Das Auge Fatimas
Lamya Kaddor über Aberglauben in der Erziehung
8.10.2010
Frau Kaddor, unter Aberglauben versteht man Abweichungen von der orthodoxen Lehre einer Religion – etwa wenn sich traditionelle mit religiösen Vorstellungen zu einer Art Volksglaube verbinden. Gibt es solche Formen von Religiosität auch bei muslimischen Jugendlichen?
Ja, Aberglauben ist unter muslimischen Jugendlichen tatsächlich ziemlich verbreitet. Am häufigsten äußert sich dies im Glauben an Dschinn – das sind Geistwesen zwischen Menschen und Engeln. Die kommen zwar auch im Koran vor, viele glauben aber, dass Dschinn Menschen beeinflussen oder sogar Besitz von ihnen ergreifen. Sie können in verschiedener Gestalt vorkommen, zum Beispiel als Tiere – und mal sind sie friedlich, mal bedrohlich. Viele Menschen fürchten auch, dass die Dschinn von anderen eingesetzt werden können, um ihnen Schaden zuzufügen. Dagegen müsse man sich dann schützen. Weit verbreitet ist daher das Tragen von Schutzamuletten oder Koranversen auf Papier. So sollen die Hand und das "Auge Fatimas", das sich viele Muslime beispielsweise ans Auto kleben, vor dem "Bösen Blick" schützen. Aber auch Kaffeesatzlesen oder ganz alltägliche Sachen wie dreimal auf Holz zu klopfen, kennen die Schüler.
Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie",
Ausgabe Nr. 19/Februar 2011. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.
Was sind denn die Ursachen der Verbreitung
solch religiös-abergläubischer Vorstellungen?
Abergläubische Vorstellungen und Praktiken
lassen sich oft auf lokale Traditionen
zurückführen – auch Feiern und
Feste gehören dazu. Sie sind häufig
an religiöse Quellen angelehnt, nehmen
aber im Volksglauben spezifische
Formen an. So feiern sehr viele Muslime
überall in der Welt den "mawlid alnabbi",
den Geburtstag des Propheten.
Das sind teils große Volksfeste, obwohl
die Gelehrten des klassischen Islam
so etwas strikt ablehnen. Aber diese
Bräuche und Mythen werden von einer
Generation an die nächste weitergegeben.
Und dabei erfüllen sie auch einen
Zweck: Gerade in der Migration können
sie zum Beispiel einen Bezug zur Herkunft
der Familien darstellen. Sie sind für
die Menschen etwas Vertrautes, an dem
sie gerne festhalten. Bräuche, Überlieferungen
und Mythen stiften Sinn und
das Gefühl von Zusammengehörigkeit –
außerdem haben sie für viele auch eine
spirituelle Funktion. Dabei scheint mir,
dass Menschen aus bildungsferneren Familien
etwas mehr an diesen Traditionen
hängen. Vielleicht liegt es daran, dass sie
diese weniger hinterfragen. Aber auch
gebildetere Jugendliche tragen das blaue
Auge zum Schutz vor dem Bösen Blick.
Demnach wären einige dieser religiöstraditionalistischen
Vorstellungen und
Glaubensformen sinnstiftend, andere
dagegen zumindest harmlos. Wann wird
denn das Ganze zum Problem?
Aus theologischer Sicht ist Aberglauben
dann problematisch, wenn er fundamentalen
Glaubenslehren des Islam widerspricht
oder für falsche Zwecke verwendet wird.
Auch der Koran spricht ja von Dschinn,
verbietet den Gläubigen allerdings einen
aktiven Umgang mit ihnen. Dennoch gibt
es so etwas wie Dschinnbeschwörungen,
die abgehalten werden. Da geht man zu
einem Hodscha oder zu einem Geistheiler,
der diese Wesen dienstbar machen soll,
zum Beispiel um eine Krankheit zu heilen.
Und das kann durchaus extreme Formen
annehmen, etwa bei psychischen Erkrankungen
oder wenn erklärt wird, dass eine
junge Frau besessen sein müsse, weil sie
nicht heiraten will und ihr dieser Teufel
oder Dschinn nun ausgetrieben werden
soll. Auch zur Erziehung werden solche
Erzählungen als Drohkulisse eingesetzt –
nach dem Motto: "Wenn Du sowas tust,
kommst Du in die Hölle". Das ist eine Art
von Schwarzer Pädagogik, in der Einschüchterung
als erzieherisches Mittel zur
Kontrolle und Disziplinierung von Kindern
und Jugendlichen eingesetzt wird.
Und das wirkt?
Na klar, das ist in bestimmten katholischen
Milieus oder in Grimms Märchen doch
nicht anders. Auch hier werden Kinder
ja mit dem Hinweis erzogen, ihr Handeln
könnte schlimme Folgen haben. Und weil
abergläubische und auch sehr bildhafte
religiöse Vorstellungen wie die vom leibhaftigen
Teufel so geläufig sind, werden
mitunter die abstrusesten Geschichten
geglaubt. Wie etwa die Geschichte des
muslimischen Mädchens, das in eine Ratte
verwandelt worden sei, weil sie den Koran
beleidigt habe (siehe Kasten). Ich beobachte
auch, dass sich Schüler gegenseitig
unter Druck setzen, indem sie sich zu
Mutproben herausfordern – zum Beispiel
Internetseiten anzusehen, auf denen angeblich
Dschinn zu hören sind. Oder wenn
Mädchen gedroht wird, dass ein böser
Geist über sie kommen werde, wenn sie
sich "schlecht" verhalten oder anziehen.
Wenn Pädagogen mitbekommen, dass
einzelnen Kindern und Jugendlichen gedroht
wird oder sie mit solchen Schauermärchen
unter Druck gesetzt werden, was
können sie tun? Und wie können sie den
Eindruck vermeiden, den Kindern ihren
Glauben ausreden oder den Islam kritisieren
zu wollen?
Zunächst sollte man nicht gleich in Panik
verfallen – die meisten dieser Glaubensformen
sind ja harmlos. Denken
Sie an das Kaffeesatzlesen oder an das
Auge Fatimas. Und für viele Menschen
sind sie auf die eine oder andere Weise
auch wichtig und hilfreich in ihrem
Leben. Außerdem gehören Mutproben
oder Schauergeschichten zum Erwachsenwerden,
ebenso dass man sich über
Äußerlichkeiten von anderen abgrenzt.
Hier können Pädagogen einfach mal das
Gespräch mit den Jugendlichen suchen.
Und weil viele dieser Erzählungen und
Geschichten ja dazu dienen, dass bestimmte
Normen eingehalten werden, ließe
sich dabei sehr gut über das Verhältnis
von Normen und Toleranz sprechen. Intervenieren
müssen Pädagogen aber, wenn
sie feststellen, dass ein Schüler massiv
unter Druck steht und darunter leidet. Im
Extremfall wird man sogar abwägen müssen,
ob man sich zum Schutz einzelner
zunächst an die Eltern oder an öffentliche
Stellen wie das Jugendamt wendet. Dabei
kann es sinnvoll sein, sich im Umfeld
der Schule oder des Stadtteils muslimische
"Verbündete" zu suchen, die sich
gegen solche Praktiken aussprechen.
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