Islamische Bademode
1 | 2 Pfeil rechts

Fatwas für Europa

Dürfen Muslime bei McDonald's arbeiten?


10.3.2010
Der Ägypter Yusuf Al-Qaradawi gilt als Vordenker der Muslimbruderschaft, gleichzeitig ist er Präsident des "Europäischen Fatwa- und Forschungsrats". Trotz der Offenheit für pragmatische Lösungen ist dessen Leitmotiv der Zusammenhalt der muslimischen Gemeinschaft.

Darf ein Muslim seinen Lebensunterhalt bei McDonald's verdienen, oder ist Muslimen der Verkauf von Schweinefleisch verboten?Darf ein Muslim seinen Lebensunterhalt bei McDonald's verdienen, oder ist Muslimen der Verkauf von Schweinefleisch verboten? (© AP)

Natürlich sei es legitim, sich als Muslim in nicht-islamischen Ländern niederzulassen, betonte Yusuf Al-Qaradawi im Oktober in einer Fernsehsendung auf Al-Jazeera: Schutz vor Verfolgung oder die Aneignung wissenschaftlicher Kenntnisse seien gute Gründe, die islamische Welt zu verlassen. Dies sei letztlich auch im Interesse des Islam selbst, so Qaradawi weiter. Denn wie hätte sich der Islam in seiner Frühzeit verbreiten können, wenn "die Muslime nur in islamische Länder gegangen wären?"

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 16/März 2010. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Qaradawi ist der wohl bekannteste zeitgenössische islamische Gelehrte. Der gebürtige Ägypter lebt seit den 60er Jahren in Qatar, von wo aus er sich weltweit einen Namen machte - auch unter Muslimen in Europa. In zahlreichen Schriften beschäftigt er sich mit der Situation von Muslimen in nicht-islamischen Gesellschaften. Gilt für Muslime in Europa die Scharia? Welche Pflichten haben Muslime gegenüber einer nicht-islamischen Regierung? Und wie verhält man sich als Muslim in der Weihnachtszeit gegenüber seinen christlichen Nachbarn?

Erlaubtes und Verbotenes



Qaradawis Antworten auf diese Fragen haben vor allem bei sehr religiösen Muslimen Gewicht. Einfluss gewann er durch seine über 120 Veröffentlichungen, darunter den Klassiker "Erlaubtes und Verbotenes im Islam", der auch in deutscher Übersetzung erhältlich ist. Über seine Fernsehsendungen auf Al-Jazeera und das Internet-Portal Islam-Online erreicht der 83-jährige Gelehrte mittlerweile ein Millionen-Publikum. Auch in Deutschland beziehen sich verschiedene konservative islamische Organisationen auf Qaradawi und die von ihm vertretenen Positionen. So verlinkt das Islamische Kultur- und Erziehungszentrum (IKEZ) in Berlin auf seiner Website ausdrücklich auf Islam-Online.

Dabei ist Qaradawi gerade unter westlichen Beobachtern sehr umstritten. Zuletzt machte er mit Aussagen über Weihnachten in islamischen Ländern von sich reden. Zwar sei es aus seiner Sicht durchaus mit dem Islam vereinbar, dass Christen ihre religiösen Feste auch in islamischen Ländern begehen. Allerdings wendet er sich entschieden gegen eine Übernahme christlicher Feste durch Muslime und kritisierte, dass in islamischen Ländern immer häufiger Weihnachtsdekorationen zu sehen seien. Es sei die Pflicht der Muslime, ihre islamische Identität zu bewahren und sich gegen fremde Einflüsse abzuschirmen.

Die Bewahrung der islamischen Identität ist das große Thema Qaradawis. Auf Islam-Online wenden sich daher vor allem junge Muslime mit religiösen Fragen an die islamischen Gelehrten, die dort Auskunft geben: Darf ich ohne Kopftuch beten, wenn an meiner Arbeitsstelle Kopftücher verboten sind? (Antwort der Online-Gelehrten: Nein, das Gebet ohne Kopftuch ist immer ungültig.) Darf ich Augenkontakt mit dem anderen Geschlecht haben? (Nur wenn es sich nicht vermeiden lässt.) Darf ich die Zinsen behalten, die mir die Bank zahlt? (Nein, sie sollten an eine wohltätige Einrichtung gespendet werden.)

Bekenntnis zur Scharia



Qaradawi selbst gilt als Vordenker der islamistischen Muslimbruderschaft. Zwar präsentiert er sich als Verfechter der "wasatiyya", einer "Mittelposition", die nach einer gemäßigten Position zwischen den Extremen suche. Doch bekennt er sich zur maßgeblichen Rolle der Scharia im gesellschaftlichen Alltag. Das spiegelt sich etwa in extremen Vorstellungen über Geschlechterrollen und Sexualität wider: Homosexualität (für Islam-Online ein "abscheuliches Verbrechen") oder Sex vor der Ehe stellen für Qaradawi schwerste Sünden dar, die laut Scharia mit körperlichen Strafen bis hin zur Todesstrafe geahndet würden. Und während Qaradawi die Anschläge in New York, Madrid oder London ablehnt, bezeichnete er Selbstmordanschläge in Israel sogar als "religiöse Pflicht". Schließlich gehe es hier um die Verteidigung einer "Sache Gottes".

Qaradawi ist auch Präsident des 1997 in Dublin gegründeten Europäischen Fatwa- und Forschungsrates (ECFR). Fatwas sind Gutachten, die religiöse Gelehrte zu Fragen von Muslimen aus dem gesellschaftlichen und privaten Leben erstellen können. Der Rat, an dem neben Qaradawi mehr als 30 andere islamische Religionsgelehrte aus Europa und islamischen Ländern beteiligt sind, möchte Regeln für den Alltag von Muslimen in nicht-islamischen Gesellschaften aufstellen. Die Gutachten des Rates lassen jedoch keinen Zweifel daran, dass ihm dabei der Zusammenhalt der islamischen Gemeinschaft und die Durchsetzung seines eigenen Islamverständnisses wichtiger ist, als die Interessen der einzelnen Muslime.



 

Dossier

Islamismus

Seit 9/11 hat ein Wort Hochkonjunktur: Islamismus. Wer sind seine Wortführer? Welche Ziele verfolgen sie? Das Dossier führt ein in Vergangenheit und Gegenwart der extremistischen Herrschaftstheorie, die die Welt des 21. Jahrhunderts vor große Herausforderungen stellt. Weiter... 

Fereshta Ludin, Vordergrund rechts, und ihr Anwalt Hansjoerg Melchinger, Vordergrund links, verfolgen die Urteilsverkündung des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe am Mittwoch, 24. September 2003. Nach dem Urteil aus Karlsruhe kann das Land Baden-Württemberg einer muslimischen Lehrerin das Tragen eines Kopftuches nur verbieten, wenn es dafuer ein neues Gesetz verabschiedet.Debatte

Konfliktstoff Kopftuch

Darf eine muslimische Lehrerin in deutschen Schulen ein Kopftuch tragen? Die Debatte um das Kopftuch zeigt eine Gesellschaft auf der Suche nach ihrer Identität. Weiter... 

Dossier

Gangsterläufer

Der Dokumentarfilm "Gangsterläufer" begleitet den jungen Intensivtäter Yehya E. Seine kriminelle Energie und sein Reflexionsvermögen erstaunen und schockieren zugleich. Die bpb zeigt den Film - ergänzt um Analysen und Interviews zu Themen wie Jugendkriminalität, "Problemviertel", Flucht und Migration. Weiter... 

Dossier

Neukölln Unlimited

Die Geschwister Lial, Hassan und Maradona wachsen in Berlin Neukölln auf, ihre Jugend ist von der Leidenschaft für Breakdance und Musik geprägt, aber auch vom Kampf der Familie für ihr Bleiberecht. Der Dokumentarfilm "Neukölln Unlimited" zeigt den Alltag und die Träume selbstbewußter junger Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und kann für wichtige Fragen der politischen Bildung sensibilisieren in den Themenfelder Migration, Asyl, Bildung und Jugendkultur. Weiter...