deutschland, hat er gesagt, studier das nicht. Werde lieber Ingenieur. Das hat er mir dann auch in mein Exemplar von "Deutschland schafft sich ab" geschrieben: Bitte was Richtiges studieren! Und darunter seine Unterschrift.
Cemal, 20, geht in die 13. Klasse der Otto-Hahn-Schule. Seine Eltern kommen aus der Türkei, er selbst und seine beiden jüngeren Schwestern sind in Berlin geboren und aufgewachsen.
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