Islamische Bademode
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Nicht den Spaß am Leben verbieten

Ein Gespräch mit Mouhanad Khorchide über ein zeitgemäßes Verständnis des Islam


27.7.2010
Was bedeutet ein aufgeklärtes und humanistisches Islamverständnis? Was sind die Maximen der islamischen Botschaft und wie können muslimische Jugendliche verantwortungsvoll ihre Religion leben? Ein Gespräch mit Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik in Münster.

Seit April 2010 ist Mouhanad Khorchide Professor für Islamische Religionspädagogik in Münster. Seine Berufung hat viel Aufsehen erregt – nicht zuletzt, weil viele hoffen, dass zukünftig unter seiner Leitung in Deutschland moderne Islampädagogen ausgebildet werden.
Mouhanad KhorchideMouhanad Khorchide (© privat)

Herr Khorchide, Sie sagen, es gehe Ihnen in der Religionspädagogik nicht um die Vermittlung von Gesetzen und Dogmen, sondern um eine zeitgemäße Deutung des Islam. Ist denn das Islamverständnis vieler Muslime – insbesondere junger Muslime – von Gesetzen, Dogmen und Traditionalismen geprägt?

Der Islam wird von der Mehrheit der Muslime als Gesetzesreligion angesehen. Das "Muslimsein" wird dabei definiert als Befolgung von Geboten und Einhaltung von Verboten. Dieses Verständnis des Islam geht darauf zurück, dass die traditionelle islamische Lehre bemüht war, ein juristisches Schema zu entwerfen, das möglichst alle Lebensbereiche erfassen und regeln soll. Sie unterteilte die religiösen Normen in Kategorien: verpflichtendes, empfohlenes, verbotenes, verpöntes und erlaubtes Handeln. Diese Einteilung richtet sich primär nach den Bewertungen menschlichen Handelns im Koran und der Sunna und leitet daraus rechtliche Konsequenzen sowie Vorhersagen für das Leben im Jenseits ab. Diese Sicht reduziert den Islam auf normative Aspekte. Und das geht auf Kosten spiritueller und ethischer Inhalte – obwohl diese im Koran einen zentralen Stellenwert einnehmen.

Jugendliche fragen: Darf ich mich schminken?



Wo wird dies in der Lebenswelt von Jugendlichen deutlich?

Ich habe oft erlebt, dass junge Muslime in die Moschee kamen, um ihre Religion kennenzulernen und der Imam nicht über Gottesliebe und Barmherzigkeit sprach, sondern das Gottesbild eines strengen Richters zeichnete, der nur darauf wartet, jeden zu verurteilen, der seinem Befehl widerspricht. Junge Menschen lernen also nicht, ihre eigene Religiosität zu entwickeln und diese selbst zu verantworten. Ihnen wird so vermittelt, dass der Weg zum frommen Muslim im Erlernen einer Liste von Erlaubtem und Verbotenem besteht. Dann wundert es nicht, dass sie beginnen, Fragen wie diese zu stellen: Darf ich Musik hören? Darf ich diesen oder jenen Haarschnitt tragen? Darf ich mich als Mädchen schminken? Was aber ist mit Fragen nach seiner eigenen Beziehung zu Gott und zu seinen Mitmenschen, die Frage nach der ethischen Verantwortung des Menschen?

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 18/August 2010. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Was bedeutet dies für das Verhältnis von Jugendlichen zu ihrer Religion – auch im Hinblick auf die Integration von Islam und Muslimen in Deutschland?

Die Konsequenz eines solchen Islamverständnisses ist – und das zeigen empirische Studien –, dass sich Jugendliche vor die Wahl gestellt fühlen, entweder Muslim oder Europäer zu sein. Denn will man diesem Islamverständnis nach ein frommer Muslim sein, muss man sich bemühen, für jede Alltagshandlung zu klären, ob diese nun erlaubt oder verboten ist. Da aber der Koran kein Kodex mit Gesetzen und Paragraphen ist, wird man in ihm keine Antwort auf diese Alltagsfragen finden. Junge Menschen sind dann auf die Aussagen und Interpretationen von Imamen und – teils selbst ernannten – Gelehrten angewiesen. Oder sie orientieren sich an dubiosen Internetseiten, die als religiös verbindlich angesehen werden – auch wenn sie dem Grundgesetz oder modernen Werten widersprechen sollten. Dies führt entweder zu einer Art von Segregation, in der sich junge Muslime geistig von der Gesellschaft abschotten, oder aber zu einer Distanzierung und Abwendung von der Religion. Bei Umfragen geben zwar viele an, stolze Muslime zu sein, allerdings hat dies mehr mit ihrer Suche nach Identität zu tun: Sie suchen nach einem kollektiven Dach, einem großen "Wir". Bei ihrer Zuwendung zur Religion geht es daher nicht um die Suche nach Spiritualität oder um Gotteserfahrung, sondern lediglich um Identität. Diese Form der Bindung an die Religion führt zu ihrer Aushöhlung.


Viele Jugendliche definieren sich demnach als sehr religiös – weisen aber ein eher instrumentelles Islamverständnis auf. Eine aktuell viel diskutierte Studie (siehe PDF-Icon Newsletter 18) stellt sogar die Gleichung auf: je religiöser – desto gewalttätiger. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ich teile diese Einschätzung deshalb nicht, weil man soziale Phänomene, wie Gewalt oder mangelnde Integration, nicht mit religiösen Kategorien erklären kann. Nicht berücksichtigt wird die Tatsache, dass es sich beim Großteil der in Deutschland lebenden Muslime um ehemalige Gastarbeiter und ihre Nachkommen handelt – mit all den sozialen Problemen der Arbeitsmigration. Ein Großteil der eingewanderten muslimischen Gastarbeiter hatte einen niedrigen Bildungsstatus, weshalb auch ihre Kinder sehr ungünstige Startbedingungen haben. Das darf nicht mit religiösen Kategorien verwechselt werden. Trotzdem beobachten wir, insbesondere nach dem 11. September, eine Verschiebung der Zuschreibungen: Aus "Gastarbeitern" wurden "Muslime". Und so werden nun mitunter auch soziale Probleme mit religiösen Kategorien erklärt und entsprechende Behauptungen aufgestellt: etwa dass "muslimische" Jugendliche gewaltbereiter und schlechter integriert seien als "nicht-muslimische". Außerdem misst die besagte Studie Religiosität anhand der Zahl von Moscheebesuchen und Gebeten sowie der Angaben der Jugendlichen, wie wichtig für sie der Islam ist. Dabei wissen wir aus anderen Studien, dass viele muslimische Jugendliche auf die Frage nach dem Stellenwert des Islam in ihrem Leben sehr gerne angeben, wie wichtig dieser für sie sei. Wie gesagt geht dies allerdings mehr auf die starke Identifikation der muslimischen Jugendlichen mit der Religion zurück als auf ihre Religiosität an sich. Diese Identifikation verstärkt sich noch, wenn sie das Gefühl haben, von der Mehrheitsgesellschaft nicht als gleichwertige Partner anerkannt zu werden. Die Fremdzuschreibung "ihr Muslime, ihr Anderen" wird zur Eigenzuschreibung. Und dann wundert es nicht, dass die Studie zu dem Ergebnis kommt, dass sich nur 21,6 Prozent der befragten muslimischen Jugendlichen als "deutsch" bezeichnen, obwohl sie zu 79,1 Prozent in Deutschland geboren sind.

Der Mensch ist kein Knecht, sondern das edelste Geschöpf Gottes



In der Öffentlichkeit und auch unter Muslimen selbst herrscht demnach das Bild eines eher restriktiven Islam vor, das zudem stark von Identitätsfragen bestimmt wird. Wie sieht demgegenüber ein zeitgemäßes Islamverständnis aus?

Ein zeitgemäßes Islamverständnis fragt nach dem Menschen. Es fragt nach dessen spirituellen und ethischen Bedürfnissen und macht ihm Angebote zu deren Befriedigung. Hier steht der Mensch im Zentrum. Er ist kein Knecht, der nur Befehlen zu folgen hat, sondern das edelste Geschöpf Gottes, das eine ihm von Gott gegebene unantastbare Würde besitzt. Ein zeitgemäßes Islamverständnis fragt weniger nach den rechtlichen und jenseitsbezogenen Konsequenzen menschlichen Handelns, sondern beschäftigt sich mit den sozialen und lebensnahen Umständen. Es erhebt die Erfüllung menschlicher Interessen und Bedürfnisse (arabisch masaleh) zum höchsten Ziel religiöser Normen – denn religiöse Lehren dienen letztendlich der Erfüllung der Interessen der Menschen im Dies- und im Jenseits. Demnach sind solche Handlungen geboten, die zur Erfüllung dieser Interessen beitragen, und sie sind verboten, wenn sie deren Erfüllung verhindern bzw. Schaden verursachen. Der Mensch ist in diesem Islamverständnis ein Verwalter (khalif) auf der Erde. Und Propheten hat Gott den Menschen nicht geschickt, um Einzelanweisungen zu vermitteln, sondern primär, um sie an ihre Bestimmung als verantwortungsvolle Verwalter zu erinnern. Es geht also nicht darum, Koran und Sunna wortwörtlich zu verstehen und eins zu eins ins Hier und Heute zu übernehmen, sondern darum, den Geist hinter dem Text, also die Maximen der islamischen Botschaft (maqased), zu erkennen und diese zu übertragen.

Was sind denn diese Maximen?

Ich fasse diese Maximen in folgenden fünf Prinzipien zusammen, die unantastbar bleiben müssen: Gerechtigkeit, Wahrung der Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit aller Menschen und soziale Verantwortung. Jeder Mensch muss dann individuell für sich klären, wie er diese Prinzipien in seinem Verantwortungsbereich verwirklichen kann. Muslimische Jugendliche sollten also nicht bevormundet, sondern befähigt werden, selbst herauszufinden, was gut für sie ist und wie sie ihren Lebensalltag mit ihrem religiösen Selbstverständnis als 'Verwalter' in Einklang bringen können. Sie sollten in der Lage sein, ihr Leben in religiöser Hinsicht selbst zu entwerfen und diesen Lebensentwurf selbst zu verantworten. Es macht keinen Sinn, Jugendlichen Restriktionen zu machen, und ihnen zum Beispiel die Teilhabe an jugendkulturellen Dingen wie Musik, Piercings, Diskotheken oder Ausgehen mit Freunden zu verbieten. Eltern und Erzieher sollten vielmehr das Ziel haben, Jugendlichen bewusst zu machen, dass die Religion nicht da ist, um ihnen den Spaß am Leben zu verbieten, sondern um sie zu begleiten, damit der Spaß nicht auf Kosten der gesellschaftlichen und individuellen Zukunftsgestaltung geschieht. Dabei müssen die Jugendlichen lernen, aus eigener Überzeugung Entscheidungen treffen und diese selbst verantworten zu können.

Dazu gehören auch unterschiedliche Meinungen darüber, wie die an den allgemeinen Maximen orientierten Entscheidungen denn – politisch wie individuell – im Einzelnen ausfallen können?

Ganz genau. Denn der Islam schreibt kein bestimmtes politisches oder gesellschaftliches System vor, dies ist auch nicht die Aufgabe von Religionen. Religionen sind da, um uns an diese Maximen zu erinnern und uns zur Gotteserfahrung zu befähigen.

Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, damit der jungen Generation ein solches zeitgemäßes und ihrem Alltag angemessenes Verständnis ihrer Religion vermittelt werden kann?

Zuerst benötigen wir eine Re-Interpretation des Islam, um eine theologische Grundlage für ein aufgeklärtes und humanistisches Islamverständnis zu etablieren. Diese Re-Interpretation muss von muslimischen Theologen geleistet werden, die jedoch den institutionellen Rahmen dafür benötigen. Der Aufbau akademischer Institutionen, wie Lehrstühle für islamische Theologie und islamische Religionspädagogik an deutschen Universitäten, ist sicher ein entscheidender Schritt in diese Richtung. Das angestrebte aufgeklärte Islamverständnis muss dann im islamischen Religionsunterricht, in den muslimischen Gemeinden und in muslimischen Medien kommuniziert werden, damit hier ein Diskurs entsteht, der nicht nur eine Elite, sondern die Mehrheit der Muslime erfasst. Man muss stark auf Mediatoren setzen und Möglichkeiten für deren Ausbildung und Förderung schaffen. Zu diesen Mediatoren, die für den Transfer eines aufgeklärten Islamverständnisses in die muslimische Gesellschaft verantwortlich sind, gehören neben islamischen Religionslehrkräften auch Imame und Seelsorger, aber auch muslimische Persönlichkeiten, die Vorbilder für junge Muslime sein können – zum Beispiel Sportler, Musiker oder Entertainer.

Das Gespräch mit Mouhanad Khorchide führte Jochen Müller/ufuq.de.

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