Signale gegen Frust und Unverständnis
Was Pädagogen tun können, um Konflikten mit muslimischen Schülern und Eltern vorzubeugen
Tatsächliche oder vermeintliche Vorbehalte gegenüber dem Islam werden von muslimischen Schülern genau registriert, was zur Ablehnung von Lehrern oder der Schule insgesamt führen kann. Wie können Schule, muslimische Schüler und deren Eltern zu einem angemessenen Umgang finden?
Das "globalisierte Klassenzimmer" - Respekt und Dialog sind die Mittel der Wahl, um Frustrationen und daraus häufig resultierenden Projektionen über "die anderen" vorzubeugen. (© AP)Im Gespräch klagen muslimische Schüler und ihre Eltern häufig über Lehrer und Schulleitungen: Diese seien Muslimen und dem Islam gegenüber kritisch oder gar feindselig eingestellt. So würden zum Beispiel muslimische Schülerinnen oft diskriminiert, wenn sie sich mit einem Kopftuch als Muslime zu erkennen geben. Viele Schüler geben an, dass Lehrer abfällige Bemerkungen über Religion, Herkunft oder Tradition äußerten, die bis zu offenem Rassismus gehen können. So berichtete mir eine Schülerin einer Berliner Realschule, wie ein Lehrer ihr erklärt habe, dass sie doch mit einer Drei in Deutsch zufrieden sein solle: "Für eine Türkin ist das doch gut!"
Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie",
Ausgabe Nr. 16/März 2010. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.
Konkrete Studien über das Ausmaß von Islamfeindlichkeit und Ressentiments gegenüber Muslimen, Türken oder Arabern speziell an Schulen gibt es nicht. Jedoch legen Untersuchungen und Umfragen in der Gesamtbevölkerung nahe, dass Unkenntnis, Stereotypen, Vorurteile bis hin zu offener Feindseligkeit gegenüber Islam und Muslimen in allen Teilen der Gesellschaft verbreitet sind. So erklärten in einer Studie des Bielefelder Konfliktforschers Wilhelm Heitmeyer fast 40% der Befragten, sich "durch die vielen Muslime wie Fremde im eigenen Land" zu fühlen. 67% der Befragten halten die "muslimische Kultur" und deren Werte für unvereinbar mit der eigenen (Heitmeyer, Deutsche Zustände 2007). Vergleichbare Einstellungen dürften also auch in Schulen und Lehrerzimmern bekannt sein.
Ratlos im Schulalltag
Befördert werden diese durch den oft äußerst schwierigen Schulalltag, mit dem Lehrer gerade in sozialen Brennpunkten konfrontiert sind: Nicht selten werden hier Lehrer von einzelnen Schülern mit Migrationshintergrund in besonderer Weise herausgefordert, provoziert und "getestet". Dies geschieht auch vor dem Hintergrund, dass einige dieser Kinder und Jugendlichen kaum über andere "deutsche" Bezugspersonen verfügen. In der Ausbildung werden Pädagogen dagegen nur unzureichend auf solche Situationen vorbereitet. Wie man mit Klassen arbeiten kann, in denen die große Mehrheit der Schüler einen Migrationshintergrund hat, erfahren sie in der Lehrerausbildung höchstens am Rande.
Viele Lehrkräfte sind hier ratlos, was im Schulalltag zu Frustrationen und mitunter zu Projektionen und stereotypen Zuschreibungen führen kann: So kann sich bei Lehrern angesichts der vor allem in Brennpunktvierteln verbreiteten Probleme schnell der Eindruck einstellen, "muslimische Schüler" seien gleichbedeutend mit "schlechten Schülern". Auch auffälliges Verhalten, Probleme oder Konflikte werden - mitunter sogar in der Absicht, Verständnis zu zeigen - "kulturalisiert", das heißt auf Herkunft, Tradition und Religion der Schüler zurückgeführt.
Übersensible Wahrnehmung
Auf Seiten muslimischer Schüler und Eltern werden solche Zuschreibungen und die damit verbundenen subtilen Diskriminierungen sehr genau wahrgenommen. Das teilen sie in Gesprächen immer wieder mit. Dabei sind allerdings oft auch Missverständnisse und übersensible Wahrnehmungen zu beobachten - etwa wenn kritische Anmerkungen von Lehrern gegenüber spezifischen Formen von Religiosität gleich als Ausdruck genereller Islamfeindschaft bewertet werden.
Die Folge sind nicht selten Abwehr- und Protesthaltungen, mit denen muslimische Schüler ihre religiöse Identität noch stärker betonen und die sie entsprechend anerkannt sehen wollen. Mitunter bestehen sie nun erst recht auf der Einhaltung "islamischer" Regeln (etwa zum Fasten oder Beten in der Schule) - oder was sie dafür halten. Dies wiederum kann seitens der Schule den Eindruck erwecken, sich tatsächlich im Kampf gegen eine vermeintliche Islamisierung zu befinden.
Ein Vorfall aus einem Gymnasium in Berlin- Neukölln zeigt, welches Spannungspotential in diesen Konflikten liegt: Ein dort tätiger Ethiklehrer berichtete, dass er seinen Schülern ein kritisches Religionsverständnis nahe bringen wolle. An einem Gymnasium, so seine Erwartung, müsse "das ja wohl möglich sein". Doch als er eines Tages den Klassenraum betritt, erheben sich zehn der überwiegend muslimischen Schüler und skandieren "Allahu akbar!" ("Gott ist groß!")
Dossier
Islamismus
Seit 9/11 hat ein Wort Hochkonjunktur: Islamismus. Wer sind seine Wortführer? Welche Ziele verfolgen sie? Das Dossier führt ein in Vergangenheit und Gegenwart der extremistischen Herrschaftstheorie, die die Welt des 21. Jahrhunderts vor große Herausforderungen stellt. Weiter...
DebatteKonfliktstoff Kopftuch
Darf eine muslimische Lehrerin in deutschen Schulen ein Kopftuch tragen? Die Debatte um das Kopftuch zeigt eine Gesellschaft auf der Suche nach ihrer Identität. Weiter...

