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Zwischen Religion und Alltag

Der Imam in der muslimischen Gemeinde


20.5.2010
Wie lassen sich in Deutschland islamische Speisevorschriften einhalten? Wie erziehe ich meine Kinder im Glauben? Imame sind wichtige Ansprechpartner in den muslimischen Gemeinden. Aber wie werden sie ausgebildet? Und welche Rolle sollen sie künftig spielen?

Traditionell sind Imame primär Vorbeter – in Deutschland sind sie jedoch auch als Ratgeber, Lehrer und Seelsorger gefragt.Traditionell sind Imame primär Vorbeter – in Deutschland sind sie jedoch auch als Ratgeber, Lehrer und Seelsorger gefragt. (© AP)

Mit dem Aufgang der Sonne beginnt der Arbeitstag des Imams einer islamischen Gemeinde - mit dem Untergang der Sonne endet er. Die zentrale Aufgabe des Imams, des Vorbeters, ist die Leitung der täglich fünf islamischen Pflichtgebete, eine der fünf Säulen des Islam: Das erste rituelle Gebet im Morgengrauen, das letzte bei Sonnenuntergang. Dazwischen noch je eines am Mittag, am Nachmittag und am Abend. Der Imam muss die rituellen Abläufe kennen, den Koran in Arabisch und "er sollte wenn möglich eine schöne Stimme haben, denn das Gebet nach dem Koran ist Rezitation, Ästhetik der Stimme, Musik, Klang, Atmosphäre." So beschreibt es Erol Pürlü, Imam und Dialogbeauftragter des Verbands der Islamischen Kulturzentren »(VIKZ)«.

Weitere Aufgaben des Imams sind das Hauptgebet am Freitag und vor allem die Freitagspredigt. Letztere erfordert allerdings die Zusatzqualifikation als Hatib, als Prediger, die nicht jeder Imam hat. Deshalb laden viele Gemeinden in islamischen Ländern und auch in Deutschland besonders an wichtigen religiösen Feiertagen, zum Beispiel im Fastenmonat Ramadan, häufig einen Prediger von auswärts ein. Eine dritte zentrale Aufgabe des Imams besteht in der religiösen Unterweisung von Kindern und Jugendlichen, wozu in erster Linie der Unterricht des Arabischen als Sprache des Korans sowie dessen klangvolle Rezitation gehört. Weder die Kenntnis des Konversationsarabisch noch Koraninterpretation sind Ziel dieses Unterrichts, sondern vor allem die Aussprache und Phonetik. Diese ist notwendig, "um den Koran zum Klingen zu bringen", so Erol Pürlü. "Imam kann theoretisch jeder männliche Muslim werden, der die notwendigen notwendigen Qualifikationen vorweist, der also die rituellen Waschungen genau kennt, die rituellen Gebete und den Koran", so Pürlü. "Der Imam muss dieser Aufgabe nicht notwendigerweise hauptberuflich nachgehen, sondern er kann diese Tätigkeit auch neben seinem Beruf als Handwerker oder Kaufmann ausüben, mit dem er sich seinen Lebensunterhalt verdient."

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 17/Mai 2010. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Aus dem Blickwinkel der überwiegend christlich geprägten Mehrheit in Deutschland wird die Rolle des Imams oft mit der eines christlichen Pfarrers verglichen. Dies trifft allerdings nur in Teilbereichen zu. Vor allem gibt es für Imame keine Weihe, das heißt keinen Amtsauftrag im Sinne der kirchlichen Ordination. Hochzeiten, Beerdigungen, Kranken- oder Gefängnisbesuche und viele weitere Aufgaben, die zum Arbeitsfeld eines christlichen Pfarrers gehören, fallen traditionell nicht unter die Aufgaben eines Imams - auch wenn der Imam gern gesehener Gast bei Hochzeiten, Beschneidungsfeiern oder dem Iftar-Essen, dem traditionellen Fastenbrechen während des Ramadans, ist. Die Heirat selbst ist ein juristischer Akt und "für die rituellen Totenwaschungen, Krankenhausfürsorge oder seelische Betreuung zum Beispiel in Gefängnissen sind traditionell in den islamischen Ländern die Familien zuständig, nicht der Imam", erläutert der marokkanische Imam Abdelmalik Hibaoui. Er ist Leiter des Projekts "Interkulturelle Öffnung und Qualifizierung islamischer Gemeinden" der Stabsstelle für Integrationspolitik in Stuttgart.

Die Geschichte islamischer Gemeinden in Deutschland ist vergleichsweise jung. Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime ist im Rahmen der Gastarbeiteranwerbungen Anfang der 1960er-Jahre eingewandert. Die ersten Moscheevereine wurden in den 1970er-Jahren gegründet, die großen islamischen Verbände erst Ende der 1970er. Die Gemeinden sind also gerade 30 bis 40 Jahre alt. Und ihre Mitglieder befinden sich in einer Minderheitensituation in Deutschland. Gerade die kurze Geschichte islamischer Gemeinden in Deutschland, das fehlende islamisch-soziale Alltagsumfeld, der fortschreitende Verlust traditioneller Kenntnisse religiöser und ritueller Grundlagen in den Familien stellt den Imam in Deutschland vor Fragen, die ihm in den Herkunftsländern nie gestellt wurden: Wer vermag dem "Kleingedruckten" auf deutschen Lebensmittelverpackungen heute schon zu entnehmen, was z.B. "bio" oder was Kunstprodukt ist, geschweige denn, was "halal", was "haram" ist? Wie lassen sich also hier die Speisevorschriften einhalten? Was ist im Todesfall zu tun? Wie erziehe ich meine Kinder im Glauben? Wie ist mit interreligiösen Ehen umzugehen? "

Familien fragen um Rat bei Konflikten in der Ehe oder Problemen mit Jugendlichen; der Imam wird zu Totenwaschungen gerufen, weil die Familien die rituellen Waschungen nicht mehr kennen. Er muss heute erklären können, wie religiöses islamisches Leben in einem mehrheitlich nicht-islamischen Umfeld möglich ist: Er wird zum Berater in allen Lebenslagen, zum Psychologen, Lehrer und Seelsorger", meint Abdelmalik Hibaoui. Mehr noch, der Imam ist auch im Dialog gefordert, denn Krankenhäuser, Unfallnotärzte, Gefängnisse, Kindergärten und viele andere Institutionen in Deutschland suchen Rat, wie sie mit muslimischen Bürgern umgehen sollen. Kurz, der Super-Imam ist gefragt.



 

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