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Religiosität und Zugehörigkeit

Junge religiöse Muslime in Deutschland


20.5.2010
Junge religiöse Muslime leben ihre Religion häufig anders als ihre Eltern. Ihr Festhalten an Ritualen gilt als demonstrative Bestätigung der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Muslime. Gleichwohl sehen sich muslimische Jugendliche und junge Erwachsene oft ausdrücklich als Teil der deutschen Gesellschaft.

Moderner Lifestyle und die bewusste Selbstdarstellung als Muslimin: Mode des islamischen Labels Style-Islam.Moderner Lifestyle und die bewusste Selbstdarstellung als Muslimin: Mode des islamischen Labels Style-Islam. (© AP)

Der Name ist Programm: Muslim - The Next Generation. Das Online-Projekt, das im Januar von einer Gruppe junger deutscher Muslime gestartet wurde, steht unter dem Motto "Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir? Jetzt sprechen wir!" (muslim-generation.de). In den vergangenen Jahren sind eine ganze Reihe ähnlicher Initiativen von zumeist sehr religiösen muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen gestartet worden. Die Online-Community myumma.de oder das Online-Forum misawa.de sind vergleichbare deutschsprachige Angebote, in denen sich eine wachsende Zahl junger religiöser Muslime austauscht.

Die Popularität dieser Angebote beschränkt sich nicht auf das Internet. Im Verständnis der Initiatoren sind sie auch Anregung für gemeinsame Aktivitäten außerhalb des World Wide Web. Online- und Offline-Realitäten gehen hier ineinander über, wobei die Organisation gemeinsamer Veranstaltungen, der Austausch von Informationen oder Absprachen für die gemeinsame Teilnahme an Seminaren im Mittelpunkt stehen. Schließlich gehört die Dawa - die "Einladung zum Islam" - ebenso zum Selbstverständnis vieler Jugendlicher wie die Ausrichtung des eigenen Alltags an den Regeln des Islam.

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 17/Mai 2010. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Junge Muslime, die sich explizit und selbstbewusst zu ihrer Religion bekennen, haben an der neuen Sichtbarkeit des Islam in Deutschland einen großen Anteil. Ob beim "Tag der offenen Moschee", auf Diskussionsveranstaltungen zu den Themen Islam und Migration, oder in den neuen Medien - oft sind es gerade junge Muslime, die den Kontakt zur Öffentlichkeit suchen. Im Mittelpunkt steht dabei der Wunsch, den Islam als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft zu etablieren. Vereine wie die Muslimische Jugend in Deutschland (MJD) (siehe Seite 7), die Lifemakers oder die Lichtjugend, die in vielen Städten auch mit nicht-islamischen Akteuren zusammenarbeiten, haben sich in vielen Orten als Alternativen zu den traditionellen Moscheevereinen und den großen Islam-Verbänden etabliert. Es sind nicht die Mitgliederzahlen, die die Bedeutung dieser Initiativen ausmachen. Von den 3,8 bis 4,3 Millionen in Deutschland lebenden Muslimen beteiligt sich nur eine kleine Minderheit an den Aktivitäten dieser Vereine. Nur selten sind es mehr als einige Dutzend Personen, die formal als Mitglieder registriert sind. Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit, die sich an Muslime wie an Nicht-Muslime richtet, erreichen sie allerdings ein Publikum, das weit über den Mitgliederkreis hinausgeht.

Dies haben auch die traditionellen islamischen Organisationen erkannt: Verbände wie der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) oder die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) haben sich in den vergangenen Jahren verstärkt um einen modernen Auftritt bemüht, mit dem sie auch junge Muslime der zweiten und dritten Generation ansprechen wollen. So gehören das Multimedia-Portal waymo.de und das Online-TV-Angebot sogesehen.tv zu den Projekten, mit denen der ZMD gezielt auf jüngere Muslime zugeht. Dabei geht es den Verbänden auch darum, ihren Einfluss auf die Auslegung der islamischen Lehre und religiöser Praktiken zu bewahren. Denn die neuen Initiativen junger religiöser Muslime akzeptieren nicht mehr unhinterfragt die Deutungshoheit etablierter religiöser Autoritäten und deren Vertretungsanspruch gegenüber der nicht-islamischen Öffentlichkeit.

Rückehr zum Islam - oder neue Religiosität?



Die große Bedeutung des Islam für junge Muslime wird von vielen Studien bestätigt, die in den vergangenen Jahren unter Muslimen in Deutschland durchgeführt wurden. Laut einer Untersuchung der Bertelsmann- Stiftung von 2008 findet sich unter den 18- bis 29-Jährigen ein besonders großer Anteil "hochreligiöser" Muslime. Mit 43% ist ihr Anteil in dieser Altersgruppe am größten (Bertelsmann- Stiftung, Religionsmonitor 2008. Muslimische Religiosität in Deutschland). Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Umfrage des Zentrums für Türkeistudien, die Ende 2008 unter türkischstämmigen Muslimen durchgeführt wurde. Knapp 75% der 18-bis 29-Jährigen beschreiben sich hier als "eher" oder "sehr religiös", während sich nur knapp 60% der 45- bis 59-Jährigen entsprechend äußern (Zentrum für Türkeistudien, Türkeistämmige Migranten in Nordrhein-Westfalen und in Deutschland).

Dabei gibt es durchaus generationsbedingte Unterschiede, wie religiöse Muslime ihre Religion leben. Junge Muslime, die etwa in Duisburg oder Berlin aufgewachsen sind, teilen nicht zwangsläufig die Vorstellungen und Traditionen, mit denen ihre Eltern oder Großeltern in der Türkei oder dem Libanon groß geworden sind. Anders als in den Herkunftsländern der Eltern- und Großelterngeneration, in denen die Zugehörigkeit zur islamischen Gemeinschaft als selbstverständlich galt, haben junge Muslime in der nicht-islamischen deutschen Umwelt oft das Bedürfnis, ihre religiöse Identität und ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Muslime herauszustellen - und demonstrativ durch Rituale und Symboliken zu bekunden. Rituale wie das Fasten, das Einhalten der Gebete oder das Tragen des Kopftuchs gewinnen damit auch eine identitätspolitische Bedeutung: Gerade die nach außen demonstrierte Orientierung an Speisegesetzen und die strenge Unterscheidung zwischen islamisch Zulässigem ("halal") oder Unzulässigem ("haram") dient der Identifikation mit der Gemeinschaft - und der Abgrenzung gegenüber Nicht-Muslimen. Das zeigt sich zum Beispiel in der Einhaltung des Verbots von Alkohol und Schweinefleisch, das viele junge Muslime sehr ernst nehmen (Religionsmonitor).

In diesem Zusammenhang steht auch das Phänomen der "Neo-Muslimas" oder der "New-born-Muslims". Dabei handelt es sich um Jugendliche, die von ihren Eltern nicht religiös erzogen wurden und in deren Leben Religion lange keine Rolle spielte. Im jungen Erwachsenenalter wenden sich diese "wiedergeborenen Muslime" umso entschiedener dem Islam zu. Die betonte Orientierung an religiösen Werten und Geboten markiert für sie einen biografischen Bruch, mit dem eine neue Lebensphase eingeleitet wird. Für einige dieser Muslime steht die wiederentdeckte Religiosität auch für die Abwendung von einem Lebensstil, der geprägt war von Alkohol- und Drogenkonsum, sexueller Freizügigkeit oder auch von Kriminalität.



 

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