Islamische Bademode

"Menschen ohne Religion verstehen das nicht!"

Ein Workshop über das Berliner Urteil zum Gebet an Schulen


27.7.2010
Im September 2009 erstritt sich ein muslimischer Schüler in Berlin vor Gericht das Recht, an seiner Schule zu beten. Im Mai 2010 hat das Berliner Oberverwaltungsgericht das Urteil widerrufen. In einem Workshop diskutieren Berliner Schüler türkischer und arabischer Herkunft über die Entscheidung.

Empört sind die Oberstufenschüler arabischer und türkischer Herkunft über das neue Urteil – ganz unabhängig davon, ob sie in der Schule beten wollen oder nicht: "Wo bleibt denn da die Religionsfreiheit", fragen viele. Ein Schüler zieht den Vergleich zum Minarettverbot: "Die Leute haben Angst vor dem Islam." Immer wieder werde in den Medien der Islam mit Gewalt und Terrorismus in Verbindung gebracht, was wohl auch die Richter beeinflusst habe. Die meisten in der Runde stimmen zu.

Es gibt aber auch Stimmen, die Verständnis für das Verbot zeigen: "Wenn ich an eine Schule kommen würde und da wäre ein Gebetsraum für Christen, dann würde mich das auch aufregen", argumentiert eine Schülerin. Dem wird allerdings entgegengehalten, dass es eine Gebetspflicht für Christen ja gar nicht gebe. Außerdem sei für Muslime ein separater Raum nicht notwendig, sondern lediglich ein ruhiger und sauberer Ort. "Wo ist also das Problem?", heißt es dann. Und: "Wovor haben die Schulen eigentlich Angst?"

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 18/August 2010. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Die Moderatoren des Workshops referieren kurz die Urteilsbegründung, in der es unter anderem um den Schutz von Schülern geht, die nicht beten wollen. Das Oberverwaltungsgericht folgt den Bedenken der Berliner Schulbehörde. Aus Sicht der Behörde stellt das öffentliche Beten den Schulfrieden in Frage, da es auf andere Schüler Druck ausüben könne. Der demonstrative Charakter des Betens könne eine soziale Kontrolle ausüben und berge die Gefahr der Missionierung.

Schlechte Muslime?

Für die Moderatoren ist dies ein guter Einstieg in die Debatte. Stimmt es denn, wollen sie wissen, dass es beim Beten oder auch beim Fasten zu Mobbing unter muslimischen Schülern komme? Eine Schülerin bestätigt dies: "Ja", sagt sie, "es gibt schon Leute, die fragen: 'Warum betest du nicht?' So sind die Jugendlichen heute. Die machen einen dann richtig fertig damit." Ein bisschen Mobbing gebe es schon, meint ein anderer: "Da kommen dann Fragen: 'Warum fastest du nicht? Du bist doch Muslim. Schämst du dich nicht?'" Einige Schüler gingen sogar noch weiter: "Die machen richtig Stress, wenn sie einem beibringen wollen, wie man richtig betet und wie es falsch ist. Zum Beispiel bei Sunniten und Schiiten: Wenn da welche sehen, wie ich bete, kommen sie und sagen, dass es so falsch sei. 'Der Prophet', sagen sie, 'hat so gebetet, also musst Du auch so beten, sonst bist Du ein schlechter Muslim.'"

Die Mehrheit der Schüler im Workshop spricht sich gegen dieses Verhalten aus: Diejenigen, die ihre Religion auf diese Weise verteidigen, seien selbst "schlechte Muslime". Im Vordergrund solle vielmehr stehen, warum man eigentlich bete oder faste, wirft der muslimische Moderator ein – und nicht darum, wie man dies tut. Diese Frage beschäftigt die religiösen Jugendlichen sehr. Ausdrücklich kritisieren sie Eltern, die ihren Kinder erklären: "Du musst beten, sonst kommst du in die Hölle." Dem wird entgegnet, dass das Gebet doch nicht nur eine Pflicht, sondern ebenso wie das Fasten etwas Schönes und Sinnvolles sei. Und was sei denn das für ein Gott, der einen in die Hölle schickt, weil man falsch betet?

Trotz der Kritik an Mobbing und rigidem Islamverständnis lehnen die Schüler das Gerichtsurteil einhellig ab. Diesem lägen Vorurteile und Ängste zugrunde, die auch von vielen Lehrern geteilt würden. Das Islam-Bild jener Lehrkräfte sei von Desinteresse, Unverständnis und Ablehnung geprägt. Als "Menschen ohne Religion" bezeichnet eine Schülerin die Lehrer: "Die sehen sich selbst als Atheisten. Sie verstehen das nicht und von Religion wollen sie auch gar nichts wissen", erklärt sie. Ihm selbst sei es doch egal, sagt ein anderer, ob jemand an Gott glaube. Nicht in Ordnung sei es aber, wenn Lehrer den Schülern Vorhaltungen machten: "Wie könnt ihr an Gott glauben? Wie könnt ihr denken, dass es Paradies und Hölle gibt?"

"Ich glaube einfach!"

"Ich kann sowas aber nicht erklären", meint er, "ich glaube einfach." Die Schüler erkennen an dieser Stelle ein Kommunikationsproblem: Viele Lehrer hätten ein schlechtes Bild vom Islam – viele Schüler ein falsches Islamverständnis. Und andere wiederum hätten zwar das Bedürfnis, nicht aber das Wissen, den Lehrern ein besseres Bild von ihrer Religion zu vermitteln.

"Was kann man da machen?" fragen die Moderatoren und stoßen damit eine lebhafte Diskussion an. Denn jetzt geht es um die Frage, wie die Schüler selbst an ihrer Schule Probleme angehen und Veränderungen herbeiführen könnten. Am Ende der Diskussion beschließen die Workshop-Teilnehmer, für Lehrer und Schüler einen Projekttag über Religionen und Kulturen zu organisieren. Auf diese Weise könnten zwischen muslimischen Schülern und nicht-muslimischen Lehrern neue Gesprächsfäden geknüpft werden. Die Kommunikation ermögliche nicht nur einen Perspektivenwechsel auf beiden Seiten. Sie trage auch dazu bei, Vorurteile abzubauen – gegenüber Muslimen, Christen oder Juden, aber auch Menschen, die keiner Religion angehören. Und das – da sind sich alle einig – sei doch für den Umgang im Alltag untereinander wichtiger als ein Gerichtsurteil.




 

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