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Welcher Islam?

Die Diskussion um den islamischen Religionsunterricht geht weiter


16.12.2009
Bisher gibt es keinen ordentlichen islamischen Religionsunterricht in Deutschland. Der Streit um das Schulbuch Saphir 5/6 zeigt, dass vieles noch nicht abschließend geklärt ist: Welche Materialien sollen verwendet werden? Welches Islamverständnis soll der Unterricht vermitteln?

"In Deutschland leben": Blick in das Schulbuch Saphir 5/6."In Deutschland leben": Blick in das Schulbuch Saphir 5/6. (© AP)

Die Einführung und Gestaltung eines islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen ist eines der zentralen Themen für die Zukunft des Islam in Deutschland. Hier geht es um junge deutsche Muslime, die in den kommenden Jahrzehnten den Islam in Deutschland prägen werden. Noch sind allerdings wesentliche Fragen zum Unterricht offen. So gibt es bis heute in keinem Bundesland einen ordentlichen islamischen Religionsunterricht. Da dieser laut Art. 7 III des Grundgesetzes in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der jeweiligen Religionsgemeinschaft stattfinden muss, ist eine Zusammenarbeit mit islamischen Organisationen unabdingbar.

Auch hier stellt sich allerdings jene Frage, die viele Auseinandersetzungen um den Islam bis heute bestimmt: Wer repräsentiert den Islam und die Muslime in Deutschland? Das heißt in diesem Fall: Welche islamischen Organisationen können mit den staatlichen Stellen in der Ausbildung von Religionslehrern, der Bestimmung der Inhalte des Unterrichts und der Auswahl der Lehrmaterialien zusammen arbeiten?

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 15/Dezember 2009. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Bisher gibt es lediglich einen alevitischen Religionsunterricht. Vorformen eines sunnitischen Religionsunterrichts werden in Modellversuchen erprobt. Fortwährend umstritten ist dabei die Anerkennung einzelner islamischer Organisationen als Religionsgemeinschaft, in deren Verantwortung der Religionsunterricht durchzuführen wäre. So wird etwa der DITIB vorgehalten, zu sehr Interessen der Türkei in Deutschland im Auge zu haben. Und die IGMG, die mitgliederstärkste Organisation des Islamrates, steht weiterhin unter Islamismusverdacht und wird durch Verfassungsschutzbehörden von Bund und Ländern beobachtet – auch dabei spielt die ideologische Anbindung an türkische Organisationen und Parteien eine große Rolle (siehe Kasten).

Eine weitere wichtige Frage ist die nach den Zielen eines islamischen Religionsunterrichts und einer dementsprechenden Gestaltung der Lehrmaterialien: Wie kann ein Unterricht aussehen, der islamkundliches Wissen vermittelt und gleichzeitig islamischer Bekenntnisunterricht sein soll?

Dieses Ziel verfolgt das Schulbuch Saphir 5/6. Religionsbuch für junge Musliminnen und Muslime, das im Sommer 2008 erschienen ist. Herausgeber und verantwortlich für die pädagogische und didaktische Gesamtkonzeption sind die Islamwissenschaftler und Religionspädagogen Lamya Kaddor, Rabeya Müller und Harry Harun Behr. Über dieses Buch ist unter Muslimen in Deutschland ein Streit entbrannt, über den wir PDF-Icon in der letzten Ausgabe des Newsletters berichteten.

Kritik der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs



In einer öffentlichen Stellungnahme hatte die IGMG deutliche Kritik an der Ausrichtung des Buches geäußert und erklärt, das Buch sei für den islamkundlichen nur bedingt und für einen bekenntnisorientierten Unterricht gar nicht geeignet. Bemängelte wurde von Seiten der IGMG vor allem, dass in Saphir zu viel Distanz zum Islam als Religion zum Ausdruck komme. Entgegen den Ansprüchen "der Muslime" an den Religionsunterricht gehe es den Autoren des Buches nicht um die Verkündung von Glaubenswahrheiten, sondern um die Vermittlung islamkundlicher Informationen. Ein solcher Unterricht widerspreche sowohl dem "Selbstverständnis und den Erziehungszielen der muslimischen Religionsgemeinschaften" als auch den Vorgaben des Grundgesetzes.

Ein Beispiel für die islamkundliche Ausrichtung des Buches sei die "fehlende Vermittlung der Praxis des Islams". Über die Einzelheiten, die "äußere Form" und die Art und Weise der Verrichtung der Gebete erführen die Schüler wenig, stattdessen stünde "der Aspekt der geistigen Zuwendung zu Gott" im Vordergrund. Es entstünde der Eindruck, so die IGMG, dass "das Gebet letztendlich nur zur seelischen Bindung und Erinnerung an Allah dient und die rituelle Form sowie die einzelnen Pflichten dabei nicht von Bedeutung" seien. Auch die Darstellung des Islam im Verhältnis zu anderen Religionen wird von der IGMG in diesem Tenor kritisiert: Der Islam erscheine hier nur als "einer von vielen Wegen", wobei die Grenzen zwischen den Religionen verwischt würden. Erst auf der Grundlage eines eigenen religiösen Selbstverständnisses könne aber aus Sicht der IGMG eine Annäherung an andere Religionen erfolgen.

Zudem würde in Saphir das "klassisch Islamische", so heißt es in der Erklärung der IGMG, als "eher unästhetisch" dargestellt und solle offenbar "aus dem öffentlichen Leben verbannt" werden. Stattdessen würde den Schülern im Kapitel "Muslime in Deutschland" ein "alternatives Islamverständnis" und die ehemalige Bundestagsabgeordnete Lale Akgün (SPD) als Modellfigur vorgestellt. "Die breite Masse der Muslime", so die IGMG, würde sich hingegen fragen, ob nun ausgerechnet Akgün "die am besten geeignete Person ist, stellvertretend für die Muslime in Deutschland abgebildet zu werden".

Die Stellungnahme der IGMG zum Religionsunterricht spiegelt den identitätspolitischen Ansatz der Organisation wider. Sie beansprucht, mit ihren Positionen "die Muslime" – oder zumindest eine Mehrheit der Muslime in Deutschland – zu vertreten. Dabei betont die IGMG die Besonderheit des Islam und hebt dementsprechend die Unterschiede zu anderen Religionen und der nicht-muslimischen Umwelt hervor. Damit zieht sie sich immer wieder den Vorwurf zu, einer Integration von Muslimen im Wege zu stehen.

Die IGMG selbst verfolgt demgegenüber das Konzept, dass Integration nur auf der Basis eines ausgeprägten eigenen (religiösen) Selbstverständnisses gelingen könne. Mit ihrem Islamverständnis vertritt sie dabei mehrheitlich konservativ-traditionell geprägte religiöse Milieus. Hier sind das Festhalten an Ritualen, äußeren Formen und Konventionen – etwa beim Gebet, dem Tragen des Kopftuches oder der Geschlechtertrennung beispielsweise in der Jugendarbeit – oft wichtiger als der Bezug auf universelle Werte.



 

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