Islamische Bademode

Die Ameise, die Biene und das Leben

Imame und ihre Rolle in der Jugendarbeit


27.7.2010
In unserer letzten Ausgabe berichteten wir über Imame in Deutschland: Wer sie sind, was sie tun und welche Rolle sie in den muslimischen Gemeinden spielen. Mit einem Beitrag zur Frage, welchen Einfluss Imame auf junge deutsche Muslime haben, setzen wir das Thema fort.

Junge Muslime beim GebetJunge Muslime beim Gebet: "Die meisten Eltern sind schon zufrieden, wenn die Kinder die rituellen Gebetsregeln erlernen." (© Mark Max Henckel/flickr.com)

"Die Jugend hat die ganze Zukunft noch vor sich. Es ist wichtig, dass wir Imame uns besonders in der Jugendarbeit engagieren", sagt ein Imam der Türkisch- Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) im Rahmen eines bpb-Workshops mit Imamen. Tatsächlich ist das Interesse von Imamen an Jugendarbeit groß. So sieht man sie zum Beispiel in den letzten Jahren immer häufiger mit Jugendlichen auf dem Sportplatz Fußball spielen. Dies ist ein großer Schritt – glaubte man doch bis vor kurzem, dass sportliche Aktivitäten den Respekt und die Autorität des Vorbeters untergraben könnten.

Aber ist das schon "Jugendarbeit"? "Wenn Imame von 'Jugendarbeit' sprechen, dann meinen sie etwas anderes, als etwa die christlichen Gemeinden darunter verstehen", meint Nigar Yardim, Frauenund Integrationsbeauftragte vom Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ). "Die Imame bieten eher religiöse Dienste für Jugendliche an. Sie verstehen sich mehr als Lehrer" (türkisch: Hoca). Nur selten ist der Imam in Gesprächskreise, Nachhilfeunterricht, Sport und andere Aktivitäten involviert, die Moscheegemeinden heute vielfach für ihre Jugendlichen anbieten. Doch ähnlich manchen Christen, die nur einmal im Jahr an Weihnachten zur Christmette in die Kirche gehen, beschränkt sich auch der Kontakt vieler muslimischer Jugendlicher zur Moschee auf die Zeit des Ramadan, des Fastenmonats. Wie viele Jugendliche tatsächlich in intensiver Beziehung zu einer Moschee stehen, lässt sich so nicht zuverlässig ermitteln.

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 18/August 2010. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Koranunterricht auf Deutsch

Den Begriff des Jugend-Imams gibt es nicht. "Der Imam ist für alle da", meint Dr. Ali Özgür Özdil vom Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstitut (IWB) in Hamburg. Als Vorsitzender des IWB arbeitet Özdil, der selbst gelegentlich in Gemeinden als Imam tätig ist, mit anderen Bildungseinrichtungen zusammen, um über den Islam und Muslime in Deutschland zu informieren. Den Einfluss der derzeit in Deutschland arbeitenden Imame auf Kinder und Jugendliche schätzt er als sehr gering ein. Das Hauptproblem sei die Sprache, denn die Mehrheit der Imame spricht zu wenig Deutsch. Und die Kinder und Jugendlichen beherrschen die Sprache ihrer Eltern und Großeltern nicht mehr gut genug, um etwa religiöse Termini zu verstehen.

Eine der Hauptaufgaben der Imame gegenüber der Jugend besteht darin, sie an die religiösen Inhalte heranzuführen. Die Jugendarbeit beschränkt sich hier weitgehend auf religiöse Erziehung. So erwarten es auch die Eltern: "Die meisten Eltern sind allerdings schon zufrieden, wenn die Kinder die rituellen Gebetsregeln erlernen", sagt Nigar Yardim, "doch spätestens mit der Pubertät verlieren wir viele Jugendliche." Es reicht ihnen nicht mehr, Suren des Koran auf Arabisch auswendig zu lernen. Kinder sollen und wollen verstehen, worum es geht. Den meisten Imamen aber fehlen neben Sprachkenntnissen und Unterrichtsmaterialien auch die pädagogischen Methoden. Özdil schlägt hier vor, in der koranischen Unterweisung beispielsweise auch deutsche Koranübersetzungen hinzuzuziehen. Und für thematische Suren wie "die Ameise" oder "die Biene" legt er nahe, im Vorfeld einen Imker aufzusuchen oder in Dokumentarfilmen zu zeigen, wie Bienenvölker arbeiten. Danach könne man der Frage nachgehen, inwiefern diese Verse auch das eigene Leben betreffen.

Zwischen 2001 und 2003 hat Özdil Islam- Ferienkurse für muslimische Kinder und Jugendliche untersucht und eine Beliebtheitsskala der dort angebotenen Unterrichtsfächer ermittelt: Unterricht in Deutsch stand bei den Jugendlichen immer an erster Stelle, an letzter und vorletzter Stelle abwechselnd Türkisch und Korankurs. "Was wir im Grunde machen, ist nicht, sie den Koran lieben zu lehren, sondern ihn zu hassen", meinte im Nachgang einer der mitwirkenden Imame.

Eine andere Welt

Der Imam verbringt viel Zeit in der Moschee. Hier ist er für die Durchführung der fünf Pflichtgebete, die Freitagspredigt, die religiöse Unterweisung und ab und zu ein wenig Freizeit- und sportliche Aktivitäten mit Jugendlichen zuständig. "So mancher Imam ist dann total überrascht zu hören, dass zum Beispiel am Gymnasium Drogen verhökert werden oder dass die Jugendlichen in der Moschee zumindest Leute kennen, die mit Drogen zu tun haben. Sie meinen, das gehört irgendwo in die Bronx, in eine ganz andere Welt", sagt Yardim. Zwar sollte das Berufsbild des Imam nicht mit Erwartungen überfrachtet werden, aber er sollte sich doch mit der Welt auseinandersetzen, in der er lebt.

In der religiösen Arbeit mit Jugendlichen erscheint der Einfluss von Imamen demnach eher gering. Auf der anderen Seite ist nicht zu unterschätzen, dass Kinder in den Familien lernen, Imame als Respektsund Autoritätspersonen anzusehen. Yardim berichtet aus ihrer Gemeindeerfahrung: "Ein Junge kam neulich zu mir mit einem merkwürdigen Frauenbild, das ihm offenbar vom Imam vermittelt worden war, nämlich die beste Frau wäre die, die Kinder kriegt. Da gab´s natürlich Stress mit mir. Er hatte das offenbar vom Imam. Also hat der Imam da schon großen Einfluss."

Wenn ein Imam lange Haare, Tattoos oder Ohrringe nicht gleich pauschal verurteilt, kann er sehr wohl einen Draht zu Jugendlichen entwickeln und zumindest das Zugehörigkeitsgefühl zur Gemeinde fördern. "Allerdings können das die wenigsten Imame", schränkt Yardim ein. Prägenden Einfluss auf die Jugendlichen üben daher eher die ehrenamtlichen Mitarbeiter in den Gemeinden aus, unter ihnen viele Frauen. Allerdings fehlt auch ihnen meist die Qualifikation, etwa in Form von anerkannten Jugendleiterausbildungen. Zudem ist in den meisten Gemeinden viel Dialogarbeit zwischen den Generationen nötig – denn die organisatorische Verantwortung ruht in der Regel noch auf Mitgliedern der ersten und zweiten Einwanderergeneration, die ebenfalls über wenig Sprachkenntnisse und Kontakte zur deutschen Gesellschaft verfügen. Meist bringen sie wenig Verständnis für moderne Methoden in der Jugendarbeit oder in der religiösen Unterweisung von Jugendlichen auf.

Ein Kommentar von Michael Kiefer

Den "Super -Imam" wird es nicht geben

Innen- und Integrationspolitiker fordern derzeit den multifunktionalen Imam (siehe Newsletter Nr. 17): Er soll nicht nur Vorbeter, sondern Integrationslotse, Familienberater und Extremismusbeauftragter sein. Dieser Aufgabenfülle ist allerdings mit Skepsis zu begegnen. Nehmen wir die Extremismusprävention: Sie ist eine Aufgabe für zivilgesellschaftliche Akteure und nicht für Imame. Zumal es auch die eine oder andere islamistisch orientierte Moschee gibt, deren Imame sicher nicht im Sinne eines moderaten Islams arbeiten (wollen).

Problematisch ist es auch, wenn sozialarbeiterische Qualifikationen von Imamen erwartet werden. Im kommunalen Raum sind dafür professionelle Akteure in Jugendhilfe und Schule zuständig. Was soll hier ein Imam und was haben soziale Probleme mit Religion zu tun? Dies gilt gerade auch für Familienprobleme von Gemeindemitgliedern. Die Einmischung eines Imams etwa bei Eltern-Kind-Konflikten kann durchaus kontraproduktiv sein. Schließlich sind Imame keine neutralen Mediatoren, sondern stehen unter Umständen auch für religiöse Auffassungen, die bei Jugendlichen nicht immer auf Zuspruch stoßen.

Nicht zuletzt müssen wir die realen Machtverhältnisse in den Gemeinden sehen: Imame sind vielerorts einfache Angestellte der Moscheevereine. Wenn sie unangenehm auffallen oder in Konflikten Positionen vertreten, die denen des Vorstandes zuwiderlaufen, droht ihnen schlicht die Entlassung. Den "Super-Imam" wird es also nicht geben. Viel gewonnen wäre aber schon, wenn Imame kompetent ihre klassischen Aufgabenfelder wahrnehmen könnten.

Michael Kiefer ist Islamwissenschaftler und forscht unter anderem zum islamischen Religionsunterricht in der Schule. Als wissenschaftlicher Berater ist er auch für die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb tätig.



Etwas leichter scheinen es da die Mädchen zu haben. Denn traditionell sind in der überwiegenden Mehrheit aller muslimischen Gemeinden Mädchen- und Jungenarbeit streng getrennt. Mädchen wissen, dass der Imam die Gebete leitet, doch darüber hinaus haben sie nichts mit ihm zu tun. "Bei den Mädchen kann man leichter reden, weil die (weiblichen) Hocas viel jünger sind", fasst Yardim die Eindrücke aus ihrer eigenen Jugendarbeit als Theologin beim VIKZ zusammen. "Meine Mädchen staunen, dass ich mich mit Internet auskenne, mit Facebook, dass ich jeden Morgen joggen gehe. Das hätten sie ihrer Hoca gar nicht zugetraut."

Junge salafitische Prediger

Anders als ist den meisten Moscheegemeinden ist der Einfluss der salafitischen Prediger auf die Gemeindemitglieder oft besonders stark. Bundesweit zählen zwar nur einige Dutzend Moscheen zu diesem Spektrum, doch gerade unter Jugendlichen finden sie viel Zuspruch. Das stark ideologisierte Gedankengut dieser Prediger geht auf rigide Interpretationen des Islam zurück: Attraktiv wirken hier eine klare Trennung in Gut und Böse, eine Schwarz-Weiß-Sicht auf die Welt sowie eine identitätsstiftende Abgrenzung in Verbindung mit einem Überlegenheitsanspruch gegenüber anderen Muslimen und Nicht-Muslimen. Die einzelnen Imame erscheinen dabei als Leitfiguren, die Orientierung im Dschungel der vielfältigen unbewältigten Erlebnisse und Erfahrungen von Heranwachsenden und jungen Erwachsenen geben. Nicht nur Muslime fühlen sich davon angezogen, sondern auch christlich oder nicht religiös sozialisierte Jugendliche, die sich als Konvertiten diesen Gruppen anschließen. "Der Einfluss dieser Imame ist groß, weil sie über den sprachlichen Zugang verfügen, die modernen Medien nutzen, zum Beispiel das Internet, und weil sie die finanziellen Mittel haben", urteilt Özdil.

"Es ist das schwierigste, gerade Jugendlichen tolerante, liberale Positionen zu vermitteln und dennoch klare Grenzen aufzuzeigen. Man muss sehr viel erklären, sehr viele Fragen beantworten", erklärt Yardim. Doch man müsse diese Fragen beantworten können und sich differenziert mit der Welt auseinandersetzen, in der man lebt: "Der Aufgabenbereich des Imams kann und darf einfach nicht nur die Moschee sein."




 

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