Islamische Bademode
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"Der Islam ist unsere Religion, Deutschland unsere Heimat"

Ein Gespräch mit Hischam Abul Ola, Vorsitzender der Muslimischen Jugend in Deutschland, über die Jugendarbeit der MJD


19.5.2010
Die MJD ist eine bundesweite Organisation für muslimische Jugendliche. Ihre Arbeit wird teilweise sehr kontrovers diskutiert. Was bedeutet eine "deutsch-muslimische Identität", was passiert in den Sommer-Camps und wie steht sie zu Vorwürfen, sie habe Verbindungen zur islamistischen Muslimbruderschaft? Ihr Vorsitzender Hisham Abul Ola gibt Antworten.

Hischam Abul OlaHischam Abul Ola (© privat)

Herr Abul Ola, die Muslimische Jugend in Deutschland veranstaltet regelmäßig Jugendcamps. In den Sommerferien kommen dort bis zu tausend junge deutsche Muslime zusammen. Was passiert in diesen Camps?

An diesen Freizeiten nehmen religiöse Jugendliche mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen aus ganz Deutschland teil. Sie verbringen hier gemeinsam Freizeit und tauschen sich aus – es geht um Themen wie Freundschaft, Eltern oder Schule und insbesondere auch um ihre Religion. Wir bieten dazu alle möglichen Workshops und Diskussionsrunden an. Wir informieren dabei über die Gründung von Jugendgruppen, wir zeigen Entspannungsübungen gegen Stress und Ängste, bieten Rhetorikkurse an. Oder es geht um "Integration und Partizipation aus muslimischer Sicht". Hier diskutieren wir anhand islamischer Quellen ein modernes Verständnis von der Pflicht, sich in der Gesellschaft zu engagieren.

Worum geht es dabei genau?

Zum einen um Glaubensinhalte, wir haben ja hauptsächlich mit religiösen jungen Leuten zu tun. Ein Schwerpunkt ist es dabei, sie in die Lage zu versetzen, sich in einem kritischen Diskurs selbst eine Meinung zu islamischen Themen zu bilden. Dann geht es um Themen, die insbesondere Muslime im Westen betreffen, also Fragen der Demokratie, den interreligiösen Dialog, Zwangsheirat, Terrorismus und Extremismus. Dazu kommen Fragen, die Migranten und Minderheiten angehen, wie Integration, Bildung, Interkulturalität und Identität. Meistens steht allerdings das Jugendliche im Vordergrund, also Workshops, in denen kreative oder musikalische Fähigkeiten gefördert werden – etwa Schreibwerkstätten, Radio- und Video Workshops, Folklore und Rap oder Theater. Insgesamt sollen die Angebote Jugendliche mit ihren Fähigkeiten fördern. Da gibt es keinen Unterschied zu anderen Jugendinitiativen. Außerdem haben wir in den letzten Jahren AGs mit Vertretern unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen angeboten. Zuletzt hatten wir Leute von Greenpeace, der Polizei und jüdischen Organisationen hier. Wir möchten auf diesem Weg zur Entwicklung einer deutsch-muslimischen Identität beitragen und die Jugendlichen zur gesellschaftlichen Partizipation motivieren.

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 17/Mai 2010. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Was ist das für Sie, eine "deutsch-muslimische Identität" und warum halten Sie diese für wichtig?

Sehr viele Jugendliche muslimischer Herkunft sehen sich zunächst gar nicht als Deutsche, sondern vor allem als Türken, Araber oder Bosnier. Aber die meisten von ihnen stehen irgendwann bewusst oder unbewusst vor Fragen: Wie weit bestimmt mich die Herkunft meiner Eltern in meinem Leben und in meinem Handeln? Welche Sitten und Bräuche der Mehrheitsgesellschaft habe ich mir angeeignet und begrüße sie auch in meinem Leben? Und dann kommt die Frage, wie diese Sitten und Normen mit meinem Islamverständnis zu vereinen sind.... Eine deutsch-muslimische Identität hilft, diese Fragen zu beantworten: Sie trägt dazu bei, scheinbare Widersprüche aufzulösen und sich eine individuelle Identität aus den verschiedenen Elementen zusammenbasteln. Dabei verstehen wir unter einer deutsch-muslimischen Identität, sich bewusst als deutscher Muslim zu sehen. Der Islam ist unsere Religion, Deutschland unsere Heimat, der wir uns verbunden und verpflichtet fühlen. Wir machen deutlich, dass es für uns keine Alternative hierzu gibt, weil wir genau das sind: Deutsche Muslime. Das ist das Land, in dem wir geboren sind, dessen Werte, Bräuche und Sprache wir kennen, wie keine anderen. Mit unserem Bewusstsein einer deutsch-muslimischen Identität sind wir hier den meisten Moscheevereinen ein paar Schritte voraus.

Die Muslimische Jugend in Deutschland (MJD)

Die Muslimische Jugend in Deutschland wurde 1994 gegründet und gewann in den vergangenen Jahren vor allem unter sehr religiösen muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen an Popularität. In zahlreichen Städten unterhält sie sogenannte Lokalkreise. Zu ihren etwa 900 registrierten Mitgliedern gehören überwiegend bildungsnahe junge Muslime zwischen 13 und 30 Jahren. Der Verein wendet sich aber ausdrücklich an alle Muslime – unabhängig von Nationalität und Herkunft. Sich selbst beschreibt die MJD auf ihrer Vereinshomepage mit den Schlagworten "multikulturell", "islamisch", "mittendrin" und "hip".

Im Jahr 2008 nahmen über 1.000 Jugendliche am Jahrestreffen der MJD teil. Das Programm war weit gefächert: Neben Rap-Workshops, Origami-Kursen und Koranlektüre fanden auch Diskussionen mit Greenpeace-Vertretern statt. Beim Jahrestreffen 2009 referierte ein Vorstandsmitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland und ein Vertreter der Polizei informierte über das Thema häusliche Gewalt.

Die MJD steht unter Beobachtung von Verfassungsschutzbehörden, die ihr unter anderem personelle und organisatorische Verbindungen zum Netzwerk der islamistischen Muslimbruderschaft in Deutschland und Europa vorwerfen. 2003 beendete das Bundesfamilienministerium die finanzielle Förderung der MJD. In den letzten Jahren hat sich die Jugendorganisation bemüht, Vertrauen zurückzugewinnen und nicht-islamische zivilgesellschaftliche Akteure für Kooperationen zu gewinnen – etwa im interreligiösen Dialog.

Die Diskussion über die MJD und die Förderung ihrer Jugendarbeit geht allerdings weiter: Zwar erreicht die MJD ein junges und religiöses Publikum, das sich von den Angeboten der herkömmlichen Jugendarbeit ebenso wenig angesprochen fühlt wie von den "klassischen" Moscheegemeinden. Doch ihre Positionen reichen bis in das moderat-islamistische Spektrum hinein: Bei vielen Veranstaltungen herrscht Geschlechtertrennung und religiöse Gebote werden meist im engen Rahmen der Positionen traditioneller islamischer Religionsgelehrter ausgelegt. Kritiker werfen der MJD daher Uniformität vor und fragen, ob die Organisation die Integration muslimischer Jugendlicher in Deutschland fördert oder eher behindert.



Und auf welche Weise versuchen Sie, den Jugendlichen das zu vermitteln?

Zunächst versuchen wir, den Ursachen für die generelle Haltung vieler Jugendlicher auf den Grund zu gehen. Das viele von ihnen sich den Heimatländern ihrer Eltern zumindest verbal verbundener fühlen, kommt ja nicht von ungefähr. Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen spielen hier eine entscheidende Rolle. Wenn man immer wieder gesagt bekommt und spürt, dass man hier als Ausländer gesehen und behandelt wird, weckt das ein Gefühl des Fremdseins. Wir versuchen diese Erfahrungen zu kompensieren – vor allem durch Reflexion und Diskussion, aber auch durch positive Vorbilder, die zeigen, wie sich Integration und Religiosität vereinen lassen. Das ermutigt die Jugendlichen, sich nicht ausgrenzen zu lassen, sondern aktiv den Weg in die Gesellschaft zu suchen. In der Regel führt das dazu, dass Deutschland als Heimat verstanden wird und unseren aktuellen Lebensmittelpunkt darstellt. Eine weitere Ursache dafür, dass junge Muslime sich nicht mit Deutschland identifizieren wollen, ist die Behauptung, dass Islam und europäische lebensweise nicht mit einander vereinbar seien. Das erklären ja Radikale auf muslimischer ebenso wie auf nicht-muslimischer Seite. Einer solchen Radikalisierung wirken wir entgegen, indem den Jugendlichen ein authentischer Islam und ein ausgewogenes Religionsverständnis vermittelt wird, das in keinem Widerspruch zur europäischen Lebensweise steht. Da leisten wir Präventionsarbeit gegen ein Islamverständnis, das anfällig für extremistsiche Richtungen ist. So versuchen wir auch, die Jugendlichen zu mehr politischer Partizipation zu motivieren, indem wir sie auffordern, sich mit der Parteienlandschaft auseinanderzusetzen, wählen zu gehen und sich aktiv in den etablierten Parteien einzubringen.

Was genau meinen sie mit einem "ausgewogenen Religionsverständnis?"

Um Ausgewogenheit geht es in vielerlei Hinsicht. So kann man sich ja zum Beispiel Spiritualität und Askese vollkommen hingeben und dadurch weltliche Angelegenheiten vernachlässigen. Auf der anderen Seite gibt es Muslime, die religiöse Praxis und religiöse Moralvorstellungen vollkommen ablegen und ihr gar keinen Raum im eigenen Leben einräumen. Da versuchen wir in allen Lebensbereichen einen Mittelweg einzuschlagen. Wenn Jugendliche zu uns kommen, die meinen, religiöse Gebote wie das Beten spielten für sie überhaupt keine Rolle; oder solche mit einem sehr einengenden, wortwörtlichen Islamverständnis, in dem auch die kleinsten Punkte wie die Länge des Bartes oder der Hosen zu essentiellen Fragen stilisiert werden.... Also Leute, die diesen beiden Extremen folgen, werden sich bei uns nicht wohl fühlen. Für uns ist wichtig, dass der Islam ja die Flexibilität mitbringt, sich an örtliche und zeitliche Gegebenheiten anzupassen. Als verbindliches Wertesystem lässt er nicht nur genug Freiraum zur Integration in andere politische Systeme, sondern stimmt mit der demokratischen Ordnung im Wesentlichen überein – zum Beispiel bei den Grundrechten wie Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, der Unantastbarkeit der Würde. Sie sind dem Islam immanent. Die meisten Angelegenheiten sind jedoch vom Islam nicht abschließend bestimmt und können auf demokratischem Weg geregelt werden. Auch die MJD selbst funktioniert so. Die Mitgliederversammlung wählt den Vorstand aus ihren eigenen Reihen. Und im Vorstand als auch in den Teams und Arbeitsgruppen der MJD gilt die Devise, Diskussionen nach Möglichkeit bis zum Konsens zu führen. Das hat nicht selten angeregte und langwierige Diskussionen zur Folge.



 

Dossier

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