Islamische Bademode

"Verfluchte Freiheit"

Ein Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Hamed Abdel-Samad


17.12.2009
Mitte der 90er-Jahre kam Hamed Abdel-Samad von Ägypten nach Deutschland. Seine anfängliche Orientierungslosigkeit führte dazu, dass er radikale Deutungen des Islam vertrat, schreibt er in seinem Buch "Mein Abschied vom Himmel". Im Gespräch schildert Abdel-Samad, wie der Orientierungslosigkeit vieler junger Migranten zu begegnen wäre.

Hamed Abdel-Samad. Ausschnitt aus dem Cover "Mein Abschied vom Himmel"Hamed Abdel-Samad. Ausschnitt aus dem Cover "Mein Abschied vom Himmel" (© Fackelträger Verlag )

Herr Abdel-Samad, In Ihrem Buch beschreiben Sie Ihre Versuche, als ägyptischer Student in Deutschland Fuß zu fassen. Sie zeichnen das Bild eines ´doppelt befreiten´ jungen Mannes: befreit von Schranken und Zwängen, die Sie aus der ägyptischen Gesellschaft gewohnt waren, aber auch befreit von sozialen Bindungen und Gewissheiten, die Ihnen zuvor Orientierung gaben. Können Sie erklären, worin genau die zwei Seiten der ´neuen Freiheit´ bestanden?

Ich komme aus einem Land, in dem es ein ungeschriebenes Abkommen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft gibt: Du akzeptierst die Regeln, aber auch die Zwänge der Kollektivgesellschaft und stellst sie nicht infrage und kannst dafür mit der Solidarität und Anerkennung aller rechnen. Bei jeder Entscheidung steht dir entweder der Vater, der Lehrer, der Imam oder ein Vers aus dem Koran zur Seite. Man ist nie alleine, im positiven wie im negativen Sinne. Die Individualität wird für Geborgenheit und Halt aufgegeben.

Dann kam ich nach Deutschland und stellte fest, dass es auch hier ein ungeschriebenes Abkommen gibt: ´Du kannst machen was du willst, aber nerv uns nicht damit. Du bist auf dich allein gestellt, kein Big Brother, kein Ratgeber, viel Spaß! Auch wenn der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung der Grund war, warum ich mich auf den Weg nach Deutschland machte, kam mir diese Freiheit am Anfang eher wie eine Last vor. Welche Seminare ich an der Uni besuche, was verboten oder erlaubt ist – das entschieden plötzlich nicht mehr andere für mich, sondern ich alleine hatte die Qual der Wahl.

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 15/Dezember 2009. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Das führte zunächst zu Konfusion und moralischer Desorientierung: Entweder habe ich die ´verbotenen Früchte des Abendlandes´ exzessiv konsumiert, oder ich zog mich in die Moschee zurück und wurde noch religiöser als früher in Ägypten, um mich vor dieser ´verfluchten Freiheit‘ zu schützen! Später dachte ich daher, Freiheit sei wie ein Wagen, den man nur fahren sollte, wenn man einen Führerschein hat. Heute denke ich, sie ist wie kaltes Wasser, man stürzt sich hinein und hofft darauf, irgendwann die Balance zu finden.

Was half Ihnen, diese Balance zu finden?

Viele haben versucht mir zu helfen, aber ich war in meinen starren Denkstrukturen gefangen. Später erkannte ich, dass ich mit mir selbst über meine Welt- und Gesellschaftsbilder neu verhandeln muss. Mir wurde klar, dass mich diese schizophrene Art zu leben und zu denken isoliert und letztlich dazu führt, dass ich alle meine Ängste, Versäumnisse und Unzulänglichkeiten auf Deutschland projiziere.

Hamed Abdel-Samad, Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland, Köln: Fackelträger 2009, 320 S., EUR 19,95.Hamed Abdel-Samad, Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland, Köln: Fackelträger 2009, 320 S., EUR 19,95. (© Fackelträger )
Ich machte eine Art Inventur und beschloss, mich von vielen Vorstellungen zu trennen, die ich im Koffer mit nach Deutschland geschleppt hatte. Religiöse Pflichten und Vorstellungen sind dafür da, dem Menschen Halt zu bieten und ihm Trost zu spenden, aber wenn diese aus dem Menschen einen Paranoiden machen, der seiner Umgebung nur noch misstraut, dann muss man sich von ihnen lösen – und genau das habe ich getan.

Ich hörte auf, die Welt in Gläubige und Ungläubige zu teilen und bestimmte mein Benehmen nicht mehr nach den Regeln des Koran. Die Religion benutzte ich nicht mehr als Schutzschild, und meinen Mitmenschen gegenüber trat ich nicht mehr als Muslim, sondern als Mensch auf. Ich verstand, dass nichts heiliger ist als der Mensch, seine Würde und seine Freiheit.

Sie bewegten sich selbst eine Zeit lang in islamistischen Milieus. Nun wird zuletzt vermehrt darüber diskutiert, wie Aussteigerprogramme für radikale Islamisten aussehen könnten. Als Vorbild gelten dabei Programme, wie es sie schon länger für Rechtsextremisten gibt. Wo könnten diese Programme ansetzen, um junge extremistische Muslime zu einer kritischen Auseinandersetzung mit starren Denkstrukturen und rigiden Deutungen der Religion anzuregen?

Aussteiger suchen immer ein Ort ihres Vertrauens. Deutsche Behörden oder Vereine können ihnen dieses Vertrauen nicht bieten. Effektiver als Aussteigerprogramme wäre ein grundlegender Wandel der Moscheevereine. Junge Muslime fühlen sich zu militanten Gruppen hingezogen, weil sie ihnen Anerkennung und Nestwärme bieten und das Gefühl geben, Teil eines Projektes zu sein.

Dagegen wird ihnen sowohl von der deutschen Gesellschaft als auch von den traditionellen islamischen Organisationen das Gefühl vermittelt, ein Problem zu sein. Moscheen könnten wichtige Orte der Integration sein, wo junge Muslime lernen können, dass es kein Widerspruch ist, gleichzeitig deutsch und Muslim zu sein. Das geht aber nur, wenn Imame hierzulande ausgebildet werden und mehr über die deutsche Gesellschaft erfahren. Moscheen wären dann nicht nur Orte, an denen radikalisierte Muslime zurück in die Gesellschaft finden – sie würden auch dazu beitragen, dass Jugendliche erst gar nicht soweit abdriften.

Dabei ist Gegenseitigkeit wichtig: Die deutschen Behörden erleichtern den Bau von repräsentativen Moscheen, während sich die Moscheen verpflichten, offene Orte zu sein, wo Missionierung und das aggressive Werben um junge Muslime keinen Platz haben. Wenn Transparenz und Vertrauen herrschen, können Moscheevereine mit der Polizei kooperieren, um extremistischen Aktivitäten vorzubeugen und Aussteiger zurück in die Gesellschaft zu holen.

Es reicht nicht, Extremisten zu verstoßen, denn dann würden sie untertauchen und sich erst recht radikalisieren. Die moderaten Moscheen und Vereine stehen vor der Herausforderung, die Extremisten an den Rändern der Gemeinden zu integrieren und sie davon zu überzeugen, dass die Moscheen die besseren Alternativen sind.

Ist es nicht problematisch, hier vor allem auf Moscheen zu setzen? Werden Moscheen dabei nicht als pädagogische Akteure aufgewertet, während gleichzeitig nicht-konfessionelle Einrichtungen immer größere Schwierigkeiten haben, ihrer Rolle gerecht zu werden – gerade auch vor dem Hintergrund von Kürzungen im Sozial- und Jugendbereich?

Sicherlich können Moscheen das Problem nicht alleine bewältigen. Ich sehe die Moscheen als einen möglichen Vermittler zwischen einem potentiellen Aussteiger und den deutschen Institutionen: der Polizei, den Arbeits- und Sozialämtern oder Jugendeinrichtungen. Die Erwartung, dass ein Aussteiger aus der islamistischen Szene sich direkt an deutsche Behörden und Einrichtungen wendet, ist zu optimistisch.

Auch säkulare Emigrantenvereine wären überfordert, denn ihnen fehlt es an Kenntnissen, Infrastruktur und am Zugang zum Betroffenen. Moscheen sind dagegen sichtbarer und stellen keine Hürde dar. Gerade in ihrem informellen Charakter liegt der Vorteil, wenn es darum geht, radikalisierte Jugendliche zu binden.



 

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