Islamische Bademode

"Was geht mich Palästina an?"

Eine Reise nach Jerusalem


27.7.2010
Türkisch- und arabischstämmige Schüler aus Berlin reisen nach Israel und in die Palästinensischen Autonomiegebiete. Die Journalistin Rana Göroglu berichtet von aufreibenden Diskussionen und aufschlussreichen Begegnungen.

Willkommen im Heiligen Land!Willkommen im Heiligen Land! (© Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA e.V.))

Geht es nach Özkan, hat sich die Mühe gelohnt. "Bevor wir nach Israel gefahren sind, wusste ich eigentlich nur von dem Krieg zwischen Palästinensern und Israelis", erinnert sich der 17-Jährige, der Ende Juni 2010 mit einer Schülergruppe aus Berlin- Neukölln im Heiligen Land unterwegs war. "In den Medien wird ja immer nur das Negative berichtet. Deshalb dachte ich, dass dort alles kaputt ist und es jeden Tag Anschläge gibt", sagt Özkan. Als Teilnehmer eines Begegnungsprojektes wollte er sich ein eigenes Bild machen. Zusammen mit 14 türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen nahm er an einer zweiwöchigen Reise durch Israel und die Palästinensischen Autonomiegebiete teil – organisiert von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA). Seit mittlerweile sieben Jahren arbeitet KIgA mit jungen Muslimen und Migranten, um Vorurteilen und Ressentiments gegen Juden entgegenzuwirken.

Wichtig ist den Mitarbeitern, die Erfahrungen der Jugendlichen als Muslime und Migranten ernst zu nehmen. Auf dieser Grundlage gilt es auch ihre Bereitschaft zu fördern, andere zu respektieren. "Uns war eine ausgewogene Zusammensetzung der Gruppe und eine Vielfalt von Identitätsbezügen wichtig, sowohl was die Ausprägung von Religiosität als auch was den kulturellen Hintergrund der Teilnehmer angeht. Und natürlich die Motivation und Offenheit der Thematik, der Reise und dem Gesamtprojekt gegenüber", so Aycan Demirel, Leiter der KIgA. Er hat das Projekt gemeinsam mit seiner Kollegin Yasmin Kassar entwickelt.

Willkommen im Heiligen Land!

Bei ihrer Arbeit haben sie festgestellt, dass viele Jugendliche angesichts eigener Diskriminierungserfahrungen einen starken Bezug zu den politischen Ereignissen in den Herkunftsländern ihrer Eltern aufbauen – obwohl sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Diese Selbstidentifikation erhöht zwar ihr Selbstwertgefühl, führt aber bisweilen auch zu einer stereotypen Einordnung des "Eigenen" und des "Anderen". Hier spielt der Nahostkonflikt eine zentrale Rolle. Häufig beklagen die Jugendlichen, "ihr Leid" und "ihre Geschichte" werde in der Schule nicht thematisiert – dafür aber umso öfter die Geschichte des Holocaust.

Zur Vorbereitung auf die Reise nahmen die 15- und 18-jährigen Schüler an mehreren Wochenend-Workshops teil, in denen es um Fragen der eigenen Identität, die Geschichte der eigenen Familien und um die Migrationsgeschichte Deutschlands ging. Erst im Anschluss beschäftigten sich die Teilnehmer auch mit der Geschichte des Nahostkonfliktes und den verschiedenen Perspektiven auf den Konflikt. In diesem Zusammenhang besuchten die Schüler neben einer NS-Gedenkstätte auch eine Synagoge.

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 18/August 2010. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



"Der Besuch der Synagoge war für mich das Beeindruckendste von dem Programm hier in Berlin. Eine Frau hat uns etwas über die jüdische Religion erzählt und darüber, wie die Juden beten. Danach haben wir uns noch mit zwei jüdischen Schülerinnen getroffen. Es war das erste Mal überhaupt in meinem Leben, dass ich Juden begegnet bin", erzählt die 17-jährige Amal, deren Eltern palästinensische Flüchtlinge aus dem Libanon sind. Die Begegnung mit den jüdischen Schülerinnen und der Besuch der Synagoge verliefen aber nicht nur harmonisch. Das lag daran, dass die Sprache immer wieder auf den Nahostkonflikt kam – aber auch am Unbehagen einiger Schüler, für den Besuch der Synagoge eine Kippa aufzusetzen. Am Ende fand sich ein Kompromiss: Anstelle der Kippa setzten die Schüler ihre eigenen Mützen auf.

"Willst du etwa Jude werden?"

Teilnehmen konnten die Jugendlichen nur mit dem Einverständnis ihrer Eltern. "Ursprünglich hatten wir verschiedene Berliner Schulen und Schulformen in das Projekt einbeziehen wollen. Es stellte sich jedoch bald heraus, wie wichtig gerade bei einer solchen Thematik und einer Reise in ein Land, in dem es kriegerische Auseinandersetzungen gibt, das Vertrauen der Eltern ist – auch den beteiligten Lehrern gegenüber", so Demirel. Deshalb wurde das Projekt mit der Kreuzberger Eberhard-Klein-Schule durchgeführt, einer Haupt- und Realschule, mit der die KIgA seit Jahren intensiv zusammenarbeitet. Doch auch der eigene Migrationshintergrund der Betreuer spielte bei der Vertrauensbildung eine wichtige Rolle: "Durch meine türkischen Wurzeln habe ich einen leichteren Zugang zu den Schülern und Eltern als dies vielleicht ein herkunftsdeutscher Kollege hätte. Das gibt einem einen gewissen Vertrauensvorsprung. Dasselbe gilt für meine Kollegin Yasmin Kassar, die einen deutsch-arabischen Hintergrund hat und die entsprechenden kulturellen und sprachlichen Kenntnisse mitbringt."

Wie viele Eltern waren auch Özkans Eltern zunächst nicht begeistert von der Idee ihres Sohnes, nach Israel zu fahren. "Sie hatten natürlich Angst wegen der Situation dort. Aber als ich ihnen erzählt habe, was wir dort machen werden, dass wir viel herumreisen, Jugendlichen begegnen und viele geschichtliche Orte, wie zum Beispiel auch die al-Aqsa Moschee in Jerusalem besuchen werden, waren sie offen", sagt Özkan, der sich selbst als religiös, nicht aber als strenggläubig bezeichnet. Auch Amals Angehörige hatten Bedenken wegen der Situation in Israel. "Andererseits war meine Mutter begeistert, dass ihre Tochter das Land sehen wird, aus dem wir stammen", erzählt die 17-Jährige. Ein Argument, das für viele Eltern eine Rolle spielte.

Von Freunden und Mitschülern gab es erstaunte bis zynische Reaktionen. "Ein Freund hat mich gefragt, was ich dort will. Ob ich etwa Jude werden wolle", erzählt der 17-jährige Ozan, dessen Eltern aus der Türkei stammen. "Die Leute, die einem hier etwas über den Konflikt erzählen, haben doch eigentlich selbst keine Ahnung, nur Vorurteile. Ich bin interessiert an anderen Ländern, Menschen und ihrer Geschichte und wollte mir das selbst ansehen. Und das haben meine Eltern dann auch unterstützt", so Ozan.

Die Eltern wurden im Rahmen mehrerer Treffen über die Ziele, Inhalte und den Ablauf der Reise informiert. "Sie zu überzeugen, war nicht immer leicht. Der Nahostkonflikt war in den Fragen und Diskussionen sowohl vor als auch während der Reise ohnehin immer präsent", so Kassar. Als dann am Morgen des 31. Mai israelische Militärs die internationale "Free Gaza"-Flotte gewaltsam stoppten, spitzte sich die Situation zu. Die Stimmung unter den Schülern schlug um. Einige von ihnen erschienen plötzlich mit Hamas-Abzeichen und Arafat-T-Shirts bei den Seminaren und ließen ihrer Wut freien Lauf. "Das hat uns enorm zurückgeworfen. Alles, was wir bis dahin gemeinsam mit den Jugendlichen erarbeitet hatten, wurde in Frage gestellt", erzählt Demirel.

Zwischenzeitlich stand sogar die ganze Reise auf der Kippe. Auch unter den Eltern war die Stimmung aufgeheizt. Viele sorgten sich nun noch mehr um die Sicherheit ihrer Kinder. Einige machten israelfeindliche Äußerungen gegenüber den Organisatoren. Bedenken gab es nun auch seitens der israelischen Partnerorganisation Hanoar Haoved Vehalomed (NOV) – einer Jugendorganisation, die das Programm in Israel organisiert hatte. "Durch intensive Gespräche sowohl mit den Eltern als auch mit unserer israelischen Partnerorganisation ist es uns dann aber doch noch gelungen, die Reise wie geplant durchzuführen", erklärt Demirel. Letztlich sind alle Jugendlichen mitgekommen – eine Entscheidung, über die im Nachhinein alle froh sind.

Auf unbekanntem Terrain

Für viele der Jugendlichen war es das erste Mal überhaupt, dass sie Deutschland verließen. Nach der Ankunft in Tel Aviv begann die Reise mit einem Besuch der multikulturellen Stadt Haifa. Von dort aus ging es in einen Kibbutz in Nordisrael, in dem die Gruppe eine Woche verbrachte, Exkursionen in die Städte und Dörfer der Umgebung unternahm sowie Familien und Schulen besuchte. Darüber hinaus lernten sie Projekte kennen, die sich für ein besseres Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen sowie die sozialen Belange verschiedener Einwanderergruppen und ethnischer Minderheiten einsetzen. Im Mittelpunkt standen dabei der Austausch und die Begegnung mit arabischen Israelis. Im Rahmen von Workshops und Expertengesprächen erfuhren die Schüler auch etwas über die Zusammensetzung der israelischen Gesellschaft und über die Probleme und die Frage der Gleichberechtigung verschiedener Einwanderergruppen. Der Nahostkonflikt war dabei stets präsent. "Nachdem wir in Israel angekommen sind, hatten die Jugendlichen wieder einen enormen Gesprächsbedarf hinsichtlich des Nahostkonfliktes. Das war einerseits verständlich, andererseits hatten wir dadurch teilweise Probleme, das Programm wie geplant durchzuführen", so Kassar.

Nach einem Besuch in den palästinensischen Gebieten kam es zu einem problematischen Zwischenfall: Als einige Jugendliche bei der Wiedereinreise nach Israel einen falschen Ausgang nahmen und in die Palästinensergebiete zurückkehrten, sind sie nach Aussagen einiger Schüler am Checkpoint von einem israelischen Soldaten mit einer Waffe bedroht worden. Das sorgte für hitzige Diskussionen in der Gruppe. Einige Schüler fielen in ihre alten Vorurteile zurück. Andere waren enttäuscht, da sie mit der Teilnahme an dem Projekt und der Reise über ihren eigenen Schatten gesprungen waren und sich nun durch das Verhalten des Soldaten in ihrem persönlichen Friedensprozess verraten fühlten.

Trotzdem eröffnete die Reise den Jugendlichen auch viele neue Perspektiven auf den Konflikt und die israelische Gesellschaft. Viele konnten ihre Vorurteile aufgrund der Begegnungen vor Ort revidieren. Am meisten beeindruckt zeigten sie sich aber über die Begegnungen mit arabischen Israelis, von denen sich viele trotz aller Diskriminierungen und Konflikte mit Israel identifizieren.

Im Rückblick auf das Erlebte haben sich für Ozan viele Fragen geklärt: "Vor der Reise habe ich alle Juden in einen Topf geworfen. In meiner Umgebung war das Wort 'Jude' ein Schimpfwort. Jetzt weiß ich, dass es nur eine kleine Menge ist, die den Konflikt will", sagt er. "Ich habe jetzt ein anderes Bild von den Juden. Meine Vorurteile sind fast alle weg", sagt auch Amal. Beide würden gerne wieder nach Israel fahren. Nur vielleicht nicht wieder bei den extremen Temperaturen. Die Hitze des Sommers hat jedenfalls auch einen bleibenden Eindruck hinterlassen.




 

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