Islamische Bademode

Islam in Neukölln

Ein Program zum Kennenlernen im kommunalen Raum


27.7.2010
Im Berliner Stadtteil Neukölln verbinden sich soziale Krisenerscheinungen mit Problemen der Integration. Um diesen besser begegnen zu können, startete der Bezirk vor zwei Jahren ein Programm, in dem sich kommunale Einrichtungen und islamisch geprägte Organisationen näher kommen sollen. Eine Initiative, die Schule machen könnte.

Fester Bestandteil islamischen Lebens in Berlin: Die Sehitlik-Moschee in Neukölln.Fester Bestandteil islamischen Lebens in Berlin: Die Sehitlik-Moschee in Neukölln. (© Gabriele Kantel/flickr.com)

"Dass man sich nicht kennt", sagt Arnold Mengelkoch, der Neuköllner Integrationsbeauftragte, "ist schon die erste Hürde." Tatsächlich gab es in seinem Bezirk bis vor kurzem nur wenig Kontakte und Gespräche zwischen Mitarbeitern kommunaler Einrichtungen und Vertretern muslimischer Organisationen und Vereine. Dabei gibt es von ihnen in Neukölln eine ganze Menge: 21 Moscheen und religiöse Zentren sowie weitere 23 islamische Vereine arbeiten im Stadtteil, wobei die Mehrheit von ihnen nach Einschätzung des Bezirksamtes einen konservativen und traditionellen Islam vertritt und einige der Mehrheitsgesellschaft fremd oder gar ablehnend gegenüberstehen.

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 18/August 2010. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Großes Misstrauen

Um den Problemen in dem sozial schwachen Bezirk – wie Sprachdefiziten oder Perspektivlosigkeit und Kriminalität von Kindern und Jugendlichen – effektiv begegnen zu können, wäre eine Zusammenarbeit von kommunalen Einrichtungen mit den lokalen muslimischen Organisationen wünschenswert. Denn den Fachkräften in Bezirksamt, Jugendamt, Jugendclubs oder im Quartiersmanagement fehlt nicht nur der Kontakt zu bildungsfernen muslimischen Familien. Es mangelt ihnen häufig auch an kommunikativer Kompetenz, um Konflikten, die aus der Segregation oder einem traditionalistischen Erziehungsstil erwachsen können, kooperativ zu begegnen. Auch auf Seiten der Betroffenen fehlt es an Kenntnissen, etwa über Unterstützungsangebote, und oft herrscht großes Misstrauen gegenüber öffentlichen Institutionen. Dass das Jugendamt "einem die Kinder wegnimmt", ist hier ein sehr verbreitetes Bild.

Vor diesem Hintergrund entstand das in enger Zusammenarbeit von Bezirksamt, Jugendamt, örtlichen Jugendeinrichtungen und einer wissenschaftlichen Fachberatung entwickelte Konzept, das einen "Kennenlernprozess" der verschiedenen Akteure in Neukölln einleiten soll. In einer ersten Phase des von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb geförderten Programms wurden den Mitarbeitern in Behörden und Jugendeinrichtungen Kenntnisse über die diversen lokalen muslimischen Organisationen und Strömungen vermittelt. Unter dem Titel "Islam in Neukölln – Dialog und Kontroverse. Strategien zur Einbindung muslimischer Organisationen in die bezirklichen Netzwerke von Beteiligung und Verantwortung" stand anschließend der Austausch mit deren Vertretern im Mittelpunkt – vom muslimischen Migrantenverein über die Moscheegemeinde bis zum Jugendclub. Diese lud das Bezirksamt offiziell zu Veranstaltungen ein, in denen sie sich und ihre Arbeit vorstellen konnten. Ziel war es, die Voraussetzungen, Möglichkeiten und Grenzen der Kooperation mit den sehr unterschiedlichen Organisationen auszuloten. Nicht immer gelang der Dialog: Bei kritischen und teils auch misstrauischen Fragen – etwa zu ihrem Islamverständnis oder zur Rolle der Frau – zogen es einige der muslimischen Repräsentanten vor, in Allgemeinplätze auszuweichen.

Austausch auf Augenhöhe

Zu mehr Austausch auf gleicher Augenhöhe kam es im Rahmen thematischer Veranstaltungen: So sprach ein muslimischer Psychologe über psychosoziale Probleme in muslimischen Milieus. Gebannt hörten ihm sowohl die muslimischen Vertreter als auch die Mitarbeiter kommunaler Einrichtungen zu, um anschließend in kleinen Arbeitsgruppen über Kindererziehung, Familienprobleme oder die Folgen arrangierter Ehen zu sprechen – und anhand von Fallbeispielen gemeinsam nach möglichen Lösungen zu suchen.

"Wir haben große Schritte gemacht und viele gegenseitige Vorurteile kennenlernen und teilweise auch abbauen können", so Arnold Mengelkoch auf die Frage nach einer Zwischenbilanz der Neuköllner Initiative. Gerade in einem Bezirk wie Neukölln müsse die Entstehung von Parallelgesellschaften verhindert werden, meint er – und fügt hinzu: "Da zu kommt es nun darauf an, eine gemeinsame Dialog-, Diskussions- und auch Streitkultur zu entwickeln, in der alle Beteiligten eingebunden sind."

Eine Dokumentation der Initiative wird demnächst erstellt. Weitere Informationen gibt Arnold Mengelkoch, Integrationsbeauftragter des Bezirks Neukölln: Tel. 030-902392951




 

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